Produktion

"Ich erlebe das als aufregende Zeitenwende"

Nico Hofmann, CEO des Marktführers UFA, stellt sich der Internationalisierung des Produktionsmarktes. Erfolge im Kino und in seinem Kerngeschäft, der TV-Programmproduktion, führt er auf einen permanenten Selbsterneuerungsprozess zurück. Mit Blickpunkt:Film sprach er über die Folgen des Produktionsbooms und die Strategien für die Zukunft.

29.03.2019 09:09 • von Jochen Müller
Nico Hofmann (Bild: UFA GmbH)

Nico Hofmann, CEO des Marktführers UFA, stellt sich der Internationalisierung des Produktionsmarktes. Erfolge im Kino und in seinem Kerngeschäft, der TV-Programmproduktion, führt er auf einen permanenten Selbsterneuerungsprozess zurück. Mit Blickpunkt:Film sprach er über die Folgen des Produktionsbooms und die Strategien für die Zukunft.

Mit Der Junge muss an die frische Luft" hat die UFA den erfolgreichsten deutschen Kinofilm des letzten Jahres produziert, der gerade fünfmal für den Deutschen Filmpreis nominiert wurde. Was bedeutet Ihnen dieser Erfolg?

Nico Hofmann: Das bedeutet mir aus verschiedenen Gründen sehr viel. Es ist der erste Film, den wir mit Caroline Link produziert haben; wir haben gemeinsam studiert und so oft darüber geredet, etwas zusammen zu drehen. Ich schätze Caroline sehr, sie ist eine kluge, herzenswarme Person und eine unserer besten Filmemacher*innen - und "Der Junge muss an die frische Luft" war jetzt genau das richtige Projekt. Der Film bedeutet mir auch wegen Hape Kerkeling viel. Beide Projekte mit Hape haben eine lange Geschichte und waren anfangs nicht mit uns und Feine Filme geplant - es fehlte Konzept und Vertrauen. Hape hat sich dann sehr offen in beide Produktionen mit eingebracht. Dabei ist ein großes Miteinander entstanden. Dass dieses Vertrauen jetzt so belohnt wird, freut mich enorm. Das Projekt bedeutet mir aber auch viel nach all den Schwierigkeiten, die wir zu Beginn mit UFA Cinema hatten. Sebastian Werninger und ich waren immer der Meinung, dass wir mit der richtigen Mannschaft bei der UFA Fiction selbst in der Lage sind, Kinofilme herzustellen. Nach den Erfolgen der letzten Jahre mit "Hanni und Nanni", Jesus liebt mich", Der Medicus" und Ich bin dann mal weg" sieht man, dass uns das auch konstant gelingt.

Welche Bedeutung kommt der Kinofilmproduktion innerhalb der UFA zu?

NH: Offen gestanden eine rein lustgesteuerte. Wir machen wirklich nur noch die Projekte, von denen wir meinen, dass sie gemacht werden müssen. Unser Kerngeschäft ist die TV-Programmproduktion. Man sieht aber inzwischen, wie stark Talent aus dem Kinomarkt auch das Fernsehgeschehen befruchtet, und wie groß die Wechselwirkung wird. Babylon Berlin" und Tom Tykwer oder Sönke Wortmann und die erste Staffel unserer Charité" sind die besten Beispiele. Auch Christian Schwochow hat am Anfang kleinere Arthouse-Filme wie Novemberkind" oder Die Unsichtbare" gedreht und damit seine Karriere bereits bei uns begonnen, als wir ihm mit Jana Brandt Der Turm" anvertraut haben. Das war schlussendlich sein Durchbruch.

Eine wirkliche Strategie gibt es für diesen Bereich nicht?

NH: Doch es gibt eine Strategie, die sehr stark von Sebastian Werninger und seinem Team geprägt wird. Wir arbeiten eng mit Warner zusammen, mit Willi Geike, mit dem ich gut und herzlich befreundet bin, und mit Steffi Ackermann, die lange für die UFA gearbeitet hat. Nur wenige sind mit deutschen Filmen im Kino so erfolgreich wie Willi und wenige fördern dabei so konsequent Talent. Gemeinsam haben wir einen Slate im Development und arbeiten in einem Mehrjahresplan an der Umsetzung. Ebenso verbindet uns eine enge und positive Zusammenarbeit mit Universal, seit dem Erfolg mit "Der Medicus" ist Paul Steinschulte ein wichtiger Partner geworden. Gemeinsam mit Wolf Bauer arbeiten wir derzeit an der Fortsetzung von "Der Medicus".

Gibt es Kinoprojekte, auf die Sie sich besonders freuen?

NH: Als nächstes startet im Verleih von Universal unsere Koproduktion mit Regina Ziegler und Christoph Müller, die Verfilmung des Udo-Jürgens-Musicals Ich war noch niemals in New York", die ich brillant gelungen finde. Philipp Stölzl hat so groß- und einzigartig inszeniert, dass man wirklich singend und bestgelaunt aus dem Kino kommt. Es geht mir damit wie beim ersten Testscreening von Caroline Links Film: Damals war ich mir auch über den Erfolg sicher. Bei Caroline ist es diese Rückbesinnung auf Familie, auf den familiären Zusammenhalt, wie es ihn in den 70ern gab. Damit definiert sich auch der Begriff von Heimat neu, und das finden Menschen im Osten genauso spannend wie im Westen. Philipp Stölzl gelingt etwas Ähnliches: Seine Kunst liegt in der lustvollen Übersteigerung in eine ganz eigene Welt des Miteinanders. Ich liebe Musicals, und es macht unfassbar gute Laune, diesem starken Ensemble zuzusehen. Mit Leander Haußmann bereiten wir derzeit gemeinsam mit Herman Weigel seine "Stasikomödie" vor. Und wir setzen uns noch ein weiteres Mal an die Musicalfront und arbeiten an einem Projekt mit Peter Plate und Ulf Sommer von Rosenstolz, mit denen ich persönlich lange befreundet bin, und die im deutschen Musikmarkt zu den erfolgreichsten Textern und Komponisten zählen.

So selbstverständlich, wie sich das kreative Talent zwischen Kino und Serien hin- und her bewegt, bekommt die UFA bei High-End-Serien zunehmend Konkurrenz?

NH: Ich empfinde das nicht als Konkurrenz, weil ich mit so vielen der Macher befreundet bin, viele sind meine eigenen Studenten aus Ludwigsburg. Es ist evident, dass wir vor Jahren den Trend gestartet und das Talent dafür entwickelt haben. Ich nenne hier Florian Cossen oder Christian Schwochow, die mehrere Projekte für uns gemacht haben, oder Philipp Kadelbach, der mittlerweile bei sieben Produktionen, wie Unsere Mütter, unsere Väter", "Nackt unter Wölfen" oder "Hindenburg" für uns Regie geführt hat. Wir haben immer sehr früh auf junge Talente gesetzt. Den Ausschlag für die gesamte Entwicklung haben die International Emmys für "Unsere Mütter, unsere Väter" und "Deutschland 83" gegeben. Selbst damals wurde nur davon geredet, diese Produktionen seien Eintagsfliegen und kein Trend, während ich schon immer der Meinung war, dass es ein Beginn ist, und die Internationalisierung im Serienbereich kommen wird. Von dieser Entwicklung lebt inzwischen der ganze Markt.

Und wie reagiert der Marktführer darauf?

NH: Ich finde es spannend zu beobachten, dass alle zehn bis 15 Jahre eine neue Generation antritt, und zwar bei allen Kreativen. Für die UFA ist es wichtig, diesen Generationenvertrag zu leben und grundsätzlich die Jüngeren zu fördern. Wir haben das interne Label "Freder Fredersen" gegründet und die Truppe ist erst um die dreißig. Es ist mein ganzer Stolz, dass bei uns alle Teams, aber auch eine jüngere Generation in einer klaren Taktzahl sichtbare Erfolge schafft. Wir haben "Ku'damm" gesetzt, wir liefern "Charité", wir produzieren "Betongold" für Netflix, aber wir machen nicht nur High-End-Drama. 2018 war für die UFA wirtschaftlich das beste Jahr seit 2014, und dieses Jahr wird vermutlich noch besser. Wir stehen und fallen mit dem Erfolg der gesamten Mannschaft, ob bei "DSDS", "GZSZ" oder Factuals wie "Hartz und herzlich". Wir stehen also bei weitem nicht nur für den schönen Kinoerfolg mit "Der Junge muss an die frische Luft". Wir sind der Marktführer, und als Marktführer muss man sich in jedem Bereich permanent erneuern und versuchen der Beste zu sein -natürlich auch bei den Quoten.

Welche Erwartung haben Sie an die eigene Mannschaft? Sehen Sie nicht Projekte, von denen Sie denken, die müssten eigentlich aus Ihrem Haus kommen?

NH: Das sehe ich nie so. Warum auch? Ich bin mit der Gesamtqualität unseres Auftritts absolut zufrieden. Die Debatte, die wir ständig bei uns führen, lautet: Wo geht es hin? Mich interessiert die Internationalisierung. Mein besonderes Augenmerk gilt der Aufstellung mit Fremantle. Ich fokussiere stark auf Robert Harris' "Munich", das eine Topbesetzung haben wird, oder auf Michael Hanekes internationales Serien-Projekt "Kelwins Buch". Ich habe auch große Erwartungen an "Siegfried & Roy", eine Idee von Philipp Stölzl, die wir gegen eine starke Konkurrenz aus Amerika pitchen konnten und schlussendlich die Persönlichkeitsrechte vertrauensvoll übernommen haben. Derzeit drehen wir die Verfilmung von Dörte Hansens "Altes Land", der Bucherfolg der letzten Jahre, und haben die Rechte an "Die Hauptstadt" von Robert Menasse gekauft. Wenn ich an die Projekte denke, die in den nächsten Monaten aus unserem Haus kommen werden, muss ich nicht nach hinten schauen und mich fragen, warum das eine oder andere Projekt der letzten Monate nicht von der UFA produziert wurde.

Sind auch die Streamingdienste als neue Auftraggeber Grund dafür, dass Produktionen aus Deutschland größer und ambitionierter werden?

NH: Dass immer mehr Menschen Streamingdienste nutzen und darüber mittlerweile ein weltweites Angebot empfangen, verändert selbstverständlich auch ihr Sehverhalten. Und natürlich haben diese Angebote ganze Generationen von Filmstudenten, aber auch jüngeres wie älteres Publikum mit einer "anderen Art des Erzählens" vertraut gemacht. Das hat Auswirkungen auch auf die Art und Weise, wie wir alle heute mit den Senderverantwortlichen über ihre Programmanforderungen diskutieren. Eine Serie wie Bad Banks" wäre vor fünf Jahren nicht gemacht worden. Aber was bei dieser Debatte über "Streaming" immer vergessen wird, ist, wie viele Millionen Zuschauer nach wie vor jeden Abend vor dem Fernseher sitzen. Die öffentlich-rechtlichen Sender erreichen täglich mehr als fünfzig Prozent aller Haushalte. Eine Serie wie "Charité" muss sich hier behaupten, "Babylon Berlin" ist ein Beweis, wie stark europäisches Autorenkino im Fernsehen funktionieren kann. Dagegen ist unser Projekt mit Michael Haneke sicher kein Massenprogramm für die ARD am Dienstagabend um 20.15 Uhr, wahrscheinlich wäre das auch kein geeigneter Sendeplatz für Dark". Und das sagt eben absolut nichts über Qualität aus. In der momentan überhitzten Debatte um die Bedeutung der Streamingdienste wird immer alles miteinander vermischt, und oftmals das Kind mit dem Bade ausgeschüttet.

Muss für die großen Sender und ihr Millionenpublikum nach wie vor ein bestimmtes Produkt geschaffen werden?

NH: Ich beobachte seit Monaten einen fruchtbaren Veränderungsprozess bei den Sendern hinsichtlich der präzisen Zielgruppenansprache. Wir bereiten gerade "Die Porsche-Saga" vor. Die Drehbücher schreibt Dorothee Schön, die auch für "Charité" verantwortlich zeichnete. Natürlich kommt es dem ZDF darauf an, welche Zuschauergruppen wir damit erreichen. Unsere "Ku'damm"-Serie, in der Annette Hess einen Teil der MeToo-Debatte vorweggenommen hat, weil sie bereits vor sechs Jahren einen Stoff über weibliche Emanzipation schreiben wollte, ist ein gutes Beispiel für die ideale Serie, die jetzt jeder in seinem Programmportfolio sehen möchte. "Ku'damm" erreichte nicht nur eine Topquote, sondern auch Topmarktanteile bei den jungen Zuschauern, und hat in der Mediathek mit über sechs Millionen Abrufen Rekordzahlen erreicht. Die Frage ist, wie man diese Programme in Zukunft gestaltet, damit sie bestimmte Zuschauergruppen begeistern. Wenn wir "Die Porsche-Saga" für mehrere Millionen Euro mit dem ZDF realisieren wollen, dann muss auch hier klar formuliert sein, wen man damit erreichen möchte. "Porsche" sollte wie "Ku'damm" in der Primetime reüssieren, auch junges Publikum begeistern und möglichst viele Abrufe in der Mediathek erzielen. Gleichzeitig ist es ein starkes internationales Thema, weil Porsche als Marke weltweit bekannt ist.

Ermöglichen die neuen Auftraggeber Projekte in ganz neuen Konstellationen?

NH: Das leben wir in der UFA seit langem: "Deutschland 86" wurde in einer Kombination aus Amazon Prime Video, Fremantle und RTL realisiert. In Zukunft mag das immer schwieriger werden - es geht überall nur noch um die Exklusivität der Inhalte, und dafür zahlt man lieber wieder mehr, gleichzeitig werden teurere Produktionen zwangsläufig mehrere Partner zusammenbringen, daher darf der Dialog auch unter Konkurrenten niemals aufhören.

Verzeichnet der deutsche Markt momentan einen Produktionsboom?

NH: Ich empfinde es so. Es ist ein vergleichbar großer Aufbruch wie beim Aufkommen des Privatfernsehens, der auch viele Möglichkeiten zum Experimentieren geboten hat. Auch jetzt versuchen sich viele an neuen Möglichkeiten des Mediums. Ich erlebe das jedenfalls als aufregende Zeitenwende. Gleiches gilt auch für meinen Anspruch an ein Produktionshaus wie die UFA - man kann in diesem Geschäft nie stehen bleiben. Wir betreiben die UFA an jedem Tag wie ein Startup, und das gilt für jede Abteilung. Ich verlange einen Selbsterneuerungsprozess, bei dem wir immer wieder hinterfragen, ob etwas gut genug ist. "Ein starkes Team" läuft schon seit 25 Jahren gut, trotzdem gilt: Ruhen wir uns nicht auf diesen 'Lorbeeren' aus. "DSDS" ist ebenfalls ein gutes Beispiel: Man muss sich jedes Jahr neu fragen, wer in der Jury sitzt, wie die Show aussieht und wo das Talent herkommt. Das gilt bei uns für jeden Bereich und macht das Produzieren so aufreibend, aber auch so spannend.

Gelingt es denn, immer neues Talent an die UFA zu binden, um diesen Aufgaben gerecht zu werden?

NH: Die Frage ist, wie nachhaltig man Nachwuchsarbeit betreibt. Ich habe 20 Jahre lang konsequent First Steps aufgebaut und wir verfügen über eine eigene Arbeitsgruppe bei uns im Haus, die sich stark mit dem Thema Nachwuchs beschäftigt. Und natürlich schauen wir uns die nominierten Filme und Preisträger genau an. Wir können gerne die letzten Jahre der First Steps durchgehen, um zu sehen, wie viele junge Talente von uns mit Projekten betraut wurden. Dazu kommt die kontinuierliche Arbeit an der Filmhochschule in Ludwigsburg, an der zahlreiche meiner Kollegen und ich selbst unterrichten. Das Resultat unserer Arbeit zieht sich wie ein Netzwerk über die jetzige Generation von jungen Filmemachern. Und dieselbe Dynamik, wie man Jüngere fördert und ihnen eine Struktur anbietet, gilt es im eigenen Unternehmen zu erzeugen. Ich sehe wenig Firmen in der Produktionslandschaft, die das in dieser Konsequenz betreiben wie die UFA. Und Talentförderung gilt für alle Bereiche und Gewerke, also auch für Kamera, Autoren oder Schauspieler. Daniel Donskoy, Emilia Schüle, Sonja Gerhardt, Alicia von Rittberg, Jonas Nay, Sabin Tambrea - viele von ihnen haben bei uns konsequent in mehreren Produktionen gespielt. Wir setzen auf Talent, das wir entdecken, und gehen mit ihnen den Weg weiter.

Welche Rolle spielen in diesem Produktionsboom die TV-Sender für Ihr Haus? Sind sie eine sichere Bank?

NH: Die öffentlich-rechtlichen Sender sind nach wie vor für alle Produzenten als Auftraggeber elementar. Deshalb ist auch die Debatte über die Gebührenerhöhung so schwierig, weil Programm natürlich teurer wird. Ich sehe die Sparbemühungen in allen Häusern, bei der Personalstruktur und in der Rentendiskussion. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen muss dennoch gerade auch in diesem internationalen Programm- und Wettbewerbsumfeld mit ausreichend Geld versorgt sein. Natürlich werden Produktionen teurer, weil auch nachgefragtes Talent mehr verlangt. Senderverantwortliche wie Ulrich Wilhelm und Thomas Bellut brauchen hier auch die Unterstützung der Produzenten. Wenn das öffentlich-rechtliche Fernsehen aufhört, Produktionen in der von uns allen gewünschten Qualität zu finanzieren, dann haben wir alle ein Problem. Ich habe ein großes Interesse daran, dass dieses bewährte System aus öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern auch für die Zukunft Bestand hat. Dazu gehören auch die Förderungen, damit wir im europäischen und weltweiten Wettbewerb konkurrenzfähig bleiben. Das sind wir im Moment nicht in allen Bereichen, vor allem was Steuererstattungssysteme im Vergleich mit fast allen umliegenden europäischen Ländern betrifft. Darüber habe ich auch oft mit Monika Grütters gesprochen. Ich würde lieber im Studio Babelsberg drehen als permanent im benachbarten Ausland, wo funktionierende Tax-Relief-Systeme bestehen, die wir zur Kosteneffizienz nutzen müssen.

Und stoßen Sie damit auf offene Ohren?

NH: Ich muss Monika Grütters ausdrücklich loben, weil sie durch Umschichtungsmöglichkeiten bei den bestehenden Förderungen großes Verständnis für die Bedeutung der ambitionierten, europäischen Serienproduktion gezeigt hat. Gleichzeitig zeigt sie eine klare Haltung bei der künstlerischen Bedeutung des Kinos. Dabei werden Kinomarkt und internationaler Serienbereich nicht gegeneinander ausgespielt.

Läuft dieser Produktionsboom nicht Gefahr, zur Programmblase zu werden?

NH: In einem Interview habe ich vor einiger Zeit von einer Programmblase gesprochen. Diese Blase war auf Amerika gemünzt, wo sich zwei, drei große Player im Wettbewerb um Talent permanent überbieten. Auf dem amerikanischen Markt gibt es mittlerweile einen Output von mehr als 600 Serien und nicht genug Talent, um das zu füttern, was diese Produktionen immer teurer werden lässt. Diese Programmblase wird irgendwann platzen, weil sie nicht mehr finanzierbar ist. Und aus diesem Blickwinkel engagieren sich die amerikanischen Player mehr denn je in Europa.

Sie meinen nicht, dass es ein Überangebot an Programmen geben wird?

NH: Das wird man nie verhindern können. Genauso gut könnte man sagen, dass es zu viele Bücher gibt. Aber das Publikum hat dadurch eine größere Auswahl. Umso wichtiger ist es, die großen Marken zu stärken. Solange man mit zugkräftigen Marken wie "DSDS", "Ein starkes Team", "Ku'damm", "Charité" oder "SOKO" arbeitet, wird sich auch eine signifikante Menge an Zuschauern diese Programme dauerhaft ansehen. Dass "GZSZ" bei RTL nach 25 Jahren immer noch Marktführer im jungen Bereich ist, ist eine Riesenleistung. Das zeigt auch die Kraft dieser großen Marken. Darauf, dass Produkt und Marke mit dem Sender identifiziert werden, zielt im Moment jeder Sender, das gilt vor allem auf der Suche nach neuen Marken, auch in der Fiktion.

Verbessert die gestiegene Nachfrage nach Content auch die Situation der Produzenten?

NH: Definitiv. Das Produkt war nicht nur noch nie so gut wie im Moment, sondern es gilt jetzt auch, die Rolle der Produzenten noch einmal neu zu definieren. Das ist der Grund, warum ich mich im Vorstand der Produzentenallianz engagiere. Dort gibt es eine sehr ehrliche Auseinandersetzung und gleichzeitig eine große Solidarität. Je mehr Partner am Markt herausragendes Produkt wollen, umso stärker ist man als Produzent. An manchen unserer Programme sind gleich zwei bis drei Anbieter ernsthaft interessiert. Das ist kein Grund, um zu pokern, aber es gibt einem die Möglichkeit, die Partner auch hinsichtlich der gesamten Finanzierung so auszuwählen, wie es dem Programm am besten dient. Der ganze Finanzierungskanon erweitert sich. Die Produkte werden durch mehr Geld im Markt besser und können auch in der Konkurrenz zu Amerika besser ausgestattet werden. Gleichzeitig stärkt das auch bei uns die Position der Produzenten.

Sie führen die UFA seit anderthalb Jahren alleine. Was war für Sie die größte Herausforderung?

Das größte Learning für mich ist, dass ich sehr großen Respekt vor der Komplexität dieser Aufgabe entwickelt habe. Im letzten Jahr wurden 3500 Stunden UFA-Programm gesendet. Wir produzieren jedes Jahr 800 bis 900 Stunden Neuprogramm, das sind mehr als zwei Stunden am Tag, wir erreichen monatlich 50 Millionen Zuschauer. Die Kreativen, die daran in ganz unterschiedlichen Bereichen bei uns arbeiten, zu einer Mannschaft zusammenzuführen, das erfordert einen immer stärkeren Einsatz von mir in meiner Funktion als CEO. Für mich war es in den letzten zwei Jahren ein schwieriger Schritt, mich immer stärker aus den Produktionen rauszuziehen, den anderen die Bühne zu überlassen und sie engagiert zu unterstützen. Es geht mehr denn je darum, dafür zu sorgen, dass eine exzellente Mannschaft zusammenspielt. Die große Aufgabe ist es, einen generationenübergreifenden Teamgeist zu schaffen, offen, angstfrei und produktiv. Dieser permanente Startup-Gedanke treibt mich an, nicht stehen zu bleiben und alles immer neu zu denken. Bequem ist das nicht immer, aber es wird belohnt.

Das Gespräch führte Ulrich Höcherl