Kino

Spielberg vs. Netflix

US-Medienberichten zufolge soll Steven Spielberg als eines der Führungsmitglieder der Academy auf eine Regeländerung drängen, die Filme wie "Roma" künftig von den Oscars ausschließt. Ein umstrittenes Vorhaben, das auch Produktionen jenseits jener von Streamingdiensten erfassen könnte. Reaktionen von Kreativen gehen indes über die Frage nach Preisen hinaus.

04.03.2019 11:39 • von Marc Mensch
Steven Spielberg (Bild: Kurt Krieger)

Schon Vue-CEO Timothy Richards zitierte Steven Spielberg in seinem Brief an die British Academy of Film and Television Arts (BAFTA), in dem er sich über die aus seiner Sicht regelwidrige Prämierung von "Roma" bei den BAFTA-Awards beschwerte (wir berichteten). Demzufolge habe Spielberg festgestellt: "Sobald man sich für ein TV-Format verpflichtet, sprechen wir von einem TV-Film. Wenn es eine gute Produktion ist, verdient sie dann sicherlich auch einen Emmy, aber keinen Oscar. Ich denke nicht, dass sich Filme, die nur eine Alibi-Auswertung in einer Handvoll Kinos für weniger als eine Woche erhalten, für eine Academy-Award-Nominierung berücksichtigt werden sollten."

Wie unter anderem Indiewire nun berichtete, soll Spielberg planen, seinen Einfluss als einer der Direktoren der Academy of Motion Picture Arts and Sciences (AMPAS) geltend zu machen, um eine Regeländerung durchzusetzen, die Filme wie "Roma" auf die Emmys verweisen würde. "Steven hegt starke Überzeugungen was den Unterschied zwischen Streaming und Kinoauswertung anbelangt", zitiert Indiewire einen Sprecher von Amblin. Demnach würde er sich sehr freuen, wenn sich andere seinem Vorstoß anschließen würden. Das Thema soll bei einer Direktoren-Sitzung der Academy im April zur Sprache kommen.

Einzelne Filmemacher haben sich bereits klar gegen Spielbergs Agenda ausgesprochen, darunter Regisseurin Ava DuVernay, die 2017 für die Netflix-Doku "Der 13." Oscar-nominiert war. Sie ließ über Twitter wissen, dass sie hoffe, dass bei dem Meeting auch Kreative zur Sprache kämen oder zumindest Botschaften jener verlesen würden, die anders denken als Spielberg. DuVernays letzter Kinofilm, "Das Zeiträtsel", hatte Walt Disney einen veritablen Flop beschert. Deadline zitiert auch einen Tweet von Bruce Campbell, der wissen ließ: "Sorry, Mr. Spielberg. 'Roma' ist kein TV-Film - sondern er gehört zum Eindrucksvollsten, was derzeit zu sehen ist. Die Frage der Plattform ist irrelevant geworden. Machen Sie einen Film mit Netflix!"

Netflix selbst nannte Spielberg in einem kürzlich veröffentlichten Tweet zwar nicht beim Namen, es ist aber recht offensichtlich, dass dieser als Replik zu verstehen ist. Darin heißt es: "Wir lieben Kino. Und hier sind einige Dinge, die wir ebenfalls lieben: Leuten Zugang zu Filmen zu verschaffen, die sich den Kinobesuch nicht immer leisten können oder in einer Stadt ohne Kino leben. Jedem überall zur selben Zeit die Möglichkeit zu geben, Neustarts zu genießen. Den Kreativen mehr Wege zu erschließen, ihre Kunst zu teilen. Hierbei handelt es sich nicht um Dinge, die sich gegenseitig ausschließen."

Nun könnte man Netflix durchaus widersprechen, wenn diese von "mehr Wegen der Verbreitung" sprechen - und sei es schon aufgrund der Tatsache, dass man als Nicht-Abonnent daran gehindert wird, sich einzelne Filme oder Serien schlicht auf DVD zu holen. Dies aber nur am Rande.

Sich nicht an die geltenden Oscar-Regularien gehalten zu haben, kann man Netflix jedenfalls nicht vorwerfen. Tatsächlich erfuhr "Roma" eine deutlich breitere, als die für eine Nominierung tatsächlich notwendige Auswertung. In einigen US-Kinos war "Roma" über mehr als drei Monate zu sehen - der "qualifying run" in Los Angeles bzw. New York beträgt für Oscar-Aspiranten hingegen gerade einmal eine Woche. Dass Boxoffice-Zahlen unter Verschluss bleiben, spielt für den Oscar keine Rolle und auch hinsichtlich eines Verwertungsfensters kennt der Preis keine Vorgaben. Ein gesetzliches Fenster existiert in den USA ohnehin nicht, Arthouse-Titel folgen häufig völlig anderen Auswertungsstrategien als dem klassischen Modell.

Allerdings gibt es innerhalb der Academy offenbar durchaus Stimmen jenseits von Spielberg, die der Ansicht sind, dass man "gewisse Standards" setzen müsse, wenn Player wie Netflix zunehmend wie Studios agierten - wobei im Hintergrund natürlich nicht zuletzt auch die kommenden SVoD-Plattformen von Disney, Warner, Apple und Comcast stehen. Indiewire zitiert ein nicht-genanntes Academy-Mitglied mit den Worten "Als die Regeln geschaffen wurden, konnte man sich die jetzige bzw. zukünftige Situation noch gar nicht vorstellen. Wir benötigen etwas mehr Klarheit." Auf der anderen Seite steht natürlich nicht zuletzt die Befürchtung, dass gerade kleinere Independent-Produktionen getroffen werden könnten, wenn man Nominierungs-Hürden in Bereichen wie Auswertungszeit, Kinoexklusivität oder sogar Auswertungsbreite ausweiten bzw. sogar erst schaffen würde.

Unterdessen melden sich Kreative im Zuge der Debatte auch mit Ideen zu Wort, die über die Frage des Zugangs zu Preisen wie dem Oscar hinausgehen. Was Regisseur Sean Baker ("The Florida Project") vorschlägt, klingt übrigens ganz wie das, was MUBI bereits macht: Eine Preisstufe bei Netflix einzuführen, die neben dem Streamingangebot auch Kinobesuche beinhaltet. Baker spricht selbst von einer nur grob skizzierten Idee, aber für eine weiterhin vitale Filmindustrie bedürfe es "Lösungen, bei denen sich jeder ein wenig bewegt".

Auf die Komplexität der Debatte verweisen auch Joshua und Ben Safdie ("Good Time"). Sie stellen fest, dass es nun einmal die harte Realität sei, dass Filme im Schnitt 80 Prozent ihrer Zuschauer erst auf Video fänden. "Das heißt aber nicht, dass wir nicht alles tun sollten, um das beeindruckende, friedensstiftende und gemeinschaftliche Erlebnis des Kinobesuchs zu schützen".

Paul Schrader wiederum holt erst einmal zum Rundumschlag gegen das Kino aus, wenn er schreibt: "Der Gedanke, mehr als 200 Leute in einen dunklen, unklimatisierten Raum zu stecken, um ein flackerndes Bild zu sehen, beruht lediglich auf wirtschaftlichen Erwägungen, nicht etwa dem Gedanken an ein 'Kinoerlebnis'." Netflix biete gerade kleinen Filmen eine Plattform, was gut sei. Womit er aber auf seinen eigen Film "First Reformed" zu sprechen kommt, den trotz eines "Spottpreises" kein größerer Player - und insbesondere nicht Netflix - hätte haben wollen. Ein kleiner engagierter Verleih (A24) habe sich des Filmes dann angenommen - und einen Achtungserfolg erzielt. Seine Idee: Programmkinos sollten direkte Partnerschaften mit Streamingdiensten eingehen.

Kurz gesagt: Auch wenn die aktuelle Debatte (insbesondere) durch die Oscar-Verleihung losgetreten wurde - sie dreht sich um weit mehr als um die Frage nach den Zugangskriterien für renommierte Filmpreise. Wir bleiben dran.