Produktion

"Das Maximum herausholen"

Der neue Leiter der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein hat sich viel vorgenommen - und erste Maßnahmen werden bereits im Bereich Development sichtbar. Wir sprachen mit Helge Albers.

14.05.2019 13:00 • von Marc Mensch
Helge Albers (Bild: Jasper Ehrich/FFHSH)

Helge Albers übernahm zum 1. April 2019 die Geschäftsführung der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein von Maria Köpf. Albers kam vom Verband Deutscher Filmproduzenten, wo er seit 1. Juni 2018 als Geschäftsführer tätig war. Zuvor hatte er sich seit 1998 als Produzent von Spiel- und Dokumentarfilmen einen Namen gemacht, der von ihm produzierte Kurzfilm "Ave Maria" wurde 2015 für einen Oscar nominiert, mit dem Dokumentarfilm "Above and Below" gewann er 2016 eine Lola. Wir sprachen mit ihm über seine Pläne bei und mit der FFHSH.

BLICKPUNKT: FILM: Was hat Sie gereizt, die Geschäftsführung der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein zu übernehmen?

HELGE ALBERS: Eine Förderung in Zeiten des Umbruchs zu übernehmen, ist eine extrem spannende Aufgabe. Ich war Geschäftsführer des VDFP, war in der Vergabe- und Drehbuch-Kommission der FFA aktiv, war als Berater für den World Cinema Fund tätig und kurzzeitig auch als Verleiher. So habe ich mir im Laufe der Jahre ein breites Blickfeld neben meiner Tätigkeit als Produzent erarbeitet. Der Reiz des Neuen war verlockend und ich wollte die Herausforderung annehmen. Außerdem haben beide Berufe einiges gemeinsam. Zu produzieren heißt, zu gestalten und zu steuern. Darum geht es auch bei der Leitung einer regionalen Filmförderung, allerdings natürlich mit anderen Parametern und anderen systemischen Einbindungen. Letztlich ist die Aufgabe, das Maximum für die Branche an einem Standort herauszuholen.

BF: Filmförderung wird sowohl auf regionaler als auch auf Bundesebene zurzeit sehr diskutiert. Welche konkreten Impulse könnten aus Hamburg kommen?

HA: Filmförderung wird ja eigentlich immer sehr diskutiert. Aber natürlich gewinnt der Austausch vor jeder Novelle des FFG an Dynamik, was auch gut so ist. Ich würde hier dem Dialog der Branchenverbände nicht vorgreifen wollen und bin gespannt, mit welchen Positionen die Verbände an die Öffentlichkeit gehen werden und hoffe, dass die Entwürfe die Umbrüche im Markt ausreichend reflektieren. Aus Hamburg Schleswig-Holstein können wir eventuell insofern dadurch einen Akzent setzen, dass wir die förderfähigen Kosten für Development anpassen werden und auch Honorare für die Leistung der Produzenten im Entwicklungsprozess und HUs anerkennen. Das Gegengeschäft dazu werden klare Absprachen mit Autoren, Dramaturgen und Produzenten über den Verlauf des Entwicklungsprozesses inklusive Meilensteinen und eventueller Exit-Szenarien sein. Meines Erachtens liegt im Development ein ganz wesentlicher Schlüssel im Umgang mit der sogenannten "Filmflut". Die Diskussionen um die Aufhebung der Herausbringungspflicht sind gut gemeint, greifen aber meines Erachtens zu kurz, da letztlich so gut wie jeder fertiggestellte Film den Weg auf die Leinwand finden wird. Die technologische Schwelle der Filmherausbringung ist einfach zu niedrig und wir sollten uns von der Idee verabschieden, am Ende des Herstellungsprozesses regulierend einzugreifen. Die Chance liegt im Entwicklungsprozess und in einem abgestimmten Vorgehen aller Förderungen auf Bundes- und Länderebene, in einem Paradigmenwechsel der anerkennungsfähigen Kosten im Development unter Einbeziehung der Erwirtschaftung von Deckungsbeiträgen auch in dieser frühen Phase. Bildlich gesprochen bräuchte das Gesamtökosystem des deutschen Films ein Gewächshaus, in dem ausdifferenziert und mit klarem Blick auf Kino ohne sonstige Partikularinteressen mit ausreichenden Ressourcen entwickelt werden kann. Hier wäre ein großer Wurf nötig. Bis der kommt, fangen wir im Norden schon mal mit unserem "Hamburger Modell" auf regionaler Ebene an und werden künftig bis zu zehn Prozent unseres Etats für Development bereitstellen.

BF: Die Branche ist im Wandel. Sind die Filmförderungen, ist die FFHSH überhaupt noch entsprechend aufgestellt?

HA: Die FFHSH ist eine Kinofilmförderung und dies wird auch unser Schwerpunkt bleiben. Wir müssen aber auch einen Blick auf die High-End-Projekte werfen, die im Serienbereich und bei den Plattformen entstehen. Im Moment sind wir eine der wenigen Länderförderungen, die Serien noch nicht im Portfolio haben. Aber wir sind guter Dinge, dass sich das demnächst ändern wird. Wir sind dabei, Instrumente zu schaffen, die solche Projekte auch förderfähig machen. Unter förderfähigen Serien verstehen wir alles, was nicht TV-Regelprogramm ist und was sich inhaltlich, formell und in seinen Ambitionen deutlich von dem abhebt, was klassisch im TV-Programm sichtbar ist. Die Sichtbarkeit unserer beiden Standorte vor der Kamera liegt uns dabei besonders am Herzen.

BF: Geht solch eine Förderung nicht zulasten des Kinofilms? Wird die FFHSH mehr Geld bekommen?

HA: Frisches Geld zu akquirieren, ist immer schwierig. Aber ich bin mir sicher, dass der Ruf nach Serienförderung in der Politik gehört wurde und dort als Chance wahrgenommen wird. Was die Kinofilmförderung angeht, evaluieren wir im Moment die letzten fünf Jahre und werden dann entscheiden, wie sich Akzente möglicherweise verschieben werden. Wir müssen die Attraktivität der Filme und der Kinos erhöhen. Entscheidend ist, dass Filme so außergewöhnlich entwickelt werden, dass die Zuschauer spüren, dass sie im Kino ein ganz besonderes Angebot erwartet. Darauf muss der Blickwinkel von Förderung und Finanzierung ausgerichtet sein.

BF: Sie wollen aber auch mehr Geld von Schleswig-Holstein?

HA: Unser Haus hat zwei Standorte, Hamburg und Kiel. Die Anbindung an Schleswig-Holstein ist aber noch zu schwach ausgeprägt, da würde ich mir mehr Engagement seitens der Landesregierung Schleswig-Holstein wünschen. Die Einzahlungen in den jährlichen Förderetat sollten mittelfristig in Proportion zu den Gesellschafter-Anteilen stehen. Das ist im Moment noch nicht der Fall und solch ein Zustand innerhalb einer Gesellschaft ist auf Dauer nicht wünschenswert. Wir von der FFHSH wollen, dass sich der Standort Schleswig-Holstein besser entwickelt und wünschen uns natürlich, dass diese Ambition von der Politik begleitet wird.

BF: Sie interessiert aber auch die Verknüpfung von Kino und Technologie. Was planen Sie in dem Bereich?

HA: Wir sehen uns als Förderung an der Schnittstelle von Content und Technologie. Ich hoffe, dass wir möglichst bald in der Lage sein werden, auch Prototypen und Projekte zu fördern, die im strukturellen Bereich angesiedelt sind, etwa Apps, die im Kinobereich Zuschauer ansprechen. Als Filmförderung können wir Synergien nutzen, wenn es uns gelingt, die beiden Welten der Film- und der Technologiebranche zu verknüpfen. Das Kino braucht dringend neue Impulse in dieser Richtung. Mit dem Netzwerk Gamecity:Hamburg ist der Games-Bereich in der Stadt gut aufgestellt, aber es fehlt eine Förderung. Ich würde mir wünschen, dass wir diese möglichst bald zu uns holen. Mit Games können Stories erzählt und Standorte gut nach außen transportiert werden. Dahinter steht ein Wirtschaftsfaktor, der einer Stadt wie Hamburg gut zu Gesicht stände. Auch dafür muss mehr Geld zur Verfügung stehen.

BF: Wenn das Kino konkurrenzfähig bleiben will, müssen die einzelnen Förderbudgets höher werden?

HA: Mit steigendem Produktionsvolumen - die Streamingdienste brauchen schließlich Content - wird auf absehbare Zeit der Wettbewerb nicht nur um die Zuschauer härter, sondern auch um die Fachkräfte. Wir werden sehen, dass die Budgethöhen weiter nach oben gehen. Das betrifft am Ende auch die Förderungen. Schon im letzten Sommer haben wir gespürt, wie dünn die Fachkräftedecke in Deutschland ist. Wir begleiten als Filmförderung hier in Hamburg mehrere Veranstaltungen, um mehr Nachwuchs im Below-the-line-Bereich zu gewinnen.

BF: Woran liegt es, dass der Nachwuchs knapp geworden ist?

HA: Die Rahmenbedingungen für Praktika sind komplizierter geworden und Filmberufe haben auch an Attraktivität verloren, nicht zuletzt durch die Arbeitsbedingungen. Wir stehen ja in Konkurrenz zu allen möglichen anderen Berufsbildern im Online-, im Design-, im Web-, im Games-Bereich, die es vor 20 Jahren noch gar nicht gab. Außerdem hat sich die Branche lange so eingerichtet, dass der Nachwuchs aus der Industrie selbst herauswächst. Da haben sich sehr oft Quereinsteiger durch "Learning by doing" in ihre Berufe eingearbeitet und teilweise über selbst finanzierte Fachschulausbildungen qualifiziert. Garderobiere oder Innenrequisiteur sind Berufe, die eine hohe Professionalisierung brauchen. Wir müssen nach Ausbildungswegen jenseits von Praktika suchen. Die Below-the-line-Berufe strahlen nicht so viel Glamour aus wie Regisseur oder Produzent, aber sie sind Brot und Butter der Filmarbeit. Wenn es diese Mitarbeiter nicht gibt, gibt es auch keine Filme, ganz einfach.

BF: Immer wieder in die Kritik gerät die Beteiligung der TV-Sender an Kinofilmen. In Hamburg zahlen NDR und ZDF direkt in den Fördertopf ein.

HA: Die Zusammenarbeit von Fernsehen und Kino hat im deutschen Finanzierungssystem eine lange Tradition. Ob und wie gut sie funktioniert, ist eine Frage der Verabredungen. Ich hatte nach meinem Antritt noch keine Gelegenheit, mit den Sendern über ihr Engagement bei der FFHSH zu sprechen und freue mich auf den Austausch dazu. Grundsätzlich kann die Beteiligung der Sender an Kinofilmen natürlich nicht kritisiert, sondern nur begrüßt werden. Gerade die öffentlich-rechtlichen Sender müssen sich meines Erachtens noch deutlich mehr an Kinokoproduktionen beteiligen als dies momentan der Fall ist. Ansonsten habe ich die Beiträge der Vertreter der Sender in unseren Gremien inhaltlich als sachlich und ausgewogen erlebt.

BF: Auch Gremien als Entscheider über die Vergabe der Fördermittel werden immer wieder infrage gestellt?

HA: Meine Erfahrung mit den meisten Gremien, in denen ich bisher war, ist, dass die Diskussionen mit großem Sachverstand und großem Respekt vor den Projekten geführt werden. Aber bei endlichen Mitteln müssen wir Projekte auswählen, für die Antragsteller ist das hart, das weiß ich aus eigener Erfahrung. Auch als Förderer will man von einem Projekt begeistert sein, will sich darauf einlassen können und mitgenommen werden. Als Gremiumsmitglied hätte ich mir in der Vergangenheit mehr Projekte gewünscht, die ein höheres Risiko gehen und aus der Norm ausbrechen. Und ich würde mich daher extrem freuen, wenn wir zukünftig innovative, aufregende, riskante, professionell präsentierte Kinoprojekte aus der Region auf den Tisch bekommen. Ich sehe sehr hohe Förderchancen dafür und glaube, dass unsere Gremien hier sehr offen sind. Es ist wichtig, dass unsere Antragsteller uns als Partner verstehen. Da haben wir uns, glaube ich, ein sehr gutes Standing erarbeitet. Ansonsten hoffe ich, dass wir dem Standort eine starke Stimme im internationalen Kinogeschäft verleihen können und noch größere Kinofilmprojekte an den Standort holen können. Meine Vorgängerinnen haben da ja sehr gute Arbeit geleistet. Darauf baue ich gern auf.

Das Gespräch führte Herdis Pabst