Kino

Dieser Hase brachte auf die Palme

In ihrem unlängst veröffentlichten Jahresreport für 2018 gewährt die britische Klassifizierungsbehörde BBFC einen interessanten Blick auf ihre Arbeit - und geht dabei sehr offen mit ihren Entscheidungen und dem öffentlichen Feedback um.

07.06.2019 10:32 • von Marc Mensch
Die Einstufung für "Peter Hase" empfanden etliche Briten als zu lax (Bild: Sony Pictures)

Dass in unterschiedlichen Ländern unterschiedliche Maßstäbe an den Jugendschutz angelegt werden, ist hinlänglich bekannt - und in Europa zählt gerade Großbritannien zu den Territorien, in denen niedrigere Altersfreigaben mit hübscher Regelmäßigkeit mit Schnitten erkauft werden; zu den aktuelleren Beispielen zählen hier u.a. "The Equalizer 2" oder "Bumblebee". Interessant ist aber vor allem, mit welcher Transparenz die britische Klassifizierungsbehörde BBFC mit ihren Entscheidungen umgeht. So lassen sich dem unlängst veröffentlichten Jahresbericht nicht nur beispielhafte Informationen zu Filmen entnehmen, die für eine Herausbringung entschärft wurden - man wirft auch einen Blick auf das Feedback der Öffentlichkeit. Das übrigens weniger ausufernd ausfällt, als man gemeinhin annehmen könnte: Für 2018 zählte die BBFC insgesamt 364 Beschwerden, die sich auf die Altersfreigaben von 101 Filmen bezogen sowie weitere 67 Stimmen, die Anstoß an insgesamt 24 Trailern nahmen.

"Spitzenreiter" bei den Beschwerden war tatsächlich ein Film, der in Großbritannien sowohl im Kino als auch auf DVD/Blu-ray nur zensiert veröffentlicht wurde, um einer 18er-Freigabe zu entgehen, der hierzulande aber ungeschnitten eine FSK 16 erhielt: "Red Sparrow". 64 Mal sei der BBFC vorgeworfen worden, die (auch sexuelle) Gewalt in dem Film rechtfertige das Siegel "15" nicht.

Ähnlich viele Rückmeldungen gab es im vergangenen Jahr zu einem Familienfilm: Aus Sicht von 50 Zuschauern griff die BBFC bei "Peter Hase" mit dem PG-Rating eine Stufe zu tief. Stein des Anstoßes ist eine Szene, in der die computeranimierten Karnickel ihrem menschlichen Widersacher Beeren in den Mund schießen, um ihn mit einer allergischen Reaktion von der Jagd auf sie abzubringen. Etliche Eltern fürchteten diesbezüglich Nachahmungseffekte - wobei laut BBFC auffiel, dass in diesem Fall ein besonders hoher Anteil an Beschwerden durch Leute erfolgte, die den Film nicht gesehen hatten, sondern lediglich die (in den USA mitunter reißerische) Berichterstattung zum Anlass nahmen, ihre Meinung prophylaktisch kund zu tun.

Eine klare Haltung vertritt die BBFC hinsichtlich der Darstellung von Homosexualität: Diese werde von ihr nach denselben Standards bewertet wie jene von Heterosexualität. Eine Tatsache, die elf von 18 Beschwerdeführern gegen die PG-Freigabe für den Trailer zu "Love, Simon" offenbar erst noch lernen müssen... Erwähnenswert ist auch der Fall der britischen Dokumentation "A Northern Soul", die von der BBFC wegen 20 Fällen "unangemessener Sprache" eine "15" verpasst bekam. Diese wurde in 48 Fällen als zu hoch angesetzt beanstandet - allerdings kamen 45 der Rückmeldungen in Form von Postkarten, die die Filmemacher selbst vorbereitet und an ein Premierenpublikum verteilt hatten. Sie stellten laut BBFC "keinen zutreffenden Spiegel der öffentlichen Meinung" dar. Mit Protest anderer Art sah man sich im Falle des in tamilischer Sprache gedrehten Dramas "Kaala" konfrontiert. Alle 43 dazu empfangenen eMails hätten sich über die Veröffentlichung per se beschwert - und hatten jeweils identischen Wortlaut, waren laut BBFC also Teil einer "organisierten Online-Kampagne".

Interessant ist darüber hinaus, dass sich auch die BBFC mit dem Problem des Elternprivilegs konfrontiert sieht - denn wie hierzulande die FSK 12 erlaubt es das 2002 eingeführte Rating 12A (dem im Heimkinobereich die 12 ohne Privileg entspricht) Erwachsenen, jüngere Kinder mit in den Saal zu nehmen. Bei "The Happytime Murders" (15er-Rating) entging die BBFC einer solch groben Fehleinschätzung, wie sie die FSK-Jury vorgenommen hatte. Aber im Fall von "Jurassic World: Das gefallene Königreich" drehten sich die insgesamt sechs Beschwerden doch primär um die Mitnahme sehr junger Kinder. Auf der anderen Seite des Spektrums zeigten sich sechs Leute im Falle des ab 15 freigegebenen "Venom" enttäuscht, dass sie ihre Kinder nicht mitnehmen konnten. In Wiesbaden war man bei diesem Film laxer - hier wurde die FSK 12 gezückt.

Noch ein interessantes Detail am Rande: Während man es an sich gewohnt ist, dass Filme mit hohen Freigaben Jahrzehnte nach der ursprünglichen Einstufung bei Wiedervorlage milder beurteilt werden, kann durchaus auch das Gegenteil der Fall sein. Denn während man insbesondere hierzulande bei Gewaltdarstellungen heutzutage weniger strenge Maßstäbe anlegt als noch vor der Jahrtausendwende, revidierte die BBFC im Falle des Kriegsfilmklassikers "The Dam Busters" das noch 2007 aufrechterhaltene "U"-Rating (entspricht "o.A." in Deutschland) und stufte auf "PG" hoch. Der Grund? Rassistische Sprache.

Den lesenswerten Jahresbericht der BBFC finden Sie hier.