Produktion

Philipp Leinemann: "Von der Realität eingeholt"

Philipp Leinemanns Lola-nominierter Politthriller "Das Ende der Wahrheit" startet am 9. Mai bundesweit in den Kinos. Der Genrespezialist steckt mitten in den Vorbereitungen zum Dreh der Netflix-Sere "Barbarians".

03.05.2019 13:56 • von Heike Angermaier
Philipp Leinemann (Bild: Prokino/Walker+Worm/Bernd Schuller)

Philipp Leinemanns Lola-nominierter Politthriller Das Ende der Wahrheit" startet am 9. Mai bundesweit in den Kinos. Der Filmemacher steckt mitten in den Vorbereitungen zum Dreh der Netflix-Sere "Barbarians".

Sie legen einen Politthriller vor, eine Seltenheit im deutschen Kino. Wie kamen Sie dazu?

Philipp Leinemann: Es sind Filme, mit denen ich aufgewachsen bin und die ich selbst gerne sehe. Ich denke beim Schreiben nicht; "oh ich mache ja Genre, das funktioniert doch gar nicht im deutschen Kino". Das erste Treatment stammt bereits aus dem Jahr 2007, als ich noch an der HFF in München studiert habe. So wie ich bei Wir waren Könige" den Anspruch hatte, dem Zuschauer einen neuen Blick auf eine vermeintlich bekannte Welt der Polizei zu zeigen, wollte ich auch hier den Mythos der Geheimdienste brechen, die oft selbst zum Spielball werden und bei weitem nicht all das können, was man ihnen zutraut. Ich habe sehr lange recherchiert und musste zugleich einen Fokus halten, da ich aus einer deutschen Perspektive erzähle, auch wenn es natürlich ein globales Geschäft ist. Ich bin auf einen Zeitungsartikel in der Süddeutschen Zeitung gestoßen, in dem geschildert wird, wie Asylbewerber gezielt vom BND befragt werden, um an Informationen und Kontaktdaten von Terrorverdächtigen zu kommen. Diese Daten gingen dann an die CIA. Was passiert damit? Eine Drohne kann jemanden dank eines Handys genau lokalisieren. Zumal der gesamte Drohnenkrieg von Ramstein und Stuttgart aus geleitet wird. Zu Beginn wollte ich einfach einen spannenden Film machen, doch es gab viele Diskussionen, wie realistisch das alles hier in Deutschland sei. Schließlich wird eine Journalistin bei einem Terroranschlag mitten in München ermordet. Nun hatten wir in den letzten Jahren vermehrt Anschläge, vor einiger Zeit wurde die Investigativjournalistin Daphne Caruana Galizia mit einer Autobombe in die Luft gesprengt. Diese Diskussionen hörten einfach auf. Das Buch wurde von der Realität eingeholt.

Warum entschieden Sie sich trotz der realistischen Anmutung dafür, den Film teils in einem fiktiven Land spielen zu lassen?

PL: Alles was sie in dem Film sehen, hat es in einem anderen Kontext gegeben. So inszenierte zum Beispiel der usbekische Geheimdienst Terror, um ein Waffenembargo außer Kraft zusetzen, damit man sich dem Problem selbst widmen kann. Dennoch kommen viele fiktive Elemente hinzu und es ist dann einfach falsch, es alles einem Land anzudichten. Es geht vielmehr um den Mechanismus, wie das alles miteinander vernetzt ist und wer welche Strippen zieht. Außerdem gab es Sorgen von Seiten der Redakteure. Wir haben uns dann für ein fiktives Land entschieden. Ähnlich machen es auch Filme wie Syriana, sie benennen es einfach nicht, obwohl es ganz klar um Saudi Arabien geht.

Sie haben wie bei "Wir waren Könige" mit Walker + Worm zusammengearbeitet - und auch wieder mit Ronald Zehrfeld.

PL: Noch während des Drehs zu "Wir waren Könige" hatten wir uns alle ein Folgeprojekt gewünscht, weil wir die Zusammenarbeit fortsetzen wollten. So gab ich Tobias Walker und Philipp Worm das Treatment zu "Das Ende der Wahrheit". Wie die beiden sind auch Jörg Schneider vom ZDF - Das kleine Fernsehspiel und Andreas Schreitmüller von Artewieder mit eingestiegen und haben es parallel entwickelt. Der MDM und der FFF Bayern waren auch wieder mit dabei. Hellinger & Doll, mit denen ich an einem anderen Stoff arbeite, haben uns auch noch sehr unterstützt.

So kam es auch, dass Ronald Zehrfeld wieder die Hauptrolle übernahm, obwohl wir lange überlegt haben, wer für diese Rolle am besten geeignet wäre. Ronny schafft es einfach, den Zuschauer emotional mitzunehmen, ohne sich anzubiedern. Seine Figur des Martin Behrens sollte etwas Autistisches haben. Martin kann nicht mit Menschen umgehen, aber ungemein geschickt verhandeln. Wir haben Ronny auch etwas älter gemacht. Sein Charakter basiert auf einer echten Figur, Gerhard Conrad, er war Vermittler im Nahen Osten für den BND, ein Agent der alten Schule.

Inwieweit konnten Sie das Drehbuch umsetzen? Es gibt aufwändige Actionszenen wie den Angriff auf die Autokolonne.

PL: Bei dem Budget, es war das eines etwas aufwändigeren "Tatort", und der Drehzeit, das bzw. die wir zur Verfügung hatten, musste man sich sehr penibel vorbereiten. Und natürlich konnten wir am Ende auch nicht alles realisieren, wie es im Buch stand. Das wird wohl immer so bleiben. Aber wir sind mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Ich konnte den Film nur dank meines Teams so umsetzen, von dem sich jeder einzelne einbrachte und die Vision unterstützte. Es war nicht nur ein tolles Zusammenspiel mit den Schauspielern, sondern auch mit Szenenbildnerin Petra Albert, Kameramann Christian Stangassinger und Maskenbildnerin Hanna Hackbeil.

Das Maskenbild war besonders augenfällig bei den schweren Verletzungen von Alexander Fehlings Patrick Lemke.

PL: Bei der Szene war es totenstill im Kino, als der Film seine Premiere hatte. Hanna hat wirklich tolle Arbeit geleistet und dann haben sie Hochkaräter wie Alexander Fehling, Ronald Zehrfeld, Axel Prahl, Antje Traue, Claudia Michelsen und viele mehr. Das kommt einem Regisseur natürlich sehr entgegen. Und doch ist es schade, dass ich ihnen nicht mehr Takes geben konnte, weil einem ständig die Zeit im Nacken ist. Wir hätten gerne auch mal etwas ausprobiert. Es ist schade, dass wir Kreative kaum noch Zeit haben, kreativ zu sein.

Wie waren insgesamt die Reaktionen bei der Premiere beim ?

PL: Es war das erste Mal für mich, dass ein Film von mir der Eröffnungsfilm eines Filmfestivals sein durfte. Vier volle Säle und ich hatte das Gefühl, die Leute sind mit der Geschichte mitgegangen. Der Film mag bestimmt polarisieren, wir werden sehen. Lustigerweise war unser Bundesaußenminister Heiko Maas auch im Publikum und sah einen Film, bei dem seine Behörde nicht nur gut wegkam. Aber er kam danach zu mir und sagte, dass er den Film sehr intensiv fand und so realistisch, dass er sich an seine Arbeit erinnert fühlte. Wie auch immer man das findet.

Jetzt bereiten Sie die Serie "Barbarians" für Netflix vor.

PL: Ja, ich stelle mich hier einer neuen, wieder ganz anderen Herausforderung. Wir leben jetzt im Steaming-Zeitalter. Schon verrückt, wie viel sich seit Ende der Filmhochschule verändert hat und ich würde sagen, ich bin noch ganz am Anfang meiner Karriere. Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass ich einmal so etwas wie Gladiator" drehen dürfte. Es geht um die Varusschlacht im Teutoburger Wald, bei der die Römer von den Germanen zurückgedrängt wurden. Wir können uns nicht mit "Gladiator" oder Vikings" messen, sondern müssen eine eigene Ästhetik finden. Die Dreharbeiten beginnen im Spätsommer in Budapest und ich führe gemeinsam mit Barbara Eder Regie. Wir casten zusammen, suchen deutsche Schauspieler für die Rollen der Germanen und italienische für die der Römer. Für mich ist es das erste Mal, dass ich mit einem anderen Regisseur zusammenarbeite, und genieße das Sich-Miteinander-Austauschen sehr.

Es kommen immer mehr Streaming-Plattformen auf den Markt. Neben Sky und Amazon nun auch noch Apple und Telekom. Statt einzelne Bücher bekomme ich nun regelmäßig Serien auf den Tisch. Das Schöne daran ist, sie können entschlossener für ein Zielpublikum eine Geschichte konzipieren, den Figuren mehr Entwicklungszeit geben und sind dem Quotendruck nicht ganz so ausgeliefert. Außerdem werden diese Serien weltweit rezipiert, es ist einfacher geworden, deutsch- oder fremdsprachige Filme zu exportieren.

Gleichzeitig kommt die Lust zurück, wieder abgeschlossene einzelne Spielfilme zu sehen und auch zu produzieren. Es heißt ja immer, das Kino sei in einer Krise, schon seit Beginn seiner noch kurzen Geschichte, aber es wird nicht sterben. Es ist immer noch die schönste Form, einen Film zu rezipieren.

Bei diesen Serien gelten die Showrunner als Entscheider. Inwieweit kann man sich als Regisseur einbringen?

PL: Ich sammle ja gerade meine ersten Erfahrungen und habe hier das Gefühl, dass wir alle auf Augenhöhe an diesem Tisch sitzen und mitentscheiden dürfen. Sie wussten, warum sie uns als Regisseure angefragt haben und da ist viel Vertrauen vorhanden.

Empfahlen Sie sich für "Barbarians" mit der Serie Tempel", bei der Sie alle Folgen inszenierten?

PL: Die Serie war damals eine der ersten, aber was ausschlaggebend war, kann ich nur mutmaßen. "Wir waren Könige" hilft mir immer noch sehr. Wichtig ist, denke ich, dass man eine Welt zum Leben erwecken kann.

An welchen eigenen Stoffen arbeiten Sie?

PL: In Los Angeles wurde ich mehrfach gefragt, ob ich nicht einen internationalen Film aus "Das Ende der Wahrheit" machen möchte. In der ursprünglichen Idee dafür ging es ja um einen CIA-Agenten... Nebenbei entwickle ich ein Serienprojekt mit Antje Traue, "Schneekinder" über verschwundene Zwillinge. Es ist eine Krimiserie in der Art von True Detective", die im ewigen Eis spielt und einen historischen Hintergrund hat. Nach "Wir waren Könige" wurden mir viele "Tatorte" angeboten. Ich hatte die Sorge, schnell in eine Krimischublade zu kommen, dennoch drehte ich zwei "Polizeirufe", aber es waren Stoffe, die mich reizten. Der letzte, der im Sommer ausgestrahlt wird und in der Nähe von Magdeburg auf einem Rinderhof entstand, basiert auf einer wahren Geschichte und handelt von einer verschrobenen Dorfgemeinschaft, die von einem Fremden manipuliert und ausgenutzt wird, doch irgendwann übertreibt es dieser Eindringling und bekommt die Quittung.

Jetzt läuft erst einmal "Das Ende der Wahrheit" an, am 9. Mai.

PL: Der Termin steht schon lange fest und wurde vom Verleih sorgfältig ausgewählt. Genre tut sich schwer im deutschen Kino, aber ich habe die Hoffnung, dass es wieder ein wenig zurück kommt. Die Leute sind wieder interessierter an Politik, es gibt zu viele "alternative Fakten", zu viele Wahrheiten. Deswegen änderten wir auch den Titel zu "Das Ende der Wahrheit".

Das Gespräch führte Heike Angermaier