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KOMMENTAR: Cannes lockt! On ne parle que français...

Nur noch ein paar Tage und das bedeutendste Filmfestival der Welt lockt wieder Heerscharen solventer Ein- und Verkäufer, nicht zu vergessen die internationale Presse und begeisterte Cineasten, ins mondäne Cannes.

09.05.2019 15:29 • von Jochen Müller

Nur noch ein paar Tage und das bedeutendste Filmfestival der Welt lockt wieder Heerscharen solventer Ein- und Verkäufer, nicht zu vergessen die internationale Presse und begeisterte Cineasten, ins mondäne Cannes. Die Berlinale, nicht zuletzt ihr langjähriger Leiter Dieter Kosslick, durfte sich die Sause an der Côte d'Azur all die Jahre als vorbildliches Schaufenster für die weltweite Filmkunst vorhalten lassen.

Tatsächlich ist Cannes eher Festival und Verkaufsplattform für den französischen Film. Dass nur etwelche deutsche Koproduktionen Gnade vor Thierry Frémaux'  und Pierre Lescures Augen finden, muss nicht verwundern. Nicht, dass ambitionierte deutsche Filme nachhaltig ungeeignet für die Ansprüche des traditionsreichen Filmfests wären und nur Ausnahmen wie Toni Erdmann" und Aus dem Nichts" die in Stein gemeißelte Regel bestätigen dürfen. Eher darf man sich fragen, wo bei so ausufernder Berücksichtigung des inländischen Schaffens noch Platz für das Weltkino bleiben soll. Von 22 Filmen im Wettbewerb sind dieses Jahr 14 Plätze an französische (Ko-)Produktionen vergeben. Bei 18 Filmen in der Reihe "Un Certain Regard" beschreibt das immerhin die Provenienz von acht Filmen. Und eindrucksvolle 13 von 25 Beiträgen in der "Quinzaine des Réalisateurs" sind französisch oder mit Unterstützung der großen Kinonation entstanden. Würden die Berlinale oder Venedig ähnlich programmieren, man würde ihnen schweren Chauvinismus vorwerfen. Und mag das auch als kleinliches Aufrechnen oder wie verletzter nationaler Stolz wirken, so darf man sich doch fragen, mit welcher Zielstrebigkeit hier das nationale Filmschaffen dem internationalen Publikum als die erlesen sten Früchte der Filmkunst präsentiert werden, so als stünden nicht handfeste, merkantile Interessen Pate für die Auswahlentscheidungen.

Während also German Films eine Handvoll Koproduktionen ohne auch nur einen hiesigen "Auteur" als Teilnehmer in Cannes vermelden darf und hierzulande schon längst keine größere Diskussion mehr entbrennt, warum das deutsche Filmschaffen so nachhaltig in Cannes ignoriert wird, schickt die Schwesterorganisation Unifrance stolz geschwellt Meldungen in die Welt, die insgesamt 71 französische (Ko-)Produktionen in den vier Sektionen ausweisen, die für würdig befunden worden sind, das aktuell Beste der Filmkunst zu repräsentieren. Cannes ist es natürlich unbenommen, französische Filme zu favorisieren. Und solange Quentin Tarantino aus alter Verbundenheit Cannes als Plattform nutzt und Meisterregisseure wie Jim Jarmusch und Terrence Malick noch eingeladen werden, bleibt es ein jährliches Mekka für die Branche. Aber niemand muss sich dieses Fest des französischen Films als weltbestes Festival vorhalten lassen. Ganz sicher werden auch die neuen Macher der Berlinale ihre Auswahl weltoffener halten.

Ulrich Höcherl, Chefredakteur