Kino

KOMMENTAR: Man soll die Feste feiern, wie sie fallen

Das gilt für Ostern, das die geschätzte Kinoklientel wieder bei schönstem Wetter verbringen darf, hoffentlich gegen Abend wohltemperiert vor der großen Leinwand. Das gilt für Feier- und sonstige Jubeltage, nur nicht für das Kinofest, das einfach nicht auf einen festen Termin fallen will.

18.04.2019 07:42 • von Jochen Müller
Ulrich Höcherl, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Das gilt für Ostern, das die geschätzte Kinoklientel wieder bei schönstem Wetter verbringen darf, hoffentlich gegen Abend wohltemperiert vor der großen Leinwand. Das gilt für Feier- und sonstige Jubeltage, nur nicht für das Kinofest, das einfach nicht auf einen festen Termin fallen will. Es fehlt am inflationär beschworenen Branchenkonsens. "Ganz Deutschland geht ins Kino", so lautet das schöne, hoffnungsfrohe Motto für eine seit Monaten in Planung befindliche Großveranstaltung, die Kino in der Wahrnehmung des hiesigen unterhaltungswilligen Publikums wieder zum Ereignis und zum Tagesgespräch machen soll. Ganz Deutschland geht nämlich nicht ins Kino, sondern gerade einmal 37 Prozent der Überzehnjährigen, also etwa 25 Mio. Menschen. Der Rest geht nie ins Kino, und das nicht erst, seit es Netflix gibt. Die schockierende Reichweite macht die kinoabstinenten Deutschen zum Schlusslicht in Europa. Überall begeistert man sich mehr für die Siebte Kunst. In Frankreich gehen 68 Prozent der Bevölkerung wenigstens einmal im Jahr ins Kino, im Brexit-Einzugsbereich sind es sogar 78 Prozent. So schön es ist, die kinoaffinen Deutschen mit immer spitzerem Zielgruppenmarketing in überschaubaren Scharen vor die Leinwand zu treiben, so toll wäre es doch, mit einer simplen Aktion dafür zu sorgen, dass die abstinenten Massen auch mal (wieder) Lust auf Kino bekommen. Nun darf man natürlich nicht zu viel von einem Kinofest erwarten. In Frankreich gibt es das schöne "Fete du Cinema", bestimmt vom CNC, der dortigen FFA, angemessen gefördert, wo es vier Tage lang Kino zum kleinen Preis insbesondere für die Jugend des Landes zu erleben gibt. Alle französischen Verleiher werfen dann ihre besten Filme ins Rennen. Schließlich gilt es nicht, Schaden durch Preisdumping zu nehmen, sondern ein Vielfaches an Zuschauern zu generieren, die eventuelle Umsatzeinbußen nicht nur wettmachen, sondern sogar zusätzliche Einnahmen verursachen. Womöglich lassen sie sich sogar als begeisterte Kunden für die Zukunft gewinnen. Im Nachbarland Frankreich scheint das zu gelingen und offenbar auch in der Schweiz. In Deutschland runzeln Verleiher sorgenvoll die Stirn, steht doch zu befürchten, kleine Umsätze bei großen Zuschauerzahlen reporten zu müssen. Dabei könnte diese Aktion der Einstieg in das vielbeschworene gemeinsame Handeln sein, verbunden mit mehr Entgegenkommen bei heiklen Themen wie dem Datenteilen. Aber auch alle Kinos sind nicht so einfach spontan zu begeistern. So verstreicht wieder Zeit und eine gute Gelegenheit, auch bei schönem Wetter viel Wind ums Kino zu machen. Noch lebt die famose Idee in den Köpfen begeisterter Kinomacher weiter, und vielleicht findet sich ja noch ein Konsens, vor allem aber ein Termin, damit sich auch das Kinofest feiern lässt, wie es fällt. Besser noch in diesem Jahr.

Ulrich Höcherl, Chefredakteur