Kino

KOMMENTAR: Mach mal kein' Stress!

Billig ist eine Reise nach Las Vegas nicht gerade. Flug, Hotel, Verpflegung. Und dann noch die 900 Dollar, die man für einen "Admit One«-Pass" für die CinemaCon hinlegen muss.

04.04.2019 07:47 • von Jochen Müller

Billig ist eine Reise nach Las Vegas nicht gerade. Flug, Hotel, Verpflegung. Und dann noch die 900 Dollar, die man für einen "Admit One«-Pass" für die CinemaCon hinlegen muss. Gerade den Zweiflern und Haderern in der Branche sei der Wochentrip wärmstens empfohlen. Das Investment lohnt sich. Weil das, was man mit nach Hause nimmt, unbezahlbar ist. Und damit meine ich nicht die tollen Eindrücke, die man bei den millionenschweren Präsentationen der Studios mitnimmt, wenngleich die auch nicht schlecht sind. Ich meine auch nicht das punktgenaue Gefühl, das man in den vier Tagen im Caesar's Palace dafür bekommt, was der Branche, Kinos wie Verleihern, aktuell wirklich auf den Nägeln brennt. Wirklich unbezahlbar ist es mitzuerleben, wie unverkrampft, umsichtig, pragmatisch und immer positiv die Amerikaner mit den Herausforderungen umgehen, mit der die Branche konfrontiert wird. Ohne den überstrapazierten Spruch vom "He's a glass half full kind of guy" bemühen zu wollen, ist es inspirierend, Führerschaft in Aktion zu sehen, die sich ihrer Vorbildfunktion immer bewusst ist.

Nun ist John Fithian, der den amerikanischen Kinobetreiberverband NATO seit 2000 führt, nicht unumstritten im eigenen Verband, aber keiner könnte dem ehemaligen Rechtsanwalt vorwerfen, er sei kein Aushängeschild für seine Branche, ein Leuchtturm in einem volatilen Geschäftsfeld und ein ausgezeichneter Diplomat, der lieber Taten sprechen lässt als mit markigen Sprüchen rumzupoltern. Fithian kann sich die Abwicklung des digitalen Rollouts als ewige monumentale Leistung ans Revers heften. Und ist auch jetzt wieder ein Anführer, wie man ihn sich besser nicht wünschen kann.

Minus im ersten Quartal? Kino ist ein zyklisches Geschäft. Bedrohung durch Streamingdienste? Disney hat sich fest zum Auswertungsfenster bekannt. Und überhaupt Netflix? Gute Leute, gute Firma, Roma" ist ein toller Film, wir werden mit ihnen ins Geschäft kommen. Das Ende des Kinos? Das Geschäft ist immer so gut wie die Filme, die man zeigen kann. Und die Filme für 2019 sehen super aus. Also mal kein Stress machen.

John Fithian ist ein "true believer": Er ist überzeugt von der Einzigartigkeit und Überlegenheit des Kinoerlebnisses. Aber er ist auch kein Fantast oder Narr. Den eigenen Mitgliedern gibt er klar mit auf den Weg: Nur wer investiert und mit der Zeit geht und seine Kinos so führt, dass jeder Besuch aufs Neue ein Erlebnis ist, wird nicht auf der Strecke bleiben.

Um zu begreifen, dass diese Ansagen keine Lippenbekenntnisse sind in einer von Veränderung gebeutelten Industrie, in der die Aufl ösung von Fox wohl nicht die einzige große Erschütterung in diesem Jahr bleiben wird, muss man indes vor Ort sein, auf der CinemaCon in Las Vegas.

Die Reise lohnt sich. Man kehrt beseelt von Kino zurück nach Deutschland. Undweiß: Mach mal kein' Stress.

Thomas Schultze, Chefredakteur