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CANNES Tag 1: Das fängt ja gut an

Wer sein Festival mit Jim Jarmusch startet, der geht auf Nummer sicher und macht nichts falsch. "The Dead Don't Die" mag nicht der beste, aber vielleicht der dringlichste (und ein sehr lustiger) Film des New Yorker Independent-Veteranen sein. Und ein idealer Eröffnungsfilm für das 72. Festival de Cannes.

15.05.2019 00:04 • von Thomas Schultze
Ein runder Auftakt für das 72. Festival de Cannes: "The Dead Don't Die" (Bild: Universal)

Die Zeit des Rätselns und der Ungewissheit, was der 72. Jahrgang des Festival de Cannes, ist vorüber. Jetzt gilt es wieder an der Croisette, werden die Geheimnisse gelüftet, was sich hinter den verheißungsvollen Titeln der Sélection officielle verbergen mag, hinter den neuen Arbeiten der zahlreichen Cannes-Veteranen (immerhin fünf vormalige Goldene-Palme-Gewinner treten in diesem Jahr wieder an) und Neulingen auf dem Palmen-Parkett. Für den künstlerischen Leiter Thierry Frémaux ist es ein wichtiger Jahrgang: Im vergangenen Jahr hatte er nach der Netflix-Kontroverse einen Neuanfang versprochen und ungewöhnlich viele neue oder ungewöhnliche Namen in sein Programm aufgenommen, dafür aber viel Kritik speziell von amerikanischen Journalisten einstecken müssen, die Cannes gerade im Vergleich zum zuletzt aus dem Vollen schöpfenden Venedig auf den absteigenden Ast sahen (im Übrigen ungerechtfertigt: Cannes 71 war vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig, steckte dann aber voller aufregender Überraschungen, die das sensationell stark besetzte Venedig aller großartigen Filme zum Trotz tatächlich etwas hüftsteif und oll aussehen ließen). Nun muss Frémaux einerseits die eingeschlagene Linie fortsetzen, um sich nicht unglaubwürdig zu machen, andererseits muss er aber auch die maulenden Amerikaner befrieden - ein anstrengender Spagat, der letztlich davon abhängt, wie gut die Filme der Veteranen sind und wie sie sich im Vergleich zu den Arbeiten der aufstrebenden Filmemacher machen. Um zum Auftakt für gute Stimmung zu sorgen, ging Frémaux gleich einmal auf Nummer sicher. Was kann man schon falsch machen, wenn man Jim Jarmusch einlädt, der dem Ruf von Cannes mit ganz wenigen Ausnahmen (Night on Earth", Limits of Control") stets Folge leistet, zuletzt vor drei Jahren mit seinem wunderbar kontemplativen Paterson" (sowie im selben Jahr mit seiner außer Konkurrenz gezeigten Stooges-Doku Gimme Danger")? Wenn Jarmusch sich in Normalform befindet - nichts. The Dead Don't Die" zeigt ihn in überdurchschnittlich guter Form. Alles richtig gemacht, Thierry.

Sollte es Jim Jarmuschs Absicht gewesen sein, sich mit "The Dead Don't Die" an die Zombiewelle im Sog von "The Walking Dead" anzuhängen, dann höchstens mit einem überaus wissenden lakonischen Augenzwinkern. Von der nihilistischen Brutalität der Erfolgsserie ist hier jedenfalls nichts zu sehen, dafür aber viel von Jarmuschs Deadpan-Humor, der selbst die ernstesten Arbeiten des New Yorker Palme-d'Or-Gewinners (für Stranger Than Paradise", 1984; außerdem Großer Preis der Jury 2005 für Broken Flowers") schmückt wie ein Lächeln, das um den Mund eines traurigen Clowns spielt. Weniger "The Walking Dead" - oder eben auch der Jux Zombieland", in dem Bill Murray, Hauptdarsteller von "The Dead Don't Die", einen Gastauftritt als er selbst hat - ist Jarmuschs zwölfter Spielfilm eher eine Hommage an George A Romeros Die Nacht der lebenden Toten" aus dem Jahr 1968. Wenn man "Stranger Than Paradise" als Urknall des modernen amerikanischen Independentfilms betrachtet, so war Romeros Schwarzweiß-Film von 1968 zumindest eine der Blaupausen dafür. Nun nimmt Jarmusch noch direkter Bezug darauf, lässt Tote aus ihren Gräbern aufstehen, über die Mainstreet taumeln und die etwas schräge, aber doch ganz harmonische Welt der Kleinstadt Centerville aus den Fugen geraten.

Die Polizei um den rührigen Cliff Robertson und seinen umtriebigen, von Adam Driver gespielten Deputy Ronny Peterson hat es hier bislang schlimmstenfalls mit Hühnerdiebstahl zu tun gehabt und sieht sich nun mit einer Invasion Untoter konfrontiert, der man nur mit einer Maßnahme Einhalt gebieten kann: Man muss den Kopf töten - kill the head! Aber nicht von ungefähr orakelt Ronny gleich zu Beginn: Das wird kein gutes Ende nehmen. Und während die Einwohner, darunter eine enigmatische Totengräberin aus Schottland, ein rassistischer Bauer mit "Make America White Again"-Hut und ein paar Hipster-Kids aus der Großstadt, auf ihre Weise mal mehr, mal weniger ungelenk mit der Bedrohung umgehen, spielt der Titelsong von Countrysänger Sturgill Simpson und stimmt auf das Ende der Welt, wie wir sie kennen, ein: Wenn die Toten nicht sterben, haben die Lebenden keine Chance. Auch weil, wie Ronny alias Adam Driver seinem Chef erklärt, das genau so im Drehbuch steht, das er in Gänze gelesen habe. Das Zwinkern in Richtung Publikum ist ein zündender Gag, hat aber auch eine tiefere Bedeutung: Wie "Die Nacht der lebenden Toten" ein Kommentar George Romeros zu Amerika während des Vietnamkriegs war, ist "The Dead Don't Die", diese zurückgelehnte Kontemplation einer Zombie-Apokalypse, nun der erste explizite Kommentar eines führenden amerikanischen Filmemacher zum Amerika Donald Trumps: Es ist nicht der beste Film von Jarmusch, aber auf seine ganz schräge eigene Weise dringlichste. Das 72. Festival de Cannes - es ist eröffnet.

Thomas Schultze