Kino

Simone Baumann: "Den Erfolg im Ausland weiter verbessern"

Simone Baumann, neue Geschäftsführerin von German Films, ist erst seit ein paar Wochen im Amt, formuliert aber bereits eine Vision, was Filmpromotion in Zeiten des medialen Wandels leisten muss.

16.05.2019 09:09 • von Barbara Schuster
Produzentin Simone Baumann wurde Ende 2018 vom Aufsichtsrat von German Films als neue Geschäftsführerin bestimmt. Nach einer zweimonatigen Übergangszeit leitet sie die Auslandsvertretung für den Deutschen Film seit 1. April diesen Jahres. (Bild: German Films/Kurt Krieger)

Simone Baumann, neue Geschäftsführerin von German Films, ist erst seit ein paar Wochen im Amt, formuliert aber bereits eine Vision, was Filmpromotion in Zeiten des medialen Wandels leisten muss.

Als neue Geschäftsführerin von German Films haben Sie noch nicht lange das Ruder in der Hand. Können Sie uns dennoch sagen, mit welchem Vorhaben Sie diesen Posten angetreten sind?

Simone Baumann: Da ich bereits seit über zehn Jahren Auslandsbeauftragte für Osteuropa war, war mir German Films natürlich nicht fremd, und ich wusste, was die Firma macht, was sich hinter der Aufgabe der Filmpromotion verbirgt. Ich kannte auch die meisten der Kollegen, bestimmte Projekte wie die Previews oder die Filmwochen waren mir ebenfalls geläufig. Ich hatte im Prinzip also eine ganz gute Vorstellung, was mich erwartet. Zudem hatte Mariette Rissenbeek German Films sehr gut geführt, weshalb ich eine sehr gut aufgestellte Firma mit tollem Team übernehmen konnte. Aber natürlich ist es auch so, dass man erst dann wirklich in die Dinge eintauchen und in die Tiefe gehen kann, wenn man in seinem Büro sitzt. Und da entdeckt man doch noch eine Menge an Projekten und Aufgaben, in die man sich einarbeiten muss. Dafür braucht man eine gewisse Zeit. Dazu kommt, dass ich als Produzentin noch einzelne meiner Dokumentarfilmprojekte zu Ende führe, die in einem sehr fortgeschrittenen Stadium sind. Das Zeitproblem wird mich noch ein paar Monate verfolgen - aber das war mir klar.

Dazu kommt jetzt auch noch Cannes. Ist das eine Art Feuerprobe?

Simone Baumann: Ich würde sagen ja und nein. Wir haben zwar Filme in Cannes mit deutscher Beteiligung. Aber einen richtigen deutschen Film, der also majoritär deutsch produziert ist und auch nach kulturellen Kriterien als »deutsch« zu bezeichnen und von uns entsprechend zu promoten wäre, gibt es dieses Jahr nicht. Wir haben den neuen Film von Terrence Malick, "Ein verborgenes Leben", der mit 55 Prozent zwar aus produktionstechnischen Gesichtspunkten ein deutscher Film wäre und einen deutschen Hauptdarsteller hat, aber der Executive Producer ist amerikanisch und es ist die Arbeit eines amerikanischen Regisseurs. Es ist nicht so, dass keine deutschen Filme eingereicht wurden, und ein paar Hoffnungsträger gibt es immer. Anfang März habe ich mich in Paris bei den Cannes-Programmern auch vorgestellt, die mir berichteten, dass sie für jede ihrer Sektionen ca. 130 bis 150 Einreichungen aus Deutschland erhalten hätten. Aber dieses Jahr hat es eben nicht geklappt. Natürlich lässt sich die Frage stellen, warum es ein Land mit einem so hohen Output nicht in die Sélection officielle schafft, während wesentlich kleinere Länder mit weitaus weniger Volumen fast jedes Jahr vertreten sind. Ich bin mir aber nicht sicher, ob das zielführend ist. Mein Eindruck ist sehr wohl, dass der deutsche Film im Ausland wahrgenommen und geschätzt wird. Jetzt muss man sehen, wie man das noch verbessert.

Vielleicht ist der Blick auf vereinzelte Filmnationen auch übertrieben. Es gibt eben nur eine begrenzte Anzahl von Filmen in der Auswahl - und kein Festival möchte sich eine Länderquote vorschreiben lassen.

Simone Baumann: Alle A-Festivals bekommen zwischen 3500 und 5000 Einreichungen, manchmal sogar noch mehr! Ich stimme Ihnen zu: Bei der Auswahl steht nicht die Nationalität des Films im Vordergrund, eine Sortierung der Einreichungen nach Ländern findet nicht statt, das weiß ich. Der Leiter von Karlovy Vary, den ich sehr gut kenne und mit dem ich erst kürzlich wieder gesprochen habe, hat mir berichtet, dass sich der Druck auf die Festivals mehr und mehr erhöht, dass es immer mehr Einreichungen gibt, weil mehr Filme gemacht werden, nicht zuletzt aufgrund der Streamingplattformen, die eine grundlegende Veränderung des Marktes einleiten. Festivals werden als Branding für Produzenten und Verkäufer immer wichtiger, um sich überhaupt aus der Masse an Produktionen abheben zu können. In Karlovy Vary haben sie bereits den Betrag für Einreichungen Jahr für Jahr erhöht - und trotzdem werden es nicht weniger.

Bringt die angesprochene Veränderung des Marktes auch bei German Films Fragen auf den Tisch?

Simone Baumann: Die größte Herausforderung sehe ich in der Tat in diesem Marktwechsel, dass neben Kino das Streaming eine immer größere Bedeutung bekommt. Wir müssen deshalb bei German Films hinterfragen, welche Rolle die Filmpromotion künftig spielen muss, was in dieser globalisierten Filmwelt ein nationaler Film, was ein europäischer Film ist und was wir da eigentlich promoten - und vor allem wie! Das ist eine Grundsatzfrage. Das bekannte Modell Festivalrun, Kinoauswertung, Verkauf der Nebenrechte funktioniert in der traditionellen Form nur noch in Teilen, da ist viel Bewegung drin. Häufig gehen die Filme nach ihrem erfolgreichen Verkauf in andere Länder gleich auf die Plattformen und gar nicht mehr ins Kino. Da müssen wir hinterfragen, ob wir bei der Promotion noch richtig ansetzen. Das andere große Thema für uns ist dieser Hype um Serienproduktion: Viele Kreative und unser Talent, das auch im Kino erfolgreich ist, mischen mittlerweile erfolgreich in diesem Segment mit. Die Frage ist, inwieweit German Films auch Serien beziehungsweise Deutschland als erfolgreiches Serienproduktionsland mit hervorheben und promoten soll und kann. Das sind Gedanken, die wir uns machen und zu denen wir aktuell Konzepte erarbeiten.

German Films unterstützt verständlicherweise sehr gezielt die klassische Auswertungsform, die Kinoauswertung. Warum müsste die Agentur eine deutsche Netflix-Serie unterstützen?

Simone Baumann: Für Serien braucht man ein intelligentes Konzept. Es kann nicht darum gehen, eine amerikanische Plattform zu be­werben. Das wäre ja noch schöner. Ich verstehe es in erster Linie als Talent-Promotion. Man könnte die Face-to-Face-­Kampagne ausbauen. Wir denken zum Beispiel darüber nach, dass wir bei Face-to-Face auch Autoren und Showrunner in den Fokus nehmen könnten. Der andere Aspekt betrifft das Standortmarketing, dass man Deutschland als attraktiven Produktionsstandort für Serien mehr hervorhebt. Aber sicher: Es muss zunächst hinterfragt werden, ob das eine Aufgabe von German Films sein kann. Im Moment ist es das noch nicht wirklich. Durch unsere Gesellschafter und Zuwendungsgeber ist klar die Kinopromotion als unsere Hauptaufgabe formuliert, dazu gehören überwiegend Arthouse-Filme, aber auch kommerzielle und experimentelle Werke, Dokumentarfilme, die immer wichtiger werden, Animationsproduktionen, deren Verkäufe im Ausland sehr stark sind, sowie natürlich auch Kurzfilme. Das soll sich auch nicht ändern, darauf wird weiterhin der Hauptfokus liegen! Aber man muss sich dennoch überlegen, wo sich der Filmmarkt hinbewegt. Schließlich schwingt eine nicht unerhebliche wirtschaftliche Komponente mit, German Films ist keine Kultureinrichtung wie etwa das Goethe Institut. Wir müssen uns überlegen, wie wir unsere Marktteilnehmer so unterstützen können, damit sie im Ausland mehr Erfolg haben.

Wie ist es um den Austausch mit den Produzenten bestellt?

Simone Baumann: Ich stehe in einem guten Dialog. Ich habe mich schon mit fast allen Verbänden getroffen. Der Besuch bei den Dokumentarfilmern steht noch aus, den habe ich in der kurzen Zeit seit meinem Amtsantritt noch nicht geschafft. Da mir die AG Dok jedoch sehr vertraut ist, weil ich aus dieser Ecke selbst komme, wird mir hier auch sehr viel Verständnis entgegengebracht. Die Gespräche mit den Produzentenverbänden liefen alle sehr gut, diesen Dialog möchte ich auf jeden Fall beibehalten. Herauskristallisiert haben sich für mich zwei Dinge: Einerseits herrscht wegen der Serien und den sich daraus bietenden internationalen Möglichkeiten eine große Aufbruchsstimmung. Andererseits stehen die Produzenten unter einem gewissen Existenzdruck, weil das klassische System nicht mehr so gut funktioniert. Ein Großteil der deutschen Produzentenlandschaft ist unterkapitalisiert. Wenn bei einer kleinen oder mittelständischen Firma ein größeres Projekt wegbricht, kommt sie in ernste Bedrängnis. Gleichzeitig haben die Produzenten nicht ausreichend Ressourcen, um genug in Development und Talent zu investieren. Wie in den Gesprächen zu vernehmen war, wird sich am Ende der Krieg an der Talentfront entscheiden. Wer ist in der Lage, die coolsten Leute mit dem größten Potenzial unter Vertrag zu nehmen? Dafür muss man natürlich bezahlen können. Die meisten haben nur begrenzte Möglichkeiten. Dieses Problem werden wir als German Films nicht lösen können, das ist auch gar nicht unsere Aufgabe. Aber ich denke, dass es wichtig ist, zu verstehen, wo der Schuh drückt.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit Peter Herrmann?

Simone Baumann: Ich treffe mich mit ihm als Aufsichtsratsvorsitzender in größeren Abständen und wir besprechen die allgemeine Wetterlage. Es ist sehr kollegial, ein Austausch auf Augenhöhe. Ich fühle mich von ihm immer unterstützt. Er steht immer hinter mir als Geschäftsführerin. Es ist gut zu wissen, dass man einen Partner hat, dem man vertrauen kann.

Wollen Sie die Strukturen bei German Films beibehalten?

Simone Baumann: Die Projekt- und Aufgabenstruktur hat sich nicht geändert, ich habe auch kein Bedürfnis, alles umzuschmeißen. Mittelfristig betrachtet, wenn wir die derzeit sehr limitierte TV- und Serienpromotion anders aufstellen, wird man sicherlich mehr Manpower brauchen. Dies betrifft auch den Bereich der Animation, der sehr wichtig ist und ausgebaut werden könnte. Diese Überlegungen bauen jedoch alle auf das bestehende Gerüst auf, denn ich sehe nicht, dass wir grundsätzlich anders promoten müssten. Ich komme immer vom Inhalt, was die Fragen hervorruft: Was ist die Aufgabe? Was wollen wir erreichen? Welche Ziele haben wir und mit welchen Mitteln machen wir das? Im Moment entspricht die Struktur, wie sie ist, ganz gut den Projekten und Aufgaben. Wenn man die Aufgabe irgendwann einmal leicht verändert oder erweitert, muss man die Struktur entsprechend anpassen.

Sie sind Spezialistin für Mittel- und Osteuropa: Kann man von diesen Ländern etwas lernen?

Simone Baumann: Die Region ist überhaupt nicht homogen, kulturell wie historisch sehr divers, die Filmlandschaften sind sehr unterschiedlich. Es gibt Länder wie das Baltikum, das sich unfassbar schnell an europäische Standards angepasst hat mit Filmgesetzen, die voll integriert sind, und bei der European Film Promotion Führungspositionen auf europäischer Ebene übernehmen. Dann gibt es Filmwirtschaften wie Russland, wo es auf- und abgeht, die sich mal öffnen, sich dann wieder zurückziehen, mit einem Filmgesetz, das nicht wirklich kompatibel ist für größere internationale Produktionen. Gleiches gilt für den Balkan, wo die Filmwirtschaften auch in regelmäßigen Abständen Höhenflüge und Stagnation erleben. Es hängt immer sehr von der jeweiligen Regierung ab. Dennoch kann man von diesen Ländern lernen. Aus den meist geringen Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen, machen sie nämlich ganz schön viel. Das größte Vorbild in dieser Hinsicht ist für mich Georgien. Dieses kleine Land hebt sich mit seinem sehr flotten, auf allen wichtigen Filmmärkten engagiert auftretenden Georgian Film Center hervor. Auch ihr Tax-Incentive-Modell findet großen Anklang. Kleine Länder können meist schneller und flexibler reagieren. Bei uns geht vieles aufgrund der föderalen Struktur erheblich zäher.

Haben Sie bereits Kollegen von der European Film Promotion getroffen?

Simone Baumann: Die Kollegen der EFP treffe ich jetzt erst in Cannes. Vorab habe ich nur die Kollegen von der Unifrance habe ich im Frühjahr in Paris getroffen und werde sie natürlich auch in Cannes wieder treffen. Sie ist die größte Organisation, auf die alle Mitglieder der EFP blicken. Wir sind sehr freundschaftlich verbunden. Auch der französische Markt hat das Problem, dass die Ergebnisse für internationale Verkäufe niedriger werden. Zudem muss sich auch die Unifrance die Frage stellen, wie sie Serienproduktionen in ihr Portfolio integriert. Im Falle der Unifrance gestaltet sich das schwieriger, weil sie mitgliedsbeitragsfinanziert ist und die Mitglieder Kinoproduzenten und Kino-Weltvertriebe sind. Die sagen natürlich, dass mit ihren Kinobeiträgen keine Serien promotet werden. Bei unserem ersten Treffen haben mir die französischen Kollegen so viele Fragen gestellt, dass ich meine eigenen gar nicht mehr stellen konnte. Die Frage des Marktwechsels allgemein und die aufkeimende, starke Serienproduktion steht natürlich bei allen Mitgliedern der European Film Promotion auf dem Tableau und ist Thema der gemeinsamen Meetings.

Das Gespräch führten Barbara Schuster & Thomas Schultze