Kino

KOMMENTAR: Die große Anstrengung

Die große Aufbruchstimmung herrschte vielleicht noch nicht in Baden-Baden, aber eine ungefähre Vorstellung, welch große Anstrengung vor der Kinobranche liegt, stellte sich schon am ersten Tag ein.

11.04.2019 07:55 • von Jochen Müller

Die große Aufbruchstimmung herrschte vielleicht noch nicht in Baden-Baden, aber eine ungefähre Vorstellung, welch große Anstrengung vor der Kinobranche liegt, stellte sich schon am ersten Tag ein. Dabei sind die Herausforderungen bestimmt nicht nur digital, sondern vor allem analog. Natürlich wurde beim jährlichen Treffen der Kinobetreiber noch einmal im Detail das deprimierende Kinojahr 2018 analysiert. Mit eindrucksvollen Zahlen von GfK, ComScore und FFA zeigte sich, dass die sorgenvoll konstatierte Kinomüdigkeit der Deutschen bestimmt nicht nur dem Wetter und der WM geschuldet ist - Phänomene, mit denen sich der Markt letztes Jahr nicht zum ersten Mal auseinander setzen musste. Sicher lag es auch am Programm, bei dem wenige Titel Generationen übergreifend zu begeistern wussten. Und bestimmt trägt auch die Konkurrenz der Streamingdienste zur Ablenkung bei. Immerhin konnte im Home Entertainment Markt, der 2018 ein Rekordjahr mit über zwei Mrd. Euro Gesamtumsatz hinlegte, SVoD einen staunenerregenden Zuwachs um über 70 Prozent im Vorjahresvergleich hinlegen, auf immerhin 865 Mio. Euro. Gut möglich also, dass schon dieses Jahr mehr Geld für Streamingdienste ausgegeben wird als an der Kinokasse. Gleichzeitig zählt ein Gutteil der Streamingnutzer zu den treuesten und eifrigsten Kinobesuchern. Nun träumen alle davon, dass die Kinobetreiber bald soviel über ihre Kunden wissen, wie die Streamingkonkurrenz über ihre Abonnenten. Und natürlich muss jede Anstrengung unternommen werden, um hier mehr Daten zu sammeln und sie endlich auch mit allen, die im selben Boot sitzen, zu teilen. Dazu gab es dann auch von der Verbandspitze eindringliche Aufrufe, bei denen nicht ganz klar wurde, wie sich dieses Defizit nun a tempo aufholen lässt.

Klar wurde aber auch bei den vielen präsentierten Zahlen, dass dem Kino schon lange vor dem Aufkommen der digitalen Konkurrenz Millionen Kinogänger abhanden gekommen sind. Der Anteil derer, die überhaupt ins Kino gehen, ist im europäischen Vergleich erschreckend gering und sinkt noch weiter. Etwas scheint also auch mit der Erfahrung vor Ort nicht zu stimmen. Ganz viele Kinobetreiber geben sich alle Mühe, um das Erlebnis in ihren Häusern zu perfektionieren. Aber nicht wenige Kinos in der Stadt und in der Fläche entsprechen nicht dem Standard. Das schadet auch den Anstrengungen der engagierten Kollegen. Bei allen Bemühungen, die Segnungen der Digitalisierung endlich in einem gemeinsamen Kraftakt für die gezielte Kundenansprache einzusetzen, muss vor allem die große Anstrengung unternommen werden, das Kinoerlebnis in vielen Häusern auf das erforderliche Niveau zu heben. Dem Aufruf des FFA-Präsidenten ist nichts hinzuzufügen: Die Kinos brauchen hier jede Unterstützung - nicht nur die des Landwirtschaftsministeriums.

Ulrich Höcherl, Chefredakteur