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LaCinetek-Projektleiter Andreas Wildfang: "Lizenzgeber sehen Portal für Klassiker positiv"

Im Februar startete der deutsche Ableger der französischen VoD-Plattform LaCinetek mit Fokus auf das europäische Filmerbe. Blickpunkt:Film sprach mit Projektleiter Andreas Wildfang.

25.04.2019 17:20 • von Jörg Rumbucher
Andreas Wildfang, Projektleiter LaCinetek und Geschäftsführer von EYZ Media (Bild: EYZ Media)

Im Februar startete der deutsche Ableger der französischen VoD-Plattform LaCinetek mit Fokus auf das europäische Filmerbe. Blickpunkt:Film sprach mit Projektleiter Andreas Wildfang.

BF: Wie kam es in Frankreich zur Gründung der VoD-Plattform LaCinetek?

AW: Bei LaCinetek handelt es sich um die Initiative der drei FilmemacherInnen Pasacale Ferran, Laurent Cantet und Cédrick Klapisch, die gemeinsam festgestellt hatten, dass die Präsenz von Filmklassikern in der digitalen Landschaft sehr gering ist. Dann haben sie sich gefragt, wie man das ändern könne. Eine Möglichkeit wäre gewesen, anhand bestehender Kanonlisten möglichst viele Filme auf einer Plattform zu versammeln. Das hätte wahrscheinlich den Rahmen gesprengt. Außerdem sahen sie darin keinen Ansatz, das Interesse für Klassiker zu wecken. Daher kamen sie auf die Idee, dass sie selbst die Kuratoren eine auf das Filmerbe ausgerichteten Plattform sein müssen. Da alle Drei in der Filmszene gut vernetzt sind, fanden sie den Ansatz geeignet, andere FilmemacherInnnen zu fragen, nach Listen zu fragen. Also: Welche Filme haben in eurem Leben eine Rolle gespielt? Welche Filme sollten andere filmbegeisterte Menschen sehen?

BF: Wie wird im Kontext von LaCinetek der Begriff "Filmklassiker" definiert? Ein Horrorfilmfan würde diese Frage völlig anders beantworten als ein geschulter Arthouse-Spezialist.

AW: Bei LaCinetek wurde diese Diskussion einfach abgekürzt, in dem man gesagt hat, dass es im Kern um Filme aus dem 20. Jahrhundert gehen soll. Darüber hinaus liegt es im freien Ermessen der beteiligten Kreativen, welche Filme ihnen am Herzen liegen. LaCinetek vertraut auf die mitwirkenden FilmemacherInnen. Wir reden hier von etablierten RegiseurInnen wie Maren Ade, Leo Carax, die Dardenne-Brüder, Christoph Hochhäusler, Park Chan Chan-woo, Wim Wenders und vielen anderen. Demnächst wird Martin Scorsese mit seiner Liste als Kurator vertreten sein. Ich denke, dass man solchen Leuten vertrauen kann, Filme mit Relevanz zu empfehlen.

BF: Wir fanden im LaCinetek-Angebot den Zombie-Klassiker "Die Nacht der lebenden Toten" von George A. Romero. Elitär scheint die Auswahl nicht zu sein ...

AW: LaCinetek wäre ein sehr elitäres Angebot, wenn die beteiligten KuratorInnen nur elitäre Filme aussuchen würden. Das passiert de facto nicht. Bei der Pressekonferenz während der Berlinale war es sehr spannend Regisseuren wie Wenders und Hochhäusler zuzuhören. Wie sie über Filme redeten, die sie als Kinder und Jugendliche beeindruckt haben. Ist doch klar, dass das nicht zwingend Filme von Jean-Luc Godard gewesen sein müssen. Es geht um eine subjektive Auswahl, nicht um das Herunterbeten eines wie auch immer gearteten Filmkanons. Wenn wir FilmemacherInnen einladen mitzumachen, sagen wir ihnen: Schaut mal vorher auf die Website, damit nicht exakt die Filme genannt werden, die schon da sind. LaCinetek versteht sich als ein auf das vor allem europäische Filmerbe ausgerichtetes Projekt, das aber weder US-Filme noch Zombie-Klassiker ausschließt. LaCinetek soll Spaß machen. Dazu gehört auch Entdeckungslust. Ich persönlich fände es großartig, wenn KuratorInnen beispielsweise rumänische Filme nennen würden. Oder andere Länder berücksichtigen würden: Können Sie aus dem Stand zehn bulgarische Filme aufzählen? Ich nicht, und wenn man mal einen auf diesem Weg zu sehen bekäme, wäre das doch sehr spannend.

BF: Wir finanziert sich LaCinetek, bzw. wie erfolgte die Startphase?

AW; LaCinetek ist ein Non-Profit-Projekt unter dem Dach der Organisation La Cinémathéque des Réalisateurs. Frankreich ist bekanntlich ein Land, das auf sein Filmerbe sehr stolz ist. Von daher gab es eine breite Unterstützung des Staates. Dazu kamen konkrete Fördermaßnahmen von Creative Europe. Das gute an der Struktur ist: Da es keine Gesellschafter oder Investoren gibt, die einen ständigen Mittelabfluss verursachen könnten, kann das erwirtschaftete Geld umgehend wieder für Technik und Lizenzen zurückgeführt werden. Finanziell betrachtet, handelt es sich um einen geschlossenen Kreislauf. Es ist übrigens auch so, dass die drei Gründer nach wie vor im LaCinetek-Vorstand sitzen. Daran sieht man, wie wichtig ihnen die Plattform ist.

BF: Wie hat sich LaCinetek in Frankreich seit dem Start im November 2015 entwickelt?

AW: Sehr gut. Im Dezember 2018 zählte LaCinetek zu den 20 erfolgreichsten VoD-Plattformen Frankreichs. Unter den Spezialanbietern hat sie sich bereits einen Namen gemacht, so dass man in Frankreich von einer Erfolgsgeschichte sprechen kann. Diese ließe sich auch an konkreten Abrufzahlen belegen. Pro Monat erfolgen mehrere Tausend Abrufe.

BF: Wie sind Sie ins Spiel gekommen für die deutsche LaCinetek-Ausgabe?

AW: Soweit ich weiß, haben die Franzosen bei ihren deutschen Kollegen gefragt, mit wem man in Deutschland zusammenarbeiten könne. Offenbar wurde EYZ Media genannt, für die ich als Geschäftsführer tätig bin. Erstmals getroffen haben wir uns auf der Berlinale 2018. Ein Jahr später konnten wir dort den offiziellen Start bekannt geben.

BF: Was genau ist Ihre, bzw. die Aufgabe von EYZ Media?

AW: Zum Hintergrund: EYZ Media hat zwei Geschäftsfelder. Das eine ist der Betrieb der VoD-Plattformen universcine.de und realeyz.de, dem Portal für Indiefilme. Daneben bietet EYZ Media als technischer Dienstleister zahlreiche Komponenten, die für den Betrieb einer VoD-Plattform relevant sind. Für LaCinetek.de gewährleisten wir den technischen Betrieb und kümmern uns um alle organisatorischen Angelegenheiten wie Customer Service, Presse, Marketing, Lizenzabwicklung. Das erfolgt alles in Abstimmung mit den Kollegen in Frankreich.

BF: Warum ist den Gründern die Expansion nach Deutschland von Bedeutung?

AW: Die Gründer hatten von Anfang an die Vision eines Portals für das europäische Filmerbe. Von daher war klar, dass LaCinetek nicht auf Frankreich beschränkt bleiben dürfe. Das Tolle ist, dass die Plattform in Frankreich so erfolgreich läuft, dass der Deutschland-Launch zumindest teilweise aus Mitteln der französischen LaCinetek finanziert werden konnte.

BF: Die Plattform beschränkt sich auf die Vertriebsarten EST und TVoD, ist also auf ein transaktionales Modell ausgerichtet ...

AW: Das ist nicht ganz richtig. In Frankreich haben die Kollegen schon seit Längerem ein Abo-Modell implementiert, das wir in der nächsten Zeit übernehmen werden. Der LaCinetek-Logik folgend, handelt es sich um eine kuratierte Zusammenstellung mit jeweils zehn Titeln, die für 2,99 Euro pro Monat angeboten wird. Jeden Monat wird nach einem bestimmten Thema neu kuratiert. Läuft in Frankeich extrem gut. Sicher deswegen, weil SVoD inzwischen sehr verbreitet ist, und von Konsumenten auch gewollt ist. Anstatt für 2,99 Euro einen Film auszuleihen, den man vielleicht nicht so einschätzen kann, bekommen User eine thematische Auswahl. Auf diese Weise werden Nutzer an Filmklassiker gut herangeführt. Denn machen wir uns nichts vor: Sie und ich sind mit Namen wie Godard, Antonioni oder Wertmüller vertraut. Aber viele Menschen, vor allem jüngere, sind es nicht. Wie auch? Die Filme sind ja fast nie zu sehen. Da aber eine grundsätzliche Neugierde an dem Thema besteht, und die Nachfrage von den großen Plattformen nahezu ignoriert wird, sehen wir gute Chancen, mit einem Abomodell erfolgreich zu sein. Zumal es bei LaCinetek offenbar nicht so ist, dass sich SVoD und transaktionales Abrufen kannibalisiert. Mit dem Anstieg der Abo-Abschlüsse sind in Frankreich auch die transaktionalen Abrufe gestiegen.

BF: Wie viele Filme stehen auf der deutschen Seite inzwischen zur Verfügung?

AW: Um die 200. Bis Jahresende sollen es etwa 1000 Filme sein. Die französischen Kollegen haben es bereits auf 2000 gebracht.

BF: Sie sind auch für die Lizenzen zuständig. Wie schwierig ist es, für ein solches Projekt, an Rechte zu kommen?

AW: Wenn ich ehrlich bin: Einfach ist es nicht. Was ich nicht machen kann: Bei Lizenzgebern, von denen man weiß, dass sie Filmklassiker im Portfolio haben, vorstellig zu werden und zu sagen: Was habt ihr denn so? Ich muss auf die Listen der KuratorInnen schauen und Film für Film nach den Lizenzinhabern suchen. Dabei hat sich herausgestellt, dass viele Titel bei den Majors liegen, also Disney, Warner, Fox, Universal, MGM, Paramount usw.. In Deutschland kommt die Besonderheit hinzu, dass aufgrund der Geschichte von Kinowelt heute viele Filmrechte von Studiocanal verwaltet werden. Alles in allem wird die Notwendigkeit eines eigenen Portals für Klassiker von den Lizenzgebern durchaus positiv gesehen. Weil die Rechteinhaber längst die Erfahrung gemacht haben, dass diese Titel auf Mainstream-Plattformen nicht besonders gut funktionieren. Von daher gibt es eine grundsätzliche Bereitschaft, mit uns zu kooperieren. Es braucht dann im Einzelfall eine gewisse Zeit, bis sich das in konkreten Verträgen umsetzen lässt. Abgesehen davon: Wir haben bereits eine Partnerschaft mit der Deutschen Kinemathek und streben weitere Kooperationen an: Im Blick haben wir Organisationen wie das DIF, die DEFA- und die Murnau-Stiftung. Dazu kommen diverse Filmarchive im In- und Ausland sowie Filmmuseen. Teilweise befinden wir uns schon in Gesprächen.

BF: Frustrierend ist das Lizenzgeschäft also nicht?

AW: Man erlebt Enttäuschungen, aber ich betrachte den Lizenzerwerb als eine hochspannende Entdeckungstour, die grundsätzlich Spaß macht. Jeden Monat loszuziehen und neue Quellen für Lizenzerwerb zu entdecken, hat nichts Frustrierendes, auch wenn man feststellen muss, wie schwierig es sein kann, Rechte für Pasolini-Filme zu bekommen. Das eigentliche Problem liegt woanders: Es fehlt Lizenzgebern manchmal der Glaube, dass es sich lohnen könnte, ihre Filme für die Digitalauswertung aufzubereiten. Viele Filmklassiker führen ein Schattendasein, weil sie den Sprung vom Kino über DVD nichts ins Digitale geschafft haben. Das wollen wir ändern.

BF: Profitiert ein Projekt wie LaCinetek davon, dass die Fernsehsender das Thema Filmklassiker in den letzten Jahren nahezu aufgegeben haben?

AW: Ja und nein. Die weitgehende Aufgabe der Klassikerpflege im Fernsehen hat zunächst einmal dazu geführt, dass enorme Wissenslücken entstanden sind. So gesehen, erschwert dies unsere Arbeit. Andererseits ist eine Leerstelle entstanden, in die wir hineingehen können. Und LaCinetek hat in Frankreich bewiesen, dass sich genügend Menschen für Filmklassiker interessieren. Es spricht sich herum, dass Klassiker einfach auch wunderbare Filme sind, die man genießen kann, ohne zwingend den ganzen filmhistorischen Hintergrund zu kennen. Die Öffentlichen-Rechtlichen haben das Thema weitgehend an Arte delegiert. Aber selbst dort gibt es die Tendenz auf Einschaltquoten zu schauen. Die mit Klassikern befassten RedakteurInnen stehen unter Druck für ihr Programm Sendeplätze zu finden. Letztlich haben wir eine eigentümliche Situation: Niemand bestreitet die Bedeutung des Filmerbes, vieles wird wunderbar restauriert. Aber für die Praxis des Zugänglichmachens hat dies kaum Konsequenzen. Sich um das Filmerbe zu bemühen, darf jedenfalls nicht bedeuten, dass man Filme rein technisch erhält, sie dann aber nur in den Archiven lagert.

BF: Droht ein Projekt wir LaCinetek im großen "Streaming War" unterzugehen? Immer mehr Global Player drängen ins Streaminggeschäft: Apple, Disney Warner etc.

AW: Ich musste neulich schmunzeln, als in einer Pressemitteilung für eine neue VoD-Plattform davon die Rede war, dass man nicht mit Netflix konkurrieren wolle. Ich dachte nur: Ja wie denn auch, wenn man nicht zu den Global Playern zählt? Netflix und Amazon spielen in einer völlig anderen Liga. 85 Prozent der VoD-Erlöse gehen auf das Konto der international agierenden Anbieterdienste. Der deutsche Videomarkt ist zwei Mrd. Euro schwer und etwas mehr als die Hälfte davon entfällt inzwischen auf den Digitalvertrieb. Von diesem Kuchen benötigen wir ja nur ein vergleichsweise kleines Stück. Und das Segment der "Spezialanbieter" wächst. Das Thema Filmklassiker ist natürlich eine Nische, aber sie ist nicht so klein, dass eine ökonomisch tragfähige Plattform unmöglich wäre. Den Streaming War können wir uns vergleichsweise gelassen anschauen. Ich bin selbst sehr gespannt, wie das Hauen und Stechen der Global Players enden wird. Zumal schon jetzt absehbar ist, dass die Wachstumsraten im SVoD-Geschäft abflachen werden.

BF: Aber gibt es nicht innerhalb der Nischenanbieter eine Art Konkurrenzkampf?

AW: Alleskino.de hat Klassiker, ist aber auf den deutschen Film fokussiert. Mubi hat hin und wieder Klassiker, die aber nicht den Schwerpunkt des Programms bilden. Mir fällt kein anderer Nischenanbieter ein, der sich so mit dem Thema beschäftigt wie wir.

Infos zu LaCinetek

Am 10. Februar 2019 startete der Ableger der französischen VoD-Plattform LaCinetek in Deutschland und Österreich. Bei der Präsentations im Rahmen der diesjährigen Berlinale erklärte Gründungmitglied Cédric Klapisch: "Es war immer der Wunsch von LaCinetek, in andere europäische Länder zu expandieren, um die grenzüberschreitende Verbreitung der Filmklassiker onlin zu fördern." Weitere Gründung mitglieder sind Pascale Ferrant und Laurent Cantet. In Frankreich ging LaCinetek am 5. November 2015 online. Seitdem haben über 60 RegisseurInnen mehr als 1000 Filme kuratiert. Im deutschen Angebot kostet ein Kaufdownload 7,99 Euro, die Ausleihe 2,99 Euro. Eine Abo-Variante ist in Vorbereitung.