Kino

KOMMENTAR: Alive and Kicking

Das Kino lebt! Letztes Wochenende gab es eine kräftige Infusion mit Lebensgeistern, die in frauenbewegten Zeiten wie diesen durch Marvels erste Superheldin verursacht wurde. Kino ist wieder im Gespräch mit "Captain Marvel" oder "Green Book", und gleichzeitig wird um seine Zukunft gestritten wie lange nicht mehr. Alles willkommene Lebenszeichen!

14.03.2019 08:13 • von Jochen Müller

Das Kino lebt! Letztes Wochenende gab es eine kräftige Infusion mit Lebensgeistern, die in frauenbewegten Zeiten wie diesen durch Marvels erste Superheldin verursacht wurde. Kino ist wieder im Gespräch mit Captain Marvel" oder Green Book", und gleichzeitig wird um seine Zukunft gestritten wie lange nicht mehr. Alles willkommene Lebenszeichen! Derweil ist die Branche froh, weil Umsatz- und Besucherzahlen endlich leicht über Vorjahr liegen. Im ersten Quartal 2018 war die Welt ja noch in Ordnung, bevor dann der Sommer kam. Den "perfekten Sturm" nennt Vue-Boss Timothy Richards im Interview mit Blickpunkt:Film das, was sich letztes Jahr ab April an Unglücksfaktoren über den Kinos zusammen gebraut hat, und gibt sich unbeirrt zuversichtlich, dass sich dasselbe Desaster nicht wiederholen wird. Kinoheld*innen wie Brie Larson zeigen jetzt genauso wie die faszinierende "Heldenreise" so unterschiedlicher Charaktere, wie im Oscar-Winner "Green Book" von Viggo Mortensen und Mahershala Ali verkörpert, dass sich bei den richtigen Filmen die Massen, ob jung oder alt, auf der Suche nach Unterhaltung oder Erleuchtung, wieder vor der Leinwand einfinden, ungeachtet der zahllosen Verlockungen der Streamingdienste. Gegen die will sich auch Mr. Richards wehren, ob das mit Kritik an der BAFTA geschieht, weil die britische Academy ihre Filmpreise an Roma" ausgereicht hat, oder mit Dumpingpreisen am Boxoffice, wie das Vue-Tochter Cinemaxx gerade macht. Beides dürfte auch weiter zu heftigen Branchendiskussionen führen. Zuletzt hat sich Premium-Kinokönig Hans-Joachim Flebbe in Blickpunkt:Film gemeldet, um scharfe Kritik an den Billigangeboten der direkten Konkurrenz zu üben. So werde das Kinoerlebnis unter Wert verramscht. Vieles spricht dafür, dass Gutes seinen Preis haben muss, in jedem Fall Flebbes Premiumangebot, mit dessen Segnungen er zuletzt Hamburg und München beglückt hat.

Dennoch spricht vieles dafür, dass nicht eine Angebotsform das komplette Kinoklientel beglücken kann. Zumal wohl noch als späte Auswirkung der unsäglichen "Geiz ist geil"-Kampagne der einstigen Fachmarktgröße Saturn sich ein ausgeprägtes Billigpreisbewusstsein bei deutschen Konsumenten festgesetzt zu haben scheint. Auch das Umfrageergebnis zur eingeschränkten Zahlungsbereitschaft der Deutschen bei Streamingdiensten wird diese nicht erfreuen. Wichtiger als die Zugangsmodalitäten zur großen Leinwand sind die Produkte, die darauf zu sehen sind. Natürlich muss sich die "Customer Journey" beim Kinobesuch so einfach und bequem wie möglich darstellen, aber am Ende kommen die Leute für die Filme und nicht für die Nachos, die ihnen da geboten werden. Dass über die Rahmenbedingungen gestritten wird, ist ein gutes Zeichen für einen lebendigen Markt, der sich noch lange nicht vor anderen Angeboten fürchten muss.

Ulrich Höcherl, Chefredakteur