Produktion

Jessica Hausner: "Welchen Regeln folgt unsere Gesellschaft?"

Jessica Hausner ist mit "Little Joe" erstmals im Wettbewerb des Festival de Cannes vertreten. Die österreichische Regisseurin, Drehbuchautori und Produzentin stellte bereits drei Mal Filme in Un Certain Regard vor und feilt mit ihren regelmäßigen Mitstreitern an ihrer Filmsprache, wie sie Blickpunkt:Film verriet.

10.05.2019 10:59 • von Heike Angermaier
Jessica Hausner ist wieder in Cannes - erstmals im Wettbewerb (Bild: Gian-Maria Gava)

Jessica Hausner ist mit Little Joe" erstmals im Wettbewerb des vertreten. Die österreichische Regisseurin, Drehbuchautori und Produzentin stellte bereits drei Mal Filme in Un Certain Regard vor und feilt mit ihren regelmäßigen Mitstreitern an ihrer Filmsprache, wie sie Blickpunkt:Film verriet.

Was bedeutet es für Sie, erstmals im Wettbewerb des Festival de Cannes vertreten zu sein?

Jessica Hausner: Ich freue mich riesig! Die Einladung in den Wettbewerb von Cannes bringt dem Film Aufmerksamkeit und eine gesteigerte Erwartungshaltung innerhalb der Branche. Für mich persönlich ist das ein Schritt nach vorne, nachdem ich bereits drei Filme in der Reihe Un Certain Regard in Cannes hatte zeigen können.

Wie wichtig sind Festivalpräsentationen im Allgemeinen für Ihre Filme?

JH: Der Moment der Premiere, wenn der Film das erste Mal vor einem größeren Publikum zu sehen ist, ist auf eine Weise die erste Feuerprobe des Films. Die Art und Weise wie das Publikum reagiert, zeigt mir als Regisseurin die Stärken und Schwächen des Films. Der Film beginnt sein Eigenleben und macht sich selbständig. Ich beginne zu beobachten, wie das Publikum reagiert. Ein Moment des Loslassens. Abgesehen davon sind Festivals Marktplätze und daher für die Präsentation und den Verkauf des Films (der meistens bereits dort stattfindet) essentiell.

Wie war es für Sie, auf englisch zu drehen bzw. mit britischen Schauspielern und britischen Produktionspartnern wie The Bureau und BBC neben Ihrer Coop99 zusammen zu arbeiten?

JH: Die englische Sprache kam mir sehr entgegen, da "Little Joe" sich an dem Genre "Pflanzenthriller" (falls es das gibt) orientiert und die englische Sprache sich durch ihre Direktheit sehr dafür eignet. Tiefsinniges kann einfach und trocken formuliert werden ohne banal zu klingen. Die Arbeit mit den Schauspielern war sehr beglückend: ich hatte ein Ensemble von begabten, klugen und offenherzigen Schauspielern versammelt, mit dem die Arbeit ein reines Vergnügen war. Ein Wunschkonzert. Auch die Zusammenarbeit mit The Bureau und BBC war sehr erfreulich und produktiv. Bertrand Faivre von The Bureau, Rose Garnett vom BBC und Marky Burke vom BFI haben die Entstehung von "Little Joe" bestens unterstützt, angefangen beim Casting, über die Drehortsuche bis hin zu sehr konstruktiven Schnittbesprechungen.

"Little Joe" hat einen Science-Fiction- und Horror-Einschlag. Wie wichtig ist Ihnen das Spiel mit Genres?

JH: Genres sind im Film ähnlich wie Märchen in der Literatur. Beide dienen dazu, den Zuschauer oder eben Leser zu instruieren und letztlich zu beruhigen: "wenn du dich so und so verhältst, wird es schlecht ausgehen, aber wenn du dich anders verhältst, wird alles gut." Die Moral einer Gesellschaft, die in Genrefilmen transportiert wird, verändert sich im Laufe der Zeit in Nuancen. Manches bleibt gleich. Das interessiert mich: welchen Regeln folgt unsere Gesellschaft, was halten wir für richtig, was für falsch? Und wie verändern sich diese Parameter im Laufe der Zeit? Wenn ich ein Drehbuch schreibe, sehe ich mich als Besucher auf einem bestimmten Schauplatz, der neugierig aber leicht befremdet wahrnimmt, wie wir Menschen funktionieren. Das ist der Grund, warum ich mich mit Genres beschäftige: um die darin vermittelten Muster aufzuspüren und womöglich in ein neues, befremdliches Licht zu stellen. Auf diese Weise sieht der Zuschauer ein Bild seiner selbst aus sicherer Distanz und muss im besten Falle darüber lachen.

Sie arbeiteten bei "Little Joe" wieder mit Geraldine Bajard beim Drehbuch zusammen. Wie ergänzen Sie sich?

JH: Geraldine und ich teilen einen ähnlichen Sinn für Humor. Das mag unwichtig klingen, ist aber essentiell. Der Humor einer Person sagt alles über ihr Weltbild, ihre Sicht auf die Dinge. Dieser Blickpunkt, von dem aus wir manches lustig und anderes tragisch empfinden, bildet die Grundlage unserer Zusammenarbeit. Daher ist unsere Arbeit am Drehbuch auch oft sehr lustig. Wenn wir beide über eine Szene, eine Idee, lachen können, behalten wir sie. Wenn nur eine von uns sie lustig findet, kommt sie auf die Ersatzbank.

Außer mit Bajard arbeiteten Sie auch erneut mit Editorin Karina Ressler, Kameramann und Coop99-Kollege Martin Gschlacht und Kostümdesignerin Tanja Hausner. Warum?

JH: Im Lauf der Zeit habe ich mit diesen Personen eine gemeinsame Filmsprache entwickelt, die wir bei jedem Film weiter verändern. An dieser gemeinsamen Basis zu arbeiten, von der aus man neue Ideen entwickelt, macht sehr viel Spaß. Filme machen ist extrem subjektiv, jedem gefällt etwas anderes. Für mich als Autorin/Regisseurin ist es daher extrem wichtig, den Geschmack der Leute, mit denen ich arbeite, zu kennen. Nur dadurch kann ich deren Meinung und Input einschätzen. Ich habe den Eindruck, wir bewegen uns immer weiter in eine sehr ausdrucksstarke, gestaltete und fast künstliche Ästhetik. Tanja Hausner, die Kostümbildnerin, liefert oft am Anfang eines Projekts reichlich visuellen Input. Sie bestimmt eigentlich die ersten ästhetischen Schritte. Martin Gschlacht, der Director of Photography, und ich, wählen aus, intensivieren und verfolgen dann Tanjas erste ästhetische Ideen. So entsteht unser visuelles Konzept. Martin und ich arbeiten intensiv und lange an der Filmsprache: Das Storyboard wird mehrfach überarbeitet und von uns beiden hin und hergewendet, bis wir eine Art "Stil" für den jeweiligen Film gefunden haben. Der beinhaltet Kamerabewegungen und Schnittabfolgen. Karina Ressler wiederum ist nach Geraldine Bajard die zweite Dramaturgin des Films, das, was Geraldine und ich zuerst ausgedacht haben, versuchen Karina und ich schließlich wahr werden zu lassen. Zugleich reflektiert und hinterfragt Karina alles noch einmal von neuem.

Wie teilen Sie sich Ihre Aufgaben mit Ihren Kollegen bei Coop99 auf?

JH: Die Aufteilung ist sehr projektbezogen. Je nach Projekt wird die Konstellation der Beteiligten zusammengestellt. Grundsätzlich ist Bruno Wagner hauptsächlich unser Herstellungsleiter. Wir anderen switchen zwischen unseren kreativen Berufen (Kamera, Drehbuch, Regie) und diversen Produzententätigkeiten.

Das Interview führte Heike Angermaier