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CANNES Un Certain Regard 1: Frau/Frau, Mann/Mann, Kind

Mit so unterschiedlichen Filmen wie "Beanpole" und "The Climb" ist das erste Drittel des Certain Regard erklommen, die Nebensektion hat sich warmgelaufen...

19.05.2019 00:10 • von Thomas Schultze
Starke Milieustudie: "Bull" von Annie Silverstein (Bild: Festival de Cannes)

Auf der Suche nach Ersatzfamilien, so könnte das Motto bisher lauten. Dass ausgerechnet La femme de mon frère" die zweite Reihe des offiziellen Programms eröffnete, stellte sich nicht als beste Wahl heraus. In ihrem Debüt erzählt die kanadische Schauspielerin Monia Chokri (aus Xavier Dolans Heartbeats") die irgendwie belanglos bleibende Geschichte einer Thirtysomething, die einen Job, ihren Platz in der Welt und der Familie sucht. Und dabei um die Liebe und ständige Aufmerksamkeit ihres engsten Vertrauten, ihres Bruders, buhlt. Der wiederum hat für sich die perfekte Frau gefunden - und macht damit die Schwester, die in seiner Wohnung untergeschlüpft ist, zum dritten Rad am Wagen. Der Protagonistin kommt man nicht nahe, obwohl sie, wie unzählige andere auch, mit dem allzu menschlichen Umstand zu kämpfen hat, nach ihrem Studium einerseits überqualifiziert, andererseits zu unerfahren zu sein, um irgendeinen angemessenen Job zu finden. Dass Xavier Dolan, der auch dem Eröffnungsscreening in Gegenwart der Jury um Nadine Labaki beiwohnte, Pate stand, sieht man und spürt man - die Farben krachen und sind ebenso knallig wie der Humor und die Story. Subtilität Fehlanzeige, dafür eine gewisse, durchaus sympathische Lakonie, kann man mögen, muss man aber nicht.

In einer ganz anderen Welt spielt "Bull": Im ländlichen Texas, irgendwo westlich von Houston, wächst Teenager Kris samt kleiner Schwester bei der überforderten Großmutter auf, während die Mutter eine Haftstrafe verbüßt. Sie ist ebenso eine Alleingängerin und ein Außenseiter wie ihr Nachbar, ein Bullfighter, dessen beste Jahre in der Arena hinter ihm liegen. Er kann nicht aufhören und verdingt sich bei Rodeos als Cowboy, der die Tiere nach dem Abwurf vom Rider ablenkt und aus der Arena treibt. Die beiden haben keinen guten Start miteinander, dennoch entsteht so etwas wie Freundschaft zwischen dem schwarzen älteren Mann und der 14-Jährigen, die, so gut es eben geht, aufeinander achten - und das ist schon etwas in einer Community am Rande des amerikanischen (Ur)Traums, wo jeder auf seine Art um seine Existienz und die Verortung in der Gemeinschaft ringt - eine Art Coming-of-Age in allen Lebenslagen. Überzeugend fängt Regisseurin und Drehbuchautorin Annie Silverstein in ihrem Debüt die Atmosphäre in dem exotisch anmutenden Bullrider-Milieu ein, stimmig und detailgenau. Die Geschichte hängt manchmal, aber das ist bei einem Debüt nicht weiter schlimm, und ihr Porträt eines armen Amerika und ihre Weigerung, einfache Lösungen für komplexe Themen anzubieten, ist allemal packend.

Die französischen Regisseurinnen Zabou Breitman und Eléa Gobbé-Mévellec verfilmen den gleichnamigen Roman "Les Hirondelles de Kabul" als Animationsfilm. Er handelt von der brutalen Herrschaft der Taliban in Kabul im Sommer 1998 und v.a. von der brutalen Unterdrückung der Frauen - in einer Szene wird eine Frau gesteinigt. Ohne die literarische Vorlage zu kennen, kann man davon ausgehen, dass sie doch mehr enthält, als diese schwarzweiß gemalte, klischeehafte Umsetzung. Man fragt sich, ob Animation die adäquate Form für ein solches Thema ist, in dieser reduzierten Zeichentrickform mit eindeutig guten und bösen Charakteren dann doch zu grob gezeichnet bleibt.

Fahrt auf nimmt der Certain Regard am dritten Tag. "Beanpole", die Geschichte zweier Frauenschicksale in Leningrad 1945, geht unter die Haut, vor allem auch, weil beide Hauptdarstellerinnen fantastisch sind. Der Regisseur aus dem Kaukasus, Kantemir Balagov, kommt aus der Schule von Alexander Sokurov und eröffnete den Certain Regard 2017 mit seinem Debüt "Closeness" - und zeigte mit dem verstörenden Drama schon, wo die Reise hingeht. Sein zweiter Film unterstreicht, dass Balagov keine Eintagsfliege ist, sondern ein Name im russischen Gegenwartskino, auf den man achten sollte. In einem Hospital im zerstörten Leningrad arbeitet die hellhäutige Iya, aufgrund ihrer Größe von allen "Beanpole", also Bohnenstange, genannt. Sie leidet immer wieder unter minutenlangen Aussetzern, in denen sie völlig abwesend ist, und in deren Folge das Kind ihrer Freundin Masha, das sie während Mashas Fronteinsatz hüten soll, tragisch zu Tode kommt. Als Masha zurückkehrt, ist sie davon überzeugt, dass nur ein neues Kind sie beide retten, ja heilen kann. Da sie selbst keine Kinder mehr bekommen kann, soll Iya ein Baby austragen. Ein Mann kann da nur rein technisch die Funktion des Erzeugers übernehmen. In einer der stärksten Einstellungen des 137-Minuten-Werks schildert Ava der Mutter eines unbedarften jungen Mannes aus reichem Haus, der sie gegen den Willen der Eltern heiraten will, nüchtern ihren Einsatz an der Front, als Hure für die Soldaten, die Helden. Balagov lässt keinen Zweifel: Der Sieg gegen die Nazis ist zwar erkämpft, aber er hat tiefe Wunden hinterlassen.

Nach diesen beiden Frauen setzen zwei Männer einen leichteren Ton mit "The Climb" - und der begeisterte Applaus zeigt, wie dankbar das Publikum für eine - allerdings nur vordergründig lustige - Story ist. Regisseur Michael Angelo Covino, der selbst auch eine der beiden Hauptrollen spielt, gelingen immer wieder, wenn auch nicht durchgängig, großartige, auch witzige Szenen. Vor allem die Eröffnungssequenz, eine lang ansteigende Bergfahrt mit dem Fahrrad, gibt den Ton der Handlung vor, die sich in sieben Kapiteln entfaltet, bisweilen unterbrochen von Songeinlagen (in einem Fall besonders schön dargebracht von Baggerfahrern auf einem Friedhof). Kyle und Mike, Freunde seit Kindertagen, ringen kurz vor Kyles Hochzeit um die gleiche Frau - Mike gewinnt, aber kurz darauf sehen wir ihn am Grab seiner Frau, die eigentlich Kyles werden sollte, zusammenbrechen. Im weiteren Verlauf der Handlung versucht Mike, meist ein egoistisches Arschloch, seinen Freund zurückzugewinnen und ihm eine zweite Hochzeit zu vermasseln. Als diese Ehe dann auch wirklich gescheitert und Kyle ausgezogen ist, ist das Gleichgewicht wiederhergestellt - die Freunde können endlich wieder in Ruhe gemeinsam radeln gehen, aber jetzt zusammen mit Kyles Sohn ... Freundschaften, Familienbande, alles ist im Fluss.

MARGA BOEHLE