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CANNES: Schlusspunkt im Certain Regard

Die Preise sind vergeben - der Certain Regard 2019 war ein vielschichtiger, politischer, nicht herausragender, aber am Ende des Festivals dann doch durchaus interessanter Jahrgang.

26.05.2019 19:14 • von Thomas Schultze
Gewinner beim Certain Regard: "A Vida Invisível de Euridice Gusmao" (Bild: Festival de Cannes)

Die Preise sind vergeben - der Certain Regard 2019 war ein vielschichtiger, politischer, nicht herausragender, aber am Ende des Festivals dann doch durchaus interessanter Jahrgang. Die Jury um Präsidentin Nadine Labaki, der aus Deutschland auch Produzentin Nurhan Sekerci-Porst angehörte, seit vielen Jahren Fatih Akins Mitstreiterin, hat klug entschieden. Ausgezeichnet wurden auch zwei Medienboard-geförderte Produktionen.

Aus den 18 Filmen der Sektion, darunter immerhin acht französische (Co)Produktionen, ging der Hauptpreis an Karim Aïnouz' "A Vida Invisível de Euridice Gusmao" ("The Invisible Life of Euridice Gusmao"), Die Romanverfilmung, eine vom Medienboard geförderte Koproduktion der Pola Pandora, erzählt über mehrere Jahrzehnte vom Leben zweier Schwestern im Rio de Janeiro der Vierziger- bis Siebzigerjahre - ein elegantes, elegisches Melodram. Der Brasilianer hatte seine letzten Filme in Berlin präsentiert (Praia do Futuro", Zentralflughafen THF").

Hochverdient der Jury-Preis für das außergewöhnliche, stilistisch sichere Drama O Que Arde" ("Fire Will Come") des französischen Regisseurs Oliver Laxe, der schon mit "Mimosas" 2016 in der Semaine de la Critique Eindruck hinterlassen hatte. "Fire" entstand mit kleinem Budget in der Bergregion Galiziens, im Dorf seiner Mutter, und ist in Originalsprache gedreht. In Frankreich blieb auch die ebenso hochverdiente Auszeichnung für eine exzellente Chiara Mastroianni in Christophe Honorés Chambre 212", dessen Sorry Angel" im letzten Jahr im Wettbewerb lief. Den Regiepreis holte sich der Russe Kantemir Balagov für den vielleicht herausragenden Film der Sektion, "Beanpole" ("Une grande fille"), der auch den Fipresci-Preis gewann. Alle diese Preise sind nachvollziehbar und klug vergeben.

Überraschend war der Spezialpreis für Albert Serras Liberté". Der Spanier, der sich schon mit "Der Tod von Ludwig XIV" in die französische Historie begeben hatte, reist mit seiner harschen, schrillen Gesellschaftssatire, zu der er auch das Drehbuch schrieb, zurück in die Zeit kurz vor der französischen Revolution. Irgendwo zwischen Potsdam und Berlin versucht eine Gruppe Libertins, vom puritanischen Hof Ludwig XVI verstoßen, ihre Vorstellungen von freiem Sex und freier Moral auszuleben. Die Darstellung der erotischen Gelüste zumeist nicht schön anzuschauender älterer Männer im Zwielicht des dunklen deutschen Waldes hatte viele Zuschauer vorzeitig aus dem Kinosaal getrieben, auch wenn Helmut Berger sich als Duc de Walchen die Ehre gab. Damit ging ein weiterer Preis an einen französischen Film, koproduziert von Lupa Film-Produktion und gefördert vom Medienboard Berlin Brandenburg.

Ex-aequo vergab die Jury schließlich dann noch ihren Coup de Coeur Award. Der Herzenspreis ging an den etwas nervigen Eröffnungsfilm der Reihe, den Erstling von Schauspielerin Monia Chokri, La femme de mon frère", bei dem ihr Förderer Xavier Dolan, mit dem sie auch schon drehte (zuletzt Laurence Anyways"), sichtbar Pate stand. Mit "The Climb" von Michael Angelo Covino wurde eine neue Stimme des US-Independent-Kinos ausgezeichnet. Die Geschichte um zwei beste Freunde seit Jugendtagen, die sich entzweien, als der eine kurz vor der Hochzeit des anderen mit dessen Freundin schläft, ist ein gut gelauntes, witziges Regiedebüt, zu dem Sony Pictures Classics die Weltrechte erworben hat - außer für deutschsprachige Territorien und Frankreich.

Eine weitere Auszeichnung blieb in Frankreich: Bruno Dumonts anspruchsvoller Kunstfilm Jeanne" war der Jury eine besondere Erwähnung wert.

Einen der intensivsten Eindrücke des Festivals hinterließ ein Special Screening, über das unbedingt noch ein Wort verloren werden muss: For Sama", ausgezeichnt mit dem L' Oeil d'Or als Bester Dokumentarfilm, ist die zutiefst berührende Geschichte der syrischen Filmemacherin und Journalistin Waad Alkateab, die sie zusammen mit dem Engländer Edward Watts inszenierte. Erzählt wird, mit wackelnder Handkamera, die immer erschreckend nah am Geschehen ist, aber ohne jede Sentimentalität ein Abschnitt aus Waads Leben während fünf Revolutionsjahren in Aleppo, wo Waads Mann, ein Arzt, unter extremen Bedingungen ein Krankenhaus am Laufen hält. Sollen sie das Land verlassen, um ihre kleine Tochter zu schützen, jene Sama, der der Film gewidmet ist, oder bleiben, um unter Lebensgefahr und ständigem Bombardement für ihre Überzeugungen zu kämpfen und das Leid ihrer Landsleute zu lindern versuchen? Inzwischen lebt die Familie in London in Sicherheit, aber diese Geschichte einer wahren Heldin wird Kinozuschauer weltweit bewegen.

Marga Boehle