Kino

Judith Kaufmann: "Der eigene Ausdruck zählt"

Judith Kaufmann zählt zu den bekanntesten Kamerafrauen Deutschlands. Jetzt wurde sie für zwei Lolas nominiert,was sie selbst überwältigt.

26.03.2019 09:53 • von Barbara Schuster
Judith Kaufmann (Bild: Judith Kaufmann)

Judith Kaufmann zählt zu den bekanntesten Kamerafrauen Deutschlands. Für ihre Arbeit an "Der Junge muss an die frische Luft" und "Nur eine Frau" wurde sie für zwei Lolas nominiert,was sie selbst überwältigt.

Es ist eher ungewöhnlich, für zwei Filme gleichzeitig nominiert zu werden beim . Welche Bedeutung hat das für Sie?

Es ist eine große Ehre und Riesenfreude. Für mich ist es besonders schön, einerseits, weil die Nominierungen von Kamerakolleginnen und -kollegen kommen, und andererseits, weil die beiden Filme so unterschiedlich sind! Ich habe überhaupt nicht damit gerechnet, ich glaube, wenn man schon mal einen oder zwei Kamerapreise bekommen hat verbietet man sich auf weitere Nominierungen zu hoffen...

Die beiden Filme wurden von Frauen inszeniert. Ist das bezeichnend für Sie?

Klar arbeite ich gerne mit Frauen zusammen, genauso gerne aber auch mit Männern. Das Wichtigste ist doch die Qualität der Zusammenarbeit. Gegenseitiges Vertrauen, der Austausch, das gemeinsame Ideenfinden. Dass meine letzten acht Filme mit Regisseurinnen - ganz unterschiedlichen zum Glück - entstanden sind, war toll, kam aber eher zufällig. Die nächsten zwei Projekte sind wieder mit Männern. Ich bin da natürlich offen und vor allem neugierig. Es sind zuletzt viele erste Zusammenarbeiten gewesen, sowohl mit Caroline Link als auch mit Sherry Hormann habe ich vorher noch nie gearbeitet. Gerade habe ich einen Film mit Ina Weisse abgeschlossen und im Moment drehe ich zum ersten Mal mit Bettina Oberli. Diese ersten Begegnungen/Zusammenarbeiten sind toll, weil man im Grunde nichts voneinander weiß und eine gemeinsame Sprache entwickeln muss.

Was hat die Arbeit an den beiden Filmen besonders gemacht?

Bei "Der Junge muss an die frische Luft" war die Gratwanderung besonders, die Tonlage gemeinsam zu finden zwischen Komik und Schmerz und Leichtigkeit - dem tragischen Verlust der Mutter und dem Kind mittendrin, das sich intuitiv mitschuldig fühlt, das dann gleichzeitig aber Halt und Geborgenheit in der Verwandtschaft findet. Der Film will Mut machen, dass das Leben weitergehen muss nach so einem Tiefschlag. Zudem war besonders, dass es ein historischer Film war. Es war es uns wichtig, dass sich die Gewerke nicht übertrumpfen mit ausgefallenen Ideen und originellen Kostümen, mit Tapeten und lustigen Frisuren für diese doch recht verrückte Mischpoke von Menschen. Wir wollten einfach bleiben, bei den Menschen, vor allem bei dem Jungen. Bei "Nur eine Frau" war ich von der Erzählweise des Drehbuchs fasziniert. Die Geschichte über Hatun Sürücü, die 2005 von ihrem Bruder auf offener Straße in Berlin erschossen wurde, wird aus der Perspektive der Toten erzählt. Hatun selbst erzählt im Film die Geschichte ihres Lebens und ihres Todes. Durch die integrierten Off-Text-Passagen konnte die Kamera ohne Dialog erzählen, was selten ist. Ich durfte für viele Passagen, in denen nur eine Stimme zu hören ist, Bilder suchen. Das war unheimlich reizvoll.

Wie stellt sich die Arbeitssituation allgemein in Ihrem Metier dar?

Ich verstehe nicht, warum es in Deutschland noch so wenige Kamerafrauen gibt. Ich habe aber die Gewissheit und Hoffnung, dass sich das ändert. Allgemein herrscht eine große Konkurrenz in unserem Beruf, für Männer wie für Frauen. Aus den Filmhochschulen rücken jedes Jahr viele engagierte und arbeitshungrige junge Leute nach. Ich denke, man kann nur versuchen, seinen eigenen Weg zu finden, in sich hineinhorchen, was einem liegt, was man mag, und so durch den eigenen Ausdruck für andere sichtbar zu machen. Der Beruf in diesem freien Markt ist hart und keiner weiß genau, wie man an Arbeit kommt.

Wie würden Sie Ihren Stil beschreiben? Was muss ein Projekt mitbringen, damit es Sie anspricht?

Ich möchte durch Filme etwas über Menschen und übers Leben erfahren. Ich suche nach Geschichten und Regisseuren, die Fragen haben und Fragen stellen, die mich auch umtreiben. Die mich an andere Orte, in andere Zusammenhänge bringen. Ob ich mich für ein Projekt entscheide, hängt wesentlich von drei Kriterien ab: Wer macht die Regie? Berührt mich das Drehbuch? Und, ganz wichtig, wer spielt? Nicht so wichtig ist mir das Budget, die Größe des Teams, die Möglichkeiten technischer Art...

Woran arbeiten Sie gerade?

Ich habe gerade einen Film mit Ina Weisse abgeschlossen, "L´Audition" mit der großartigenNina Hoss. Derzeit drehe ich in der Schweiz mit Bettina Oberli die Familiengeschichte "Wanda, mein Wunder" mit Marthe Keller und Birgit Minichmayr in den Hauptrollen. Danach werde ich mit Ilker Çatak eine Jugendromanverfilmung in Istanbul angehen.

Das Gespräch führte Barbara Schuster