Produktion

Rosenmüller: "Ich will nicht kalkuliert Filme drehen"

Marcus H. Rosenmüller ist mit dem Lola-nominierten Biopic "Trautmann" und ab 4. April mit dem Kinderfilm "Unheimlich perfekte Freunde" in den Kinos. Blickpunkt:Film sprach mit dem vielseitigen und produktiven Filmemacher über seine Karriere und kommende Herausforderungen.

01.04.2019 10:59 • von Heike Angermaier
Marcus H. Rosenmüller (Bild: Manuela Theobald)

Marcus H Rosenmüller ist mit dem Lola-nominierten internationalen Biopic Trautmann" und ab 4. April auch mit dem Kinderfilm Unheimlich perfekte Freunde" in den Kinos. Blickpunkt:Film sprach mit dem vielseitigen und produktiven Filmemacher über seine Karriere und kommende Herausforderungen.

Wie kam es dazu, dass gleich zwei ihrer Filme nur wenige Wochen nacheinander in den Kinos landeten?

MHR: Beide Filme waren fertig, haben aber ein ganz unterschiedliches Zielpublikum. "Unheimlich perfekte Freunde" ist im Gegensatz zu "Trautmann" oder auch "Wer früher stirbt, ist länger tot" ganz klar ein Kinderfilm, für den ein Start vor den Osterferien einfach perfekt ist. Es ergab sich einfach, dass beide Filme zu einem ähnlichen Zeitpunkt realisiert werden konnten. Davor hatte ich vier Jahre nicht gedreht. Es war schon heftig, nach dem Dreh von "Trautmann" im Sommer 2017 direkt in den von "Unheimlich perfekte Freunde" im Winter zu springen. Aber es sind beides Stoffe, für die ich brenne. "Trautmann" beschäftigte mich seit vielen Jahren. Und das Drehbuch zu "Unheimlich perfekte Freunde" von Nora Lämmermann und Simone Höft setzte die Themen, die ich in einem eigenen Kinderfilmdrehbuch begonnen hatte, zu verarbeiten, so humorvoll und gar nicht moralisch um, dass ich es unbedingt verfilmen wollte.

Welche Themen sind das? Und ist der Film nicht vielmehr auch an Eltern, Erwachsene gerichtet?

MHR: Bei dem Film werden Kinder und Eltern etwas mitnehmen können. Es geht uns um ganz prinzipielle Fragen. Warum denke ich statt an die Zukunft oder darüber, welchen Mehrwert das hat, was ich gerade tue, nicht ans Jetzt und genieße den Moment? Warum mache ich nicht das, was mir Spaß macht, wozu ich Talent habe? Wie schon bei Wer früher stirbt ist länger tot" und Perlmutterfarbe" behandele ich auch in "Unheimlich perfekte Freunde" große Themen aus der Sicht von Kindern. Sie sind aber natürlich eins zu eins auf Erwachsene übertragbar. Das Drehbuch erzählt von der in jedem steckenden Sehnsucht, perfekt zu sein, statt sich mit seinen Stärken und Schwächen zu akzeptieren.

Unser Film ist auch ein Aufruf an die Schulen, den Kindern nicht die Lust am Lernen zu nehmen und kein Aussieb-System zu betreiben. Kinder werden immer früher dazu trainiert, am sogenannten Ernst des Lebens teil zu nehmen, ihre Zeit zu spielen wird immer weiter begrenzt. Auch deswegen gibt es wie bei Laurel & Hardy eine Tortenschlacht.

Sie arbeiten sicher auch gerne mit Kindern zusammen? Sie spielen toll, insbesondere Hauptdarsteller Luis Vorbach.

MHR: Ja, aber ich arbeite genauso gern mit erwachsenen Schauspielern. Sie müssen aber das haben, was die Kinder haben, mit denen ich arbeite, Spaß am Spiel! Vor Schauspielern, die das Schauspielen zu ernst nehmen, habe ich Angst, muss ich gestehen.

Unsere jungen Darsteller mussten auch Talent haben und das, was von ihnen verlangt wurde, schnell umsetzen können, sonst wären wir beim hohen technischen Aufwand für das Doppelgängermotiv auch in die Bredouille mit dem für Kinderschauspieler ohnehin sehr engen Zeitplan gekommen.

"Trautmann" ist Ihr erstes internationales und bis dato aufwändigstes Projekt. Wie schwierig war es zu meistern?

MHR: Die große Herausforderung war, den Film zu finanzieren. Nachdem wir das Budget zusammen hatten, gab es für mich als Regisseur eigentlich keine Schwierigkeiten, die nicht zu bewältigen gewesen wären, sondern nur Herausforderungen im positiven Sinne, wie die technische Umsetzung der Fußballszenen und die Anpassung an die Fünfzigerjahre. Darin hatte ich durch Schwere Jungs" schon Erfahrung. Der größte Unterschied zu meinen vorherigen Filmen war die Sprache. Aber bei einem so ausgezeichneten Cast gab es kein Problem. Nur die Authentizität des Mancunian-Dialekts, wie er in Manchester gesprochen wird, kann ich nicht persönlich beurteilen. Da musste ich Muttersprachlern wie unserem Darsteller John Henshaw oder unserem Koproduzenten Chris Curling vertrauen. Natürlich war das Budget höher, weil der Aufwand größer war, aber die Produktion war enorm professionell und alles war bestens organisiert. Es hat großen Spaß gemacht.

So viel, dass Sie gleich den nächsten internationalen Film drehen wollen oder zieht es Sie zurück nach Bayern?

MHR: Es kommt für mich nur aufs Thema an. Habe ich eine Idee zu einem Film, der in Miesbach spielt, dann verorte ich ihn auch dort. "Trautmann" spielt in England, also drehte ich auf Englisch. Die größere Überraschung ist doch, dass "Unheimlich perfekter Freunde" mein erster hochdeutscher Film ist. Das lag daran, dass das an mich herangetragene Drehbuch in einer beliebigen deutschen Stadt spielt. Der Leistungsdruck für Schüler gilt überall. Wir drehten ihn in Wien, München und Leipzig.

Wie beurteilen Sie die Besucherzahlen von "Trautmann"?

MHR: Die Resonanz in den Kinos, die ich bei den Premieren und der Kinotour miterlebte, ist großartig, aber ich hätte mir natürlich zum Kinostart viel mehr Zuschauer gewünscht, auch wenn wir jetzt erst einmal abwarten müssen, wie der Film sich noch weiter in den Kinos entwickeln kann. Man kann einfach nicht wissen, wie ein Film läuft. Ich habe auch definitiv nicht die Nase dafür, ich dachte, dass Sommer der Gaukler" mein größter Publikumserfolg werden könnte, aber er entpuppte sich als größter Flop. So ist es halt, dafür ist es immer spannend. Ich kann halt nur die Filme machen, von denen ich überzeugt bin und für die ich brenne. Und für "Trautmann" habe ich gebrannt!

Ich gehe unheimlich gerne auf Kinotour, weil man mit dem Publikum in Kontakt kommt. Deswegen mache ich überhaupt Kino. Beim Fernsehen hat man nur die Einschaltquoten, aber ob oder wie der Film die Leute bewegt hat, bekommt man nicht mit.

Auch die Stimmung bei den Aufführungen in England war übrigens toll. Wir hatten eine Premiere in Manchester, die von Man City und dem Sportmuseum unterstützt wurde. In England läuft der Film am 5. April an.

Stört es Sie, dass Sie das Etikett "bayerischer Filmemachmacher" haben bzw. als Regisseur von Heimatfilmen gelten?

MHR: Mir war es lange Zeit egal, auch wenn ich mich nie als Heimatfilmer gesehen habe und mir überhaupt kein Etikett geben würde. Ich finde den Begriff "Heimat" schwierig. Für mich ist er vielleicht der Geruch von Kartoffelsuppe. Ich würde ihn nicht mehr geographisch verorten. Er wird meines Erachtens in Bayern viel zu viel gebraucht. Die Renaissance des Begriffes macht mich hellhörig.

Wie wichtig ist es für Sie, sich beim Dreh mit bekannten Mitstreitern wie u.a. Komponist Gerd Baumann, Ausstatter Doerthe Komnick und Johannes Sternagel oder Kameramann Stefan Biebl zu umgeben?

MHR: Es ist toll, weil sie auch großartige Freunde sind. In einer bereits eingespielten Zusammenarbeit kann man Missverständnisse leichter vermeiden, aber ich umgebe mich auch gerne mit frischen Kräften, die einen anderen Blickwinkel, neue Ideen einbringen. Man will sich ja nicht wiederholen. So arbeite ich am liebsten mit einem gemischten Team aus bewährten und neuen Kräften. Wir fordern uns dabei gegenseitig heraus. Erfahrungen, die wir aus den unabhängig voneinander gemachten Filmen gesammelt haben, können wir in die nächste Zusammenarbeit einfließen lassen. Es gab tatsächlich noch nie Jemanden, mit dem ich gar nicht mehr zusammenarbeiten könnte.

Wie sieht das bei Ihrer Zusammenarbeit mit Produzenten aus? Mit den Kollegen von Lieblingsfilm oder auch bei u.a. Roxy Film?

MHR: Den Leuten bei Roxy Film bin ich sehr verbunden. Sie haben mich bei meinem Langfilmdebüt "Wer früher stirbt ist länger tot" unterstützt. Mit ihnen entwickle ich das Projekt Meine depressive Laufgruppe". Mit Lieblingsfilm bin ich noch viel länger und enger verbunden. Stefan Betz, Thomas Blieninger und ich gründeten 1998 die Firma für unsere Kurzfilme. 2008 haben wir uns mit den gleichgesinnten Produzenten Philipp Budweg und Johannes Schmid von Schlicht und Ergreifend zusammengeschlossen. 2010 kam Robert Marciniak als Geschäftsführer und kreativer Produzent dazu.

Gemeinsam mit Aichholzer Film entsteht Ihr erster Animationsfilm.

MHR: Beim Rotzbub" arbeite ich seit ein paar Jahren als Koregisseur mit Santiago Lopez zusammen, der sich vornehmlich um die Animation kümmert. Das Projekt ist in der finalen Phase und könnte im nächsten Frühjahr fertig sein. Der Film ist eine weitere, sehr besondere Herausforderung. Es gibt halt nichts, was nicht aus dem Nichts entsteht. Jedes Gesicht, jede Straße, jede Bewegung, wirklich jedes Detail muss ein Beschluss sein. Die Geschichte von Rupert Henning erzählt - inspiriert von Manfred Deix' Erinnerungen an seine Kindheit - von einem Rotzbub und ist mit den Persönlichkeiten aus Deix' heftigen, derben Karikaturen bevölkert. Die Optik orientiert sich eng an seinen Vorlagen.

Sie realisieren auch Dokumentarfilme, gerade einen Film über die Band Dreiviertelblut. Wie ist hier Ihre Herangehensweise im Vergleich zum Spielfilm?

MHR: Es geht um die sehr gegensätzlichen und sich ergänzenden Köpfe der Band: Sebastian Horn, er ist auch als Sänger der Bananafishbones bekannt und Gerd Baumann. Und es geht um ihre Musik und poetischen Texte, die das Leben feiern und den Tod thematisieren . Johannes Kaltenhauser, mit dem ich Hubert von Goisern - Brenna tuat's schon lang" gemacht habe, und ich wollen ein bisschen experimenteller vorgehen und wissen noch nicht genau, wie wir unsere lustigen Fantasien umsetzen werden.

Beim Spielfilm gehe ich jedenfalls anders vor. Ich suche mir ein Thema, bastele mir eine Dramaturgie, nutze dabei alle Möglichkeiten von Kunst und Unterhaltung, um einen Film zu kreieren, der seinen Subtext visualisiert und trotzdem unterhält. Ich investiere weit mehr Zeit ins Drehbuch, muss es dann aber in einer kurzen Zeitspanne drehen. Bei einer Dokumentation lasse ich mich nicht hetzen. Ich bin Beobachter und bestimme nicht die Geschehnisse. Das Drehbuch wird mehr beim Drehen und im Schneideraum geschrieben.

Ihr Werk verbindet eine optimistische Grundhaltung, Lebenslust. Ein Horrorfilm wäre wahrscheinlich nicht Ihr Ding?

MHR: Das entspricht meiner Haltung. Ich versuche Filme zu machen, bei denen die Leute hoffnungsvoll, gutgelaunt, mit einem positiven Lebensgefühl aus dem Kino gehen. Einen Film zu drehen, der die Welt besser machen kann, wäre mein Traum! Wobei es natürlich anmaßend ist, zu behaupten, man wüsste, was für die Welt besser ist. Dennoch: bei "Unheimlich perfekte Freunde" könnte es mir ein bisschen gelingen. Einige Kinder werden sich besser fühlen, nachdem sie den Film gesehen haben.

Natürlich weiß ich, dass es in meinen Filmen manchmal zu harmonisch zugeht. Aber ich will eben, dass es harmonisch zugeht und kämpfe dafür, dass das als eine künstlerische Entscheidung angesehen wird. Meine Filmhochschulfilme wurden nur selten auf Festivals gezeigt. Ich drehte dann bewusst einen Film, der düsterer ist und schlecht ausgeht. Er wurde tatsächlich auf mehr Festivals gezeigt, aber ich selbst hab mich nicht so sehr in dem Film wiedergefunden, und da habe ich beschlossen: Ich will nicht kalkuliert Filme drehen, um von Festivals und vom Feuilleton gemocht zu werden . Natürlich wünsch ich mir aber leider immer noch, von ihnen gemocht zu werden.

Einen Horrorfilm aber würde ich gerne einmal drehen! Aber ich habe dazu kein Drehbuch. Es ist aber auch nicht so leicht: Ein Horrorfilm, bei dem man gutgelaunt mit einem positiven Lebensgefühl aus dem Kino geht.

Haben Sie Lust, auch mal eine Serie in Angriff zu nehmen?

MHR: Ich habe mich bei der Filmhochschule beworben, weil ich Serien machen wollte. "Münchner Geschichten" oder "Irgendwie und Sowieso" waren meine Vorbilder. Und ich bin immer noch aufgeschlossen, welche zu machen. Mit Peter Probst entwickelte ich auch ein Konzept für eine Serie. Wir müssen uns dafür zusammensetzen, wenn Zeit dafür ist. Ich bin Neuem gegenüber prinzipiell aufgeschlossen, auch bei Genres.

Wie sehen Sie die Zukunft des Kinos?

MHR: Ich war schon immer nicht modern, war Fan von Simon & Garfunkel und bin es noch von Bob Dylan. Und ich kann mir ein Leben ohne Kino nicht vorstellen. Ich glaube nicht, dass das Kino ausstirbt. Die Menschen mögen es, im Kollektiv in einem dunklen Raum zu sitzen und miteinander zu lachen, miteinander Emotionen zu durchleben. Das Lichtspieltheater, um einen altmodischen Begriff zu bemühen, wird überleben - genau wie in der Musik die Schallplatte lebt. Das Lichtspieltheater hat mit seinen Sesseln ja auch irgendwie etwas Analoges. Am ehesten werden vielleicht die Gewerbegebietskinos aussterben.

Sie sind wieder an der Filmhochschule in München - als Professor für fiktionale Regie. Was geben Sie dem Nachwuchs mit?

MHR: Was man Ihnen wirklich mitgibt, das wird sich erst später noch rausstellen. Aber ich versuche zumindest ihnen beizubringen, dass wir in erster Linie Geschichtenerzähler sind. Ein Filmstudent muss für die Geschichten brennen, aber auch das Handwerk lernen wollen, die Klaviatur des filmischen Erzählens. Aber ich würde den Studenten nie vorschreiben, wie sie das Gelernte dann einsetzen sollen. Ich sage dem Nachwuchs durchaus, dass es manchmal sehr viel Glück braucht, um vom Filmemachen leben zu können. Ich hatte das Glück, dass mein erster Film so erfolgreich war. Deswegen durfte und darf ich so viele Filme machen. Meine Hoffnung ist: Filmemacher, die im Herzen beschlossen haben, Filmemacher zu sein, bleiben es, auch wenn sie ihr Geld woanders verdienen müssen und weniger Filme machen können. Aber diese Filme werden es in sich haben und sicher ihr Publikum finden! Jedenfalls bereitet mir das Tüfteln mit den Studenten große Freude, und ich hoffe sehr, dass ich sie unterstützen kann, aber ich muss da sicherlich selber noch sehr viel lernen!

Das Gespräch führte Heike Angermaier