Kino

"Das Kino zu erhalten, ist eine nationale Aufgabe"

Fällt der Groschen diesmal? Thomas Negeles Appell zur Eröffnung des Filmtheaterkongresses war vielleicht nicht neu, aber sicherlich so eindringlich wie nie zuvor: Die Zukunft des Kinos lässt sich nur gemeinsam gestalten. Für seine Förderung warf sich wiederum die Politik ins Zeug - und ganz besonders der FFA-Präsident.

09.04.2019 18:25 • von Marc Mensch
FFA-Präsident Bernd Neumann hatte klare Botschaften zur Eröffnung des Filmtheaterkongresses mitgebracht (Bild: Mike Auerbach / HDF Kino)

Ich habe die Frage ja schon einmal zu anderer Gelegenheit in den Raum gestellt, wiederhole sie aber gerne - zumal sie diesmal aus dem Mund des noch amtierenden HDF-Vorstandsvorsitzenden Thomas Negele kam: Wieso teilt man eigentlich so wunderbare Clips, die die Liebe zum Kino perfekt einfangen, nicht mit dem regulären Publikum? Denn tatsächlich wurde der Filmtheaterkongress (nach den ersten Tradeshows) diesmal mit einem Sizzle-Reel eröffnet. Der Titel: "The Power of Cinema is Universal" - was auch schon den Verleih verrät, der es beigesteuert hatte. "Das ist es doch, wofür wir jeden Tag aufstehen!", rief Negele aus, während der Applaus abebbte - "Jetzt müssen wir das nur noch nach Außen tragen!"

Leichter gesagt als getan. Und vor allem viel häufiger gesagt als getan. Negele selbst verwies darauf, vor wie vielen Jahren er erstmals eindringlich an die Kinos appelliert habe, entscheidende Herausforderungen in einer digitalen Welt - nicht zuletzt die Kundenansprache - gemeinsam anzugehen. Um die Dringlichkeit seines Anliegens zu unterstreichen, griff er indes nicht auf jüngste Kinozahlen zurück, die schließlich auch hinlänglich bekannt sein dürften. Sondern illustrierte, wie SVoD den Markt aufrollt. Alleine im vergangenen Jahr sei die Streamingnutzung um ein Drittel gestiegen, die Hälfte aller 14- bis 19-Jährigen sehe Filme online. Zum Wettstreit um Aufmerksamkeit und Zeitbudget tritt zunehmend auch jener um die Produktionen - denn wo neue Player kreative Kräfte an sich binden, haben klassische Kinoproduktionen zunehmend Personalprobleme. Tatsächlich ging Negele so weit, zu mahnen, man solle sich genau überlegen, was es bedeute, dass Netflix künftig in die FFA einzahle - insbesondere hinsichtlich der Fensterfrage.

Das eine Patentrezept für die Zukunft des Kinos wird dieser Filmtheaterkongress nicht liefern. Kann er aber auch nicht - schließlich dürfte Einigkeit dahingehend herrschen, dass es beileibe keine One-Size-Fits-All-Lösung gibt, dazu ist die Branche zu heterogen. Aber selbstverständlich gibt es Themen (womit wir wieder bei der digitalen Kundenansprache wären) die branchenweit anzugehen sind. Und klar ist auch: Welche Maßnahmen die Kinos auch immer im Einzelnen umsetzen werden - sie werden Geld kosten. Viel Geld. Dass es gelungen ist, ein "Zukunftsprogramm Kino" im Koalitionsvertrag zu verankern, ist nicht zuletzt auch ein Verdienst von Thomas Negele, der den Verband in etwa dann verlässt, wenn diese Fördermaßnahme mit der Vorstufe eines Soforthilfeprogramms seine Arbeit aufnehmen soll. Fünf Mio. Euro stehen dank des Engagements der Parlamentarierinnen und Parlamentarier von Union und SPD für diese Soforthilfe nun zur Verfügung - und dass es sich nur um einen ersten Schritt handelt, dem ein größerer folgen soll, machte die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Union, Gitta Connemann, in einer eigens aufgenommenen Videobotschaft klar. "Wir, die Große Koalition, wollen erhebliche Mittel bereitstellen, um Sie in die Zukunft zu begleiten!" Das kann sich hören lassen.

Vermissen konnte man an dieser Stelle womöglich eine Einlassung aus dem Hause der Kulturstaatsministerin - und tatsächlich ließ ihr Amtsvorgänger die Gelegenheit zu einem kleinen Seitenhieb nicht ungenutzt. Er selbst wäre in dieser Position nicht auf die Idee gekommen, eine solche Maßnahme dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft zu überlassen, so FFA-Präsident Bernd Neumann. Und er hatte eine klare Botschaft an Monika Grütters im Gepäck: Gegenüber dieser Soforthilfemaßnahme müsse das eigentliche Zukunftsprogramm "substanziell aufgestockt" werden. Das Programm sei unverzichtbar - und "nicht nur für Kinos in der Fläche!" Neumanns klare Ansage an den Bund: "Das Kino zu erhalten ist eine nationale Aufgabe!" Damit will er die Länder zwar nicht aus ihrer Mitverantwortung entlassen. Aber die Marschrichtung müsse doch der Bund vorgeben - und sich dabei nicht noch mehr Zeit lassen, als seit der Verfassung des Koalitionsvertrages verstrichen ist. "Sonst ist es zu spät!", so Neumann.

Gewisse Diskrepanzen zu Grütters taten sich auch auf einem anderen Feld auf. Nicht, dass ein größerer Dissens hinsichtlich der Feststellung bestünde, dass für die Kinos der Content immer noch am wichtigsten sei - und das es beim so wichtigen deutschen Film kein quantitatives Problem gebe. Doch bei der Frage, wie man zu mehr erfolgreichen Filmen gelangt, trennen sich die Wege wohl wieder. Denn den von Neumann auch in Baden-Baden angepriesenen Leitlinien (die die FFA stärker als Spitzenförderung positionieren sollen) hatte Grütters bekanntermaßen eine mehr als deutlich Absage erteilt.

Auch auf die Frage der Präsenz von SVoD-Titeln im Wettbewerb renommierter Festivals ging der FFA-Präsident noch am Rande ein - und sprach dabei von "leicht zu durchschauenden Werbemaßnahmen der VoD-Anbieter". Von der neuen Berlinale-Leitung wünschte er sich diesbezüglich eine Klarstellung, denn es dürfe "kein Dammbruch" passieren. Und noch ein abschließendes Statement Neumanns, das man sich gerne besonders zu Herzen nehmen kann: "Nur mit Optimismus wird man etwas bewegen!" In diesem Sinne: Auf das Kino!