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SXSW-Chefin Janet Pierson: "Atmosphäre der Kreativität"

Heute beginnt in Austin mit der Weltpremiere von "Wir" die neue Ausgabe des SXSW Film Festival. Festivalchefin Janet Pierson erklärt im Interview, was SXSW zum Ausnahmefestival macht und warum die Hollywoodstudios Austin als Plattform lieben.

08.03.2019 08:50 • von Thomas Schultze
Janet Pierson leitet das SXSW Film Festival seit 2011 (Bild: Daniel Bergeron/SXSW Film Festival)

Heute beginnt in Austin mit der Weltpremiere von "Wir" die neue Ausgabe des SXSW Film Festival. Festivalchefin Janet Pierson erklärt im Interview, was SXSW zum Ausnahmefestival macht und warum die Hollywoodstudios Austin als Plattform lieben.

Als Sie die Leitung des SXSW Film Festivals 2008 im Alter von 50 Jahren übernahmen, hatten Sie nie zuvor ein Festival geleitet.

Ich hatte noch nie für ein Festival gearbeitet! Aber ich bin involviert in das unabhängige Kino, seit ich mich 1977 mit 20 nach Abschluss der Kunstschule in San Francisco einem Zusammenschluss unabhängiger Filmemacher anschloss. 1981 erhielt ich einen Job beim New York City Film Forum als Assistentin der Leiterin Karen Cooper. Gleich nach meiner Ankunft lernte ich meinen Mann John kennen, der beim Film Forum die Kinos leitete. Er machte sich 1982 selbstständig und machte sich als Produzent von Filmen wie Spike Lees Debüt She's Gotta Have It" einen Namen. Wir hatten zwei Kinder und ich verließ das Film Forum 1986, um John bei seiner Arbeit beizustehen. Gemeinsam machten wir die ersten Filme von Richard Linklater und Michael Moore möglich. Von 1997 bis 2000 hatten John und ich eine Fernsehsendung beim Independent Channel, Split Screen, die es auf 60 Episoden brachte und für die mehr als 100 unabhängige Filmemacher Beiträge machten. Unter anderem entwickelte sich Blair Witch Project" aus der Sendung. Nachdem wir wegen unserer Beteiligung an Steve James' Doku Reel Paradise" ein Jahr auf den Fidschi Inseln verbracht hatten, ließen sich John und ich in Austin nieder, weil mein Mann dort an der Uni unterrichten wollte.

Dank Richard Linklater, Robert Rodriguez und natürlich dem SXSW Film Festival eines der Zentren des unabhängigen amerikanischen Films...

Es herrscht dort eine fortwährende Stimmung des Aufbruchs. Als wir dort ankamen, war ich mir erst nicht sicher, was ich machen sollte. Ich hatte keine rechte Lust mehr, Johns rechte Hand zu sein, sondern wollte mein eigenes Ding machen. Ich nahm das Angebot an, dem Vorstand der Austin Film Society beizutreten und machte mich dort nützlich. Ich lernte alle wichtigen Leute in der Stadt kennen und freundete mich mit Matt Dentler an, der zu diesem Zeitpunkt das SXSW Film Festival leitete. Als er 2008 eine neue Stelle in New York antrat, schlug er mich als seinen Nachfolger vor.

Wie stand das Festival damals da?

Dem Festival ging es gut. Es war gut organisiert und genoss einen ausgezeichneten Ruf. Als Matt die Leitung übernahm, entwickelte er im Grunde die Blaupause für das Festival, das ich heute leite, in dem Micro-Cinema einen ebenso großen Stellenwert genießt wie die großen Mainstream-Premieren der Studios. Unsere Geschmäcker sind sehr ähnlich. Eines von Matts großen Talenten ist sein Auge für aufstrebende Filmemacher: Er hat zum Beispiel Barry Jenkins und die Safdie-Brüder entdeckt. Für mich gab es also keinen Grund, das Festival neu zu erfinden. Was Matt und mich unterscheidet, ist meine Erfahrung: Ich hatte bereits seit 30 Jahren in der Industrie gearbeitet und dementsprechend gute Kontakte etabliert. Das hat mir geholfen, ein bisschen an den Stellschrauben zu drehen und SXSW ein bisschen auch zum engagierten Mainstream, zu Studioproduktionen mit einer individuellen Handschrift hin zu öffnen. Das hat uns geholfen, auch an der Außenwahrnehmung zu feilen. Wir fahren sehr gut damit.

Vor allem haben Sie sich einen Namen gemacht als Festival, das immer bereit ist, neue Wege zu beschreiten.

Wir sind keine Auswertungssnobs. Im Mittelpunkt unserer Programmierung stehen die Filmemacher. Wir sind interessiert daran, was sie Neues gemacht haben - und nicht, für wen sie etwas Neues gemacht haben. Diese Sichtweise scheint mir antiquiert. Wenn man als Filmfestival das beste Programm haben will, muss man sich öffnen für neue Entwicklungen - letztlich steht SXSW als Veranstaltung für technische Innovation. Man muss Kreative fördern und unterstützen und nicht den Türsteher spielen. Junge Filmemacher produzieren einfach nicht mehr exklusiv für die große Leinwand, schon gar nicht, wenn sie anfangen. 2009 waren wir das erste Festival, das eine Day-and-Date-VoD-Premiere hatte. Das erschien uns damals schlüssig, wir dachten nicht, dass es ein Game-Changer sein würde. 2012 haben wir die HBO-Serie Girls gezeigt. Das hatte davor auch noch kein Festival gemacht, aber auch das erschien mir organisch: Wir gehen als Festival dahin, wohin die Kreativen gehen. Ich arbeite mit einem sehr kleinen Team, aber jeder Einzelne ist sehr wach und hat seine Ohren am Boden, um zu sehen, wo spannende Sachen gemacht werden. Das ist sehr inspirierend. Wir lieben es, Entdeckungen zu machen und die ausgetretenen Pfade zu verlassen.

Und doch zeigen Sie großes Mainstreamkino.

Ja, wir zeigen große Premieren, aber auch damit heben wir uns von anderen Festivals ab. Wir nehmen nicht jeden Film. Aber wir freuen uns, wenn die Studios uns Titel anbieten wie A Quiet Place" im letzten Jahr - oder in diesem Jahr Jordan Peeles "Wir", mit dem wir das Festival eröffnen. Das ist nicht selbstverständlich, und natürlich wissen wir, dass SXSW als Plattform genutzt wird, Filme öffentlichkeitswirksam an den Start zu bringen, die nicht unbedingt Selbstläufer sind. Es ist auch das Ergebnis, langjähriger Kontaktpflege und guter Erfahrungen. Aber das SXSW Film Festival ist viel mehr als die vier oder fünf großen Hollywoodpremieren, die wir jährlich anbieten können. Wir zeigen 140 Filme. Der Großteil stammt aus Nordamerika; wir zeigen aber auch etwa 30 internationale fremdsprachige Produktionen, also etwa ein Viertel. Das internationale Kino liegt uns durchaus am Herzen, weil wir grundsätzlich interessiert daran sind, was Filmemachern auf der Seele liegt. Wir haben eine Sektion mit Weltkino, die nur aus acht Filmen besteht, weil wir bei der

Auswahl sehr rigoros sind: Da wollen wir wirklich das Allerbeste zeigen, was außerhalb der USA produziert wurde. Dazu kommt ein tolles VR-Kino, mit dem wir neue Wege beschreiten. Und natürlich ist da auch noch die Conference, die im Herzen von SXSW liegt und für die wir spannende Redner gewinnen können. Und wenn es sich anbietet, dann machen wir auch noch Events am Rand: Als HBO "Westworld" an den Start brachte, haben wir die Stadt nachgebaut, in der die Serie spielt.

Das SXSW Film Festival entstand aus dem unabhängigen Kino, das Ihr Mann und Sie mit ermöglicht haben - Ihr Mann hat das vielbeachtete Buch "Spike, Mike, Slackers & Dykes" über diese Zeit geschrieben. Seither hat das Festival wiederum geformt, wie unabhängig produziert werden kann. Das Mumblecore-Kino wurde beispielsweise bei Ihnen entdeckt.

Grundsätzlich gebe ich Ihnen Recht. Wir fördern eine Atmosphäre der Kreativität. SXSW soll ein Werkzeug sein, das junge Kreative nutzen können, um ihre Stimme finden zu können. Letztlich war das immer mein Ziel. Das war 1977 in San Francisco so und 1981 in New York, und heute gilt es noch genauso: Junge Filmemacher sollen die Möglichkeiten haben, ihre Filme zu machen und einer Öffentlichkeit zu präsentieren. Was Mumblecore anbetrifft, habe ich eine etwas andere Meinung als die meisten, die es als eine Spielart des Micro-Cinema ansehen. Aber das ist nicht neu: "She's Gotta Have It" haben wir 1985 in zwölf Tagen in mehr oder weniger einer Wohnung gedreht. Das Besondere an Mumblecore war, dass sich all diese Filmemacher, die daran glaubten, mit minimalen Budgets zu arbeiten, sich trafen und den Entschluss fassten, zusammenzuarbeiten und sich gegenseitig zu unterstützen. Das Kollaborative machte Mumblecore so toll. Am Schluss von "Hannah Takes the Stairs "werden im Abspann als Macher alle Beteiligten genannt. Das fand ich großartig und einzigartig.

Warum haben amerikanische Kreative ausgerechnet SXSW als ihre Heimat adoptiert?

Ich denke, dass wir die richtige Einstellung mitbringen. Wir verstehen, was sie wollen, was ihnen wichtig ist. Es ist ein toller Kontakthof. Viel hängt es aber auch mit Austin zusammen, eine liberale Hochburg mitten in Texas mit einer außergewöhnlich progressiven Uni. Und unterschätzen Sie nicht, welche Bedeutung das ausgesprochen angenehme und warme Wetter in Austin im März hat. Das SXSW Film Festival ist ein einladendes Festival, man kommt schnell miteinander ins Gespräch, man befindet sich unter Gleichgesinnten. Es gibt eine Historie der Inspiration. Es ist ein sehr fruchtbarer Boden. Wir hören das immer wieder: Wir haben uns in Austin beim SXSW kennengelernt. Und damit meine ich nicht nur die kreative Seite: Wir können mittlerweile auch eine Reihe von Ehepaaren aus der Branche vorweisen, die sich bei uns in der Schlange kennengelernt haben.

Aber was ist es, das Austin so besonders für die Film- und Kinobranche macht?

Man findet schnell Anschluss und Unterstützung. Wir sind New Yorker. Als wir 2004 in Austin landeten, wurden wir sofort mit offenen Armen empfangen. Für meinen Mann und mich war es, als wären wir endlich Zuhause angekommen. Wir fanden in Austin genau jene Einstellung vor, die wir über Jahrzehnte hinweg gepflegt hatten. Uns war es immer wichtig gewesen, andere Leute zu unterstützen, Dinge möglich zu machen, uns nützlich zu machen. In Austin, so kommt es mir manchmal vor, geht es allen so. Wir passen perfekt dazu.

Welche Rolle spielt Richard Linklater, der Austin als Filmstadt 2001 mit Slacker ins Rollen gebracht hat?

Ohne Richard wäre das Austin des SXSW Film Festival nicht möglich. Seine Bedeutung kann man gar nicht hoch genug bemessen. Er ist so etwas wie der spirituelle Anführer der Filmstadt Austin. Er hat die Austin Film Society gegründet. Er ist völlig unprätentiös, immer offen, immer ansprechbar. Ebenso wichtig ist Robert Rodriguez, von dessen Großzügigkeit auch wir profitieren: Er stellt seine Troublemaker Studios jedes Jahr umsonst für den Eröffnungslunch für angereiste Filmemacher zur Verfügung. Er gibt sich immer viel Mühe, er und Richard Linklater halten Ansprachen, ich heiße die Gäste willkommen. Wenn man in Austin ist, soll man sich wie Zuhause fühlen.

Das SXSW Film Festival wird auch mit Judd Apatowund seiner erweiterten Filmfamilie assoziiert.

Das ist eine Freundschaft, die noch auf die Zeit vor mir zurückgeht. Ich war 2007 im Publikum, als Judd erstmals auf dem Festival einen Film vorgestellt hat, das war Beim ersten Mal". Ich kann mich kaum erinnern, jemals im Kino so viel gelacht zu haben. Judd ist ein bemerkenswerter Mann, ein echter Gamechanger, der immer wieder neue Wege beschreitet. Wir passen einfach gut zusammen. Vor allem Brautalarm" war 2011 ein Meilenstein, der Menschen auf SXSW aufmerksam gemacht hat. Viele führen den überraschenden Erfolg bei der Premiere als Grund dafür an, dass der Film danach zu einem Blockbuster werden konnte. Das war eine verrückte Nacht. Universal war nicht sicher, ob sie den Film zeigen sollten. Wir wollten ihn unbedingt haben. Als die Zusage dann schließlich kam, war nur noch eine Mitternachtsvorführung offen. Wir haben "Brautalarm" um ein Uhr nachts gezeigt, der Saal war rappelvoll, und die Leute drehten regelrecht durch vor Begeisterung. Und was am schönsten ist: Mumblecore und Judd Apatow überschnitten sich auf bemerkenswerte Weise und befruchteten sich gegenseitig. So etwas passiert auch nur bei uns. Darauf bin ich etwas stolz.

Viele bedeutende Festivals gibt es nicht auf der Welt, die Comedy ernst nehmen.

Und wissen Sie was: Wie dumm von den anderen Festivals! Wir haben immer nur gute Erfahrungen mit Komödien und ihren Filmemachern gemacht. Sie sind kreativ, innovativ und für jede verrückte Idee zu haben. Wir kultivieren das und ernten die Früchte dafür. Unsere Beziehung zu Seth Rogen ist mittlerweile so eng, dass er uns anruft, um persönlich neue Filme anzubieten. Welcher Filmemacher macht das? Er rief mich persönlich an, um mir zu sagen, dass Sausage Party" zwar noch nicht fertig sei, er sich aber kein anderes Festival für den Film vorstellen könne. Nur wir nähmen Comedy ernst. Deshalb würde er alles daransetzen, eine vorführbare Fassung des Films bereit zu haben. Es hat ihm viel bedeutet, dass wir ihm grünes Licht gegeben haben. Im Jahr darauf meldete er sich und sagte: Ich habe wieder was für Euch. Wir mussten erst einmal auf IMDb nachsehen - das war The Disaster Artist". Es zahlt sich aus, wenn man seine Kontakte pflegt. In diesem Jahr ist Seth schon wieder da mit Long Shot".

Welche Rolle spielt die nicht unbeträchtliche Filmgeek-Kultur für SXSW - das Alamo Drafthouse Cinema oder Ain't It Cool News?

Die Historie des SXSW Film Festival und des Alamo Drafthouse sind eng miteinander verbunden. Das Festival begann 1994, Tim League hat sein Kino 1997 gestartet. Wir haben uns im Grunde gegenseitig geholfen und sind miteinander groß geworden. Tim ist ein smarter Mann, und er weiß genau, wen er sich als Mitstreiter an seine Seite holen muss. Ain't It Cool News war insgesamt sehr wichtig, dass der Fokus auf Austin als Filmstadt gerichtet wurde. Die unverblümte Begeisterung, mit der über Film geschrieben wird, findet man auch beim Filmpublikum in Austin. Das sind gescheite Leute mit einem umfassenden Wissen über die Filmgeschichte und die Industrie. Sie sind gleichzeitig auch sehr enthusiastisch. In New York ist das Publikum auch smart, aber selten enthusiastisch. Tatsächlich ist die Begeisterung in Austin so groß, dass man ihr gerade in den frühen Tagen des SXSW Film Festivals nicht so recht über den Weg traute. Die finden doch eh immer alles super, hieß es damals. Die Erfahrung hat die Leute mittlerweile eines Besseren belehrt: Viele der großen SXSW-Hits waren dann später auch in der Kinoauswertung erfolgreich.

Sie spielen ja auch nicht alles, was die Studios Ihnen anbieten, vermute ich.

Nein, definitiv nicht. Wir kuratieren ausgesprochen sorgfältig. Ein Film, ob superklein oder riesig groß, muss zu uns passen.

Wie eng ist der Austausch mit den parallel stattfindenden Musik- und Technologiefestivals?

Es gibt Austausch. Wenn uns ein Film mit Musikthema angeboten wird, frage ich bei den Musikkollegen nach, ob das auch für sie interessant sein könnte und wie sie den Titel einschätzen. Aber mehr ist das nicht. Wir halten uns auf dem Laufenden, aber jeder macht sein eigenes Ding.

Wer ist das Publikum des SXSW Film Festivals?

Zunächst einmal haben wir ein treues lokales Publikum. Aber mehr und mehr kommen Zuschauer aus dem ganzen Land oder auch aus Übersee. Beim Musikfestival ist der Anteil allerdings deutlich höher - es ist auch ein wesentlich größeres Festival. Weil alles parallel stattfindet, blutet das Publikum auch ineinander. Das macht SXSW zu einem so einzigartigen Event: Wir haben die Meinungsführer aus vielen verschiedenen Industrien vor Ort. Die Hardcore-Filmfans sehen sich vier bis sechs Filme am Tag an. Aber dann haben wir Gäste des Musikfestivals, die sich vielleicht einen oder zwei Titel aussuchen. Das lässt unsere Screenings aber auch besonders einflussreich sein: Filme sprechen sich nicht nur unter Filmleuten herum, sondern verbreiten sich manchmal auch in ganz andere Branchen wie ein Lauffeuer. Das ist ein Effekt, den man mit Geld nicht bezahlen kann.

Gibt es auch Nachteile?

Die Popularität von Austin rührte auch daher, dass man es sich leisten konnte, in Austin zu leben. Viele junge Filmemacher haben Los Angeles oder New York den Rücken zugekehrt, weil sie es sich eher leisten konnten, in Austin zu leben. Das hat sich geändert, und es ist ein riesiges Problem. Wir wissen auch nicht, wie man ihm Herr werden könnte. Die Hotelsituation ist sehr angespannt. Aber die Menschen kommen immer noch nach Austin, um eine gute Zeit zu haben. Und die haben sie dann auch.

Das Gespräch führten Barbara Schuster und Thomas Schultze