Kino

"Einfach mal anfangen!"

Kommt es oder kommt es nicht schon in diesem Jahr? Vor einem Kinofest gilt es noch einige Hürden aus dem Weg zu räumen. Wir sprachen mit einem der Vorkämpfer.

16.04.2019 11:48 • von Marc Mensch

Als Mitgesellschafter des Bonner WOKI und als einer der Sprecher der NIKO-Gruppe im HDF ist Vincent Bresser einer der frühesten Mitstreiter für die Idee des an die "Fete du Cinema" angelehnten bundesweiten Kinofestes. Wir sprachen mit ihm über die Hürden, die es noch zu überwinden gilt.

BLICKPUNKT: FILM: Was steckt hinter der Idee des Kinofests?

VINCENT BRESSER: Wer auf der Filmwoche München war, erinnert sich sicher noch an die flammende Rede von Hooman Afshari zur Notwendigkeit eines Rucks, der durch die Kinobranche gehen muss. Die damals von ihm aufgebrachte Idee hat nicht nur uns sofort gefallen. Gemeinsam mit dem KinoNEA haben wir als Sprecher der NIKO-Gruppe die Idee in diese Runde getragen und dort weiterdiskutiert - und parallel liefen an vielen Stellen ganz ähnliche Gespräche. Dass etwas geschehen muss ist allen klar - und die Idee traf einen Nerv, entwickelte sich weiter. Am Ende saßen Vertreter unterschiedlichster Bereiche an einem Tisch und haben gemeinsam an einem Plan geschmiedet. Und das ganz und gar auf Augenhöhe, egal ob nun Einzelbetreiber oder Kettenchef, Indie- oder Major-Vertreter.

BF: Noch gibt es ja den einen oder anderen Player, der erst überzeugt werden muss. Aber wie steht es denn grundsätzlich um die Resonanz in der Branche?

VB: Ich denke man hat auch beim Kongress sehr klar gesehen, wie viele Leute von der Idee überzeugt sind und absolut hinter ihr stehen. Natürlich gibt es auch Skeptiker, natürlich gibt es Player, die eigene Interessen gefährdet sehen. Solche Bedenken darf man auch nicht einfach abtun. Es ist völlig klar, dass ein Kinofest nicht die einzige Maßnahme sein kann, um wieder zurück in die Erfolgsspur zu finden. Aber es wird doch niemand ernsthaft bestreiten können, dass es wichtig ist, jetzt endlich einmal überhaupt etwas anzupacken, einfach mal anzufangen, anstatt sich Jahr für Jahr gegenseitig die gleiche einleuchtende Erkenntnis vorzuhalten. Nämlich jene, dass etwas geschehen muss, dass wir Einigkeit zeigen müssen. Entscheidend ist, das negative Image, welches dem Kino momentan in der Presse verliehen wird, wieder zu korrigieren. Weder stirbt das Kino, noch hat Netflix die Hoheit über gute Filme! Ich denke, wir beschreiten mit dem Kinofest den richtigen Weg - und der überwiegende Teil der Branche scheint das ähnlich zu sehen.

BF: Was überwiegt gerade? Die Freude darüber, wie viele Leute sich an einem Tisch eingefunden haben? Oder der Frust darüber, dass es nun womöglich am entscheidenden Quäntchen fehlt?

VB: Es überwiegt tatsächlich die Freude darüber, wie weit wir schon gekommen sind, wie breit die Gemeinschaft bereits ist, die sich da zusammengefunden hat - und wie sehr man übliche Konkurrenzgedanken ausblenden konnte. Allerdings hat jeder gerade in den letzten Tagen wieder gemerkt: Es ist nicht ganz einfach. Die Terminfindung ist nicht einfach und die Gespräche mit dem einen oder anderen Verleiher sind es erst recht nicht. Vom VdF mit einer Aussage wie "präsentiert ein Konzept, dann können wir weiterreden" konfrontiert zu werden, ist sehr bedauerlich. Denn der Punkt ist doch: Es ist an Allen, dieses Konzept zu entwickeln, die Crux ist doch, dass es gemeinschaftlich erarbeitet wird. Und die Verleiher können an einer solchen Maßnahme doch kein geringeres Interesse haben als die Kinos: Wenn es uns schlecht geht, geht es Ihnen kaum besser.

BF: Einzelne Betreiber haben sich dafür ausgesprochen, Filme von Verleihern, die nicht mitziehen wollen, schlicht nicht einzusetzen. Wäre mit einem solchen Konfrontationskurs der Sache gedient?

VB: Nein, das sehe ich nicht so. Schließlich geht es doch gerade darum, dass das Kinofest aus der gesamten Branche kommen und für die gesamte Branche gestaltet werden soll. Dazu passt eine Konfrontation nicht, ganz abgesehen davon, dass schon die jüngere Vergangenheit gezeigt hat, dass ein solcher Kurs gar nicht funktionieren würde. Wenn sich die aktuellen Fronten tatsächlich nicht auflösen, wird man sehen müssen, wie man damit umgeht. Aber jetzt sollte es uns darum gehen, Leute zu überzeugen, nicht darum, sie auszugrenzen. Auch wenn die Zeit drängt.

BF: Das französische Kinofest dauert vier Tage; hierzulande ist erst einmal ein sehr viel kürzerer Zeitraum angedacht: Könnte ein lediglich eintägiger Event überhaupt etwas bewirken?

VB: Ich bin mir sicher, dass auch ein eintägiger Event nennenswerte Außenwirkung entfalten kann. Wir haben in der großen Runde lange über diesen Punkt nachgedacht, zumal uns ein mehrtägiges Kinofest ohne Zweifel am liebsten wäre. Aber beim ersten Mal muss man einfach gewisse Kompromisse eingehen, zumal es ja noch keinen Beweis dafür gibt, dass eine solche Aktion hierzulande ähnlich gut aufgenommen wird wie in Frankreich oder der Schweiz. Also fangen wir lieber mit einem kleinen Pflänzchen an, das wachsen kann, als daran zu scheitern, dass es noch schwieriger wäre, gleich in die Vollen zu gehen. Tatsächlich sieht man am Beispiel der Schweiz, dass ein eintägiges Konzept wunderbar aufgehen kann: Der "Allianz Tag des Kinos" ist der besucherstärkste Sonntag im Jahr. Nach meinen Informationen wurden dort zuletzt etwa fünf Mal so viele Tickets verkauft wie an einem durchschnittlichen Sonntag. Wichtig ist ja wie gesagt vor allem die mediale Aufmerksamkeit.

BF: Aber macht ein einzelner Tag die Programmierung nicht umso schwieriger?

VB: Das mit Sicherheit. Der Punkt ist schließlich: Ein Kinofest besteht nicht nur aus niedrigen Eintrittspreisen. Da muss wirklich etwas passieren, da muss sich das Kino als lebendiger Ort zeigen, den aufzusuchen sich lohnt, da muss auch eine programmatische Vielfalt her. Das ginge natürlich vor allem in Kinos mit wenigen Leinwänden nicht, wenn man gezwungen wäre, einzelne Filme in allen Schienen zu spielen. Vielleicht wäre die Pille von Vorstellungsausfällen leichter zu schlucken, wenn man sie über mehrere Tage verteilen könnte? Wie dem auch sei, ein Kinofest muss für den Gast spannend sein, da müssen wir hinkommen.

Das Gespräch führte Marc Mensch