Festival

Höglinger/Schernhuber: "Wir sind sehr bemüht, in die Details zu schauen"

Sebastian Höglinger und Peter Schernhuber, das Intendanten-Duo der Diagonale, sind ein eingespieltes Duo. Hier erzählen sie, welche neuen Impulse sie dem Festival geben, warum Graz sich nicht hinter Wien verstecken muss und wie sie das Thema Quote beschäftigt.

14.03.2019 10:13 • von Barbara Schuster
Sebastian Höglinger und Peter Schernhuber (Bild: Natascha Unkart/Diagonale)

Sebastian Höglinger und Peter Schernhuber, das Intendanten-Duo der Diagonale, sind ein eingespieltes Duo. Hier erzählen sie, welche neuen Impulse sie dem Festival geben, warum Graz sich nicht hinter Wien verstecken muss und wie sie das Thema Quote beschäftigt.

2019 kuratieren Sie Ihre mittlerweile vierte Diagonale. Sind Sie zufrieden mit der Entwicklung Ihrer Arbeit?

Sebastian Höglinger: Wir waren in der glücklichen Situation, ein funktionierendes Festival übernehmen zu dürfen, zudem mit Barbara Pichler von einer Vorgängerin, mit der wir ein gutes Auskommen hatten, bei der wir schon lange im Team dabei waren. Uns war es wichtig, auf diesem etablierten Festival mit einer funktionierenden Budgetstruktur aufzubauen und nicht alles umzuwerfen. Im Grunde ist ein Filmwettbewerb wie der der Diagonale relativ konservativ. Es geht darum, einen repräsentativen Querschnitt des österreichischen Filmschaffens abzubilden. Dabei aber auch Haltung zu beziehen - gewisse Positionierungen nimmt man immer vor.

Welche neuen Impulse kommen von Ihnen?

Sebastian Höglinger: Historisch gesehen war die Diagonale eine Werkschau. Es waren automatisch alle Filme im Wettbewerb vertreten, die im Kino gelaufen sind. Unsere Vorgängerin hat diesen Automatismus gecancelt. Das war ein langer Kampf, weil es der Branche natürlich wichtig war, alles abgebildet zu sehen. Allein platzmäßig wäre das heute gar nicht mehr möglich. Das Festival hat sich von selbst so weiterentwickelt, dass gewisse Entscheidungen getroffen werden müssen. Diese Entwicklung haben wir genutzt, um verstärkt narrative rote Fäden durchs Programm zu ziehen, vor allem jenseits des Wettbewerbs. So haben wir die neue Schiene "In Referenz" etabliert, mit der wir versuchen, mit einzelnen Filmen einen Kitt in der ganzen Festivalarchitektur zu haben, oder wir leiten aus dem Wettbewerb heraus mit einem Film quasi ins historische Special weiter. Zudem bieten wir auch internationale Positionen an. Als größere Neuerung versuchen wir, das Festival als Ganzes, als kommunizierendes Gefäß zu denken. Das ist nicht leicht. Im ersten Schritt klingt es zwar logisch, aber es muss sich für ein Publikum abbilden. An diesen Weichenstellungen feilen wir. Wir sehen aber, dass die Schärfung des Profils bereits Früchte trägt.

Wie viele Einreichungen erhalten Sie durchschnittlich?

Sebastian Höglinger: Wir bekommen jedes Jahr mehr als 500 Einreichungen - kurze Arbeiten oder Musikvideos und Nachwuchsfilmschaffen inklusive. Das ist eine enorme Zahl. Unser Festival hat nur sechs Tage, davon fünf Spieltage. Alles unterzubringen, ist unmöglich, und man muss sich fragen, welchen Platz man den ausgewählten Filmen einräumen möchte. An der Abstimmung des Verhältnisses arbeiten wir intensiv.

Sie sprachen die funktionierenden Budgetstrukturen der Diagonale an. Wer garantiert die denn?

Peter Schernhuber: Die Diagonale ist das größte kinokulturelle Event außerhalb von Wien. Sie ist seit ihrer Gründung im Jahre 1993 kulturpolitisch gewollt. Es gibt ein klares Bekenntnis von den großen Bundes - wie Landesförderstellen wie auch städtischen Förderungen. Nachdem das Festival durch diverse Städte tingelte, meldete sich das Land Steiermark mit dem Wunsch, es nach Graz zu holen. Das war damals einzigartig und stellte so die Sockelfinanzierung sicher, auch wenn es immer mal wieder - bedingt durch politische Konstellationen - Phasen gab, wo die Diagonale prinzipiell in Frage gestellt wurde und Konfliktsituationen zu bewältigen waren.

Die Sockelfinanzierung garantiert den Rohbau eines Hauses. Bezugsfertig wird es damit nicht...

Peter Schernhuber: Stimmt. Die Hälfte des Diagonale-­Budgets - wir liegen gesamt bei ca. 1,3 bis 1,4 Mio. Euro Cash-Budget - stammt nicht aus der öffentlichen Hand, sondern sind private Gelder, teilweise auch Gelder von Verwertungsgesellschaften. Es hat sich hier ein Trend intensiviert: Unsere Finanzierung wird zunehmend kleinteiliger, sie wird zum Fleckerlteppich. Von Jahr zu Jahr müssen wir uns mehr dahinterklemmen, neue Partner zu finden, teilweise eben auch für einzelne Programmpunkte.

Sebastian Höglinger: Wir fangen jedes Jahr eigentlich wieder bei Null an. Unsere wichtigen Mehrjahresverträge sind überschaubar - hier sind die Steiermark und Graz ganz zentrale Partner. Das Sponsoring nimmt übers Jahr verteilt viel Zeit in Anspruch. Eine unserer anfänglichen Intentionen war, den Faktor Graz hochzuhalten, das Festival wirklich aus der Stadt heraus weiter zu entwickeln. In Österreich gibt es einfach die Konkurrenz Wien vs. Graz. Und Graz ist dabei die klassische "second city". Uns war wichtig, dass wir nicht dieser Fremdkörper sind, der sich einmal im Jahr über diese Stadt stülpt und dann wieder weg ist. Uns ist ein Gefühl der Kontinuität, der Zusammenarbeit wichtig. Das haben wir stark in unser Konzept übertragen. Es geht nicht darum, dass lokale Filmschaffende bevorzugt behandelt werden, es gibt auch keine eigene lokale Schiene. Uns ist wichtig, mit den Institutionen vor Ort zusammenzuarbeiten, mit der Szene vor Ort in Kontakt zu stehen und gemeinsam Projekte zu entwickeln. Historisch gesehen war die Diagonale ein Branchenfestival, das sich dann in Graz mehr und mehr auch zu einem Publikumsfestival entwickelt hat. Diese Mischform ist ganz wichtig. Wir sehen uns als wichtiger Vermittler zwischen Branche und Publikum.

Durch was zeichnet sich Graz aus?

Peter Schernhuber: Graz ist momentan die Stadt, die am stärksten wächst in Österreich. Es gibt große Stadterweiterungsprojekte, ganze Stadtteile sollen in den nächsten zehn Jahren dazukommen. Es gibt auch Impulse von der Stadt selbst, sich als Filmstadt zu begreifen. Da fragen wir dann schon auch kritisch nach, was das dann heißt. Ob man sich nur gut in Szene setzen will, indem man etwa internationale Produktionen oder Werbeaufnahmen, in die Stadt lockt, oder ob man im besten Fall eine kinokulturelle Infrastruktur haben will, die die »Nahversorgung« gewährleistet. Es zeichnet sich jedoch ab, dass Graz einfach sehr besonders ist. Obwohl die Stadt im internationalen Vergleich ländlich ist, gibt es einen sehr lebendigen Kunst- und Kulturbereich.

Sebastian Höglinger: Und wir haben hier noch eine Kinoinfrastruktur. Die Kinos befinden sich alle in Gehweite, was für eine ganz eigene Atmosphäre sorgt. Zudem ist es uns durchaus gelungen, verstärkt ein jüngeres Publikum anzusprechen. Das ist nicht selbstverständlich.

Jüngst gab es einen Aufruf des Filmfestivalverbands FÖFF, der die prekäre Lage der österreichischen Festivals anspricht. Hält sich die Diagonale da raus?

Peter Schernhuber: Wir haben in Österreich die Situation, dass 80 Prozent der in diesem Verband zusammengeschlossenen Festivals in Wien stattfinden. Es ist zum einen eine sehr Wien spezifische Diskussion. Zum anderen muss man sich fragen, was ein Festival überhaupt ist, was man darunter versteht. Bei dieser Verbandsdiskussion gilt es, sehr differenziert vorgehen. Ob da immer nur der Kampf um mehr Gelder im Vordergrund steht oder ob auch teilweise Eigeninteressen im Spiel sind, sei dahingestellt. Denn international betrachtet, ist die österreichische Festivallandschaft eigentlich noch sehr privilegiert. Das gilt sicherlich nicht für alle Festivals und soll auch nicht zynisch klingen. Aber im Großen und Ganzen passiert hier wahnsinnig viel im Kino/Festivalbereich.

Wie präsentiert sich Ihnen der österreichische Kinofilm?

Peter Schernhuber: Was man allgemein feststellen kann und was als Grundbemerkung für die letzten Jahrzehnte gilt: Der österreichische Film zieht seine Stärke aus der Diversität, aus dieser Vielheit der Formen zieht er sein Potenzial. Ein gutes Beispiel sind die österreichischen Filme, die kürzlich auf der Berlinale vertreten waren, von Rainer Kohlberger, der sehr experimentelles und innovatives Kino hervorbringt, bis zu einer Spielfilmregisseurin wie Marie Kreutzer oder einem avantgardistischen Wahnsinnsprojekt wie "Die Kinder der Toten", in dem man noch mal eine ganz andere Spielart des österreichischen Films hat. Diese Vielschichtigkeit bildet sich bei der Diagonale seit vielen Jahren ab und wir tragen ihr auch Rechnung in unseren Sektionen Spielfilm, Dokumentarfilm und Innovatives Kino.

Sebastian Höglinger: Wir haben wirklich alles: Von den "blühenden Nischen", wie wir das nennen, bis zum Publikumsfilm. Die Säle sind bei allen Vorstellungen voll. Wir haben den Vorteil, dass wir einerseits Filme mit Österreich- oder gar Weltpremieren in die Welt hinausbegleiten, andererseits Filme, die diese Laufbahn bereits hinter sich haben, im Jahresrückblick noch einmal zeigen. Der Rückblick dieses Jahr ist sehr interessant mit Sudabeh Mortezais "Joy" oder Markus Schleinzers"Angelo". Solche Filme sind prädestiniert für die Diagonale.

Den "blühenden Nischen" ist außer ihrem Festivaleinsatz meist kein langes Leben beschert...

Peter Schernhuber: In den kulturpolitischen Debatten geht es derzeit stark um die Frage nach dem ultimativen Publikumsfilm. Diese Forderung ist historisch und strukturell gesehen ein Stück weit auch nachvollziehbar. Gleichzeitig kann sie der österreichische Film nur schwer erfüllen. Der österreichische Film ist zum Gutteil ein "Wienfilm", wie bereits in der Standortfrage angedeutet, und somit ein sehr urbaner Film. Wenn man für das Filmschaffen nur eine Stadt hat und auch nur eine Stadt, in der der Film dann angeschaut wird, ist es schwierig, wenn man dann die Forderung erhebt, dass Filme auf dem Land und in der Provinz funktionieren sollen. Man müsste diese Debatte viel ausdifferenzierter führen. Wo liegen die Stärken, die Potenziale? Für unser Festival folgen wir dem Gedankengang nach dem Anspruch des Films an sich selbst und inwiefern dieser Anspruch eingelöst wird. Wenn man diesen Zugang wählt, ist man sehr schnell in einem ausdifferenzierteren Bild. Das Allheilmittel für den einen Erfolgsfilm gibt es einfach nicht. Es sind schon etliche Filme angetreten, von denen man dachte, dass sie zu echten Hits in den Kinos werden. Doch selbst unter den vermeintlich integrativsten Filmen gibt es solche, die am Boxoffice kläglich gescheitert sind. Dann gibt es andere, die plötzlich durch die Decke gehen, mit deren Erfolg niemand gerechnet hätte, wie "Toni Erdmann" etwa, um ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit zu wählen.

Was fällt beim diesjährigen Programm auf?

Sebastian Höglinger: Es zeichnet sich die oben erwähnte Breite des Filmschaffens ab. Wenn ich einen Blick auf die Dokumentarfilme werfe, gibt es Filme wie "Sea of Shadows", der fast schon wie ein Spielfilm, ein Thriller funktioniert, oder Filme mit einem ruhigeren Blick auf die Welt wie Nikolaus Geyrhalters "Erde". Auf der anderen Seite haben wir im Spielfilmprogramm Nikolaus Leytners "Der Trafikant", eine wirklich klassische Erzählung, der dann Arbeiten wie Peter Brunners "To the Night" gegenüber gestellt wird, die jede Konvention des Geschichtenerzählens zertrümmern und extrem körperliches Kino sind. Diese Bandbreite findet sich in allen Sektionen wieder. Zudem stellen wir fest, dass die Entscheidung, sich von Genres zu lösen und mit den Erwartungen des Publikums in Form von Hybridformaten zu spielen, dieses Jahr extrem stark ist. Erwähnen möchte ich etwa den neuen Film von Sebastian Brameshuber, "Bewegungen eines nahen Bergs", den jeder als Dokumentarfilm sehen würde, der bei uns jedoch als Spielfilm läuft. Damit erhält der Film eine komplett andere Möglichkeit der Wahrnehmung. Dieser Schritt zurück, das Nachdenken darüber, auf welcher Art und Weise Realität abgebildet wird, ist sehr präsent.

Peter Schernhuber: Interessant ist zudem, dass in vielen aktuellen Filmen Dinge dramatisiert werden - im wörtlichen Sinn - und sich viele Werke der Poesie hingeben. Der österreichische Film ist sehr politisch bzw. wird oft sehr politisch rezipiert. Alles muss immer super politisch sein. Bei der Vorbereitung des Festivals versuchen wir, dieses voreilig Politische zurückzudrängen, es muss nicht immer alles explizit politisch sein. Wir finden, dass nicht alles automatisch politisch ist, weil es zeitgeistig ist oder ein vermeintlich brisantes Thema aufgreift. Es lohnt sich, die Formfragen wieder zu schärfen und sich zu fragen, wie erzählen wir die Dinge, in welcher Form? Und natürlich gibt es dann auch eine Rückkoppelung zum Politischen: Doch es eignen sich nicht immer nur Pamphlete und Parolen, um über Politik zu sprechen, sondern auch Gedichte oder poetische Erzählungen. Davon kann man viel im Rahmenprogramm entdecken.

Welcher Beitrag sticht denn besonders hervor?

Sebastian Höglinger: Der vielleicht ungewöhnlichste Film im Programm ist "Rihaction", der einen sehr ungewöhnlichen Blick auf unsere Realität und Gegenwart wirft. 1 Stunde 40 Minuten YouTube-Reaction-Videos auf den Auftritt von "Spider Man"-Darsteller Tom Holland bei einem Lip-Sync-Battle zu Rihannas Song »Umbrella«, für den er sich auch als Frau verkleidet hat. Reaction-Videos sind Aufzeichnungen von Leuten, die sich selbst dabei filmen, wie sie Tom Hollands YouTube-Beitrag anschauen und selbst auf YouTube einstellen. Themen werden hier aufgeworfen wie die Medialisierung, das Marvel-Fantum, das immer mit einem gewissen Männerbild einhergeht, und die ewige Wiederholung. Der Film, der auch eine clevere Montage hat, funktioniert wirklich nur im Kino, wo man nicht einfach abbrechen oder vorspulen kann. Wir waren echt baff. Das ist sehr innovativ.

Welchen Stellenwert haben die Gesprächsreihen bei der Diagonale?

Peter Schernhuber: Es gibt branchenspezifische Panels wie etwa die Branchenkonferenz an den ersten beiden Festivaltagen. Hier geht es dieses Jahr um die Rolle des Kinos, um die Örtlichkeit selbst, darum, was Kinos in einer Stadt heute sein sollen, wie sie sich neu erfinden können. Dieses Thema haben wir nicht vorbereitet, weil das vergangene Kinojahr eher schlecht als recht abgeschnitten hat. Denn auch der Aufschrei aus der Wirtschaftskammer hinsichtlich der Einbußen im Gesamtmarkt muss differenzierter betrachtet werden: Wo genau haben wir den Besucherrückgang? Warum? Welche Leute gehen nach wie vor ins Kino? Liegt es wirklich an der überbemühten Bedrohungskulisse von Streamingdiensten, was unserer Meinung nach einfach nicht stimmt... Wir sind sehr bemüht, in die Details zu schauen.

Und darüber hinaus?

Peter Schernhuber: Unter anderem warten wir mit einem Diskursprogramm auf, das versucht, von der Leinwand runter - pathetisch formuliert - in die Gesellschaft zu gehen. Wir haben etwa eine Diskussion, die etwas polemisch überschrieben ist mit "Kulturkampf auf der Leinwand oder wie frei ist die Kunst?". Hier knüpfen wir an Fragen der Identitätspolitik an, an aktuelle politische Debatten, was darf man zeigen, was darf man nicht zeigen, wer bestimmt das? Schlagworte wie "political correctness" spielen hier eine Rolle - im angloamerikanischen Bereich extrem relevant. Diese Diskussion spannen wir naheliegend zwischen den beiden Filmen "Joy" und "Angelo" auf. Zudem haben wir noch einen Psychoanalytiker als Experte von außen eingeladen. Das machen wir gerne, um die Filmbranche, die ja eher unter sich bleibt, etwas aufzubrechen und in die Diskussionen auch Meinungen von fachfremden Menschen einfließen zu lassen.

Sebastian Höglinger: Neu eingeführt haben wir "Diagonale im Dialog". Wie wir alle wissen, finden die besten Diskussionen im Kinosaal statt. Die Gespräche docken direkt an einen Film an, sind jedoch länger als die üblichen Q&As, mit vorangekündigten Gästen. Hier sind wir sehr breit aufgestellt. Unser Gespräch im Anschluss an "Dolmetscher" mit Hauptdarsteller Peter Simonischek lockt sicherlich ein anderes Publikum an, als ein Gespräch mit der Medienwerkstatt Wien, die sich seit 40 Jahren im Bereich Medienkunst, Video und Experimentalfilm engagiert.

Gibt es einen spannenden Namen im Nachwuchs herauszupicken?

Sebastian Höglinger: Im Langspielfilm hat uns Gregor Schmidinger mit "Nevrland" überrascht. Das ist wirklich ein Debüt mit einer ganz eigenen Handschrift. Besonders interessant fanden wir auch, dass Schmidinger seinen Film von der ersten Idee bis jetzt mit Kampagnen begleitet und somit selbst intensiv Zielgruppenarbeit leistet. Der Film ist auf Facebook so groß auf­gestellt, das würde man nicht mal über ein Festival erreichen. Sicher sagt das nichts darüber aus, ob der Film dann an der Kinokasse reüssiert, aber es ist einfach ein ganz anderes Denken, wo will ich mit meinem Film hin, wen will ich erreichen...

Wie stehen Sie zu dem überall diskutierten Quoten-Thema?

Peter Schernhuber: Das beschäftigt uns sehr. Auch hier ist eine Betrachtung aus mehreren Perspektiven notwendig. Zum einen gibt es die legitime Forderung, Frauen in der österreichischen Filmbranche mehr Platz einzuräumen. Diese Forderung artikuliert sich bereits über mehrere Jahre und hat auch zu verdienstvollen Initiativen wie FC Gloria geführt. Das ist toll. Die Diagonale hat unter Barbara Pichler stark Position ergriffen, und wir versuchen natürlich, in ihre Fußstapfen zu treten. Zum anderen sind die Debatten Ausdruck zeitgeistiger identitätspolitischer Auseinandersetzungen, die man kritisch hinterfragen muss. "Quote" ist mittlerweile ein Trigger. Wenn bei den Wettbewerbsankündigungen von Festivals immer erst ausgezählt wird, wie viele Filme von Frauen stammen, kann das Ergebnis auch trügerisch sein. Erstens steht ein Festival am Ende der Verwertungskette. Und zweitens, selbst wenn ein Festival eine "vorbildliche" Quote vorweisen kann, muss man immer auch schauen, in welchen Bereichen die Beiträge der Regisseurinnen auftauchen, viele bewegen sich in kurzen Formaten und in Genres mit weniger Budgets. Im großen Filmschaffen sieht es nach wie vor anders aus.

Sebastian Höglinger: Die Debatte kann auch nicht Früchte tragen durch das Durchzählen von Filmbeiträgen in den Festival-Line-ups. Als Festival kann man natürlich Sichtbarkeit generieren und versuchen, Positionen zu platzieren. Aber man sollte das nicht tun, weil dieser oder jener Film von einer Regisseurin ist, sondern selbstverständlich, weil es ein guter Film ist. Zudem sprechen wir oft nur von der Regieposition. Wie sieht es denn in anderen Departments aus? Wir haben dieses Jahr den Film "Jibril" im Programm, den Kamera­frau Carolina Steinbrecher neben Regisseurin Henrika Kull maßgeblich formte. Im Anschluss an die Vorführung bieten wir einen Dialog mit den beiden Macherinnen an, eben auch, um einen Blick auf das Kameradepartment zu werfen. Das sind kleine Aspekte, die in den ganzen Debatten oft außen vorgelassen werden.

Das Gespräch führte Barbara Schuster