Kino

Ein großer Schritt zum Kinofest

Die Planungen für das bundesweite Kinofest sind in eine entscheidende Phase eingetreten. Auch wenn wesentliche Fragen noch der Klärung bedürfen, demonstrierte das Kick-Off-Treffen in Berlin doch eines: den unbedingten Willen der Branche, dieses Event auf die Beine zu stellen. Und damit ist in der Tat die gesamte Branche gemeint.

24.05.2019 20:47 • von Marc Mensch

Eines vorweg: Auch wenn es sicherlich wünschenswert gewesen wäre, heute schon einen finalen Termin für das erste bundesweite Kinofest nennen zu können, ist es vor allem dieser Punkt, bei dem noch Gesprächsbedarf mit einzelnen Stakeholdern (im Verleih- wie auch Kinobereich) besteht. Angepeilt ist für die erste Ausgabe nach wie vor ein Sonntag im September, diesbezüglich sind jedoch noch Abstimmungen zu treffen, die nicht zuletzt dem vergleichsweise knappen Zeitrahmen geschuldet sind. Schließlich soll eine Initiative, die auch den Gemeinschaftsgeist betonen soll, mit Rücksicht auf langfristige Planungen der Beteiligten organisiert werden. Ganz gleich, ob es nun um große Starts oder ähnlich gelagerte Events wie den European Art Cinema Day im näheren Umfeld geht.

Indes legt die Tatsache, dass eine erst infolge der Brandrede von Hooman Afshari auf der Münchner Filmwoche ernsthaft ins Rollen gekommene Idee überhaupt Aussicht darauf hat, schon in diesem Jahr ihre Premiere feiern zu können, schon jetzt eindrucksvoll Zeugnis von der grundsätzlichen Begeisterung und der umfassenden Unterstützung ab, die sie erfährt. Wobei allen Beteiligten bewusst ist, dass es 2019 noch nicht der ganz große Aufschlag sein dürfte, wie er für die Folgejahre angestrebt ist. Alleine schon deshalb, weil man sich zum Start auf einen Tag beschränken will - was natürlich nicht der Weisheit letzter Schluss sein soll.

Nicht dass das erste Kinofest mit halber Kraft angegangen würde, ganz im Gegenteil. Die bereits seit Monaten von der ursprünglichen Planungsgruppe skizzierten und nun im Kreis von sieben Arbeitsgruppen und mehr als 70 Beteiligten erarbeiteten Ideen unter anderem für Zeitrahmen, Content, Events, Marketing und Sponsoring vertieften Ideen füllen schon jetzt ganze Bände. Ergo wird eine Hauptaufgabe darin bestehen, aus der Vielzahl der Anregungen jene auszuwählen und auf den Weg zu bringen, die im Rahmen von Zeit und Budget umsetzbar sind.

Das Heft hierzu in die Hand nehmen werden jetzt nicht nur eine unter anderem um zusätzliche Verleih- und Agenturvertreter erweiterte Planungsgruppe, sondern auch ein (potenziell elfköpfiger) Entscheidungsbeirat, dessen Besetzung zeitnah festgelegt soll, dem aber dank einstimmigen Votums der Anwesenden in jedem Fall Mychael Berg angehören wird, der schon heute die Rolle des Moderators (und Vermittlers) bei einer im positiven Sinne sehr lebhaften Debatte übernahm und dem es nicht nur zufiel, an der einen oder anderen Stelle Nägel mit Köpfen zu machen. Sondern der auch für wohltuend nüchterne Einschätzungen stand: "Wir sollten einen Anfang machen, das steht fest. Dieser Anfang wird noch nicht der ganz große Hit sein, davon gehe ich aus. Aber wenn wir es gut vorbereiten, werden wir damit ein Zeichen setzen!", so Berg.

Mit anderen Worten: Man sollte (nein: muss) mit realistischen Erwartungen in die erste Runde gehen. Weder wurde Rom an einem Tag erbaut, noch war das große Vorbild La Fete du Cinema schon bei seinem Debüt der große Erfolg, der es heute ohne jeden Zweifel ist. Übrigens liefert Frankreich beileibe nicht die einzige Blaupause. UCI-Geschäftsführer Jens Heinze wusste aus seiner zeitweisen Verantwortung auch für die spanischen Häuser der Odeon/UCI-Gruppe von den positiven Effekten der Fiesta del Cine zu berichten, und Hooman Afshari konnte beeindruckende Zahlen aus der Schweiz beisteuern. Über 280.000 Eidgenossen an einem einzigen Sonntag im Kino sind eine Ansage. Noch eine Besonderheit, die durchaus auch Grundlage hiesiger Überlegungen sein könnte: Zwei Drittel der Zuschauer gönnten sich an diesem besonderen Tag mehr als nur einen Film. Und wer befürchtet, der günstige Kinotag (angestrebt ist hierzulande nach wie vor ein Einheitspreis von fünf Euro) würde schlicht Publikum von den vorangehenden bzw. folgenden Wochenenden abziehen, kann mit Verweis auf Erfahrungen aus anderen Ländern ebenfalls beruhigt werden. Der Mehrbesuch übertraf (unvermeidliche) Kannibalisierungseffekte um ein Vielfaches.

Besonders betonen muss man auf jeden Fall, wie wohltuend sich der Berliner Termin von der äußerst turbulenten Schlussrunde beim diesjährigen Filmtheaterkongress abhob, in deren Rahmen viel (zu viel) über-, aber zu wenig miteinander geredet wurde - was sich zum Teil auch über die damalige Abwesenheit wichtiger Entscheider erklären lässt. Dass sich selbst diejenigen, die insbesondere mit dem Termin noch Bauchschmerzen haben, grundsätzlich für ein Kinofest ins Zeug werfen wollten, zeigte sich schon an der prominenten Besetzung des Arbeitstreffens, für das UCI einen Saal (und das Foyer) seines neuen Flaggschiffs am Mercedes-Platz zur Verfügung gestellt hatte. Aus naheliegenden Gründen sei hier vor allem das Aufgebot an leitenden Verleihvertretern erwähnt, die sich in die Diskussion einbrachten. So waren (und man verzeihe mir, sollte die Aufzählung nicht vollständig sein) Warner, Universal, Sony, Fox, Paramount, Studiocanal, Constantin, NFP, DCM, Weltkino, Farbfilm, eOne, Tobis, Majestic, X Verleih und Capelight vor Ort. Wer Walt Disney in dieser Aufzählung vermisst: Keine Sorge, es waren lediglich Termingründe, die einer Beteiligung im Wege standen - so ließen die Münchner ausdrücklich wissen, sie seien "mit dem Herzen dabei".

Martin Turowski jedenfalls konnte sich schon vorab für einen von ehrenamtlichem Engagement getragenen "Kraftakt" bedanken, dank dessen man bereits so weit gekommen sei - und er zeigte sich stolz über die Teilnehmerzahl bei diesem so wichtigen Termin. Anlässlich dessen er erneut betonte, dass es ihm auch persönlich ein besonderes Anliegen sei, die Zusammenarbeit innerhalb der Branche zu verändern, das Miteinander zu stärken und gegenseitiges Vertrauen aufzubauen. "Wir wollen als gesamte Branche etwas bewegen - und ich habe das Gefühl, dass wir das auch hinbekommen", so der HDF-Vorstand.

Tatsächlich erscheint es - auch angesichts der ausgesprochen positiven Gesprächskultur an diesem Tag - durchaus nicht abwegig, derartigen Optimismus zu teilen und daran zu glauben, dass es Anfang Juni tatsächlich zu einer wegweisenden Ankündigung (jener des Veranstaltungstages) kommen könnte. Wieso Anfang Juni ein entscheidender Termin ist? Bekanntermaßen liegen der FFA bereits zwei Förderanträge (200.000 Euro für Kinos; 300.000 für Marketing) vor - und am 05.06. findet die nächste Sitzung der Kinokommission statt, Ende Juni tagt dann der Vergabeausschuss für die Marketingförderung.

Nicht dass man mit angehaltenem Atem auf diese Tage warten würde. Ganz im Gegenteil. Nicht nur dem S&L-Team und vor allem Nadine Klaunig wird man demnächst wohl die Bedeutung von "Wochenende" neu erklären müssen. Die Dream Factory macht sich schon jetzt an die Arbeit für Spots und Plakate, auch andere Agenturen legen unmittelbar los, beispielsweise um prominente Fürsprecher (beileibe nicht nur aus Reihen der Filmbranche selbst) zu begeistern. Und Eclair setzte als Sponsor ein echtes Ausrufezeichen: Der Dienstleister wird die komplette Logistik (u.a. DCP-Versand oder Trailer-Downloads) kostenlos übernehmen. So kann es doch weitergehen!

Marc Mensch