Produktion

Coixet: "Ich schrieb den Film für die große Leinwand"

Isabel Coixets "Elisa y Marcela" war einer der meist diskutierten Titel bei der Berlinale. Kinoverbände sahen durch die Aufnahme des Netflix-Titels in den Wettbewerb einen Verstoß gegen dessen Regularien. Blickpunkt:Film sprach mit der spanischen Filmemacherin.

22.02.2019 10:28 • von Heike Angermaier
Isabel Coixet am Set von "Elisa y Marcela" (Bild: Netflix)

Die der Berlinale eng verbundene spanische Filmemacherin Isabel Coixet stellte im Wettbewerb "Elisa y Marcela" vor, das heiß diskutiert wurde. Kinobetreiberverbände warfen Netflix Original-Titel gegen die Regularien zu verstoßen.

Was sagen Sie zur Netflix-Diskussion? Haben Sie eine Lösung?

Isabel Coixet: Ich finde, zuallererst sollte man dem Filmemacher und seinem Werk mit Respekt begegnen! Mein Film wird im Übrigen in Spanien über Contracorriente in den Kinos gezeigt werden und ich schrieb ihn für die große Leinwand. Bedenken Sie, dass 50 Prozent der Filme, die auf den Festivals in Berlin, Cannes oder Venedig laufen, überhaupt nicht im Kino landen. Wenn Filme gut sind, dann werden die Leute dafür ins Kino gehen, egal von wem sie produziert werden. Ich habe mir Roma" zuerst auf Netflix angesehen und als er in einem Kino in meiner Nähe gezeigt wurde, bin ich dorthin gegangen und habe mir den Film noch einmal angesehen, weil ich ihn wunderschön fand. Für mich ergänzen sich beide Erfahrungen. Wir brauchen uns nicht einzubilden, dass Filme ausschließlich für das Kino gemacht sind. Die Filmindustrie stirbt erst, wenn das Publikum sagt, wir wollen keinen Film mehr sehen, egal wo.Ich habe zehn Jahre versucht, die Finanzierung auf die Beine zu stellen, aber niemand hatte Interesse. Schließlich fand ich Rodar y Rodar in Barcelona. Sie fragten, ob ich etwas dagegen hätte, wenn sie das Projekt Netflix anbieten. Ich sagte nein.

Wie sind Sie auf die Geschichte von Elisa und Marcela gestoßen?

IC: Vor zehn Jahren hatte ich eine Ausstellung in einem alten Gefängnis im galizischen A Coruna. Dort stieß ich auf die Arbeit eines Wissenschaftlers mit Spezialgebiet Genderstudies, der über das Paar schrieb. Er zeigte mir ihr Hochzeitsfoto und etliche historischen Dokumente. Zurück in Barcelona wollte ich unbedingt einen Film über die beiden machen. Ich dachte tatsächlich, dass es einfach werden würde, einen Film über diese faszinierende Geschichte auf die Beine zu stellen.

Was hat Sie an der Geschichte am meisten inspiriert?

IC: Die Geschichte selbst bzw. die Lücken darin. Wir kennen nur ein paar magere Fakten, z.B. wann sie heirateten oder wann sie im Gefängnis landeten. Aber ihre genauen Beweggründe, warum sie sich für die Heirat entschieden, kennen wir nicht. Deswegen sage ich auch, dass der Film von ihrem Leben inspiriert ist und nicht, dass alles genauso abgelaufen ist, wie es im Film zu sehen ist. Ich wusste tatsächlich selbst nicht so genau, warum mich die Geschichte so interessierte, ich wusste nur, dass ich sie unbedingt erzählen wollte.

Kennt oder kannte man die Geschichte von Elisa und Marcela in Spanien?

IC: Nein, eher nicht. Sie wird erst langsam bekannter. Erst vor ein paar Jahren gab es eine Ausstellung mit den historischen Dokumenten. Als wir letztes Jahr drehten, wurde den beiden eine Straße gewidmet. Ich unterschrieb eine Petition, dass den beiden auch ein Platz gewidmet wird.

War es von Anfang an klar, dass der Film schwarz-weiß werden würde?

IC: Ja. Schon in der ersten Zeile des Drehbuches stand, dass der Film schwarz-weiß sein sollte. Das Ausgangsmaterial, die Fotos waren schwarz-weiß, der Seetang, der Schnee, die Landschaft waren schwarz und weiß. Ich sah den Film immer in Schwarz-Weiß vor mir. Es ist wunderschön und Schatten und Licht sind die Essenz der Kinematografie. Auch während des Drehs sah ich den Film im Sucher, auf dem Monitor immer nur in schwarz-weiß. Ich hatte eine tolle Kamerafrau, Jennifer Cox. Es ist ihr erster Langspielfilm. Ich produzierte ihren Kurzfilm Teeth".

Es ist ein verhältnismäßig stiller Film, mit ruhiger Musik.

IC: Ich liebe Filmmusik, aber man muss sie sehr vorsichtig einsetzen. Ich wollte nicht, dass die Musik nach Historienfilm klingt. Es ist übrigens der erste Spielfilmsoundtrack von Sofia Oriana, die wie die beiden Titelheldinnen aus Galizien stammt. Ich kannte sie nicht und sie stellte sich mir mit dem Worten vor, dass sie die Musik für diesen Film schreiben müsse. Ich finde, sie hat einen tollen Job gemacht.

Sie haben sich auch sonst mit vielen Frauen in der Crew umgeben.

IC: Das war eine bewusste und eigennützige Entscheidung. Ich wollte ein ruhiges, entspanntes Set und eine sichere Umgebung für meine Hauptdarstellerinnen Natalia de Molina und Greta Fernandez schaffen. Sie sollten sich auch bei den Nacktszenen möglichst wohl und frei fühlen.

Macht es für Sie als Filmemacherin einen Unterschied Sex zwischen Frauen oder Sex zwischen Mann und Frau zu drehen?

IC: Ja, weil es eine unterschiedliche Art von Sexualität ist und Frauen ein anderes Verhältnis zu ihrem Körper haben. Ich wollte, dass die Sexszenen schön aussehen, dass sie zärtlich wirken und so, als ob sie Spaß machen. Sex ist für Elisa und Marcela ein Spiel und der einzige Bereich in ihrem Leben, den sie für sich haben, den sie offen ausleben können, bei dem sie sich frei und gut und erfüllt fühlen können.

Ist der Oktopus beim Sex mehr eine spielerische Komponente oder funktioniert er auch als Symbol?

IC: Ich habe mich von Bildern des japanischen Künstlers Hokusai inspirieren lassen. Oktopusse sind Teil des Alltags an der Küste. Ich zeige gerne Menschen in intimen Momenten, wenn sie schlafen, lesen oder Sex haben.

Ist Intimität schwierig zu kreieren?

IC: Für mich nicht. Ich finde es schwierig, wenn ich viele Menschen in einer Aufnahme habe. Ich folge eher Aki Kaurismäkis Auffassung. Er sagt, er habe gerne zwei Figuren und eine Wand im Bild oder vielleicht auch nur eine Figur oder nur eine Wand... Ich habe am liebsten zwei Figuren im Bild, eine Wand brauche ich nicht unbedingt.

Wie war es für Sie wieder in Berlin zu sein, dieses Mal im Wettbewerb? Warum kommen Sie immer wieder hierher?

IC: Ach, es ist nicht unbedingt meine Lieblingsdisziplin als Filmemacherin. Alle sind im Stress, die Kritiker und Journalisten rennen von Film zu Film. So sollte man Filme eigentlich nicht wahrnehmen. Aber es ist wie es ist. Ich bin gerne bei der Berlinale, es ist im Gegensatz zu Cannes oder Venedig ein Festival, das in einer Großstadt stattfindet.

Wie war es, im Wettbewerb im Kreise so vieler Regisseurinnen zu sein?

IC: Es war toll, gemeinsam im Wettbewerb mit meinen drei Lieblingsregisseurinnen zu sein! Ich liebe Lone Scherfigs Filme und Agniezka Holland sagt jedes Mal, wenn ich sie sehe, etwas Weises zu mir. Agnes Varda ist eine Göttin für mich.

Das Gespräch führte Heike Angermaier