Festival

Antje Schadow zum Neiße Filmfestival: "Austausch fördern"

Am 7. Mai beginnt das 16. Neiße Filmfestival. Blickpunkt:Film sprach mit Antje Schadow aus dem Leitungsteam über das Unikat in der Festivallandschaft.

29.04.2019 10:20 • von Heike Angermaier

Am 7. Mai beginnt das . Blickpunkt:Film sprach mit Antje Schadow aus dem Leitungsteam über das Unikat in der Festivallandschaft.

Ein Filmfestival, das drei Länder und 20 Spielstätten verbindet. Wie bekommen Sie das organisatorisch unter einen Hut?

Antje Schadow: Das ist tatsächlich eine große Herausforderung, zumal die Spielstätten auch noch in drei jeweils anderssprachigen Ländern liegen - was in dieser Form für ein Filmfestival schon ziemlich einmalig sein dürfte, d.h. neben der räumlichen Distanz zwischen den Spielstätten müssen auch Sprachbarrieren überwunden werden. Das erfordert eine effektiv geplante Organisation, ein ausgeklügeltes Logistiksystem, sehr engagierte und fitte Mitwirkenden, zügig arbeitende Übersetzer - und trotz allem eine gewisse Flexibilität und Spontanität.

Was war die Idee zur Gründung des Festivals vor 16 Jahren?

AS: Die geografische Lage allein ist schon prädestiniert, den Schwerpunkt eines hier stattfindenden Filmfestivals auf die drei benachbarten Länder zu legen. Die Gründungsidee des Neiße Filmfestivals im Jahr der EU-Osterweiterung 2004 war, ein grenzüberschreitendes Filmfestival im Dreiländereck zu organisieren, um den seit der Wiedervereinigung stark unterrepräsentierten polnischen und tschechischen Filmen auf deutscher Seite eine Plattform zu bieten, aber auch die deutschen Filme in den Nachbarländern zu präsentieren und damit den Austausch der benachbarten Kulturen mit Hilfe des Mediums Film zu fördern. Der Grenzfluss Neiße wurde zum Namensgeber des Festivals, da er alle drei Länder miteinander verbindet - die Neiße-Fische, welche sich im Fluss völlig frei zwischen den Ländern bewegen können, dienen als symbolisches Vorbild für das Festival und die Preisskulpturen. Das Festival nutzt seine Grenzlage zugleich auch programmatisch: alle Wettbewerbe werden deutsch-polnisch-tschechisch ausgetragen. Das Festival entwickelt sich von Jahr zu Jahr immer stärker zu einer wichtigen Plattform für Filmemacher aus diesen drei Ländern.

Wie hat sich das Festival entwickelt - bei den Zuschauerzahlen, den Locations?

AS: Das Neiße Filmfestival war von Beginn an eine grenzüberschreitende Initiative der Kinoenthusiasten aus dem Kunstbauerkino in Großhennersdorf und als solche, viele Jahre mit viel ehrenamtlichen Engagement immer weiter entwickelt worden. Zum 1. NFF gab es eine polnische, zwei tschechische und drei deutsche Spielstätten und rund 800 Besucher, mittlerweile haben wir über 7.000 Gäste - Tendenz steigend. Ein wichtiger Entwicklungsschritt kam 2013 mit der Konzeptförderung der Sächsischen Kulturstiftung und 2015 mit der Aufnahme in die institutionelle Förderung des Freistaates Sachsen. Dadurch konnten sich erstmals angestellte Mitarbeiter kontinuierlich um die stetig wachsenden Aufgaben kümmern. Um das polnische und tschechische Publikum noch besser erreichen zu können, konnten seit 2013 dreisprachige Programmhefte und eine dreisprachige Website realisiert werden. Mittlerweile werden mehr als 120 Filme in mehr als 22 Kinos in 13 Orten in der gesamten Region in der Festivalwoche gespielt. Auch das Rahmenprogramm ist gewachsen mit täglichen Konzerten, Lesungen, Diskussionen oder Angeboten für das Fachpublikum.

Was sind die diesjährigen Programmschwerpunkte?

AS: Den Kern des Programms bilden die trinationalen Wettbewerbe in den Kategorien Spielfilm, Dokumentarfilm und Kurzfilm. Darüber hinaus gibt es weitere Filmreihen, u.a. den Fokus. 2019 lautet das Motto "Homo politicus". Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Europawahlen im Mai sowie der Landtagswahlen in Sachsen und Parlamentswahlen in Polen im Herbst 2019 werden in dieser Reihe die aktuellen politischen Entwicklungen näher betrachtet. Der Blick soll aber auch auf den Transformationsprozess der 90er Jahre gerichtet werden, der bis in die heutige Zeit in allen ehemaligen Ostblockländern zu undemokratischen Entwicklungen geführt hat. Diese Filmreihe wird von Lesungen, Diskussionen, Ausstellungen und Konzerten begleitet. Jährlich ehrt das Neiße Filmfestival eine wichtige Filmpersönlichkeit aus einem der drei Länder. Dieses Jahr geht der Ehren-Neiße-Fisch an die polnische Schauspieler-Legende Jan Nowicki. Aus seinem mehr als 240 internationalen Filmrollen zählenden Werk präsentieren wir eine Retrospektive mit Sanatorium zur Todesanzeige" (1973) von Wojciech Has, "Ich liebe dich - April! April" (1988) von Iris Gusner und "11 Minuten" (2015) von Jerzy Skolimowski.

Um die besondere, ländliche Atmosphäre unseres Festivals noch mehr hervorzuheben, haben wir dieses Jahr ein neues Angebot an das (Fach-)Publikum eingeführt, wörtlich gemeinte "Gespräche unterm Baum"; die Dokumentarfilmproduzentin Tina Leeb mit anwesenden Regisseuren und Produzenten führt.

Lassen sich Themen ausmachen, die aktuell in den Beiträgen aus allen drei Ländern besonders ausgeprägt sind?

AS: Im diesjährigen Spielfilmwettbewerb geht es um soziale und familiäre Themen, vor allem aber wird auf das Zurechtfinden in der heutigen Welt geschaut. Im Dokumentarfilmwettbewerb ist das überwiegende Thema Migration, das Verlassen der alten Heimat, um sich in einem anderen Land eine neue, bessere Zukunft aufzubauen.

Was ist Ihr persönliches Highlight aus dem Programm?

AS: Eine sehr besondere Spielstätte des Neiße Filmfestivals befindet sich im tschechischen Varnsdorf. Das fantastische Kino "Centrum Panorama" verfügt über die entsprechende Technik, inklusive gewölbter Leinwand, um 70mm Filme zu projizieren. Ich hoffe sehr, mir einen der zwölf in der Festivalzeit präsentierten Filme in diesem besonderen Format ansehen zu können - ein Filmgenuss, der jedem Kinoliebhaber sehr zu empfehlen ist.

Die Fragen stellte Heike Angermaier