Kino

Helmut Grasser: "Warum produzieren wir am Publikum vorbei?"

Zur Situation der österreichischen Filmförderung, auch der sogenannten "kleinen Filmförderung" im Bundeskanzleramt, macht sich Helmut Grasser, Geschäftsführer von Allegro Film und Präsident vom Verband Film Austria, Gedanken.

23.05.2019 08:12 • von Barbara Schuster
Helmut Grasser (Bild: Allegro Film/Pedro Domenigg)

Die vom österreichischen Kulturminister Gernot Blümel abgesegnete Neubesetzung des Beirats der Kunstfilmförderung im Bundeskanzleramt, der sogenannten "kleinen Filmförderung" für den innovativen Film, hat Protest ausgelöst, weil laut IG Filmkultur Personen nominiert worden seien, die keine geeignete Qualifikation mitbringen würden (wir berichteten). Zur Situation der österreichischen Filmförderung, auch der "kleinen Filmförderung" im BKA, macht sich Helmut Grasser, Geschäftsführer von Allegro Film und Präsident vom Verband Film Austria, in einer Wortmeldung Gedanken:

Vorweg ein paar Fakten und eine grundsätzlich Einschätzung der Situation des österreichischen Kinofilms: Jährlich kommen in Österreich rund 450 Filme in die Kinos. Davon haben circa 50 ein österreichisches Ursprungszeugnis. Der Marktanteil ist mit rund fünf Prozent an den Kinobesuchen, gemessen an den Ausgaben der öffentlichen Hand, ganz und gar nicht zufriedenstellend. In vielen Ländern (auch in Europa) stieg die Anzahl der Kinobesuche (zum Teil) deutlich an, da die jeweils heimische Produktion starke Zuwächse verzeichnen konnte. Nicht so in den deutschsprachigen Ländern. Das wiederum muss wohl auch mit den vorhandenen Förderungsstrukturen zu tun haben. Da dürfte so manches in die Jahre gekommen sein. Denn gleichzeitig boomen in Deutschland, aber auch in Österreich TV-Produktionen, auch beim Publikum. Warum produzieren wir also im Kino am Publikum vorbei? Nun zur kleinen Filmförderung: Sie hat zwei Hauptaufgaben: Die Förderung des sogenannten experimentellen Films (in Österreich traditionell stark) und die Förderung von Nachwuchs- und Kurzfilm. Die Hauptaufgabe bei der Nachwuchsförderung wäre es eigentlich, ein behutsames Heranführen an das professionelle Filmschaffen zu gewährleisten, denn irgendwann müssen auch junge Autoren und Autorinnen und junge Regisseurinnen und Regisseure davon leben können und die Filme müssen gesehen werden.

Jetzt wurde im Bundeskanzleramt ein neuer Beirat bestellt, da die Funktionsperiode des alten abgelaufen war. Unter anderem wurden sehr erfolgreiche Produzenten bestellt: Alexander Glehr (Novotny Film, ein erfolgreicher Arthousefilmproduzent) und Oliver Auspitz (MR-Film, sehr erfolgreicher TV-Produzent). Beide beherrschen ihren Beruf und beide haben keinerlei Eigeninteressen, da sie nie bei der kleinen Förderung einreichen. Das halte ich für einen Vorteil, da sie insbesondere beim Nachwuchs und Kurzfilm einiges an Expertise einzubringen haben. Beim Experimentalfilm werden sie sich nicht groß einmischen, das kann ich mir gar nicht anders vorstellen. Außerdem berät der Beirat, er entscheidet nicht. Die Entscheidung trifft die zuständige Beamtin bzw. in letzter Instanz der zuständige Minister. Dass Förderungsempfänger über ihre Mitbewerber entscheiden, und das noch dazu in einer Jury, wodurch sie für das Gesamtergebnis niemals die Verantwortung übernehmen müssen, ist seit jeher ein Problem, in der kleinen wie auch in der großen Filmförderung. Am Ende entscheidet immer die Jury (also der kleinste gemeinsame Nenner). Niemand übernimmt die Verantwortung. Im Ergebnis stehen Juryfilme und fünf Prozent Marktanteil. Andere Länder haben andere Systeme der Filmförderung und sie fahren besser damit, zum Beispiel die skandinavischen Länder mit einander konkurrierenden Intendanten bzw. Comissioning Editors. Sollte sich der Minister zu einer Reform der Filmförderung entschließen, würden wir ihm ein solches System vorschlagen.

Bei der "kleinen Förderung" hieße das: Ein Kurator oder eine Kuratorin für den Nachwuchs- und Kurzfilm (mit vorher festzulegendem Gesamtbudget) und eine Kuratorin oder Kurator für den Experimentalfilm. Zudem ein etwas erhöhtes Budget, auch um die Kuratoren bezahlen zu können. Der Vorteil: Entbürokratisierung, Professionalisierung und eine deutlich bessere Betreuung der vorhandenen Talente.

Ähnliches gilt für die sogenannte große Filmförderung (Österreichisches Filminstitut ÖFI). Dort gibt es noch das Sonderproblem, dass über die Jahre die sogenannten Strukturförderungen (Vereine, Festivals etc.) mittlerweile rund 30 Prozent des Filmförderungsbudgets in Anspruch nehmen. Wenn man das wieder auf ein vernünftiges Maß zurückführt, ergeben sich automatisch Mittel für die notwendige Professionalisierung der Filmförderung (für unbedingt mehrere Intendanten, Lektoren, Marktanalysen etc.) und vor allem für einige marktaffine Kinofilme, die wir dringend brauchen, um die Akzeptanz unseres Filmschaffens bei der Bevölkerung zu gewährleisten. Zu diesem Ziel sollte auch das von der Regierung in Aussicht gestellt Steueranreizsystem maßgeblich betragen.