Produktion

Maximilian Brückner: "Ich glaube an den europäischen Film"

Maximilian Brückner ist einer der vielseitigsten deutschen Schauspieler. Ausgezeichnet wurde er als korrupter Bürgermeister in "Hindafing". Aktuell glänzt im intensivem Beziehungsdrama "Das schönste Paar". Blickpunkt:Film sprach mit ihm über seine Arbeit.

16.05.2019 12:33 • von Heike Angermaier
Maximilian Brückner (Bild: Christian Hartmann)

Maximilian Brückner ist einer der vielseitigsten deutschen Schauspieler. Ausgezeichnet wurde er als korrupter Bürgermeister in Hindafing". Aktuell glänzt im intensivem Beziehungsdrama Das schönste Paar". Blickpunkt:Film sprach mit ihm über seine Arbeit.

Sie gehen so viele spannende Projekte an - wie wählen Sie sie aus?

Maximilian Brückner: Mit Bedacht - und sehr viel Glück ... Manchmal ist das Thema gar nicht so entscheidend. Ein Buch wie das von Sven Taddicken ist ein Smaragd, das erkennt man auf der Stelle, so etwas bekommt man ganz selten. Das Besondere ist, dass er die Geschichte aus der Perspektive eines Paars angeht, nicht nur der Frau ...

Eine Liebe unter Extrembedingungen?

MB: Ich persönlich finde ja, Frauen sind das starke Geschlecht, genau andersrum. In unserem Film ist sie es, die sagt, ich habe damit abgeschlossen, ich will das nicht. Er kann das nicht, ihm haben sie damals seine Eier abgeschnitten, die sucht er den ganzen Film und stellt sein Ego über alles. Es ist extrem schwer, nach so einem Schicksalsschlag wieder zwanghaft da weiterzumachen, wo man vorher stand. Deshalb finde ich den Schluss so gut, wenn alles zerdeppert wird: man muss bei null anfangen, sich neu finden. Das hat etwas Befreiendes, wie eine Katharsis.

Wie kam das Ende zustande?

MB: Ich hatte gerade Solness" am Volkstheater geprobt, als Sven mir sein Buch zu lesen gab. Ich fand es toll, nur den Schluss komisch, wenn das Paar alles aufräumt. Ich sagte, ich fände es besser, wenn sie anfangen aufzuräumen, dann ein Glas nehmen und an die Wand schmeißen. Und dann zerlegen sie die Wohnung. Das hat Sven angenommen. Dieses Miteinander, dass er darauf eingeht, das zeichnet ihn aus. Ich versuche immer, mich einzubringen.

Wie erarbeiten Sie sich eine solche Rolle? Man sieht manchmal richtig, wie es in Ihnen arbeitet, mit Schüben von Angst und Aggression.

MB: Ich weiß es nicht. In der Ruhe liegt die Aggressivität, würde ich im Nachhinein sagen. Ich mache mir keine Notizen. Ich lerne meinen Text, dabei fallen mir Sachen ein, die funktionieren könnten. Aber es gibt kein Rezept. Jeder macht das anders. Manche mit Method Acting oder einem Lehrer, andere hören Musik. Du hast zehn Minuten Proben, dann fängst du an zu arbeiten - und rutschst langsam rein. Ich will ausprobieren und auch die Möglichkeit haben, schlecht zu sein! Wenn ich das nicht tue, komme ich mit angezogener Handbremse ans Set und versuche, ja nichts falsch zu machen. Für mich heißt das Rezept, recht viel falsch machen, um dann auch etwas wagen zu können. Sonst versuche ich nur, niemandem weh zu tun.

Fällt es Ihnen leichter, eine Figur zu spielen, die etwas von Ihnen hat?

MB: Nein, im Gegenteil. Außerdem hat jeder das Monster in sich - bei manchen tiefer begraben, bei anderen mehr an der Oberfläche. Von mir liegen verschiedene Teile in verschiedenen Schubladen.

Eine davon ist die Kommissar-Schublade.

MB: Das ist ja auch nur eine Berufsbezeichnung. Es gib den netten Ermittler, das Arschloch, Millionen von Möglichkeiten. Eher geht es um verschiedene Menschentypen.

Sie haben schon oft Krimis gespielt.

MB: Das liegt nahe, in meinem Alter, und das Genre wird oft gedreht in Deutschland.

In Lappland haben Sie unlängst mit Hannu Salonen die Krimi-Serie Arctic Circle" abgedreht .

MB: Da bin ich Viruloge, kein Kommissar.

Und der Krimi mit Lars Becker, "Nachtschicht: Cash & Carry"?

MB: Das war eine ganz kleine Rolle, ein kleiner AFDler .

Schön!

MB: Man muss ja diese Figuren auch irgendwie darstellen.

Immerhin waren Sie der jüngste deutsche "Tatort"-Kommissar.

MB: Ist schon 'ne Weile her.

Hat man da nicht Angst vor der Schublade, der Schablone?

MB: Sechs Folgen, danach wurde die Saarland-Reihe mit mir beendet - und zwar gerade in dem Moment, als es raufging - und ich aufhören wollte. Es war perfekt, ich habe manchmal Glück im Unglück! Wenn ich immer das gleiche mache, wird mir schnell fad. Aber es ist natürlich eine Riesenehre, Tatort-Kommissar zu werden, und hat mir damals einen enormen Bekanntheitsschub gebracht, den man sich mit anderen Rollen erst über Jahre erarbeiten muss.

Was muss ein Stoff haben, um Sie zu reizen?

MB: Er muss stimmig sein. Die Figur muss nicht perfekt sein, aber Ecken und Kanten haben, ich muss sie emotional nachempfinden können. Schräge Figuren mag ich auch - deshalb machen wir "Hindafing" und versuchen dabei immer mehr auszuloten, wie weit man das treiben kann.

Gibt es etwas, was Sie auf die Palme bringt?

MB: Was ich nicht ertrage, ist Eitelkeit. Wenn ich merke, es geht nicht um die Sache, sondern um ganz etwas anderes. Da werde ich richtig böse. Ich bin nicht dafür da, Eitelkeiten zu befriedigen, sondern das Bestmögliche rauszuholen. Dass man nicht immer einen Geschmack hat und trotzdem in eine Richtung gehen muss - ok, dafür gibt es den Regisseur, der den Blick von außen hat.

Sie wechseln vom Theater, wo Sie auch schon selbst Regie geführt haben, zum Fernsehen, von der Serie zum Kino - wie ist das so?

MB: Manchmal anstrengend, trotzdem wahnsinnig schön. In letzter Zeit habe ich viel gedreht, "Hindafing" und gleich zwei Anschlussprojekte. Ich lebe meinen Traum, ich stehe jeden Tag auf und bin so glücklich. Aber auch ehrgeizig, ich versuche viel aus mir rauszuholen.

Wie war die Arbeit mit Filmpartnerin Luise Heyer?

MB: Sie ist eine unglaublich tolle Schauspielerin. Als ich den Film gesehen habe, hat es mich umgehauen: Wir beide funktionieren wahnsinnig toll als Paar. Das schönste Kompliment hat mir mein zweiter Bruder gemacht, der mit Schauspiel nichts zu tun hat. Er hat gesagt: Max, als ich dich gesehen habe, hab ich nach ein paar Minuten vergessen, dass du mein Bruder bist.

Der drogensüchtige Provinzbürgermeister Alfons Zischl in "Hindafing" - war das Ihre größte Herausforderung bisher?

MB: Nein. Ich bin ein Riesenfan von den Österreichern und ihrer Art, mit Film umzugehen. Sie haben nicht so viel Geld, sind kleiner und müssen etwas riskieren, und das merkt man ihnen an - im Positiven. Es ist so schade, dass man in Deutschland alles schleift - man nimmt den und den Regisseur und die und die Schauspieler, weil sie das und das gemacht haben, und dann will man oft doch nur Standard draus machen. Wie soll man sich aus dieser Masse erheben? Da ist es besser, zu versuchen, etwas anders zu machen und möglicherweise mit voll Karacho gegen die Wand zu fahren. So eine Figur wie den Zischl wollte ich schon immer spielen. Es fügt sich, und ich bin sehr froh, dass ich mir so langsam ein breites Spektrum erspielt habe, auch im Hochdeutschen, und jetzt mit englisch.

Haben Sie schon erlebt, dass Sie sich zurücknehmen müssen beim Spielen?

MB: Ja, aber das mach ich dann nicht. Man muss zu dem stehen, was man tut. Wenn mir ein Buch zusagt, und dann fällt immer mehr raus oder ändert sich und damit meine Figur - das ist wie ein Porsche ohne Getriebe, nichts für mich. Aber ich hab's nicht so mit Autos. Ich fahre eine alte C50, das ist eher ein Moped. Lieber surfe ich, und am liebsten geh ich auf die Berge.

Wie lebt der private Maximilian Brückner?

MB: Wir haben einen Hof im Chiemgau, und mein Fokus zuhause ist die Landwirtschaft, allerdings eher als Hobby. Ich geh in der Früh in den Stall, dann muss die Weide gemäht werden, Heu gemacht werden- das liebe ich. Das macht alles Sinn, was man da macht. Das weiß man in unserem Geschäft manchmal nicht. Abends geh ich nach Hause und bin müde und weiß, wovon. Manchmal bin ich auch nach einem Dreh fix und fertig, aber manchmal auch unbefriedigt.

Auch mit Ihrer Rolle in "Das schönste Paar"?

MB: Mit der bin ich sehr zufrieden. Der Film wechselt die ganze Zeit die Geschwindigkeit - vom knallharten Vergewaltigungsdrama zum Liebesfilm zum Thriller wieder zum Drama. Das habe ich im Drehbuch so nicht gelesen, es ist so passiert.

Und in "Hindafing" dürfen Sie ja mächtig überspielen, was sicher Spaß macht .

MB: Klar, das ist eine Satire, da muss man übertreiben. Aber man muss auch Kante zeigen. Was mir diesmal ganz, ganz wichtig war, dass wir einen Bogen haben und es am Schluss richtig wehtun wird. Damit man den ganzen überhöhten Zirkus machen kann. Satire heißt ja, du lachst, lachst, lachst und kriegst dann volle Kanne eine in die Magengrube. Die zweite Staffel ist allerdings wesentlich schwerer als die erste. Jetzt weiß man, wer Zischl ist, die Erwartungshaltung ist da. Seit Beginn der Dreharbeiten vor zwei Monaten kämpfe ich jeden Tag. Wie macht man es, dass man nicht übertreibt, an den Figuren bleibt. Gerade haben wir eine ganze Nacht im Wald gedreht, in einem Waldloch.

Den Bayerischen Fernsehpreis haben Sie schon bekommen für Zischl.

MB: Es ist immer schön, wenn man etwas macht und dafür gelobt wird. Aber wachsen tut man an den Sachen, die nicht so gut funktionieren.

Mit wem würden Sie gerne drehen und weiterwachsen?

MB: Christian Schwochow oder Christian Petzold. "Transit" ist für mich einer der besten Filme, die ich seit Jahren gesehen habe. Wie ein Roman aus einer anderen Zeit, und trotzdem im Hier und Jetzt. Wie eine Verschmelzung von "Warten auf Godot" und Casablanca", die warten immer, und keiner wird abgeholt.

Haben Sie keine Ambitionen, eine US-Karriere zu versuchen?

MB: Da gibt es so viele exzellente Schauspieler, die Muttersprachler sind. Ich weiß nicht, ob man als dritter Nazi von hinten links da rumkrebsen muss. Christoph Waltz ist ein exzellenter Schauspieler und hatte gleichzeitig das Glück, dies in einem viel beachteten Film zeigen zu können, es war eine perfekte Symbiose. Ich finde ehrlich gesagt den europäischen Film spannend. Und ich wünsche mir mehr länderübergreifende Serien, wie jetzt mit Finnland. Wir müssen dieses Europa stärker erzählen, auch im Hinblick auf die politischen Veränderungen, die sich vollziehen. Da kann Film viel bewirken, wir müssten viel mehr reinstecken. Auch Serien eröffnen uns neue Möglichkeiten des Zusammenkommens verschiedener Kulturen. Ich glaube an den europäischen Film, aber nicht an Schubladen wie Streaming oder Kino: Das bringt uns nicht weiter, die Geschichte muss gut sein! Ich bin sicher: Der Markt explodiert erst einmal, dann wird er sich nivellieren und bereinigen. Und die Kinos werden weiterleben.

Das Interview führte Marga Boehle