Kino

KOMMENTAR: Der richtige Film

Kein Preis hält Publikum und Filmbranche so in Atem wie die Oscars. Natürlich wurde in diesem Jahr der richtige Film ausgezeichnet. Und damit ist nicht nur "Green Book" gemeint.

28.02.2019 08:01 • von Jochen Müller

Kein Preis hält Publikum und Filmbranche so in Atem wie die Oscars. Natürlich wurde in diesem Jahr der richtige Film ausgezeichnet. Und damit ist nicht nur Green Book" gemeint. Die Entscheidung für den Besten Film wurde nicht von allen begrüßt, nicht vom direkten Konkurrenten Spike Lee, der das Thema Rassismus kompromissloser behandelt sehen will. Auch nicht von der unerbittlichen hiesigen Kritik, die generell an gelungenen Publikumsfilmen nur ungern ein gutes Haar lässt. Tatsächlich ist der Film ein kleines Wunder, weil er in Zeiten wie diesen nicht auf Abgrenzung und die Betonung der Unterschiede setzt, sondern eine gemeinsame Utopie beschwört, angesiedelt in einer bitteren Vergangenheit, die so viel über die Gegenwart erzählt. Dass Empathie, Verständnis für und Lernen voneinander über vermeintlich unüberwindliche Vorurteile hinweg die Themen dieses Films sind, das macht ihn zu einer raren Erscheinung, der noch viele Kinozuschauer zu wünschen sind. Aber natürlich führte die Schwarmintelligenz der Academy, deren Mitglieder inzwischen jünger und diverser sind, auch zu einer Entscheidung für das Kino.

Trotz Mitgliedschaft des ersten Streaminganbieters in der MPAA scheint vielen in der Filmindustrie der Oscar als letzte Bastion zu gelten. Netflix hat viel Geld in die Hand genommen, um sie zu nehmen und die unbestrittenen Meriten des immerhin Besten fremdsprachigen Films so aufmerksamkeitsstark auszuloben, damit Roma" auch noch den Oscar für den Besten Film erhält. Den bedeutendsten Preis für einen Kinofilm wollten viele aber nicht von Netflix gewonnen sehen. Das könnte sich erst nächstes Jahr ändern, wenn Martin Scorsese mit "The Irishman" ins Rennen geht.

So haben die meisten Kinos hierzulande ihren Kunden jedenfalls nicht den Besten Film bei den Oscars vorenthalten, sondern "nur" den Besten fremdsprachigen Film. Dass auch dieser Preis schon eine bedeutende Errungenschaft für die weitere Wahrnehmung des Streamingdienstes ist, muss nicht weiter betont werden. Dass die Kreativen in Hollywood und anderswo immer mehr Arbeit bei den Streamern finden, liegt auf der Hand. Und dass zumal das junge Publikum immer weniger Unterschiede macht zwischen einem Film, den es im Kino oder auf dem iPad sieht, darf uns getrost bestürzen. Trotzdem werden die Kinos weltweit eine bessere Antwort finden müssen, als ausgezeichnete Filme wie "Roma" lieber nicht zu zeigen. Denn natürlich wäre auch "Roma" der richtige Film für diese Zeit gewesen, erzählt er doch kunstvoll und voller Empathie über die selbstbewusst gleichberechtigte Rolle der Frauen aus einer fernen Vergangenheit für unsere Gegenwart, zeigt auch er eine Utopie des Miteinanders über Rassen- und Klassengrenzen hinweg. Die Academy hat diese beiden richtigen Filme ausgezeichnet. Von dieserWeisheit kann man lernen.

Ulrich Höcherl, Chefredakteur