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KOMMENTAR: Ich war auf der Berlinale, aber...

Das falsche Signet wurde ausgepfiffen auf der Berlinale. Nicht das Netflix-Logo vor Isabel Coixets Film "Elisa y Marcela" hatte Buh-Rufe verdient, sondern am Tag darauf die Einblendung der chinesischen Zensurbehörde vor Wang Xiaoshuais "So Long, My Son".

22.02.2019 08:01 • von Jochen Müller

Das falsche Signet wurde ausgepfiffen auf der Berlinale. Nicht das Netflix-Logo vor Isabel Coixets Film Elisa y Marcela" hatte Buh-Rufe verdient, sondern am Tag darauf die Einblendung der chinesischen Zensurbehörde vor Wang Xiaoshuais "So Long, My Son". Da blieb es still. Nun mag man zu Netflix und seinem Geschäftsmodell stehen, wie man will: Fragen Sie einen Filmemacher, der mit dem Streamingdienst gearbeitet hat, und Sie werden immer dieselbe Antwort erhalten: Niemand hätte sich in die Vision des Regisseurs eingemischt, die Filmemacher seien immer dabei unterstützt worden, ihre Arbeiten so umzusetzen, wie sie sich das vorgestellt hatten.

Von der chinesischen Zensur lässt sich das nicht behaupten, speziell seitdem vor zwei Jahren vom Regime Xi Jinpings wieder strengere Gesetze erlassen worden waren, was in chinesischen Filmen gezeigt werden darf und was nicht. Die Zensurbehörde hätte den Furor der Presse ehrlich verdient gehabt; mit den chinesischen Filmemachern Zhang Yimou, dessen "One Second" im Wettbewerb gelaufen wäre, und Derek Tsang, dessen "Better Days" in der Reihe Generation14 gezeigt werden sollte, wurden kurzfristig zwei chinesische Filme aus dem Berlinale-Programm gestrichen. Auf der Weibo-Seite des Zhang-Titels heißt es: "'One Second' darf aus technischen Gründen nicht auf der Berlinale gezeigt werden. Wir bitten das zu entschuldigen."

Nun lässt sich nur mutmaßen, und angeblich soll "One Second" das Siegel der Zensurbehörde bereits im Januar erhalten haben, aber zumindest entspräche es dem aktuellen politischen Kurs in China, wenn ein unliebsamer Künstler abgestraft werden sollte. In einem Gespräch, das ich mit Doris Dörrie über ihren neuen Film "Kirschblüten und Dämonen" führte, merkte sie an, dass es unmöglich gewesen wäre, eine solche Arbeit in China umzusetzen: Laut neuer Richtlinien für filmische Inhalte sei es nicht mehr erlaubt, Geister und Dämonen in chinesischen Filmen zu zeigen. Es darf nur eine übergeordnete Instanz geben.

Nun erhebt auch Ai Weiwei Vorwürfe gegen die Zensurbehörde: Sie habe Druck auf die Produzenten des Episodenfilms Berlin, I Love You" ausgeübt, Ais Segment herauszuschneiden, wenn sie die Erlaubnis haben wollten, einen weiteren Teil ihrer Omnibusfilme in Shanghai zu drehen. Auf etwas unglückliche Weise bringt der in Berlin lebende Künstler im Gespräch mit der Deutschen Welle aber auch die Berlinale ins Spiel: Sie habe den Film wegen ihm nicht zeigen wollen. Eine, wenn man kurz darüber nachdenkt, eher absurde Anschuldigung, zumal der Film auch in der gekürzten Fassung nicht in Berlin vertreten war. Allerdings ist sie nicht absurd genug, um "Spiegel Online" davon abzuhalten, in einem entsprechenden kruden Artikel ins entsprechende Horn zu stoßen. Wo sind die Buh-Rufe, wenn man sie braucht?

Thomas Schultze, Chefredakteur