Produktion

Sandra Maischberger über "Nur eine Frau": "Frei von Larmoyanz"

"Nur eine Frau" ist in der Vorauswahl für den Deutschen Filmpreis und wird beim Filmfestival Tribeca Premiere feiern. Blickpunkt:Film sprach mit Sandra Maischberger, die das ungewöhnliche Projekt mit ihrer Vincent produzierte. NFP startet es am 9. Mai in den Kinos.

13.03.2019 08:11 • von Heike Angermaier

"Nur eine Frau" ist in der Vorauswahl für den Deutschen Filmpreis und wird beim  Premiere feiern. Blickpunkt:Film sprach mit Sandra Maischberger, die das ungewöhnliche Projekt mit ihrer Vincent TV produzierte. NFP startet es am 9. Mai in den Kinos.

Sie realisieren mit Vincent TV vor allem dokumentarische Stoffe fürs Fernsehen. Wie ist aus "Nur eine Frau" ein Kinoprojekt geworden?

Sandra Maischberger: Was an diesem Projekt so besonders ist, ist, dass sich aus der Idee, ein Dokudrama zu machen, ein dokumentarischer Spielfilm entwickelt hat. Mit dem Einstieg von Sherry Hormann als Regisseurin und Florian Oeller als Autor entwickelte sich der Stoff weiter, hat sich der Film seinen Raum genommen. Letztlich ist es nun ein gänzlich fiktionaler Film geworden, in den beinahe unmerklich als Anker in die Realität einige Originalaufnahmen eingewebt sind. Eine extrem spannende neue Form, finden wir.

Wie sind Sie zum Stoff gekommen?

SM: Es war tatsächlich das erste Mal, dass ein Sender mit einem Stoff auf uns zugekommen ist. DerRBB fragte, was uns zum Fall der Hatun Aynur Sürücü einfallen würde, die 2005 in Berlin von ihrem Bruder erschossen wurde. Für mich war gleich klar, dass ich eine Regisseurin für die Umsetzung haben wollte und dachte an Sherry Hormann. Sie hat eine einzigartige Weise, Geschichten, gerade die realer weiblicher Figuren, so zu erzählen, dass der Mensch auf der Leinwand lebendig wird. Ich kenne Sherry schon lange und war von ihren Filmen Wüstenblume" und 3096 Tage" über Natascha Kampusch beeindruckt. Zuletzt hatten wir beim ARD-Drama über Missbrauch Operation Zucker miteinander zu tun, zu dem ich im Anschluss eine Diskussion moderierte.

"Nur eine Frau" hat eine ungewöhnliche Erzählweise. Wie würden Sie sie beschreiben?

SM: Ich fragte Sherry, ob sie ein Dokudrama machen wolle. Sie sagte, das interessiere sie, aber sie sei aber ja keine Dokumentarfilmerin. Wir waren uns einig, dass wir keine Interviewsequenzen mit den Tätern haben wollten, sondern dass wir uns in radikaler Erzählweise ganz auf die Seite unserer Protagonistin stellen, uns auf ihre Perspektive konzentrieren. Gemeinsam mit Florian Oeller kamen wir auf die Idee, Aynur ihre Geschichte selbst erzählen zu lassen. Das ergibt eine ganz andere Tonalität. So ist der Film völlig frei von Larmoyanz. Uns war wichtig, dass Aynur nicht in einer Opferrolle erstarrt, sondern dass sie als eine lebenslustige Frau gezeigt wird. Aynur ist eine Berliner Pflanze, die mit einer gewissen Frechheit und Rotzigkeit von ihrem Leben erzählt. Das überzeugte auch Hauptdarstellerin Almila Bagriacik.

Wie haben Sie die schöne Besetzung und das erfahrene Team gewonnen?

SM: Sherry holte Casterin Simone Bär an Bord, die einen Superjob gemacht und ein wirklich "multikulturelles" Team zusammengestellt hat. Dass Kamerafrau Judith Kaufmann und Editorin Bettina Böhler zusagten, obwohl sie eigentlich keine Zeit hatten, hat uns beflügelt. Überhaupt hat "Nur eine Frau" eine Eigendynamik entwickelt, wie ich es noch bei keinem unserer Projekte erlebt habe. Es ging sehr schnell. Wir begannen Ende 2017 mit der Arbeit am Drehbuch und drehten im heißen Sommer 2018 in Berlin. Zu Weihnachten war der Film fertig. Man sieht, dass wir auf den Punkt gearbeitet haben. Das schönste Geschenk ist, wie die Schauspieler trotz des engen Drehplans aufgeblüht sind.

Wie sind Sie zu Ihrem Verleih NFP gekommen?

SM: Wir waren unter einem extremen Zeitdruck. Christoph Ott wurde mir empfohlen, also rief ich ihn an, und sagte, er müsse sich schnell entscheiden. Wir haben uns bis zu diesem Moment nie gesehen oder gesprochen. Er fragte scherzhaft, ob er zumindest das Drehbuch lesen dürfe und sagte dann binnen 24 Stunden zu. Nach weiteren 24 Stunden hatten wir den unterschriebenen Vertrag.

"Nur eine Frau" läuft in Tribeca. Wann war klar, den Film auf internationalen Festivals einzureichen?

SM: Der erste Schritt war, zu entscheiden, dass der Film ein Kinofilm werden würde. In einem zweiten Schritt stellten wir uns die Frage, ob wir ihn auch international verkaufen könnten. Da war er schon fertig und wir zeigten ihn Michael Weber von The Match Factory. Er hatte zuerst Bedenken wegen des deutschen Voiceovers. Die waren aber schnell verflogen. Es war seine Idee, den Film in New York einzureichen. Dass wir noch spät genommen wurden, hat uns natürlich sehr gefreut. Das ist eine große Anerkennung für uns wie übrigens auch, dass der Film in der Vorauswahl für den Deutschen Filmpreis ist. Ich glaube, unser Film kann Menschen auf der ganzen Welt ansprechen. Die Geschichte spielt zwar in Deutschland und hat einen deutsch-türkisch-kurdischen Hintergrund. Sie erzählt aber von einer Frau, die um Selbstbestimmung und gegen Zwänge und Traditionen kämpft, was ein universelles Thema ist.

Entwickeln Sie weitere Kinofilme?

SM: Ja. Wir sind Associate Producer bei einem Dokumentarfilm der Latemar Film über Roger Cicero und entwickeln weitere, eigene Projekte fürs Kino: eine Satire, eine Dokumentarfilm und eine Doku-Fiction. Die Vincent hat in der Vergangenheit zwar vor allem fürs Fernsehen produziert - wir kommen vom Journalismus und von Reportagen und Dokumentationen -, aber seit unserer Gründung im Jahr 2000 haben wir schon früh Dokudramen entwickelt, mit hohem Spielanteil und erstklassiger Besetzung, wie etwa "Ein blinder Held" mit Edgar Selge als Bürstenfabrikant Otto Weidt. Kinofilme zu machen ist eine natürliche Entwicklung für unsere Firma und für mich eine Herausforderung, die mir großen Spaß macht.