Produktion

Schipper zu "Roads": Ich wollte keinen Problem-Film machen"

Sebastian Schipper meldet sich nach seinem sechsfach Lola-prämierten "Victoria" mit "Roads" zurück. Blickpunkt:Film sprach mit ihm über das Drama, das am 25. April Weltpremiere in Tribeca feiert, die "komplexe, tiefgründige, alchemistische Arbeit" des Filmemachens und sein US-Projekt "Silent".

18.04.2019 14:23 • von Heike Angermaier
Sebastian Schipper (Bild: Studiocanal/Eniac Martinez)

Sebastian Schipper meldet sich nach seinem sechsfach Lola-prämierten "Victoria" mit Roads" um zwei junge Männer, die Freunde werden, zurück. Das Drama feiert am 25. April Weltpremiere in Tribeca und startet am 30. Mai in den deutschen Kinos.

"Roads" ist wie der Titel andeutet ein Roadmovie. Er ist auch ein Coming-of-Age-Film und erzählt die Geschichte einer Freundschaft und eines Flüchtlings. Was war Ihnen am wichtigsten?

Sebastian Schipper: Mir ging es in erster Linie darum, die Geschichte von zwei Menschen zu erzählen, die Freunde werden und zwar so, dass der Zuschauer deren Umarmung am Ende glaubhaft findet und nicht als bloße Behauptung sieht. Es geht um zwei 18-Jährige, die ihren Platz in der Welt suchen und mit all der damit verbundenen Schönheit, dem Schmerz und dem Wahnsinn konfrontiert werden. Der eine kommt aus London, der andere aus dem Kongo und ist eben auch Flüchtling. Mir war wichtig, dass der Zuschauer am Anfang nicht weiß, was der Film von ihm will, in welche Richtung er geht. Ich wollte keinen Message- oder Problem-Film machen, sondern einen Film, in dem alles möglich scheint.

Sie haben wie bei "Victoria" auch produziert. Als Koproduktion mit Frankreich war "Roads" sicher aufwändiger auf die Beine zu stellen?

Sebastian Schipper: Filme zu drehen, ist immer aufwändig, sei es nur emotional betrachtet. Aber es ist natürlich ein Unterschied, ob man in Marokko, Spanien und Frankreich oder nur in Berlin dreht. Dennoch würde ich "Victoria" in keiner Kategorie, die man sich vorstellen kann, als einfacher beschreiben. Ich habe zwar in meinem eigenen Bett geschlafen, aber alles andere war unfassbar wahnsinnig. So dass es, auch wenn man in drei verschiedenen Ländern dreht, einfach nur beruhigend ist, dass man schneiden darf. Was bei "Victoria" ja nicht der Fall war.

Mussten Sie sich erst einmal erholen?

Sebastian Schipper: "Victoria" drehte ich 2014, "Roads" 2017. Drei Jahre Abstand zwischen zwei Kinofilmen ist in Deutschland eigentlich normal. Aber tatsächlich war eigentlich ein anderes Projekt geplant gewesen. Ich wollte meinen ersten Film in den USA drehen. Aber das ist noch viel komplizierter auf die Beine zu stellen als eine Koproduktion mit Frankreich. Also habe ich mich dem Herzensprojekt "Roads" zugewandt und es vorgezogen. Ich habe es mit Oliver Ziegenbalg sehr schnell geschrieben und mit David Keitsch sehr schnell produziert. Vom Budget, der Größe des Teams und dem Aufwand der Produktion war "Roads" natürlich größer als "Victoria".

War der Druck nach sechs Lolas und einem Silbernen Bären für "Victoria" nicht auch sehr hoch?

Sebastian Schipper: Der Druck ist immer da. Wenn man Kino macht, will man etwas Tolles, Besonderes schaffen und muss dann immer wieder feststellen, wie schwierig es ist, einen überraschenden, glaubwürdigen und emotionalen Film zu schaffen. Es ist verrückt, was für eine komplexe, tiefgründige, alchemistische Arbeit das Filmemachen ist. Bei höherem Budget, mehreren Partnern, die alle etwas erwarten, gibt es zwar mehr Druck, aber die eigene Hoffnung ist der größte Druck.

Wie kamen Sie zu ihrem französischen Partner Kazak Productions?

Sebastian Schipper: Jonas Dornbach von Komplizen Film stellte den Kontakt zu Jean-Christoph Reymond und der in Paris angesiedelten Kazak Productions her. Komplizen Film und meine Firma Missing Link sind eng verbunden. Mit Missing Link bin ich bei Toni Erdmann" als Koproduzent eingestiegen und Komplizen Film ist jetzt auch als Koproduzent bei "Roads" dabei.

Wie schwierig war es, die Szenen in Calais zu drehen?

Sebastian Schipper: Wir haben dort sehr genau und lange recherchiert und mit den Freiwilligen-Organisationen vor Ort gearbeitet. Die Küche und das Lager für Kleidung für die Flüchtlinge waren original. Wir haben auch ein paar Schüsse ohne Genehmigung gedreht. Alles andere haben wir in Dünkirchen nachgebaut und nachgestellt mit Statisten, die zum größten Teil aus Paris kamen, da die Leute vor Ort keine Papiere hatten und die französische Polizei und andere Ämter es nicht erlaubten, mit ihnen zu arbeiten. Die jungen freiwilligen Helfer haben uns dagegen sehr unterstützt - mit ihrer Expertise und teils mit ihren Autos.

Sie hatten ein internationales Team, mit Matteo Cocco einen italienischen Kameramann, mit Monica Coleman eine französische Editorin. Wie war die Zusammenarbeit?

Sebastian Schipper: Wir hatten ursprünglich mit einen französischen Kamermann geplant, der uns sehr kurzfristig absagte, was ich als großen Vertrauensbruch sehe und suchten händeringend Ersatz. Es war ein megaglücklicher Zufall, dass Matteo begeistert vom Projekt war und Zeit hatte. Ich hatte den von ihm gefilmten Babai" beim Filmfest München gesehen. Im Nachhinein betrachtet hätten wir niemand Besseren finden können. Monica Coleman, die mit François Ozon arbeitete, empfahl uns Koproduzent Jean-Christoph Reynaud. Bei einer französischen Koproduktion muss eine gewisse Anzahl von Posten französisch besetzt werden. Die Zusammenarbeit mit den Franzosen war eine tolle und spannende Erfahrung für uns Deutsche. Man merkt, dass Frankreich eine andere Filmkultur hat, in der der Filmemacher eine ganz andere Bedeutung hat. Für die Franzosen war es sicher auch anstrengend, weil wir viel improvisiert, den Drehplan auch mal umgeworfen haben. Die werden sich schon manchmal gedacht haben, "Mensch, sind die unprofessionell", aber ich bleibe beim Dreh eben gerne flexibel, will auf den Moment reagieren können.

Haben Sie am Set auch mit den Schauspielern improvisiert?

Sebastian Schipper. Im Gegensatz zu "Victoria", wo der Input der Schauspieler in den Dialogen sehr hoch war, entspricht "Roads" zu 99 Prozent dem Drehbuch. Wir haben vorab Leseproben gemacht und ich fragte Fionn Whitehead, wie er als junger Londoner etwas sagen würde. Was tatsächlich nicht im Drehbuch stand, war die lange Umarmung am Ende. Ben Chaplin, der den Vater von Fionns Gyllen spielt, hat uns darauf gebracht und gesagt, dass eine richtige Umarmung 20 Sekunden dauert. Wir haben nur die Reihenfolge geändert, etwa den Dialog, in dem Stéphane Baks William Gyllen erzählt, wie er nach Marokko gekommen ist, weiter nach hinten geschoben. Zwei 18-Jährige, die sich fremd sind, reden erst mal über Fußball bevor sie einander etwas Persönliches offenbaren.

Wie haben Sie überhaupt ihre beiden tollen Hauptdarsteller gefunden und Moritz Bleibtreu gewonnen?

Sebastian Schipper: Auf klassischem Weg über Caster in London und Paris. Das Ungewöhnliche war, dass, als mir Jina Jay Fionn Whitehead vorschlug, er noch nicht in Dunkirk" gespielt hatte und man ihn außerhalb Großbritanniens noch nicht kannte. Sehr sympathisch fand ich, dass Ecastings nicht sein Ding ist. Für die Rolle des William überlegte ich ganz zu Anfang, sie vielleicht mit einem jungen Mann aus Westafrika zu besetzen, aber das war naiv. Das kann schon an irgendwelchen Einreisegenehmigungen scheitern - ganz abgesehen von der Verantwortung, die man übernehmen würde. Und da traf ich auch schon Stéphane Bak aus Paris, der mich mit seinem Charisma ebenso beeindruckte wie Fionn.

Mit Moritz Bleibtreu wollte ich schon immer arbeiten, schon für meinen ersten Film Absolute Giganten" war er im Gespräch und auch bei meinen folgenden Filmen. Ich habe mich sehr gefreut, dass er auf diese verrückte Rolle Lust hatte.

Wie sind Sie zur Musik gekommen? Sie arbeiteten nach "Absolute Giganten" wieder mit The Notwist.

Sebastian Schipper: Es war relativ schwierig, die richtige Musik zu finden. Der Film ist ja auch eine Arthousetragödie. Wir erzählen zwar von der Verrücktheit und dem Optimismus der Jugend, aber die Geschichte der Freundschaft ist in einer sehr ernsten Welt verortet. Die Musik nimmt den Zuschauer bei der Hand und erzählt mit, in was für eine Art von Film man ist. Um die Ambivalenz auszudrücken, sie mit Poesie auszugestalten, braucht man großes Feingefühl - wie eben von den Acher-Brüdern Markus und Micha von The Notwist. Die Musik ist die innere Musik der Protagonisten.

Wie verlief der Schnitt?

Sebastian Schipper: Da "Roads" eine geschlossene Geschichte erzählt, hatten wir den Film sehr schnell geschnitten, aber es war nicht der Film, den wir wollten. Wir nahmen uns noch einmal viel Zeit, um ihn wirken zu lassen, gewisse Szenen und Reihungen ganz genau anzusehen, den Musikeinsatz zu verändern. So hat es doch bis zum Herbst gedauert, ihn fertig zu machen.

Dann hätte es mit einer angedachten Premiere in Cannes im letzten Jahr nicht geklappt?

Sebastian Schipper: Wie alle Filmemacher träumten wir von einem Start dort, aber im Nachhinein bin ich froh über die Absage. Entscheidend ist schließlich, dass man einen guten Auftritt hinlegt. In Cannes gezeigt zu werden, ist kein Selbstläufer. Der Film war zu dem Zeitpunkt nicht so weit. Manches war noch zu deutlich ausgesprochen. Jetzt hat "Roads" die richtige Balance, was die Stimmung wie den Informationslevel betrifft - und ist in Tribeca gut aufgehoben.

Bei "Roads" haben Sie erstmals mit einem Koautor, Oliver Ziegenbalg, gearbeitet. Wie war es?

Sebastian Schipper: Es war fantastisch. Ich werde nie mehr alleine schreiben und ab jetzt immer mit ihm arbeiten. Bei meinem US-Projekt nach dem Buch der Terrorismus-Expertin Jessica Stern "Denial: A Memoir of Terror" schrieben wir auch zusammen das Drehbuch. Wir haben auch angefangen, an einem ganz neuen, deutschen Stoff zu arbeiten, bei dem vielleicht noch ein anderer Koautor dazu stößt.

Wie ist der Stand beim Jessica-Stern-Film?

Sebastian Schipper: "Silent", so heißt er jetzt, soll nun wirklich mein nächster Film werden. Mit CAA, meiner Agentur in den USA, die auch das Packaging macht, suche ich eine A-List-Schauspielerin und kümmere mich dann um die Finanzierung. Es wird kein so teures Projekt werden, mit einem Budget von zehn bis zwölf Mio. Dollar. Ganz so schnell geht es allerdings nicht, weil man nicht mehrere A-List-Stars parallel ansprechen darf. Ich habe im letzten Herbst die Rechte am Buch gekauft nachdem wir sie zuvor nur optioniert hatten. Man muss aufpassen, ich hätte reich entlohnt werden, aber die Rechte am Stoff verlieren können.

Das Gespräch führte Heike Angermaier