Kino

Tiefe Gräben im Kino-Tarifkonflikt

Ver.di spricht von "fehlender Wertschätzung" für Mitarbeiter, Cinemaxx von "völlig realitätsfremden Forderungen". Die Fronten im Tarifstreit sind verhärtet - zumal der Vorwurf im Raum steht, ver.di habe unnötig Zeit verstreichen lassen, um größtmöglichen Effekt mit Streiks zu erzielen. Vorstellungsaussfälle seien indes nicht zu beklagen gewesen.

25.04.2019 19:54 • von Marc Mensch
Mit Streiks zum Start von "Avengers: Endgame" will ver.di den Druck auf die Kinos erhöhen (Bild: Walt Disney)

Eines ist wohl sicher: Zu einem ungünstigeren Zeitpunkt als zum (bombastischen) Start von "Avengers: Endgame" hätten Cinemaxx und CineStar die von ver.di organisierten Streiks an diversen Standorten (die Gewerkschaft selbst spricht von mehr als 20) wohl kaum treffen können - auch wenn sich die Auswirkungen offenbar in Grenzen hielten. So ließ Cinemaxx auf Nachfrage wissen, dass man am Mittwoch - wie schon bei allen bisher stattgefundenen Warnstreiks im Rahmen der laufenden Tarifverhandlungen, wie auch im Rahmen der Tarifverhandlungen 2012 - "einen regulären Kinobetrieb ohne merkliche Einschränkungen" für die Gäste bieten konnte. Auch CineStar erklärt, dass es bislang zu keinen Vorstellungsausfällen gekommen sei. Gänzlich spurlos gingen die Streiks an den betroffenen Häusern allerdings offenbar nicht vorbei, zumindest kam es Presseberichten zufolge mitunter zu erheblichen Einschränkungen bei den Gastro-Services bzw. generell zu längeren Wartezeiten an den Kassen.

Dass ver.di gerade die von "Avengers: Endgame" geprägten Tage für Streiks vor der nächsten Verhandlungsrunde mit Cinemaxx am 30. April nutzen würde, lag natürlich auf der Hand - allerdings wirft die Kette der Gewerkschaft vor, eben diesen Gesprächszeitpunkt bewusst hinausgezögert zu haben. "Es ist mehr als offensichtlich, dass ver.di diesen späten Termin gewählt hat, um das wichtige Ostergeschäft sowie den Start von 'Avengers' einseitig für ihre Zwecke zu nutzen", hieß es schon nach der fünften (ergebnislosen) Verhandlungsrunde Ende März seitens Cinemaxx. Diesen Vorwurf weist Holm-Andreas Sieradzki als Verhandlungsführer von ver.di zurück. Man habe Cinemaxx schon während der fünften Runde der Gespräche "mehrfach deutlich darauf hingewiesen", dass "aus terminlichen Gründen" erst am 30. April (und damit just unmittelbar nach dem Startwochenende von "Avengers: Endgame") eine weitere Verhandlungsrunde möglich sei.

Auch sonst könnten die Darstellungen der beiden Seiten kaum weiter auseinanderliegen. So spricht Cinemaxx davon, ver.di habe in der dritten Verhandlungsrunde "ihre schon anfänglich massiven Forderungen im weiteren Verlauf zum wiederholten Male erhöht und sogar verschärft", dies trotz "mehrfachen Entgegenkommens von Cinemaxx". "Normalerweise bewegen sich die Verhandlungspartner im Sinne konstruktiver und respektvoller Verhandlungen schrittweise aufeinander zu. Das Vorgehen von ver.di ist hingegen irritierend. Es legt leider die Vermutung nahe, dass von ver.di eine Eskalation der Verhandlungen forciert wird", hieß es weiter. Holm-Andreas Sieradzki dementiert dies ausdrücklich. Demnach habe ver.di eine anfangs nur anhand einer Untergrenze erläuterte Forderung im späteren Verlauf vereinbarungsgemäß "konkret beziffert". Der Verhandlungsführer: "Ver.di hat im Verlauf der Verhandlungen mit Cinemaxx die Forderungen nicht erhöht."

Die im März getroffene Feststellung, Cinemaxx habe für Servicekräfte kein Angebot vorgelegt, konkretisiert er auf Nachfrage dahingehend, dass Cinemaxx zum Verhandlungsauftakt im Dezember 2018 mitgeteilt habe, dass der Einstiegslohn für Servicekräfte auf Mindestlohniveau verbleiben müsse (für die Gewerkschaft nach eigenen Angaben ein No-Go) - in weiteren Angeboten seien Servicekräfte nicht mehr erwähnt worden. Anzumerken ist an dieser Stelle natürlich, dass der gesetzliche Mindestlohn von 2018 auf 2019 um 35 Cent auf 9,19 Euro gestiegen ist und zum 1. Januar 2020 weiter auf 9,35 Euro erhöht wird. Ver.di fordert demgegenüber aktuell Einstiegsgehälter für Servicekräfte von 9,50 Euro in 2019 und zehn Euro ab 2020 (zuvor zehn Euro schon in diesem Jahr) - und stützt sich dabei auch auf eine Auskunft der Bundesregierung, wonach zum jetzigen Stand ein Stundenlohn von 12,63 Euro nötig wäre, um bei Eintritt in die Altersrente nicht auf eine Aufstockung durch Sozialleistungen angewiesen zu sein. Laut ver.di eine "Leitplanke" aktueller Forderungen.

Ohnehin fällt auf, dass ver.di mit absoluten Zahlen argumentiert, Cinemaxx hingegen mit Prozentwerten. Man habe demnach in der fünften Verhandlungsrunde am 26. März ein drittes Angebot von rund sieben Prozent Gehaltserhöhung in zwei Stufen vorgelegt. Was sich als reiner Prozentwert durchaus neben jüngsten Abschlüssen bzw. Forderungen von ver.di in anderen Branchen sehen lassen könnte. Demgegenüber beklagt man, ver.di beharre auf "absolut realitätsfernen Forderungen" und stellt fest: "Steigerungen von über 20 Prozent sind für kein Unternehmen wirtschaftlich tragbar." Und legt nach: "Unser aktuelles Angebot liegt schon heute deutlich über dem finalen Tarifergebnis 2015/16 - damals nach einem absoluten Kino-Rekordjahr!"

Zum anderen gibt es eine weitere entscheidende Diskrepanz in den Positionen. So spricht ver.di vom "Anspruch auf existenzsichernde Löhne" (ergo der Verweis auf die genannten 12,63 Euro). Cinemaxx hingegen kontert, dass die Forderung der Gewerkschaft von der Annahme ausgehe, "dass viele in der Kinobranche tätige Mitarbeiter in Vollzeit arbeiten und von dieser Tätigkeit ihren Lebensunterhalt bestreiten müssen". Dies, so die Kette, sei aber kaum der Fall. Tatsächlich sei der Anteil der in Vollzeit beschäftigten Servicekräfte/-manager, auf die sich die Forderungen von ver.di bezögen, "äußerst gering" und liege unter anderem bei Cinemaxx "nur im geringen einstelligen Prozentbereich".

Zudem habe man im Zusammenspiel mit der Einführung einer bereichsübergreifenden Arbeitsweise ("Service-Manager") ein eigenes Tarifangebot für längerfristig (mehr als fünf Jahre) beschäftigte MitarbeiterInnen gemacht. Ein Umstand, den ver.di auf Nachfrage nur in der Form erwähnte, dass "alle Angebote von Cinemaxx mit umfangreichen Änderungen im Manteltarifvertrag verknüpft" seien. Dazu ist anzumerken, dass der Service-Manager gemeinsam mit Betriebsrat und ver.di erprobt wurde, ein entsprechendes Projekt läuft in vier Häusern - laut Cinemaxx "sehr erfolgreich". Bei einer Umfrage hätten über 70 Prozent der befragten MitarbeiterInnen für die unternehmensweite Einführung gestimmt.

Ein wenig überflüssig ist die Bemerkung des stellvertretenden ver.di-Vorsitzenden Frank Werneke, die Beschäftigten und ver.di hätten "sehr wohl registriert, dass vorsorglich angeheuerten Streikbrechern mehr als zwölf Euro Stundenlohn gezahlt würde, während sich die Stammbelegschaft mit 9,19 Euro Einstiegslohn zufriedengeben soll". Dass sogenannte "Streikbrecher" höher als gewöhnlich honoriert werden, ist nun wahrlich keine Besonderheit dieser Tarifauseinandersetzung.

Und CineStar? Dort beschränkt man sich einstweilen auf folgende Feststellung: "Wir bemühen uns, ein Angebot an die Tarifkommission zu erarbeiten, dass sowohl der aktuellen Situation unserer Branche ausreichend Rechnung trägt als auch die Unterschiedlichkeit unserer Häuser sowie die regionalen Gegebenheiten berücksichtigt. Ziel muss es sein, ein für alle Häuser der Gruppe wirtschaftlich tragfähiges Tarifergebnis zu erzielen."