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CANNES Tag 2: Volle Drohnung

Das Hören und Sehen konnte einem vergehen bei den zwei Wettbewerbsfilmen am zweiten Tag des 72. Festival de Cannes, "Les Misérables" und "Bacurau", die unterschiedlicher kaum sein könnten. Und doch setzen sich in beiden Filmen Ansässige sich auf höchst extreme Weise gegen Aggressoren zur Wehr.

16.05.2019 10:06 • von Thomas Schultze
Ein Dorf erhebt sich gegen Unterdrückung: "Bacurau" (Bild: Festival de Cannes)

Egal wie oft man nun schon das Festival de Cannes besucht hat, ob man ein Novize ist oder zu bereits zu den Veteranen gehört, die sich Jahr auf Jahr wieder überraschen lassen, was die Auswahlkomitee um den jeweiligen künstlerischen Leiter des Festivals als die Speerspitze des Weltkinos erachten, Routine stellt sich niemals ein. Abgesehen davon, dass auch unter angesprochenen Veteranen niemand erinnern kann, dass es jemals so eisig war während des ansonsten vielleicht nicht immer sonnigen, aber doch stets mild bis warmen Filmfestivals (aktuell hat es neun Grad, am Wochenende sollen noch Regen und Sturm dazukommen), sorgen stetige Veränderungen an der Struktur des Festival dafür, dass keine Langeweile aufkommen kann. Auch in diesem Jahr muss man sich erst einmal zurechtfinden im Screening-Dschungel.

Nachdem sich die erste Aufregung um vermeintlich erneut erschwerte Arbeitsbedingungen für Journalisten gelegt hat, lässt sich feststellen, dass es eigentlich einfacher geworden ist: Indem das Festival neue parallele Pressevorführungen für Filme im Wettbewerb, die in der 22-Uhr-Schiene Premiere gezeigt werden, hinzugefügt hat, die jetzt zusätzlich zu den traditionellen 8-Uhr-30-Vorführungen (und nicht, wie von vielen gemutmaßt, anstelle) gezeigt werden, löst sich der Druck etwas - oder, auch das kann sein, erhöht sich für die, die immer sofort nach den Vorführungen schreiben und veröffentlichen müssen: Die werden dann kaum einen Tag vor 3 Uhr ins Bett kommen. Alle anderen erhalten mehr Planungsfreiheit. Und das ist, sofern sich das nach zwei Tagen sagen lässt, erst einmal eine gute Sache.

Der Wettbewerb lässt sich nach dem gemächlichen Start mit Jim Jarmuschs The Dead Don't Die" ebenfalls gut an, mit zwei Filmen, die grundsätzlich verschiedener kaum sein könnten, einer ein Polizeithriller, der in die Banlieues von Paris entführt, der andere eine Art Science-Fiction-Film (glaube ich) über eine kleine Gemeinde in der Einöde Brasiliens. Was die Filme eint, ist ihre Wut auf die Verhältnisse und die Gewalt, die die Ansässigen entfachen, um sich gegen Eindringlinge zu verteidigen. Und in beiden Filmen, irrer Zufall, schwebt eine Drohne als allwissendes Element über den Ereignissen und verfolgt die Ereignisse unberührt und unbestechlich mit ihrem elektrischen Auge. Big brother is watching you, zum einen. Aber die Drohnen sind in diesen Filmen auch nichts anderes als Zuschauer, wie das Publikum, das die Ereignisse verfolgen, aber zur Passivität verdammt ist: Niemals kann sie eingreifen, nur Zeuge sein und aufzeichnen.

39 Jahre alt ist der Franzose Ladj Ly, selbst aufgewachsen in einem der unerwünschten Außenbezirke von Paris, der mit "Les misérables" sein Debüt als Spielfilmregisseur vorlegt, nachdem er vor zwei Jahren bereits einen gleichnamigen Kurzfilm gedreht hatte. Wenn er seine Hauptfiguren, drei Cops einer Sondereinheit der Pariser Polizei, Streife fahren lässt durch die Banlieue Montfermeil, dann spürt man sofort, dass der Regisseur Ly diese Mean Streets und die Machtverhältnisse auf den Straßen so gut kennt wie Martin Scorsese Little Italy. Diese Straßen sind sein Zuhause, und die Polizisten sind immer auch Eindringlinge - Feinde für die, die sich hier ihr Überleben eingerichtet haben. Ladj Ly nennt seinen Film einen "Notruf", aber er ist in erster Linie ein in den Gewändern des Polizeifilms und das Sozialdrama verkleideter Western, in dem die Protagonisten sorgfältig eingeführt werden, um sie dann in einem Duell aufeinanderprallen zu lassen. Als Zuschauer wird man in die Ereignisse geführt zusammen mit einem jungen Polizisten, der sich von der Provinz in die Großstadt hat versetzen lassen, um nach seiner Scheidung seinem Kind nahe sein zu können, und nun von zwei erfahreneren Kollegen lernen muss, wie seine Welt funktioniert. Das weckt Erinnerungen an Training Day", aber "Les misérables" ist tatsächlich näher dran an vergleichbaren französischen Filmen wie Poliezei" oder "Hass - La Haine", ohne jemals so richtig mehr sein zu wollen als ein Großstadtthriller mit dem Finger am Abzug.

Muss er ja auch nicht. Sein atemloses Suspense-Szenario verleiht dem Film jede Menge Drive und beträchtliche Spannung, engt seinen Fokus aber auch ein: Im Sommer 2018 liegt Paris nach Frankreichs Gewinn der Fußballweltmeisterschaft im Freudentaumel - auch die Banlieues sind erfüllt von Stolz für Helden, die sind wie ihre Einwohner. Auch der 15-jährige Junge Issa könnte ein Mbappé sein, wenn er sich nicht immer wieder zu Dummheiten hinreißen lassen würde. Eine Dummheit, wie einen kleinen Löwen aus einem lokalen Zirkus zu stehlen - was die eigentliche Handlung in Bewegung setzt und schließlich zu einer irrwitzigen Eskalation führt: Die letzten 20 Minuten des Films, als sich die Wut derer entlädt, die sich nicht länger gängeln lassen wollen, haben eine urgewaltige Wucht und lassen einen auch manche Mühseligkeit auf dem Weg dahin vergessen: Wenn "Les Misérables" an diesem Punkt ankommt, wird endgültig klar, warum Ladj Ly für seinen Film den Titel von Victor Hugos Klassiker gewählt hat: Auch sein Film ist ein Aufschrei gegen Ungerechtigkeit, ein Aufbegehren gegen einen skandalösen Status Quo. Am Ende lässt er das Publikum entscheiden, wenn er die letzte Szene in einem entscheidenden Moment einfriert. Was er selbst denkt, gibt er einem mit einem Zitat Hugos auf den Weg: "Es gibt keine schlechte Pflanze oder schlechte Menschen, es gibt nur schlechte Züchter."

Man könnte diese Zeilen auch unverändert Bacurau" voranstellen, dem neuen Film des brasilianischen Filmemachers Kleber Mendonca Filho (inszeniert mit seinem Weggefährten Juliano Dornelles), der vor drei Jahren in Cannes mit seiner Charakterstudie Aquarius" die große Welle machte (dessen Heldin Sonia Braga ist auch hier wieder zu sehen in einer wunderbaren Rolle als Dorfärztin mit Biss), hier aber einen so wilden und wütenden und delirierenden Film vorlegt, dass eine Einordnung in ein Genre fast unmöglich ist. Weil die Handlung, wie man eingangs erfährt, "in ein paar Jahren" spielt, die Kamera zu Beginn aus den Sternen auf die Erde niederfährt und irgendwann im ersten Drittel des Films unvermittelt eine fliegende Untertasse durchs Bild segelt, könnte man von einem Science-Fiction-Film sprechen. Wenn sich aber im Verlauf des Films der Staub zu legen beginnt, die disparaten Einzelteile vor den Augen des Zuschauers anfangen sich zu sortieren und langsam einen Sinn ergeben, dann geben Filho und Dornelles den Blick frei auf einen psychedelischen Western, als hätte Alejandro Jodorowsky mit Hilfe von Werner Herzog ein Remake von "Die glorreichen Sieben" gedreht.

Bis dahin hat man einen weiten Weg zurückgelegt. Im Jahr 1969 drehte Barbet Schroeder einen ebenso wunderbaren wie vergessenen Film, La vallée" (der Soundtrack von Pink Floyd findet sich auf dem Album "Obscured By Clouds" wieder). Darin begibt sich eine Gruppe westlicher Abenteurer in einem lateinamerikanischen Dschungel auf die Suche nach einem sagenumwobenen Dorf jenseits der Wolken in einem unberührten Tal. "Bacurau" stellt diese Prämisse auf den Kopf, erzählt die Geschichte sozusagen aus der Sicht des Dorfes, das hier Bacurau heißt und tatsächlich, durch einen kosmischen Zufall oder eine gezielte Gemeinheit, man weiß es zu diesem Zeitpunkt nicht, von allen Landkarten getilgt wurde, wie der Dorflehrer in einer Unterrichtsstunde irritiert feststellen muss. In diese Gemeinde im Sertao, einem abgelegenen Landstrich im Nordosten Brasiliens, abgeschnitten von den Metropolen des Landes, kehrt Teresa zurück, um dem Begräbnis ihrer Großmutter beizuwohnen, der 94-jährigen Matriarchin von Bacurau. Dass dort Vieles nicht zum Besten gestellt ist, offenbart sich schnell. Dass es sich um ein Komplott eines ruchlosen Politikers handelt, der dem Dorf zunächst den Zugang zu Wasser abgedreht hat und nun die Einwohner einer Gruppe von amerikanischen Abenteurern zum Abschuss freigegeben hat, wird erst viel später klar. Wie Bacurau sich zur Wehr setzt, ist noch einmal ein gutes Stück irrwitziger als alles, was "Les misérables" zu bieten hat: Unter kollektiver Einwirkung einer psychotropischen Droge lässt die Gemeinde einem Blutrunst freien Lauf, der auch gerade deshalb so verstörend ist, weil er so befreiend wirkt: The Most Dangerous Game" als moderne Allegorie auf ein Brasilien, das sich gegen Despoten erhebt. In "Ein Fremder ohne Namen" lässt Clint Eastwood als Rächer ein Dorf alle Häuser rot streichen; in "Bacurau" färbt die rächende Stadt ihre Häuser selbst rot mit dem Blut des Aggressoren. Dem alles gleichmachenden Menetekel der Globalisierung wurde selten ein so furioser, in alle Richtungen ausschlagender Film entgegengesetzt. Thierry Frémaux hatte ein politisches Festival versprochen. Sieht so aus, als würden wir das auch bekommen.

THOMAS SCHULTZE