Kino

"Wir müssen als Produzenten sichtbarer werden"

Beim Nominierten-Roundtable vor der Verleihung des Deutschen Filmpreises am 3. Mai trafen sehr engagierte Produzenten aufeinander, die trotz unterschiedlicher Interessen sehr schnell gemeinsame Anliegen entdeckten.

29.04.2019 12:09 • von Jochen Müller
Die Produzent*innenrunde der für die Lola als Bester Spielfilm nominierten Produktionen (v.l.n.r.): Florian Koerner von Gustorf (Schramm Film), Christoph Friedel (Pandora Film), Hermann Florin (Feine Filme), Sebastian Zühr (Tobis Film), Claudia Steffen (Pandora Film), Markus Goller (Sunnysideup Film), Peter Eiff (Tobis Film), Sebastian Werninger (UFA Fiction) und Marcos Kantis (Schiwago Film) (Bild: Florian Liedel / Deutsche Filmakademie e.V. 2019)

Beim Nominierten-Roundtable vor der Verleihung des Deutschen Filmpreises am 3. Mai trafen sehr engagierte Produzenten aufeinander, die trotz unterschiedlicher Interessen sehr schnell gemeinsame Anliegen entdeckten.

Erst einmal herzlichen Glückwunsch! Alle sechs nominierten Filme stehen für eine beachtliche Bandbreite. 2018 war kein gutes Kinojahr, aber ein starker Jahrgang für den deutschen Film. Mit 10 Nominierungen gilt Gundermann" als haushoher Favorit. Hat Sie die Begeisterung der Akademie überwältigt?

Claudia Steffen: Ehrlich gesagt haben wir nicht damit gerechnet. Wir hatten schon gehofft, dass ein paar der kreativen Leistungen berücksichtigt werden. Für Pandora Film waren wir zuletzt vor 18 Jahren mit Bella Martha" nominiert. Das ist tatsächlich erst unsere zweite Nominierung.

Was macht den Film so besonders, dass er gleich zehn Nominierungen bekommt?

Claudia Steffen: Uns hat die breite Zustimmung sehr überrascht. Schließlich wählt jedes Department in seiner eigenen Kategorie. Wir finden natürlich, dass alle Abteilungen zusammen, ob Kamera, Schnitt, Maske oder Kostüm, diesen Film zum großen Erlebnis machen. Dass das von allen Kollegen so gesehen wurde, hat uns sehr gefreut, zumal der Film einen so langen Weg hatte.

Andreas Dresen erzählt von einer zehnjährigen Odyssee, bis der Film zustande kam. Waren Sie von Anfang an dabei?

Christoph Friedel: Nein, dann hätte es nicht zehn Jahre gedauert. Wir sind eingestiegen, und zweieinhalb Jahre später konnte gedreht werden.

Claudia Steffen: Es ist kein Geheimnis, dass das Projekt vorher bei anderen Produzenten war. Es kam zu uns, als wir seinen Film Als wir träumten" im Verleih herausgebracht haben. Unser Verleihchef Björn Hoffmann und ich, wir sind beide im Osten sozialisiert. Wir kannten Gerhard Gundermann und waren nach dem kurzen Pitch sofort dabei. Zu meiner Überraschung gab es gesellschaftspolitische Vorbehalte gegen den Stoff. Hauptgrund war, dass man keinen Helden haben kann, der IM bei der Stasi war. Aber Andreas Dresen schwebte kein Heldenepos vor, sondern er erzählt differenziert und zeigt alle Facetten. Manchmal braucht es eben seine Zeit, gerade bei deutsch-deutscher Geschichte.

Fünf Nominierungen für Der Junge muss an die frische Luft", und eine Lola für den besucherstärksten Film ist Ihnen sicher. Können Sie da die Verleihung entspannt abwarten?

Sebastian Werninger: Wir sind überglücklich über die Resonanz, dass der Film beim Publikum so gut ankommt und zugleich von den Kolleginnen und Kollegen in der Filmakademie so viele Nominierungen erhält. Für uns ist der Tag der Verleihung etwas ganz Besonderes. Die UFA ist nicht die Produktionsfirma, die hier jedes Jahr mit am Tisch sitzt. Alle Filme in dieser Runde sind herausragend, und es ist in der Tat ein sehr erfolgreiches Jahr, wenn man sieht, dass die nominierten Filme im Schnitt fast eine Mio. Zuschauer gemacht haben. Ich kann mich kaum an einen Jahrgang erinnern, in dem so viele Filme nominiert waren, die so viele Zuschauer erreicht haben. Das heißt jedoch nicht, dass ein erfolgreicher Film nur an den Zuschauern bemessen wird.

Dass der besucherstärkste Film auch zu den Nominierten für den Besten Film zählt, ist nicht jedes Mal der Fall. Waren Sie überrascht von den vielen Nominierungen?

Hermann Florin: Ich glaube in der Tat, dass die Nominierungen alle verdient sind. Caroline Link hat eine tolle Regiearbeit gemacht, die Kamera von Judith Kaufmann ist sensationell, Ruth Thoma hat ein ganz wunderbares Buch geschrieben, mit dem alles angefangen hat. Als der Film fertig war und wir den Rohschnitt sahen, wussten wir, dass es ein guter Film geworden ist, der den Leuten gefallen wird. Aber dass er so ankommt, das ist schon etwas Besonderes.

Styx" hat sechs Nominierungen bekommen. Sind sie die Entschädigung für diesen sehr komplizierten und aufwändigen Dreh?

Marcos Kantis: Das ist eine Riesenentschädigung für das Schaffen aller Mitarbeiter. Jedes der Gewerke war outstanding, ob Bildgestaltung, Schnitt, Ton, Schauspiel, Drehbuch oder die Regie von Wolfgang Fischer. Von der ersten Idee bis zum fertigen Film hat es fast zehn Jahre gedauert. Die Finanzierung war ein großes Problem. Wir hatten auf der Berlinale 2018 den ersten tollen Aufschlag mit dem Film, und seitdem ist es super gelaufen. Wir waren auf vielen Festivals und hatten gerade in Frankreich Kinostart, davor in den USA und UK. International läuft der Film sehr gut. Das ist die zweite Möglichkeit, wo ein Produzent partizipieren kann, denn die Rechte in Deutschland sind in der Regel weg.

War es ein besonderes Risiko, diesen Film zu machen?

Marcos Kantis: Das war ein klassischer High-Risk-Film. Wenn man so ein Drehbuch liest, und die Geschichte nicht im Studio machen möchte, sondern auf dem offenen Meer drehen will, dann geht einem auch durch den Kopf, davon lieber die Finger zu lassen. Es gibt Faktoren, die einfach unberechenbar sind. Das Meer und das Wetter gehören dazu. Wir haben 90 Prozent des Films auf dem Meer gedreht, was sehr gefährlich für das ganze Unterfangen des Filmemachens war.

Wie Marcos Kantis sind Sie nicht zum ersten Mal Teil dieser Produzentenrunde. Was bedeutet Ihnen die Nominierung für "Transit"?

Florian Koerner von Gustorf: Das ist schon das Größte, denn es ist einer der wenigen Preise für Produzenten in Deutschland. Es ist auch gut, dass er mit Geld verbunden ist und für einen 2,5-Mio.-Euro-Film somit bereits zehn Prozent des Budgets darstellt. Gleichzeitig ist es effektfreies Geld, das nicht in einer Region ausgegeben werden muss. Ich hätte nie gedacht, dass wir mit "Transit" nominiert werden, aber das scheint hier allen so zu gehen. Gesetzt hatte ich "Gundermann", "Der Junge muss an die frische Luft" und "Styx". Bei 25 km/h" hätte ich gedacht, dass er für den Deutschen Filmpreis zu kommerziell ist. Früher, als noch eine Jury die Filmpreise vergeben hat, wurden viele einzigartige und spezielle Filme prämiert, die ein extremes Filmkunstverständnis hatten und dafür ausgezeichnet wurden. Heute haben zumindest vier der sechs nominierten Filme extrem hohe Zuschauerzahlen. Da hat sich was verändert und trotzdem sind wir dabei. Das freut uns sehr.

Auch Komödien sind nicht so oft für den Filmpreis nominiert. Wie groß war Ihre Freude, mit "25 km/h", ihrem ersten selbstproduzierten Film, berücksichtigt zu werden?

Markus Goller: Wir waren total aus dem Häuschen. Oliver Ziegenbalg und ich sind ja nicht als Produzenten bekannt. Wir hatten einfach ein fertiges Drehbuch und wollten so lange wie möglich alle Zügel in der Hand halten. Also hat uns Christoph Müller als Freund ermutigt, das Ganze doch selber zu produzieren. Und mit der Hilfe von Pictures in a Frame haben wir es dann auch durchgezogen. Dass wir jetzt nominiert wurden, ist der Hammer. Ich hatte mir vor 20 Jahren eine Mofageschichte aufgeschrieben, die auch schon "25 km/h" hieß. Damals war es ein junger Typ, auf seinem Mofa über die Alpen. Sehr persönlich, weil das Mofa eine Sitzbank hatte, wie ich sie auch als 15-Jähriger hatte. Die Sitzbank musste sein, weil ich damals schwer verliebt in ein Mädchen war, und die Idee hatte, sie morgens vor der Schule abzuholen, eben hinten auf meiner tollen Sitzbank. Leider ist sie dann nie mitgefahren, und das Mofa war Schrott. Egal. Mein Mofa von damals, die herrliche orangene Zündapp ZD25, fährt jetzt Bjarne Mädel im Film. Und seine Sitzbankstory im Film ist quasi die meine. Die Mofa-Roadmovie-Idee habe ich dann Jahrzehnte mit mir herumgetragen und vor ca. fünf Jahren Oliver erzählt. Der saß im Anschluss zum Überwintern in Sri Lanka. Er las dort in der Zeitung über die Pegida-Bewegung und dachte, man müsse etwas über Deutschland machen. Etwas, das Deutschland zeigt, wie es wirklich ist. Da ist ihm mein Mofa-Projekt eingefallen. Und wenn Roadmovie in Deutschland, dann muss es ja langsam sein. Sonst ist man ja gleich durch. Also sind wir losgefahren.

Auch für die neue Tobis ist Das schönste Mädchen der Welt" die erste Produktion. Ist das die erhoffte Anerkennung und der perfekte Einstieg in den Produktionsmarkt?

Peter Eiff: Natürlich ist es etwas Besonderes für uns, gerade weil wir hier in diesem illustren Kreis die "New Kids on the Block" sind. Die Tobis ist ein grandioses Urgestein der deutschen Verleihgeschichte mit fast 50 Jahren auf dem Buckel, aber nachdem wir die Firma vor fast vier Jahren übernommen haben, war es erklärtes Ziel für meine beiden Geschäftspartner und mich, in die Produktion einzusteigen. Unsere erste deutsche Eigenproduktion wäre nie so ein Erfolg geworden, wenn Sebastian Zühr nicht ein Jahr später zu uns gestoßen wäre, der seine ganze Erfahrung in seine Funktion als unser Produzent eingebracht hat - und das Projekt natürlich.

Als komödiantische Liebesgeschichte für ein sehr junges Publikum ist es ein Genre, das auch nicht oft unter den Nominierungen zu finden ist.

Sebastian Zühr: Wir haben uns irre darüber gefreut und insofern auch nicht damit gerechnet. Aber wir waren glücklich und haben das auch gefeiert, denn es war eine tolle Produktion mit allen Beteiligten.

Von einer strengen Trennung zwischen anspruchsvollen Arthouse- und zugänglicheren Publikumsfilmen ist diesmal nichts zu spüren. Hat die Akademie die richtige Auswahl getroffen?

Claudia Steffen: Es fehlen ja immer welche. Wir fanden schon, dass in der Vorauswahl ein paar Filme gefehlt haben, von denen man sagen würde, die gehören auch dazu.

Christoph Friedel: Die Vorauswahl wird ja nicht von der Akademie sondern durch eine Jury bestimmt. Aus unserer Sicht waren es In my room", der Film von Ulrich Köhler, der als einziger deutscher Film in Cannes lief, und die Filme von Jan Bonny und Philipp Gröning, die auch im Wettbewerb von A-Festivals liefen. Es war schon auffällig, dass diese drei Filme nicht dabei waren. Nicht dass sie jetzt hier am Tisch sitzen sollten, aber in der Vorauswahl sollten sie dabei sein.

Claudia Steffen: Die drei Filme sind für eine Nische gemacht, das wussten wir von vornherein. Aber der Deutsche Filmpreis ist ein Kulturpreis, und diese drei Filme repräsentieren deutsches Filmschaffen auch im Ausland. Ich spreche von der Vorauswahl, und ich sage nur, dass diese Filme auch dazu gehören. Das gilt am anderen Ende genauso. Ich war ganz zufrieden, dass ein Film wie Die Goldfische" in der Vorauswahl war, für mich ein gelungener Debütfilm und eine sehr geglückte Komödie.

Florian Koerner von Gustorf: Früher waren alle Filme, die im Wettbewerb der Berlinale liefen, automatisch vorausgewählt, was zur Folge hatte, dass man den Film nicht um jeden Preis nach der Berlinale starten musste, um sich für den Filmpreis zu qualifizieren. Was die Nominierungen angeht ist das Problem die Vorauswahl der Jury, denn sie stellt ja fest, wer den Filmpreis nicht bekommen wird. Früher gab es eine Jury, die sich alle Filme ansah, die Filme nominierte und aus den Nominierten die Gewinner bestimmte.

Ist es nicht ungewöhnlich, dass ein Film, der für den Golden Globe und für den Oscar nominiert war, beim Deutschen Filmpreis kaum eine Rolle spielt?

Florian Koerner von Gustorf: Das finde ich wirklich mal ein Wort. Da wird bestimmt, dass Werk ohne Autor" für Deutschland ins Rennen gehen soll, und jetzt gewinnt man den Eindruck, dass das nur geschah, weil Florian Henckel von Donnersmarck schon mal einen Oscar gewonnen hat. Das ist dann eine Institutionsförderung und keine Filmauswahl.

Claudia Steffen: Aber der Film war in der Vorauswahl. Man muss sagen, dass er in Deutschland weder beim Publikum noch bei der Kritik, noch jetzt in der Branche groß angekommen ist.

Christoph Friedel: Er läuft auch im Ausland viel besser als in Deutschland.

Claudia Steffen: Aber wenn ich das als Vertreter von einem Film wie "Gundermann" sagen darf, dann erzählt "Werk ohne Autor" eine hollywoodartige Geschichte über Deutschland, die nicht sehr viel mit unserer erlebten Historie zu tun hat. Im Gegensatz dazu ist "Gundermann" sehr genau im Detail und funktioniert in den deutschsprachigen Ländern, fürs weitere Ausland ist er vielleicht zu speziell und dramatisiert nicht genug.

Was bedeutet der Filmpreis für den Markt? Was bedeutet er den Zuschauern?

Florian Koerner von Gustorf: Michael Weber von The Match Factory, mit dem wir viel zusammen arbeiten, sagt immer: Es ist ein "Nice to Have".

Christoph Friedel: Es kommt immer darauf an, wie lange man schon im Kino ist. Wenn der Film gerade erst gestartet ist, bringt das wahrscheinlich schon mehr Zuschauer.

Claudia Steffen: "Der Junge muss an die frische Luft" ist ja noch breit im Kino. Hat die Nominierung etwas gebracht?

Hermann Florin: In der Wahrnehmung der Zuschauer hat die Nominierung eine Bestätigung gebracht: Toll, wir haben den Film gesehen und mochten ihn. Aber die hatten den Film eben schon gesehen. Die Zuschauerzahlen sind nach der Nominierung jedenfalls nicht nochmal hoch gegangen.

Sebastian Werninger: Wir versuchen gerade, den Film international zu verkaufen, und da hat eine Nominierung schon seine Wirkung. Es ist der erfolgreichste Film des letzten Jahres, eine Oscar-Preisträgerin hat Regie geführt, und er ist nominiert für den Filmpreis. Das sind gute Argumente für den Weltvertrieb, gerade bei einem Film, der es nicht so einfach hat, weil er eine sehr deutsche Geschichte erzählt und mit einer Person verbunden ist, die im Ausland wahrscheinlich nur wenige Menschen kennen.

Hilft der Filmpreis wenigstens dabei, das nächste Projekt leichter zu finanzieren?

Florian Koerner von Gustorf: Es ist viel Geld, und trotzdem fangen wir mit den meisten Regisseuren immer wieder bei Null an. Das erleben wir nicht in der Zusammenarbeit mit den Förderern, beim Medienboard sind wir z.B. noch nie mit einem Antrag abgelehnt worden. Aber wenn wir bei der ARD oder dem ZDF vorstellig werden und andere Regisseurinnen oder Regisseure als Christian Petzold im Gepäck haben, dann ist das für uns so schwierig wie vor 25 Jahren.

Hermann Florin: Wir, Feine Filme und UFA Fiction, haben uns zusammengeschlossen, um Filme zu produzieren, die ein größeres Publikum finden. Das hat nichts damit zu tun, dass wir andere Filme nicht wichtig und gut finden - aber wir haben das als unser gemeinsames Ziel formuliert. Wir machen uns am Anfang genau Gedanken, für welches Publikum wir eine Geschichte erzählen wollen. Und das hilft dem Verleih, sie relativ zielgenau auf den Markt zu bringen. Ich hoffe schon, dass uns die Nominierung die nächsten Arbeiten leichter macht. Ich bilde mir ein, dass das Vertrauen im Markt zu Leuten, die sowas hingekriegt haben größer wird. Obwohl ich natürlich vollkommen zustimme: Man fängt immer irgendwie bei Null an und muss sich immer wieder neu orientieren. Aber je mehr Erfolg man hat, desto mehr trauen einem Leute auch zu.

Marcos Kantis: Für die Wahrnehmung einer Produktionsfirma bei den Partnern ist es schon wichtig. Ob das schon die Nominierung ist, oder wie bei Oh Boy" mit einer Lola nach Hause zu gehen, das hat schon einen Effekt. Die Sender sind zu Recht stolz darauf, bekommen aber auch Vertrauen in einen Produzenten. Die Einschätzung, wie ein Film wird, lässt sich am Regisseur festmachen, aber wir machen viele Debüts, zweite und dritte Regiewerke, und da hat man noch nicht viel vorliegen. Aber es hilft, wenn da eine Firma ist, die aus Büchern, die schwer einzuschätzen sind, einen Film machen kann, der am Markt oder auch hier funktioniert. Trotzdem werden bei jedem neuen Projekt die Regisseure, es sei denn sie sind wirklich A-Klasse-Festival-Garanten, das Drehbuch, die Besetzung und die anderen Partner genau überprüft. Es gibt keine Garantie.

Letztlich kommt es auf den deutschen Film an. Jedes Kinojahr ist dann gut, wenn der deutsche Film performt.

Peter Eiff: 2018 war kein leichtes Kinojahr für uns alle. Die Besucherzahlen sind um gut 15 Prozent zurück gegangen. Wenn ich mir die deutschen Kinofilme ansehe, die am Boxoffice reüssiert haben, dann hatten wir zwölf Filme, die mindestens 500.000 Zuschauer gemacht haben, zu denen glücklicherweise auch unser Film gehört. "Der Junge muss an die frische Luft" hat ein sehr breites Publikum angesprochen, es gab erfolgreiche Filme im Bereich Family Entertainment wie "Die kleine Hexe" oder "Pettersson und Findus", Komödien wie "Der Vorname" und Filme wie Ballon" und "Gundermann", die eine bestimmte Epoche in der deutschen Geschichte beleuchtet haben. Unser Film hat es geschafft, ein klassisches Märchen auf neue Art zu erzählen und eine notorisch schwer zu erreichende Zielgruppe gefunden. Die Vielfalt von diesen Filmen findet sich auch hier in dieser Runde. Und diese Vielfalt von mehr Arthouse-orientierten Filmen bis zu breiten kommerziellen Filmen, die auf ihre Art ihr Publikum finden, macht mir Mut.

Deswegen ist es besonders wichtig, dass deutsche Produzenten in die Lage versetzt werden, Filme fürs Kino zu machen. Ist es für die UFA einfacher, Projekte zu stemmen?

Sebastian Werninger: Wir haben mittlerweile die klare Strategie, dass wir Kinofilme nur realisieren, wenn es wirklich Sinn macht und Projekte "reif" sind. Natürlich leben wir in erster Linie von einem anderen Geschäft. Ich habe mich deshalb vor Jahren mit u.a. Hermann Florin zusammengetan, weil mir bewusst wurde, dass wir für Kinofilme Produzenten brauchen, die sich ausschließlich und mit viel Geduld um die Entwicklung kümmern. Wir wollen mit Filmen erst dann in Produktion gehen, wenn wir das richtige Paket und vor allem das richtige Buch haben. Im Zweifel verschieben wir einen Film lieber. Das ist natürlich eine Luxussituation. Viele Produzenten arbeiten da unter anderen Zwängen. Wenn man ein paar erfolgreiche Filme produziert, wie uns das glücklicherweise in den letzten Jahren gelungen ist, laufen viele Dinge einfacher. Und wenn man so einen besonderen Film mit Caroline Link macht, dann wird auch die UFA noch einmal anders wahrgenommen. Das ist für uns sehr viel wert. Es hat aber auch viel damit zu tun, dass wir beim "Jungen" mit Willi Geike und Steffi Ackermann von Warner starke Verleih- und Co-Produktionspartner an unserer Seite hatten, die zu allen Phasen hundertprozentig an das Projekt geglaubt haben.

Produzentenkollegen wie Janine Jackowski und Uli Aselmann haben vorgerechnet, dass sich der Kinofilm als Geschäftsmodell nicht lohnt. "25 km/h" hat fast eine Mio. Zuschauer gemacht, aber für Produzenten lohnt es sich erst ab 1,6 Mio. Zuschauern. Stimmt das?

Markus Goller: Das ist schon so. Unser Film hatte ein Budget von 5,2 Mio. Euro und der Breakeven liegt bei ca. 1,3 Mio. Besuchern.

Claudia Steffen: Das ist klar, wenn die Minimumgarantie und die Vorkosten entsprechend hoch waren.

Florian Koerner von Gustorf: Ich komm' ja aus dem Mustopf. Bei 1,3 Mio. Zuschauer beginnt erst das Recoupment für den Produzenten?

Markus Goller: Natürlich kann man auch Korridorlösungen vereinbaren.

Claudia Steffen: Bei der Frage, ob es sich noch lohnt, darf man nicht vergessen, dass es nicht nur darum geht, ob wir als Person davon leben können. Wir haben alle die Verantwortung für zumeist mittelständische Firmen, weil man herausragende Filmproduktionen auf Dauer nur mit einem sehr guten und konstanten Team schaffen kann. Zum Produzieren gehört ja auch eine unglaubliche Administration. Wir machen nur Kinofilme, aber das ist viel aufwändiger als eine Auftragsproduktion fürs Fernsehen. Wir haben z.B. "Gundermann" noch nicht bis zum Schluss abgerechnet.

Sebastian Werninger: Aber das ist bei uns auch nicht anders. Das ist ein "Hit-driven business"...

Claudia Steffen: Naja, bei 3,5 Mio. Besuchern.

Sebastian Werninger: Wir haben in den letzten zehn Jahren auch einige Filme produziert, die kaum Zuschauer erreicht haben. Und auch wir haben Gesellschafter, die genau schauen, was wir da eigentlich machen. Aber am Ende des Tages lohnt es sich, wenn man einen Hit hat. Rein von der Produktion her lohnt es sich kaum: Wenn man sich im Vergleich ansieht, was man beim Fernsehen verdienen kann, und was Produzenten in England oder in Frankreich mit ihren Filmen allein aus der Produktion verdienen, sind wir Schlusslicht. Kinofilm-Produktion allein ist sicher nicht das attraktivste Geschäftsmodell.

Und wie lässt sich das ändern?

Sebastian Werninger: Das bestimmt ja gerade die Diskussion um das FFG. Es ist sicher Zeit, als Produzenten aufzustehen und dafür zu kämpfen, dass sich das Geschäftsmodell ändert. Allerdings müssen wir uns alle auch selbst prüfen, ob die Anzahl der Filme, die wir produzieren, nicht zu hoch ist. Ich denke, wenn man Gelder anders verteilt, sind verbesserte Rahmenbedingungen möglich. Klar ist nur, dass es kaum mehr Geld geben wird im Markt. Ich glaube in jedem Fall, dass die Zukunft der Produzierenden nicht ausschließlich darin liegen kann, aus den Deckungsbeiträgen der Produktion zu leben, sondern die Auswertung der Filme ist das Entscheidende.

Florian Koerner von Gustorf: Aber das widerspricht dem, was Janine Jackowski und Uli Aselmann gesagt haben. Die schlagen vor, die HUs von 7,5 auf 10 Prozent und die Producer's Fee von 2,5 auf 5 Prozent anzuheben, damit wir annähernd an die Margen kommen, die es bei Fernsehauftragsproduktionen gibt.

Hermann Florin: Ich sehe darin keinen Widerspruch. Es ist richtig, dass die Margen raufgesetzt werden müssen. Wir haben alle im Ausland produziert: Dort lachen sich die Kollegen tot, wenn sie hören, wie wenig wir ansetzen dürfen, und wie wir überhaupt davon leben können. Wir müssen als Produzenten sichtbarer werden und unsere Forderungen stellen. Auf der anderen Seite hängt unser Erfolg davon ab, dass wir in der Auswertung unserer Arbeit besser dastehen. Und das hat nichts damit zu tun, dass wir bei einem Film jetzt 3,5 Mio. Zuschauer erreicht haben. Wir müssen grundsätzlich zusehen, wie wir unser Produkt, unsere Filme noch besser vermarktet bekommen.

Florian Koerner von Gustorf: Die UFA Cinema hat ja genügend Geld in die Hand genommen, um das Kinogeschäft neu zu beweisen und ist damit gescheitert, weil man es eben nicht mit der Brechstange hinbekommt. Mit Christian Petzold haben wir einen Autor und Regisseur, der sein Handwerk versteht, aber eben sein Handwerk. Christian könnte bestimmt nicht "25 km/h" inszenieren oder "Der Junge muss an die frische Luft". Es hat seine Gründe, warum die Dinge so sind. Euer Film ist erfolgreich und gibt diesem Geschäftsmodell quasi recht. Aber unser Film ist auch so erfolgreich, wie er sein kann und gibt diesem Geschäftsmodell quasi recht. Und wenn dann gesagt wird, es gibt zu viele Filme, sind wir dann die, die über die Klinge springen, weil wir nicht richtig am Markt beteiligt sind? Das wollt Ihr dann auch nicht.

In dieser Runde sitzen sehr unterschiedliche Produzenten. Alle verstehen ihr Handwerk und Ihre Filme finden auf sehr unterschiedliche Weise Anklang. Die einen sind Millionenerfolge, "Styx" oder "Transit" reisen durch die ganze Welt. Das eigentliche Kriterium ist doch, dass es gute Filme sind, für die Sie auch ausgezeichnet werden. Muss man nicht über die unterschiedlichen Geschäftsmodelle hinweg Ansätze zu finden, um Produzenten in die Lage zu versetzen, diese guten Filme auch zu machen?

Markus Goller: Man braucht einfach mehr Geld, um die Luft zu haben, den Film tatsächlich herstellen zu können. Das dauert immer mindestens drei Jahre, bis er endlich fertig ist, und dann noch ein Jahr, bis alles abgerechnet ist.

Sebastian Zühr: Wenn wir uns die Reisen der Projekte hier ansehen, muss man auch bedenken, wie viel Zeit sie beanspruchen, aber diese Entwicklung bekommt man überhaupt nicht finanziert.

Hermann Florin: Das ist genau der Punkt. Die erste Zeit, um die Grundlagen so einer Produktion zu bilden, ist am allerwichtigsten, und die hängt komplett in der Schwebe. Man muss von den Arbeiten, die man vorher gemacht hat, genügend Luft und finanzielle Mittel haben, um die Entwicklung zu stemmen. Und da muss es andere Modelle geben. Dafür müssen zum einen die Margen angehoben werden, zum andern muss auch die Teilnahme an bestimmten Festivals gewertet werden.

Christoph Friedel: Da wäre es doch schon eine konkrete Forderung, dass wir mit dem Geld, das wir hier bekommen, frei in der Entwicklung umgehen können. Wir wollen uns davon sicher keinen Porsche kaufen. Aber das BKM lehnt die Verwendung von Filmpreisgeldern als Vorbereitungs- oder allgemeine Entwicklungsförderung ab.

Claudia Steffen: Im Gesetz steht, dass man es nur für Vorbereitung verwenden darf, wenn man eine überdurchschnittlich erhöhte Vorbereitung geltend machen kann. Darüber wird dann entschieden.

Christoph Friedel: Aber was ist überdurchschnittlich, wenn es immer vier, fünf Jahre dauert, einen ordentlichen Film zu machen. Und wir sind in der Beweislast beim BKM, dass es besonders aufwändig ist.

Markus Goller: Aber da sollten wir uns zusammen tun und Frau Grütters einfach anrufen.

Claudia Steffen: Man muss auch festhalten, dass das Image von Produzenten immer noch sehr altbacken ist. Das wird uns vielleicht nicht ins Gesicht gesagt, aber die Politik sieht auch beim Deutschen Filmpreis vor allem den Glamour und den Roten Teppich. Es ist schon erstaunlich, dass die einzigen Gagen, die beim Kinofilm gedeckelt sind, die der Produzenten und die HUs sind. Bei Drehbuch und Regie wurde die Deckelung zu Recht rausgenommen. Gegenüber dem Produzenten herrscht da ein gewisses Misstrauen. Dabei können bei geförderten Kinoproduktionen durch die externen Buchprüfungen Politik und Förderung alles einsehen. Wir müssen komplett die Hose runter lassen.

Sebastian Werninger: Das steht auch überhaupt nicht im Verhältnis zum unternehmerischen Risiko, das allein der Produzent trägt. Kein Regisseur, kein Hauptdarsteller, kein Verleiher finanziert am Ende nach, wenn etwas schief geht, sondern man hat gekappte Deckungsbeiträge und der Produzent steht allein im Risiko. Das ist keine gute Voraussetzung, um vielen die Chance zu geben, dieses Risiko einzugehen.

Hermann Florin: Das meine ich damit, dass wir als Produzenten sichtbarer werden müssen. Das hat bei den Autoren mit Kontrakt 18 gut geklappt, und das finde ich auch wichtig, weil ihre Arbeit die absolute Grundlage für so einen Film bildet. Da müssen wir einfach zusammenstehen, egal ob Arthouse oder Mainstream. Wir haben ein gemeinsames Anliegen, wir wollen eine bessere Absicherung unserer Risiken bei den Filmen, die wir machen.

Florian Koerner von Gustorf: Aber jetzt muss man auch mal aufhören zu jammern, sonst wirken wir noch wie ein Haufen Waschlappen. Uns geht es wirtschaftlich hervorragend, weil unser Geschäftsmodell mit einer Zwei-Personen-GbR gut funktioniert. Und die UFA kann doch als Weltkonzern nicht sagen, dass sie zu wenig Producer's Fee bekommt.

Es geht um den Kinofilm, und hier scheinen die Bedingungen für Produzenten ganz generell nicht mehr zu stimmen...

Sebastian Werninger: Es geht um die gesamten Rahmenbedingungen, wie Content in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern produziert wird, und da sind wir ziemlich weit hinten. Der Standort Deutschland ist zum Produzieren und auch für Produzenten aus dem Ausland relativ unattraktiv. Das ganze Paket stimmt nicht mehr. Da gehört der Kinofilm dazu, aber das betrifft ebenso die Bedingungen, um international relevante Serien in Deutschland zu produzieren, sowie die Bedingungen für Studios und Dienstleister. Wenn große Filmproduktionen hierherkommen, hilft das uns allen, weil damit internationaler Standard nach Deutschland kommt, und die Kreativen bei großen internationalen Filmen mitmachen. Das System ist dringend renovierungsbedürftig.

Florian Koerner von Gustorf: Da vertrittst Du einfach andere Interessen. Man könnte auch sagen, Studio Babelsberg gräbt uns die Talente ab, und wir finden keine Maskenbildnerin und keinen Aufnahmeleiter, weil alle bei Netflix beschäftigt sind.

Sebastian Werninger: Ein Stück weit sind wir alle voneinander abhängig. Es geht darum, dass es eine gewisse Bandbreite und Diversität in dem gibt, was in diesem Land produziert wird. Es muss für Euch gute Bedingungen geben, aber auch für die großen Player. Und es muss gewährleistet sein, dass auch große internationale Produktionen hier stattfinden, weil davon der deutsche Markt profitiert.

Claudia Steffen: Beim Standort dürfen wir schon selbstbewusster sein. Innerhalb Europas wird Deutschland sehr wertgeschätzt. Warum gibt es so viele französisch-deutsche Co-Produktionen. Wenn hier schlechte Bedingungen wären, würden die französischen Kollegen das nicht tun. Wir haben auch viele andere erfolgreiche Co-Produktionen in Deutschland zum Beispiel mit Skandinavien, Italien oder Spanien.

Aber der französische Produzent darf am Erfolg in anderer Weise partizipieren als sein deutscher Kollege...

Peter Eiff: Es gibt ja Learnings aus anderen Ländern, was funktioniert und was nicht. Was nicht ganz verständlich ist, ist, warum wir nicht in der Lage sind, eine bessere - auf neudeutsch -"Best Practice Comparison" einzuführen? Es gibt in anderen Ländern seit Jahrzehnten gute Erfahrungen mit "Tax Rebates" und ähnlichem. Ich habe keine Ahnung, warum wir immer noch diese budget-inhärenten Restriktionen haben. Warum führt man nicht Usancen aus anderen Ländern, die gut funktionieren, bei uns ein?

Christoph Friedel: Das ist bei uns so kakophonisch, weil wir ein föderales Land sind. Wenn man es mit Frankreich vergleicht, wo alles in einem Büro im CNC entschieden wird, ist das sicher stringenter. Aber auch wenn wir unter den Abrechnungen leiden, bei denen die Förderungen Kleinstbeträge unterschiedlich bewerten, bringt uns das auch Vorteile.

Claudia Steffen: In der Politik werden wir nicht als wirklich relevant wahrgenommen, und mein Eindruck ist, weder kulturell noch wirtschaftlich. Das muss man ganz klar sagen.

Dem Kino hilft jetzt z.B. das Landwirtschaftsministerium. Das packt fünf Mio. auf den Tisch für eine Soforthilfe der Kinos auf dem Land.

Florian Koerner von Gustorf: Was wir brauchen, ist eine Institutionsförderung für Produzenten, die wir frei in der Entwicklung einsetzen können und die nicht projektgebunden ist.

Aber Sie setzen alle weiterhin auf Kino, oder verlagern Sie sich jetzt auf Serien?

Christoph Friedel: Wir haben nie etwas anderes als Kino gemacht.

Marcos Kantis: Wir haben schon vor Jahren angefangen, auch fürs Fernsehen zu produzieren und das mittlerweile ganz erfolgreich. Ich will das nicht wiederholen, aber es ist natürlich total absurd, wenn wir bei einer ganz normalen Fernsehauftragsproduktion das gleiche verdienen wie bei einem Hochrisiko-Kinofilm wie "Styx". Wir haben 35.000 Zuschauer gemacht, da kommt gar nichts an. Der Verleih ist pleite gegangen. Ich glaube auch, dass man im Arthousekinobereich mehr für die kleinen Verleiher tun muss. Die Kleckerbeträge, die wir da bekommen, sind ein Witz. Unser Film war nicht präsent, wie auch mit einem P&A-Budget von 70.000 Euro. Es gibt auch einen Kultur- und Bildungsauftrag für Filme, wie wir sie machen. Es kann doch nicht sein, dass ich einen Fernsehfilm per Handschlag vom Auftraggeber bekomme, keine Anstrengungen bei der Finanzierung habe, sofort mit meinem Autor und Regisseur einen Handshake-Deal machen kann, und wir nach sechs, acht Monaten in Produktion gehen. An einem Kinofilm sitzen ich, der Autor und Regisseur sechs, sieben Jahre. Da stimmt etwas nicht.

Christoph Friedel: Es ist ja auch einfach schade, dass beim BKM jetzt viel mehr Geld für Filmproduktion vorhanden ist, und wie wenig dort für Verleih und Vertrieb ausgeben wird.

Marcos Kantis: Die Relation ist tatsächlich schräg. Die Filme müssen wahrgenommen werden, und dafür braucht man nicht nur ein Festival, sondern auch ein bisschen Marketing.

Hermann Florin: Viele Geschichten brauchen einfach ein bestimmtes Medium. Nicht alles ist fürs Kino richtig. Ich versuche, Geschichten zu erzählen. Das Medium, in dem sie erzählt werden, ist mir nicht egal, aber das muss man dann suchen. Es gibt Geschichten, die ihren Weg unbedingt ins Kino finden müssen, ob sie nun für viele Zuschauer oder für wenige sind. Es gibt auch Geschichten, die deutlich besser in Fernsehformaten oder in Streamingdiensten funktionieren. Es geht darum, für seine Geschichten die beste Erzählform zu finden.

Es müssten goldene Zeiten sein für alle, die Content schaffen. Noch nie ist so viel Bewegtbild nachgefragt und konsumiert worden. Wie ist Ihr Blick in die Zukunft?

Markus Goller: Ich empfinde das als total positiv. Wenn man etwas realisieren will, kann man es machen. Aber eine Sache ist mir wichtig. Über die Investition in neue Fördermodelle dürfen wir nicht vergessen, dass wir vor allem in den Zuschauer investieren müssen, damit das Kino erhalten bleibt. Ich war gerade in Italien, und dort scheint alles den Bach runter zu gehen, viele Kinos machen zu. Dort gehen nun Schulklassen von Staats wegen einmal in der Woche ins Kino, um sich Filme anzusehen. Wir müssen auch bei der Kulturförderung und in der Bildung darauf setzen, dass Kinder erfahren, was Kino ist. Mein Sohn geht ins Kino, aber sieht meist nur die Action-Blockbuster. Filme wie meinen Simpel" z.B. hätte er nicht auf dem Schirm. Da habe ich in einer Sondervorstellung die ganze Schule reingeschleppt. Das kam sehr gut an. Nicht nur wegen der Freistunden. Wir hatten intensive und wichtige Gespräche im Anschluss. Austausch, Kommunikation, das fehlt. Wir müssen Schüler und Lehrer begeistern. Ein Film wie "Styx" muss gesehen werden. Ein ganz wichtiges Thema! Wir müssen dafür sorgen, dass nicht nur die Herstellung gefördert wird, sondern auch die Vermarktung. Öffentlich-rechtliche Werbepflicht zum Beispiel. Film als Schwerpunkt in der Schulbildung. Diese Flüchtlingsgeschichte auf dem Meer muss man einfach sehen! Das ist nicht nur für junge Menschen wichtig. Sonst stirbt dieses Kino aus, und es gibt nur noch Familienfilme, Eventfilme und große Bestsellerverfilmungen wie "Der Junge muss an die frische Luft", der einfach 100prozentig gelungen ist, und im Kino noch funktioniert.

Sebastian Werninger: Meine Kinder wissen, was Netflix ist. Im Kino schauen sie sich nur ein-, zweimal im Jahr einen Film an. Die Wahrnehmung der Filme muss also gestärkt werden. Aber bei der Masse an Produktionen frage ich mich schon, wie alle platziert werden sollen, und wie es gelingen soll, einen Film lange genug im Kino zu halten. Das Problem ist doch auch, dass Filme viel zu schnell wieder verschwinden. Manche müssen sich aber im Kino erst entwickeln.

Peter Eiff: Das Kernproblem ist doch, dass Kino in Deutschland nicht den gleichen Stellenwert wie in Frankreich oder in England hat. Wir haben einen durchschnittlichen Pro-Kopf-Besuch von 1,3, in England 2,7, in Frankreich 3,2. Auch in UK gab es einen heißen Sommer, auch in UK gibt es Fußball, und trotzdem gehen die Besucherzahlen rauf. Die meisten Initiativen bei uns zielen auf die Leute ab, die schon ins Kino gehen. Es muss ein "Grassroots Effort" sein, der alle anspricht. Das ist nichts, was man von heute auf morgen löst, sondern kann auch einige Generationen dauern.

Florian Koerner von Gustorf: Film als Unterrichtsfach in unseren Schulen und gemeinsame Kinogänge sollte man auch in Deutschland verpflichtend einführen. Nur wird es immer dabei bleiben, dass es zu viele Filme gibt. So wie für die, die nicht Teil dieser Runde sind, nicht die richtigen Filme ausgesucht wurden, will auch niemand dafür sorgen, dass bestimmte Filme nicht produziert werden. Festivals funktionieren als kuratierter Ort. Das ist das Stichwort für das Kino in Zukunft. Im Wolf-Kino in Berlin funktioniert es z.B. gut, das zu wiederkehrenden Terminen Filme gezeigt werden und es sich damit zum Community-Kino entwickelt hat, wo man auch über Mundpropaganda von einem guten Film erfährt, den man noch nach drei Wochen sehen kann. So wird über die Filme gesprochen. Natürlich findet das auf einem Zuschauerniveau von 50.000 plus x statt. Aber wir sind international mit "Transit" in 36 Ländern im Kino gestartet. Was wollen wir mehr?

Claudia Steffen: Vielleicht muss man einfach auch akzeptieren, dass sich die Zeiten geändert haben. Es gibt nun mal die neuen Medien. Die Teenager gehen weniger ins Kino, weil sie im Gegensatz zu vor 20 Jahren viel mehr Möglichkeiten haben. Unser Wettbewerb sind doch andere Entertainment-Möglichkeiten. Wir machen die Erfahrung, dass sich das Alter der Kinobesucher nach hinten verschiebt. Ab Mitte 20 geht man wieder ins Kino und erlebt es als einen Ort der Kultur.

Hermann Florin: Kino ist ein emotionales Erlebnis, das die Leute vor der Glotze, vor dem Computer oder auf dem Handy nicht haben. Wenn wir jungen Menschen wieder begreiflich machen, dass Kino ein emotionaler Ort ist, dann finde ich es absolut richtig, hier zu investieren. Es geht auch nicht darum, noch mehr Subventionen einzufordern. Vielleicht muss nur die Verteilung anders sein. Ich glaube schon, dass viel zu viele Filme ins Kino gebracht werden.

Sebastian Zühr: Beim "schönsten Mädchen" haben wir die Erfahrung gemacht, dass der Impuls, sich eine Jacke anzuziehen und ins Kino zu gehen, sehr stark sein muss. Die jungen Leute müssen für zwei Stunden ihr Handy ausmachen und sind schon dadurch per se genervt. Aber wenn sie dann drin waren, triggert auch sie dieses Phänomen Kino. Der Film ist klar auf junge Zielgruppen ausgerichtet und hat sie schon sehr berührt. Für uns war es ein Geschenk, dass viele glückliche Zwölfjährige aus diesem Film kamen und Wow! gesagt haben. Das war Kino, da hatte ich Gänsehaut.

Das Gespräch führte Ulrich Höcherl