Kino

KOMMENTAR: Willkommen im Jahr, äh, 1984

Oben ist unten. Gut ist schlecht. Krieg ist Frieden. Und Blockbuster sind das Ende des Kinos. Erstmals wurde ich mit diesem Orwellschen Gedankenkonstrukt vor 13 Jahren konfrontiert.

16.05.2019 08:32 • von Jochen Müller

Oben ist unten. Gut ist schlecht. Krieg ist Frieden. Und Blockbuster sind das Ende des Kinos. Erstmals wurde ich mit diesem Orwellschen Gedankenkonstrukt vor 13 Jahren konfrontiert. Das war nach der Pressevorführung von Der Da Vinci Code" in Cannes. Als der Abspann lief, beugte sich eine hoch geschätzte Kollegin zu mir und flüsterte mir zu: "So geht das Kino zu Grunde." Nun war ich mit ihr einer Meinung, dass der Film zu wünschen übrig ließ. Aber ich hatte auch den Eindruck, dass er genau die Art von Unterhaltung böte, mit der man ein Millionenpublikum anlockt. Am Ende waren es 5,6 Mio. verkaufte Tickets, das Kino existiert noch heute. Es hat seine Probleme, und natürlich ist längst nicht alles eitel Sonnenschein, aber 2018 war weltweit ein Rekordjahr. Und 2019 sieht auch nicht so schlecht aus. Aber wenn man Beiträgen in einschlägigen Foren Glauben schenken darf, ziehen schon wieder Gewitterwolken auf, an unerwarteter Stelle: Während sich die Branche darüber freut, dass mit Avengers: Endgame" endlich wieder ein Film Zahlen schreibt, wie man das früher regelmäßig von Blockbustern erwartete, muss man Beiträge lesen, in denen argumentiert wird, dass ausgerechnet der Film, der die Kassen klingeln lässt wie mittlerweile nur noch ein Film der Kinogeschichte vor ihm, das Kino zerstören würde.

Als würden die mittlerweile mehr als vier Mio. Besucher, die "Endgame" in den deutschen Kinos nach dem gerade einmal dritten Wochenende für sich reklamieren kann, in Ermangelung an Freizeitalternativen zum Kino von Apichatpong Weerasethakul oder Cristian Mungiu wechseln, wenn keine neuen Marvel-Filme auf dem Programm stünden. "Kein Mensch will schlechte Filme sehen", sagte "Aus-dem Nichts"-Produzent Herman Weigel im vergangenen Jahr beim Produzenten-Roundtable anlässlich des Deutschen Filmpreises. Und konterte damit die vorherrschende Arroganz, das Kunstkino würde dem Publikum mehr bieten als Filme, die ihrem Publikum einfach nur eine gute Zeit bieten wollen. Wer "Avengers: Endgame" für den besten Film aller Zeiten hält, hat ein Anrecht darauf. Er würde seine Meinung vermutlich auch dann nicht ändern, wenn man ihm eine DVD-Box mit den Meisterwerken von Bergman schickt. Dass das Kino im Wandel ist, das wissen wir. Dass das Kunstkino noch einmal ganz eigene Probleme hat, wissen wir ebenfalls. Dass Hollywood-Blockbuster Schuld sind an der Misere, ist indes eine steile These. Freuen wir uns über alle Filme, die das Publikum ins Kino locken und in einen Dialog treten. Da gibt es kein falsch oder richtig. Nur Filme, die gesehen werden (wollen), werben auch fürs Kino. Am besten in der kompletten Bandbreite von E bis U. Das war im Orwell-Jahr 1984 so, als Police Academy" der Topfilm des Jahres war, aber Es war einmal in Amerika" Kino für die Ewigkeit schuf. Das ist heute nicht anders.

Thomas Schultze, Chefredakteur