Kino

"Nicht so leicht zu vertreiben"

Geht es nach dem Immobilieneigentümer, soll im Kölner Cinenova das Licht zugunsten profitablerer Nutzungen ausgehen. Doch die Betreiber wehren sich - und erfahren dafür Rückendeckung von der Politik.

08.05.2019 11:35 • von Marc Mensch

Erst eine unbegründete und in zwei Instanzen erfolglose Räumungsklage, dann eine plötzliche Vervielfachung der Gebühren im angrenzenden Parkhaus. Dem Kölner Cinenova wird vom neuen Eigentümer der Immobilie übel mitgespielt. Offenbar verfolgt dieser das Ziel, das Areal für den Bau besonders profitabler Studentenwohnungen zu nutzen. Da ist ein Kino natürlich im Weg. Doch nicht nur die Betreiber wehren sich - auch die Kölner Stadtpolitik hat eine klare Haltung. Wir sprachen mit Cinenova-Geschäftsführerin Sandrine Borck.

BLICKPUNKT: FILM: Gegenüber dem Kölner Stadtanzeiger gibt sich die Objekt VL unschuldig. Man sei "verwundert" über Gerüchte hinsichtlich der Planungen für das Areal, das Kino könne bleiben, solange der gültige Mietvertrag erfüllt werde, hieß es lapidar. Das deckt sich wohl kaum mit Ihren Erfahrungen?

SANDRINE BORCK: Definitiv nicht. 2015 wurde die Immobilie von Objekt VL erworben - und im darauffolgenden Jahr reichte man Räumungsklage gegen uns ein. Als fadenscheinige Begründung musste herhalten, dass wir Büros untervermieten - was allerdings mit dem vorherigen Eigentümer abgesprochen war. Somit hat nicht nur das Landgericht in erster Instanz in unserem Sinne entschieden, sondern auch die Revision blieb für die Objekt VL erfolglos. Dass man die Pläne für das Areal nun bestreitet, finde ich ehrlich gesagt erstaunlich. Denn beim sogenannten Gütetermin wurde der neue Eigentümer direkt vom Gericht gefragt, was man mit der Immobilie vorhabe, woraufhin die entsprechende Aussage getroffen wurde. Damals hieß es, dass man uns bis Anfang 2021 aus dem Gebäude haben wolle, wofür man uns ein Jahr Mietfreiheit in Aussicht stellte. Für uns ist das natürlich keine Option, schließlich läuft der Vertrag bis 2043. Ende Januar machte das OLG dann klar, dass eine Zurücknahme der Revision angeraten wäre, wolle man kein erneutes Urteil zu unseren Gunsten mit entsprechenden Kostenfolgen riskieren.

BF: Woraufhin die Objekt VL dann plötzlich die Preise für die Nutzung des angrenzenden Parkhauses in den Abendstunden verdreifachte...

SB: Dass sich die Anhebung der Parkgebühren auf 4,50 Euro pro Stunde für uns als Versuch darstellt, unseren Gästen den Besuch des Kinos zu versauern, liegt wohl auf der Hand. Insbesondere wenn man die Maßnahme im zeitlichen Kontext zum Verlauf des Verfahrens vor dem OLG sieht.

BF: Hat sich der Preissprung denn spürbar negativ auf ihre Besucherzahlen ausgewirkt?

SB: Konkret beziffern lässt sich das nicht. Schließlich hängt der Geschäftsverlauf im Kino ja von vielen Faktoren ab: dem Filmangebot, der Wetterlage, konkurrierenden Angeboten usw... Insofern lassen sich Schwankungen nur schwer auf einzelne Faktoren herunter brechen. Daran, dass die Verkehranbindung aber kein trivialer Faktor ist - zumal für älteres Publikum - besteht aber kein Zweifel. Insofern befürchte ich, dass wir gerade längerfristig negative Effekte spüren werden, obwohl die Parkgebühren am Abend mittlerweile wieder etwas nach unten korrigiert und dafür unter Tags angehoben wurden. Aus unserer Sicht eine Maßnahme, mit der man sich ein Stück weit aus der Diskussion um gezielte Erhöhungen zulasten des Kinobetriebs befreien will.

BF: Wie kam es zu der Petition?

SB: Wir wurden von der Parktariferhöhung ja geradezu überrumpelt. Tatsächlich waren es unsere Gäste, die uns damit konfrontierten. Wir sahen uns dann gezwungen, an die Öffentlichkeit zu gehen und klarzustellen, dass wir uns nicht auf diese Weise die Taschen füllen wollen. Schließlich waren viele unserer Gäste davon ausgegangen, dass das Parkhaus quasi zum Kino gehört. Sie wissen womöglich, wie schnell man sich heutzutage schlechte Bewertungen im Netz einfängt, auch wenn man selbst nichts dafür kann. Wir wollten, dass unsere Gäste erfahren, mit welcher Problematik wir zu kämpfen haben.

BF: Weit über 18.000 Unterzeichner haben sich für den Erhalt Ihres Kinos eingesetzt. Was bedeutet Ihnen diese Unterstützung?

SB: Die Solidarität, die wir erfahren haben, war geradezu überwältigend. Derart nachhaltig versichert zu bekommen, was unser Haus den Leuten bedeutet und wie wichtig es als Kulturort genommen wird, hat uns viel Mut und Zuversicht gegeben - die wir auch dringend benötigt haben. Denn der ganze Ärger mit VL Objekt hat uns ernsthafte Existenzängste beschert. Zu sehen, wie sehr unser Gesamtpaket von Kino & Gastronomie geschätzt wird, hat uns die Zuversicht gegeben, dass wir nicht so leicht zu vertreiben sein werden.

BF: Mittlerweile wurde die Liste an den Bezirksbürgermeister übergeben. Welchen Eindruck haben Sie bei diesem Termin gewonnen?

SB: Bei der Petitionsübergabe hat Bürgermeister Josef Wirges erneut betont, dass die Bezirksvertretung Ehrenfeld den einstimmigen Beschluss gefasst hat, ein Bebauungsplanverfahren einzuleiten, welches das Ziel verfolgt, eine Bebauung nach Vorstellung der Objekt VL zu untersagen. Darüber berät der Stadtentwicklungsausschuss Mitte Mai. Gleichzeitig hat Wirges nicht nur angekündigt, die Petition an Oberbürgermeisterin Henriette Reker zu übergeben. Sondern er versprach, sich persönlich mit aller Kraft dafür einzusetzen, dass kulturelle Einrichtungen besser geschützt werden - und hat sich in diesem Zuge noch einmal ganz besonders für unser Areal stark gemacht.

BF: Könnte ein Bebauungsplan aus Ihrer Sicht die Probleme lösen?

SB: Es ist auf jeden Fall ein absoluter Meilenstein für uns. Denn das Vorhaben, dessentwegen man das Kino und uns los haben will, würde damit ja erst einmal durchkreuzt. Durchatmen ist allerdings damit noch nicht angesagt. Denn in dem anfangs zitierten Satz, dass wir bleiben könnten, solange der Mietvertrag erfüllt werde, steckt der Hinweis, dass man jegliche Nachlässigkeit von unserer Seite unverzüglich zum Anlass für neue rechtliche Schritte nehmen wird und man jede Möglichkeit ausschöpfen wird, uns juristisch Schwierigkeiten zu machen. Tatsächlich ist unsere Anwältin im Dauereinsatz...

BF: Abgesehen von den Problemen mit dem Vermieter: Wie läuft das Kinojahr 2019 für Sie?

SB: Wir sind sehr gut in das Jahr gestartet und konnten gegenüber 2018 ein Plus von beinahe zehn Prozent verzeichnen. Das erste Quartal ist im Arthouse-Segment aber natürlich traditionell ein starker Zeitraum, was vor allem an den Oscar-Titeln liegt, die uns auch diesmal viel Freude bereitet haben. "Green Book" hat natürlich praktisch jedes Kölner Kino gespielt, aber es ist uns dennoch gelungen, uns programmatisch abzusetzen. Was dazu führte, dass beispielsweise ein Film wie "Die Frau des Nobelpreisträgers" bei uns hervorragend gelaufen ist. Aber selbst beim besten Programm gilt für uns: das Gesamtpaket muss stimmen, umso mehr an einem Standort wie Köln, in dem wir relativ starken Wettbewerb verzeichnen. Ich denke, wir haben unsere Sache in diesem Jahr bislang recht gut gemacht. Jetzt hoffen wir auf eine gute Open-Air-Saison. Und ein wenig Ruhe an der rechtlichen Front...

Das Gespräch führte Marc Mensch