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Anke Greifender: "Zeitgeist ist für uns ein Kriterium"

Wenn kommende Woche die Gewinner des Grimme Preises bekannt gegeben werden, dürfen sich auch zwei Serienproduktionen von TNT Serie bzw. TNT Comedy Hoffnungen machen. Dreimal haben Serien aus dem Hause Turner den begehrten Preis bereits gewonnen. Blickpunkt:Film sprach mit der Verantwortlichen Anke Greifeneder über diese einzigartige Erfolgsgeschichte, ihre Arbeitsweise und die neueste Produktion "Andere Eltern", die am 19. März auf TNT Comedy startet.

22.02.2019 11:43 • von Frank Heine
Anke Greifender, Executive Producer Fiction bei Turner Broadcasting System Deutschland (Bild: Johannes Simon)

Frau Greifeneder, ich würde Ihnen gerne eine Wette anbieten. Wetten, dass Andere Eltern" 2020 für den Grimme-Preis nominiert wird?

Anke Greifeneder: Oh Gott. Don't jinx it.

Es ist lediglich eine Wahrscheinlichkeitsrechnung.

AG: Wir würden uns alle extrem freuen. Aber ich komme ja aus dem Schwarzwald, und Bodenhaftung ist da erste Pflicht. Ich finde es ganz wichtig, gerade auch für unsere Arbeit, dass sich keine Überheblichkeit einschleicht. Sonst fängt man an, sich selbst toller zu finden als die Themen, an denen man arbeitet.

Jedenfalls liegt Ihre bisherige Grimme-Bilanz bei 100 Prozent. Fünf Serienformate, fünf Nominierungen, drei Preise bisher und jetzt die Möglichkeit auf zwei weitere mit Hackerville" und Arthurs Gesetz". Was bedeutet Ihnen das?

AG: Das bedeutet uns viel, und natürlich sind wir sehr stolz darauf, weil der Preis so eine große Tradition hat. Aber es spricht auch für die Unabhängigkeit und die Flexibilität des Grimme-Preises, weil man dort darauf achtet, was sich im gesamten Fernsehmarkt tut. Für uns haben aber sämtliche Preise, die wir bekommen, eine Bedeutung, weil wir Qualität abliefern wollen, um so einen Anreiz dafür zu schaffen, unsere Sender zu abonnieren. Weil wir nicht so stark auf Quoten fixiert sind, sind Preise auch ein Kriterium dafür, ob etwas gelungen ist oder nicht.

Sie hatten gerade mit "Andere Eltern" - ähnlich wie zuvor schon mit 4 Blocks" - einen ersten größeren Aufschlag bei der Berlinale. Ist auch das Ausdruck dafür, dass Turner in der großen Film- und TV-Welt inzwischen einen festen Platz hat?

AG: Wir spüren schon einen Wandel. Am Anfang mussten wir noch Klingeln putzen, uns und unsere Arbeit vorstellen. Wir mussten Vertrauen schaffen, zeigen, dass wir nicht nur reden, sondern auch Wort halten. Das hat sich in der Zwischenzeit herumgesprochen. Jetzt kommen tolle Produzenten, Autoren, renommierte Regisseure, auch Schauspieler, konkret mit ihren Ideen auf uns zu, weil sie glauben, dass sie damit gut bei uns aufgehoben sind. Und das ist das größte Kompliment, das man bekommen kann.

Wie wichtig ist so ein Berlinale-Auftritt für die jeweilige Produktion?

AG: Die Berlinale ist eine Marke, wenn man dort ausgewählt wird, ist es eine Ehre. Die Berlinale ist aber auch unser Glücksbringer. Bei "4 Blocks", unserem ersten Auftritt, war es enorm. Die Vorführung war in einem großen Saal vor nationalem und internationalem Publikum, und wir wurden so gefeiert, dass ich das erste Mal spürte, es könnte etwas Größeres daraus werden. Das war für uns ein Katalysator. Auch mit "Arthurs Gesetz" sind wir in Berlin gelaufen. Aus dem Auftritt beim German Showcase heraus haben sich einige Sachen entwickelt. Es kamen Leute aus aller Welt, die die Rechte haben wollten. Selbst aus den USA. Bei "Andere Eltern" war es jetzt nicht anders.

Sie legen großen Wert darauf, dass sich Ihre Serienproduktionen immer sehr stark voneinander unterscheiden. Auf "Andere Eltern" und "Arthurs Gesetz" als erste Serien für TNT Comedy trifft das genauso zu. Was war Ihr Ansatz bei "Andere Eltern"?

AG: "Arthurs Gesetz" war sehr cineastisch und eine im Hinblick auf Dramaturgie und Charaktere äußerst aufwändige Geschichte. Der Production Value war hoch und wir hatten sehr prominente Schauspieler. Für "Andere Eltern" haben wir mit der Form der Mockumentary, ein ganz anderes Stilmittel gewählt. Es wurde anders gedreht, Look & Feel sind verschieden, wir haben eine improvisierte Dialogreihe, es gab keine Drehbücher. Wir hatten ein großes Autorenteam, mit dem wir besprochen haben, was in jeder Episode passieren soll, aber der Cast wusste das nicht. Die Schauspieler hatten nur Character Sheets und kannten ihre Backstory. Die ganzen Dialoge kamen letztlich aus dem Cast heraus. Unser Regisseur Lutz Heineking Jr ging so vor, dass er einem Charakter immer ein bisschen mehr als den anderen erzählte und das musste derjenige dann einbringen, damit die Reaktion der anderen wirklich authentisch war. Und das Thema ist sehr zeitgeistig, während "Arthurs Gesetz" wie aus der Zeit gefallen wirkt. "Arthurs Gesetz" hätte man auch in der Vergangenheit oder in der Zukunft erzählen können.

Zeitgeist trifft es gut. Die Serie wirkt mit ihren Helikoptereltern, die ihre eigene Kita aufbauen, ganz heutig. Man stößt auf vieles, das einem gleich wieder auf der Straße begegnen könnte.

AG: Zeitgeist ist für uns tatsächlich ein Kriterium. Das war schon 2010 so bei "Add a Friend". Skypen ist heute gang und gäbe. Damals gab es Google Hangout und kein Mensch konnte sich vorstellen, dass sich dieser von Ken Duken gespielte Typ die ganze Zeit aus seinem Krankenzimmer heraus über seinen Laptop mit der Außenwelt verständigt. Bei "Andere Eltern" habe ich deswegen gesagt: Wenn wir es machen, dann ganz schnell. Es lag in der Luft, und wenn wir nicht die ersten mit dem Thema gewesen wären, wäre es schwierig geworden.

Stand die Improvisation schon als Ursprungskonzept fest oder sind Sie erst über die Stoffentwicklung und das Thema dazu gekommen?

AG: Nein. Lutz Heineking Jr. ist mit seiner Produktionsfirma eitelsonnenschein für diese Herangehensweise bekannt, er hat auf diese Art auch schon die Serie "Endlich Deutsch!" gemacht. Es gab bereits einen Teaser von "Andere Eltern", der mir sehr gut gefallen hat und dem ich gar nicht angemerkt habe, dass das Spiel improvisiert ist. Wenn man keine Dialogbücher hat, weiß man letztlich nicht, ob man genügend Material zusammenbekommt. Es war ein freier Flug, der großes Vertrauen braucht. Das hätte auch in die Hose gehen können, aber unsere von Lutz geführten Schauspieler haben so sehr geliefert, dass wir sogar eine Episode mehr als angedacht produziert haben.

Wie ist das bei der Zusammenstellung des Cast, bekommt man da auch Absagen, weil sich Schauspieler mit dieser Arbeitsform nicht wohlfühlen?

AG: Es war so, dass viele Schauspieler mitmachen wollten, weil sie Lust auf diese gestalterische Form der Arbeit hatten. Keinen Text zu haben ist einerseits ein Reiz, anderseits muss man sehr stark konzentriert sein, weil man sich alles merken muss, was einem die Counterparts erzählen und darauf reagieren. Trotzdem begreifen die Schauspieler das als Chance. Ihre Begeisterung dafür spüren wir auch daran, wie bereitwillig sie Pressearbeit für "Andere Eltern" machen. Aber, wie Sie schon sagen, es kann nicht jeder. Dieses Projekt hat sehr viel mit Loslassen, Vertrauen und Hoffen zu tun gehabt, weil nichts in Stein gemeißelt war und man am Anfang nicht weiß, wie es am Ende aussieht.

Hätte sich die Serie nicht auch alleine ohne das Gerüst der Mockumentary getragen?

AG: Mein Gefühl ist, dass man durch den Dokumentarstil noch näher an den Figuren dran ist. Dadurch fühlt sich das so echt an. Ich glaube, dass durch diesen Mockumentary-Style die Schauspieler viel überraschter und dadurch authentischer reagiert haben.

Sie sind selbst Autorin. Wie stark sind Sie in die Projekte involviert?

AG: Ich bringe dadurch einerseits großes Verständnis mit und eine große Sympathie für Autoren per se, weil ich weiß, wie es ist, etwas zu schreiben und darauf Feedback zu bekommen. Als ich bei "4 Blocks" gesagt habe, wir machen es, aber nur wenn wir die Perspektive ändern, wusste ich genau, was das für die Autoren bedeutet. Durch meine eigenen Erfahrungen habe ich ein dramaturgisches Gespür, weiß wie man Dialoge schreibt und habe ein Gefühl für Timing. Das hilft. Wichtig finde ich auch, wie wir kreative Freiheit leben. Kreative Freiheit bedeutet nicht, dass wir jemanden alleine sein Ding machen lassen und sagen, er soll wieder kommen, wenn es fertig ist. Das Gegenteil ist der Fall. Wir sind sehr stark in die Vorbereitung involviert und reden viel mit, weil wir es verantworten müssen und jedes unserer Projekte auch immer ein Herzensprojekt ist. Gleichzeitig wissen wir aber auch, dass wir mit Profis zusammenarbeiten und hören dementsprechend auch sehr genau zu.

"Arthurs Gesetz" hatten wir schon angesprochen. Hand aufs Herz, wie sehr hat es Sie geschmerzt, Ihren Spross zunächst aus der Hand zu geben und Magenta TV die Premiere zu überlassen?

AG: Da gibt es zwei Seelen in meiner Brust. Die Telekom hat sehr viel Werbung für die Serie gemacht und viel Geld dafür in die Hand genommen. Die Serie war in guten Händen. Natürlich hätte ich es als Programmmacher toll gefunden, wenn "Arthurs Gesetz" bei uns Premiere gehabt hätte. Aus sender-strategischer Sicht konnte ich aber nachvollziehen, dass wir diesen Weg gegangen sind, und es hat sich ja auch gelohnt. Man kann das mit Babylon Berlin" vergleichen, das von Sky angeteasert und groß gemacht wurde und anschließend trotzdem ein Erfolg für die ARD war. Außerdem ist die Telekom einer unserer Partner, über den wir verbreitet werden. Wir haben eng zusammen gearbeitet, die Kampagnen abgesprochen. Wir waren richtig eingebunden. Und ich habe es auch als Ehre empfunden, dass die Telekom dieses Programm haben wollte.

Wie fällt grundsätzlich Ihre Bilanz zu "Arthurs Gesetz" aus, der vierte Volltreffer?

AG: Kann man so sagen. Wir waren für den Fernsehpreis nominiert, sind neben dem Grimme-Preis noch für den Jupiter Award nominiert. Und das hat heute noch viel mehr Gewicht, weil so viele gute Sachen auf dem Markt sind. Als wir mit unserer ersten Serie an den Start gingen, wurden viel weniger Serien produziert. Daher war es leichter aufzufallen. Wir haben mit "Arthurs Gesetz" viele starke Kritiken bekommen. Wir haben es in die USA verkauft, an TBS einen der Top 5-Sender mit einer Reichweite von über 90 Millionen Haushalten. In der Zielgruppe der 17- bis 49-Jährigen ist TBS sogar der quotenstärkste Comedy-Sender. Die werden "Arthurs Gesetz" auf Deutsch ausstrahlen und sie stecken in der Entwicklung für ein Remake. Auch HBO CE & Nordic, Warner in Frankreich und der ORF haben es gekauft. Außerdem war "Arthurs Gesetz" für uns als erste Comedy noch einmal ein besonders bedeutender Schritt. Denn Humor ist die Königsdisziplin, weil er so individuell ist. Deutsche Comedy war ja bislang im Ausland eher ein Widerspruch in sich.

Sie haben die Serienfülle angesprochen. Wie gelingt es Ihnen, sich in dem Serienhype, der längst auch Deutschland erreicht hat, zu behaupten?

AG: Ich glaube, dass wir gute Vorarbeit geleistet haben. Als der Hype noch nicht da war, ist es uns gelungen, die Leute auf uns aufmerksam zu machen. Deshalb bringen sie uns auch weiterhin Interesse entgegen. Eine Rolle spielt dabei bestimmt, dass wir nicht nur ein Genre bedienen, sondern viele verschiedene Sachen machen. Und was ich vorhin schon ansprach, dass wir ein Vertrauensverhältnis zu Produktionsfirmen und Kreativen aufbauen konnten, kommt uns jetzt auch zugute. Bisher hat es uns beim Ringen um die Talents noch nicht erwischt, aber darin sehe ich ein mögliches Problem. Wir haben dabei wiederum den Vorteil, dass wir uns auch trauen, in allen Bereichen mit neuen Talenten zusammenzuarbeiten. Benjamin Gutsche, unser Autor von "Arthurs Gesetz" ist so ein Beispiel. Für uns ist der Stoff wichtig und nicht der Name dessen, der ihn geschrieben hat. Enorm wichtig sind natürlich auch die Freiheiten, die man uns innerhalb des Konzerns gewährt. Innovation entsteht dann, wenn man beim Ausprobieren auch mal scheitern darf.

"Hackerville", der zweite Grimme-Kandidat, war Ihre erste Koproduktion, HBO Europe war Ihr Partner. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht, die für künftige Projekte wertvoll sein könnten?

AG: Ich habe mich anfangs gegen Koproduktionen ausgesprochen, weil ich es wichtig fand, dass wir erst unser eigenes Profil aufbauen und zeigen wofür wir inhaltlich stehen wollen. Bei vorherigen potentiellen Partnern haben sich die Interessenbereiche nicht richtig gedeckt. Mir ist es wichtig, eine Geschichte so zu erzählen, wie sie erzählt werden muss. Ich will nicht Rücksicht darauf nehmen, was um 20.15 Uhr gezeigt werden darf und was nicht oder was der Quote zuträglich sein könnte und was nicht. Insofern war es zunächst wichtig, mit unseren eigenen Produktionen zu zeigen, was unsere Vorstellungen sind. Aber HBO ist ja eine unserer Schwesterfirmen, sie machen auch Pay-TV und wir kennen ihre Produktionen und deren Ausrichtungen. Deshalb war ich überzeugt, dass sich unsere Sichtweisen ähneln. Und natürlich waren gute Leute mit am Tisch wie Jörg Winger. Insofern waren die Voraussetzungen sehr gut.

Und was waren die konkreten Erfahrungen?

AG: Die Zusammenarbeit war sehr komplex, weil wir in drei Sprachen - Englisch, Deutsch, Rumänisch - geschrieben und gedreht haben, hin und her übersetzen und die jeweiligen Mentalitäten berücksichtigen mussten. Organisatorisch und wie man so ein Projekt aufsetzt, war das noch mal eine andere Liga. Ich habe da sehr viel gelernt. Auch über Kommunikation und über Herangehensweisen. Es war auch eine wertvolle Erfahrung, nicht alleine Entscheidungen zu treffen und auch mal etwas hinzunehmen.

Wie stark beobachten Sie, was in der deutschen Fiction-Landschaft, gerade auch im Free-TV-Markt gemacht wird? Oder geht ihr Blick stärker in Richtung internationale Produktionen?

AG: Ich schaue mir in Deutschland wirklich alles an, immer mindestens zwei Episoden. Ich will auch wissen, was sich international tut. Da schaue ich auch aus Eigeninteresse, weil ich Serienjunkie bin. Ich glaube, dass ich mir auf diese Weise eine Art Unterbewusstseinswissen darüber anlege, was gerade Trend ist, um dann eher antizyklisch zu reagieren. Es ist wichtig zu wissen, was auf dem Markt los ist, um zu wissen, was man nicht machen möchte. Wenn Themen in der Luft liegen und wir sie von fünf Seiten gepitcht bekommen, lassen wir sofort die Finger davon. Und ich finde es immer spannend zu sehen, wer wie arbeitet. Weil wir an so unterschiedlichen Projekten arbeiten, brauchen wir auch unterschiedliche Leute, die in unterschiedlichen Genres ihre Stärken haben. Wenn mir da Regisseure, Schauspieler, Autoren oder Produzenten auffallen, merke ich mir die. Zudem bin ich inzwischen auch stark in die Zusammenarbeit mit anderen europäischen TNT-Sendern eingebunden, die gerade ihre ersten Serienproduktionen machen. Deshalb geht mein Blick auch immer mehr nach Spanien oder Frankreich.

Wie sind Ihre Pläne über "Andere Eltern" hinaus, wie geht es für TNT Serie und TNT Comedy bei den Eigenproduktionen weiter?

AG: Bei TNT Serie werden wir zunächst "4 Blocks" würdig zu Ende bringen. Wir sind bei den Drehbüchern in den letzten Zügen und wollen im Frühjahr mit den Dreharbeiten beginnen. Die Ausstrahlung ist für Ende des Jahres geplant. Ansonsten haben wir für beide Sender einige spannende Themen in der Entwicklung, die wieder ganz anders sind.

Das Interview führte Frank Heine