Kino

Mubi-Chef Çakarel: "Die Lawine ist losgetreten"

Mit seinem eingegrenzten und streng kuratierten Programm positioniert sich Mubi als Antipode zu Netflix und Prime. CEO und Gründer Efe Çakarel erklärt, warum eine Veränderung der Geschäftsmodelle bei der Auswertung von Filmen unausweichlich ist - und bricht eine Lanze für das Erlebnis Kino.

22.02.2019 09:26 • von Thomas Schultze
Mit Mubi will Efe Çakarel den Fans von Arthouse-Kino ein Zuhause geben (Bild: Mubi / Yuto Miyamoto)

Mit seinem eingegrenzten und streng kuratierten Programm positioniert sich Mubi als Antipode zu Netflix und Prime. CEO und Gründer Efe Çakarel erklärt, warum eine Veränderung der Geschäftsmodelle bei der Auswertung von Filmen unausweichlich ist - und bricht eine Lanze für das Erlebnis Kino.

Viele Streamingdienste buhlen um die Aufmerksamkeit der Konsumenten. Was macht Mubi Ihrer Ansicht nach anders, wie hebt sich Mubi ab?

Efe Çakarel: Stimmt, das Grundrauschen ist sehr laut geworden. Wir alle arbeiten daran herauszufinden, was funktioniert und was nicht, was wirklich genau die Bedürfnisse der Konsumenten sind. Der Ausgangspunkt für Mubi ist im Grunde ganz simpel: Wir sind Fans von tollem Kino. Mit dieser Haltung sind wir vor zwölf Jahren angetreten, als ich den Dienst gestartet habe. Diese Haltung steht im Mittelpunkt aller Entscheidungen, die wir treffen. Ich denke, das ist unser Alleinstellungsmerkmal. Ich sehe nicht wirklich viele andere Angebote, die von dieser Warte aus an die Sache herangehen. Es geht ihnen um die Maximierung der Einbindung, um die Befriedigung der Bedürfnisse einer möglichst großen Gruppe von Menschen. Wir stellen uns hin und sagen: Uns geht es um tolles Kino! Und zwar ausschließlich: Serien haben wir bisher nicht angefasst, auch wenn das geschäftlich viel einträglicher wäre.

Das klingt arg nach Marketingsprech. Wir die Guten, die anderen die Geschäftemacher.

Efe Çakarel: So ist das nicht gemeint. Es ist wichtig, sich von Netflix und Prime abzuheben, sonst hat man schon verloren. Mit deren finanzieller Power können wir nicht mithalten. Wir können nur bestehen, wenn wir eine klar definierte Botschaft haben. Und diese Botschaft ist: Wir lieben tolles Kino. Und belassen es nicht bei Lippenbekenntnissen.

Das heißt?

Efe Çakarel: Netflix und Prime sind Supermärkte, All-you-can-eat-Angebote. Wir sind eine kreative Plattform. Das ist der Unterschied. Mubi steht und fällt mit Kuratierung. Das ist unser Rezept für Wachstum. Jeden Tag fügen wir einen neuen, handverlesenen Film hinzu, den man dann 30 Tage lang ansehen kann, was bedeutet, dass immer 30 Filme zur freien Verfügung stehen. Das ist unser Modell, so sieht unser Angebot aus.

Sie setzen bei der Kundenbindung nicht mehr nur auf Streaming.

Efe Çakarel: Wenn wir davon reden, dass wir tolles Kino feiern, dann kann sich diese Begeisterung selbstverständlich nicht auf Streaming beschränken. Im Kino selbst lassen sich Filme nach wie vor am besten erleben. Das ist einfach so. Deshalb ermutigen wir unsere Abonnenten, Kinos zu besuchen. Neue Filme, bei denen wir uns alle Rechte für die Auswertung sichern - dazu gehören die beiden Goldener-Bär-Gewinner Körper und Seele und Touch Me Not, für die wir die Rechte in Großbritannien halten -, werten wir selbst im Kino aus. Und anders als andere Mitbewerber, bei denen die Kinoauswertung ein Feigenblatt ist und die sich damit nur für diverse Filmpreise qualifizieren wollen, klemmen wir uns mit allen Marketingmöglichkeiten dahinter, dass sie erfolgreich in den Kinos laufen. Mubi will das Kinoerlebnis nicht verdrängen, wir suchen nach neuen Wegen, Menschen für Film zu begeistern, wir wollen den Zugang verbessern und bequemer gestalten.

Ihr Angebot Mubi Go bezieht sich aber nicht nur auf Filme, an denen Sie selbst die Kinorechte halten.

Efe Çakarel: Es gibt viele wunderbare Filme, die wir niemals bei Mubi anbieten werden können. Nehmen Sie "The Favourite", einer meiner Lieblingsfilme. Ich finde, jeder sollte ihn auf der großen Leinwand gesehen haben. Aber es ist ein Film von Fox. Dafür werde ich niemals die Streamingrechte erhalten, weil Fox-Filme exklusiv auf der Plattform von Disney landen werden, bei Disney Plus. Was kann ich also machen, um den Mubi-Abonnenten diesen Film näher zu bringen? Wir haben Mubi Go gestartet: Jede Woche wählen wir einen Film aus, der aktuell in den Kinos läuft, ungeachtet des Verleihs, und geben unseren Abonnenten die Gelegenheit, ihn sich in einem partizipierenden Kino, und das sind in U.K. mittlerweile fast alle, anzusehen. Unsere Abonnenten kostet das nichts on top. Mubi übernimmt die Kosten; die Kinos rechnen direkt mit uns ab. Natürlich wählen wir ausschließlich Independentfilme aus. Ein Avengers braucht uns nicht, aber Arthousetitel wie jüngst Beale Street profitieren davon, dass wir ganz direkt Fans von engagiertem Kino ansprechen. Das gefällt den Verleihern, es gefällt den Kinos, es gefällt unseren Abonnenten. Es ist ein Superangebot.

Müssen Sie sich mit den Verleihern abstimmen?

Efe Çakarel: Nein, unsere Geschäftspartner sind die Kinos. Wir sind auch nicht die Einzigen in England, die so etwas machen. Aber wir wollen niemanden vor den Kopf stoßen. Unsere Strategie ist es, eng mit den Verleihern zu arbeiten. Wir holen uns immer ihre Genehmigung ab und stoßen eigentlich auf große Begeisterung für unser Engagement. Seit dem Start des Angebots vor drei Monaten gab es einen Fall, in dem der Verleih uns bat, uns nicht für den von uns ausgesuchten Film stark zu machen. Sie hatten andere Promotion-Partnerschaften und wollten ihren Partnern nicht auf die Füße treten. Ansonsten sehen alle immer nur einen Vorteil.

Können auch Filme, an denen Sie die Rechte halten, Teil des Angebots von Mubi Go sein?

Efe Çakarel: Absolut. Am 8. März starten wir den schwedischen Film Border", der in Cannes den Hauptpreis des Certain Regard gewinnen konnte. Wir werten ihn natürlich regulär aus, aber er wird auch der »Movie of the Week« bei Mubi Go sein, weil wir finden, dass er der beste unabhängige Film der Woche ist. Die Woche darauf folgt Under the Silver Lake", den wir zusammen mit A24 gekauft hatten, A24 bringt ihn in den USA heraus, wir in Großbritannien.

Ist die Kinoauswertung exklusiv oder starten Sie die Filme gleichzeitig auch auf dem Dienst?

Efe Çakarel: In den meisten Fällen ist die Kinoauswertung exklusiv. Bei "Under the Silver Lake" wagen wir das Experiment, ihn gleichzeitig ins Kino zu bringen und auf Mubi anzubieten - es ist der größte Film in U.K., mit dem das jemals versucht wurde. Das unterscheidet sich eben auch von dem Angebot der Curzon-Kinokette, die vereinzelte Filme zwar gleichzeitig zum Kinostart ebenfalls als Stream anbieten, aber da muss man für den Einzelvorgang zahlen. "Under the Silver Lake" können unsere Kunden im Rahmen ihres Abonnements umsonst genießen. Oder eben mit Mubi Go im Kino sehen. Nicht-Abonnenten können ein reguläres Kinoticket lösen.

Und spielen die Kinos in England mit bei Ihrer Strategie?

Efe Çakarel: Es gibt auch viel Gegenwind: Manche Kinos, die "Under the Silver Lake" sonst sofort spielen würden, weil es eine Nachfrage danach gibt, lassen mich abblitzen, weil sie mir eine Lektion erteilen und mir ihren Ansatz aufdrängen wollen. Ich nenne Mubi und Netflix eher selten in einem Atemzug. Aber anders als klassische Kinoverleiher ist es für uns so, dass wir gerne mit den Kinos ins Geschäft kommen, aber wir müssen es nicht. Ich kann versuchen, den Kinos Produkt anzubieten, von dem ich glaube, dass es für sie interessant ist, aber ich werde dafür mein funktionierendes Geschäftsmodell sicher nicht ändern. Ich muss es nicht. Ich bin fest davon überzeugt, dass exklusives Produkt in den Kinos überschätzt wird. Exklusiv am Kinobesuch ist genau das: der Kinobesuch. Es ist der Umstand, dass die Filme auf der großen Leinwand gezeigt werden, dass man sie mit einem Publikum ansehen kann.

Glauben Sie, dass es einen Ausweg aus der vermeintlich verfahrenen Situation gibt?

Efe Çakarel: Wenn Konsumenten ihr Verhalten ändern, werden ihnen die Geschäftsmodelle folgen. Wir erleben das im Moment: Obwohl Roma" bereits auf Netflix gezeigt wird, wollen die Menschen den Film dennoch immer noch im Kino sehen. Der Bedarf besteht. Es wird noch mehr über den Film gesprochen, es gibt eine noch größere Nachfrage. Das bedeutet mehr Umsatz für das gesamte Ökosystem. Alle werden davon profitieren. Die Lawine ist losgetreten. Keiner wird sie aufhalten können.

Der nächste Schritt ist Produktion.

Efe Çakarel: Der Ball rollt bereits. Wir haben gerade einen Produktionsarm gegründet, der von Bobby Allen verantwortet wird. Bobby ist als VP of Content einer unserer erfahrensten Leute und hat zuvor bereits bei Celluloid Dreams, MTV Films Europa und Film Four Limited gearbeitet. Wir haben in unsere erste Produktion investiert, Port Authority, das Debüt von Danielle Lessowitz, die mit dem Drehbuch vor zwei Jahren den Preis bei den Torino Labs gewinnen konnte. Martin Scorsese ist begeistert von dem Stoff und unterstützt den Film als ausführender Produzent. Hauptproduzent ist RT Features, die Filme wie Call Me By Your Name" und Frances Ha" verantwortet haben. Wir halten die Rechte in ein paar Territorien; andere wurden bereits anderweitig verkauft. Wir sind da ganz offen und werden immer von Fall zu Fall entscheiden, welche Form der Auswertung am sinnvollsten ist. Die gegenwärtige Phase sehen wir als Lernphase an. Wir nehmen uns Zeit, es ist uns aber auch klar, dass wir langfristig unsere Ziele nur umsetzen können, wenn wir diesen Weg beschreiten und unseren eigenen Content herstellen.

Welche Rolle spielt Deutschland für die Strategie von Mubi?

Efe Çakarel: Gegenwärtig gibt es keinen Kinoverleih in Deutschland, aber ich bin zuversichtlich, dass es nicht mehr lange dauern wird. Deutschland wird eines der nächsten Länder sein, in dem wir im Kino aktiv sein werden. Mit dem Dienst machen wir sehr gute Erfahrungen; Deutschland ist schon jetzt der viertgrößte Markt für uns. Obwohl wir bislang keine Werbung in Deutschland betreiben, registrieren wir erstaunliche Wachstumszahlen. Strategisch macht es Sinn, ein festes Standbein in Deutschland zu haben. Wir haben gerade ein Büro in Berlin eröffnet und werden gezielt investieren. Wir stehen aber erst am Anfang. Wir stärken damit unseren gesamten Auftritt: Für je mehr Territorien man sich Rechte sichern kann, desto leichter ist es, ins Geschäft zu kommen.

Welche Auswirkungen wird es haben, wenn Disney und Warner noch in diesem Jahr ihre Streamingangebote starten?

Efe Çakarel: Es wird ziemlich spannend werden, das steht fest. Ganz sicher wird der Druck vor allem auf Netflix erhöht. Ich würde sie niemals abschreiben. Es ist eine phänomenale Firma. Aber die Luft wird dünner. Sie waren bislang der Platzhirsch und hatten den Markt für sich allein. Um sich diese Stellung zu erarbeiten, haben sie gewaltig investiert und oft auch mehr Geld ausgegeben, als nötig gewesen wäre. Disney und Apple sind als Konzerne so aufgestellt, dass sie mit einem Schlag Konkurrenten auf Augenhöhe sein werden. Es wird für sie noch teurer werden, wenn sie im Spiel bleiben wollen.

Wie positioniert sich Mubi in dieser neuen Welt?

Efe Çakarel: Wir müssen eine klare Linie fahren und unsere Identität bewahren. Die großen Player werden versuchen, aus allen Rohren zu feuern. Es geht um massive Abdeckung, und das funktioniert nur, wenn man alle Sorten von Entertainment anbietet, Serien, Filme, Shows, Sport. Der Konsument wird sich für ein oder zwei dieser großen Angebote entscheiden, um eine Art Grundversorgung zu sichern. Aber wer die breite Masse erreichen will, wird nicht alle Geschmäcker bedienen können. Da kommt Mubi ins Spiel: Wer wirklich großes Kino erleben will, der kommt an uns nicht vorbei. Netflix will 80 Prozent des Marktes erreichen; wir zielen vielleicht auf zehn bis zwölf Prozent der Haushalte: Wenn wir fünf Prozent der Zahlen von Netflix schaffen würden, könnte ich ein langes und glückliches Leben führen. Wir sind ein Zusatzangebot, wir wollen den Platzhirschen nichts streitig machen. Aber wir sind ambitioniert und gut aufgestellt und wohlgelitten. In ein paar Jahren werden Filmemacher auf uns zukommen, die den nächsten "Roma" machen wollen. Das ist das Ziel.

Das Gespräch führte Thomas Schultze