Kino

"Netflix wird sich umschauen müssen"

Für Timothy Richards steht fest: "Roma" hätte gar nicht erst für Kinofilmpreise wie die Oscars zugelassen werden dürfen. Warum er an eine klare Abgrenzung glaubt, weshalb er härtere Zeiten für Netflix anbrechen sieht und wie er zur Frage der Preisgestaltung steht, verrät der CEO der britischen Kinokette Vue im Interview.

07.03.2019 12:48 • von Marc Mensch
Vue-CEO Timothy Richards (Bild: Vue)

Wie sich die britische Kinokette Vue und ihr CEO Timothy Richards zu filmpolitischen Themen positionieren, ist nicht nur deshalb so interessant, weil sie zu den größten Playern im wichtigsten europäischen Markt zählen. Sondern aus deutscher Sicht natürlich vor allem deshalb, weil nicht nur Cinemaxx zum Unternehmen gehört, sondern bald auch CineStar. Ab wann? Dazu mehr am Ende des Interviews. Mit seinen Ansichten in der causa "Roma" (wir berichteten) steht Richards jedenfalls alles andere als alleine dar. Mitbewerber Cineworld hat der BAFTA die Unterstützung entzogen und auch Picturehouse hat gerade unmissverständlich klargestellt, dass man ein Kinofenster für alternativlos halte. Warum Richards an eine klare Abgrenzung glaubt, weshalb er härtere Zeiten für Netflix anbrechen sieht und wie er zur Frage der Preisgestaltung steht, verrät er im Interview mit Blickpunkt: Film.

BLICKPUNKT: FILM: Bei den 91. Academy Awards erhielt "Roma" am Ende drei Auszeichnungen - jene als "Bester Film" blieb ihm allerdings verwehrt. Ist für Sie als ausgesprochener Gegner seiner Nominierung das Glas damit eher halb voll oder halb leer?

TIMOTHY RICHARDS: Am Ende geht es doch schlicht um die Frage: Was ist ein Kinofilm? Festivals und Branchenpreise wie die Oscars oder die BAFTA-Awards haben diesbezüglich in der Vergangenheit eine relativ klare Linie vertreten. Für sie galt als Kinofilm nur eine Produktion, die tatsächlich eine nennenswerte Kinoauswertung erfahren hat bzw. dies sollte. Und ganz ohne Definition geht es doch auch nicht. Schließlich könnte man Kinopreise sonst künftig an jeden noch so beliebigen Content vergeben, ganz gleich, ob er nun für die Leinwand oder nur ein iPhone entstand. Es gab schon immer auch Preise für TV-Produktionen - und wir halten "Roma" nun einmal für eine TV-Produktion, die lediglich eine sehr begrenzte Auswertung auf sehr wenigen Leinwänden erfuhr - und dies ausschließlich zum Zweck der Qualifikation für einen Preis. Es ging ] überhaupt nicht darum, tatsächlich ein Kinopublikum für diesen Film zu finden, sondern nur darum, die Kriterien für einen Oscar, einen BAFTA-Award oder andere renommierte Preise zu erfüllen. Daher haben wir es für nötig befunden, vor allem BAFTA daran zu erinnern, welche Regeln man sich dort selbst gegeben hat.

BF: Denken Sie, dass "Roma" der wichtigste Preis verwehrt blieb, weil dem am Ende doch die Auffassung der Academy-Mitglieder im Wege stand, dass der "Beste Film" auch die beste Auswertung erfahren können sollte?

TR: Ich könnte mich einer solchen Auffassung komplett anschließen. Denn wenn man schon Preise für ein bestimmtes Medium verleiht, muss man sich auch fragen, worum es sich bei den ausgezeichneten Produktionen handelt. Und das ist eben nicht nur eine Frage der Qualität. Niemand wird bestreiten, dass es zahlreiche TV-Produktionen gibt, die ein extrem hohes Qualitätslevel erreichen - aber alleine das macht sie natürlich nicht zu Kinofilmen. Meiner Ansicht nach hätte "Roma" bei den Oscars gar nicht erst berücksichtigt werden dürfen. Was nebenbei bemerkt in den jeweiligen Kategorien ja auch zu Lasten anderer Filme und Regisseure ging, die eine Berücksichtigung verdient hätten. Ich persönlich bin ja überzeugt davon, dass "The Favourite" bei den BAFTA Awards abgeräumt hätte, wenn ihm "Roma" nicht im Weg gestanden wäre. Ich halte es für geradezu unfair, dass "The Favourite" am Ende im Schatten eines Filmes stand, der gar nicht in die Auswahl hätte gelangen dürfen.

BF: Gerade erst gab es hierzulande Einiges an Aufregung, weil sich die Berlinale nach Ansicht vieler Kinobetreiber über ihre eigenen Regeln hinwegsetzte, als sie "Elisa und Marcela" für den Wettbewerb zuließ. Zeigt dieses Beispiel (neben etlichen anderen), dass es schwieriger geworden ist, für ein striktes Kinofenster einzutreten?

TR: Nein, das sehe ich nicht so. Wir stellen allerdings durchaus fest, dass sich eine rasante Evolution vollzogen hat. Man hat den Eindruck, dass kaum jemand weiß, wie mit der Situation umzugehen ist, während Netflix zunehmend aggressiv agiert. Ich bin überzeugt davon, dass wir uns als Industrie zusammensetzen müssen, um die Situation zu analysieren und auf dieser Basis neue Regeln zu entwerfen, mit denen wir in die Zukunft gehen können. Nicht umsonst haben wir uns dazu entschieden, uns mit unseren Kollegen bei der BAFTA darüber auszutauschen, wie Preiskriterien künftig aussehen sollten.

BF: Aber sollte man die "Exklusivität" nicht auch stärker über die Exklusivität dessen definieren, was ein Kinobesuch in Abgrenzung zum kleinen Bildschirm zu bieten hat?

TR: Wissen sie, wir sprechen von einem durch und durch bewährten Modell, das sich nun schon rund 100 Jahre lang als konkurrenzlos erwiesen hat. Dieses Modell, das ein Kinofenster vorsieht, ist auch nicht im Mindesten obsolet. Deswegen halten sich doch selbst Unternehmen wie Amazon daran. Jeff Bezos hat öffentlich verlauten lassen, dass man bei Amazon an die Kinoverwertung glaube - und dass man hinter Verwertungsfenstern stehe. Man wird dort also weiterhin neue Kinoproduktionen zuallererst auf die Leinwand schicken, bevor sie dann nach Ablauf eines Fensters auf Amazon Prime angeboten werden. Genau das wird meiner Ansicht nach die Zukunft der Filmverwertung definieren, wie sie sich aktuell durch die Gründung eigener Plattformen von Disney, Warner oder Comcast/Universal abzeichnet. Tatsächlich wird sich Netflix zunehmend umschauen müssen. Denn schon bald werden sie direkte Konkurrenz durch drei der besten Content-Produzenten weltweit erfahren.

BF: Nun hat sich in Deutschland eine ganze Reihe von Betreibern dazu entschieden, "Roma" in ihr Programm aufzunehmen - darunter neben etlichen Arthouse-Kinos oder einem Multiplex wie dem Cinecitta auch die gerade erst von Ihnen erworbene Kette CineStar. Dies hat durchaus für Unmut innerhalb der Branche gesorgt. Aber was unterscheidet das Screening eines Netflix-Films denn von anderen alternativen Angeboten, wie sie längst gang und gebe sind?

TR: Es gibt tatsächlich etliche Formen von Content, der als sogenannter "Alternativer Content" seinen Weg auf die Leinwände findet, wobei man darunter nach wie vor primär Opernübertragungen oder Konzerte versteht. Mit solchen punktuellen Veranstaltungen gibt es auch gar kein Problem, im Gegenteil. Allerdings darf das Label "Alternativer Content" nicht für breite Auswertungen missbraucht werden, die ohne Rücksicht auf das Kinofenster erfolgen - und eine AC-Auswertung darf auch nicht anschließend als "reguläre oder bedeutsame" Kinoauswertung angesehen werden.

BF: Wurde Vue "Roma" denn angeboten?

TR: Nein, das wurde er nicht.

BF: Netflix hat kürzlich bestätigt, dass auch "The Irishman" in ausgewählten Kinos gezeigt werden soll. Unter welchen Umständen würden Sie einen Einsatz dieses Films erwägen?

TR: Wir würden Netflix außerordentlich gerne ins Boot holen und mit ihnen einen ernsthaften Dialog darüber führen, wie wir ihre Filme auf unsere Leinwände bringen und damit ein breiteres Publikum erreichen können - und wie sie den Wert ihres Contents mit einer echten Kinoauswertung vervielfachen könnten. Denn wir sind überzeugt davon, dass dies Netflix ebenso Zusatzumsätze bescheren würde, wie sämtlichen anderen Playern - ohne sich dabei negativ auf ihre Abonnentenzahlen auszuwirken. Alfonso Cuaron und Martin Scorsese zählen jedenfalls zu den besten Regisseuren der Welt.

BF: Nun ist Netflix ja durchaus auf dem Weg, zumindest für 4K-Content preislich in Regionen vorzustoßen, wie sie in einem Programm wie AMC Stubs A-List aufgerufen werden. Liegt ein Schlüssel zum Erfolg möglicherweise darin, Angebote zu schnüren, die sich preislich messen können?

TR: Das wäre, als würde man Äpfel und Birnen vergleichen, denn wir sprechen von gänzlich unterschiedlichen Geschäftsmodellen. Wir bieten ein Out-of-Home-Erlebnis, Netflix nicht. Es ist, als würde man einen Restaurantbesuch mit einem Essen zuhause vergleichen. Was die Preisgestaltung anbelangt, bewegen wir uns auf völlig anderen Ebenen, tatsächlich schauen wir nicht einmal auf das, was Netflix an dieser Stelle tut. Unsere Konkurrenz sind andere Arten des Out-of-Home-Entertainments. Und den Preisvergleich mit diesen müssen wir keinesfalls scheuen.

BF: Dennoch setzt Cinemaxx auf den Ausbau der 5,99-Euro-Strategie, während man gleichzeitig aber auch ein neues Preismodell für modernisierte Standorte vorgestellt hat. Denken Sie, dass die Preisfrage entscheidend dabei sein wird, den deutschen Markt wieder auf Kurs zu bringen?

TR: Es sind zuallererst großartige Filme, die das Publikum zurück ins Kino holen. Gerade in den letzten Jahren gab es eine ganze Reihe fantastischer deutscher Titel, die das Geschäft richtig angeheizt haben. Auch 2018 sind einige großartige deutsche Filme gestartet - aber aus irgendeinem Grund haben sie das Publikum nicht so mitgerissen wie in den Vorjahren. Nun ja, grundsätzlich war 2018 von der unglücklichen Kombination schwächerer Staffeln, einer langanhaltenden Periode geradezu unglaublich sonnigen und heißen Wetters und dann auch noch von der Fußball-WM geprägt. Für Deutschland als große Fußballnation spielte es auch keine Rolle, dass das Team frühzeitig ausschied; die Leute schauten trotzdem weiter. Kurz gesagt, es war der sprichwörtliche "perfekte Sturm", der sich über einem Markt zusammengebraut hatte, der sich aber mit Sicherheit auch wieder erholen wird. Wir tun unseren Teil, indem wir kontinuierlich investieren. Wir haben gerade mit dem Roll-out der komplett mit Ledersesseln mit flexibler Rückenlehne ausgestatten Säle begonnen, angefangen mit dem Cinemaxx Hannover und dem Cinemaxx Regensburg. Wir sind überzeugt davon, dass das ein veritabler Game-Changer ist, denn wir können sehr deutlich sehen, wie sehr unsere Gäste diese Sessel lieben. Und es handelt sich dabei nur um eine der Maßnahmen, die wir im Zuge aufwändiger Modernisierungen in Angriff nehmen. Mit Blick in die Zukunft kann ich Ihnen bereits versprechen, dass wir dieses Engagement auch zu CineStar bringen werden. Wir werden auch dort erhebliche Mittel investieren.

BF: Apropos CineStar: Wann denken Sie wird die Übernahme vollzogen sein?

TR: Einen genauen Termin kann ich noch nicht nennen, aber wir hoffen, dass es im dritten Quartal dieses Jahres der Fall sein wird.

Das Gespräch führte Marc Mensch