Kino

Martin Blankemeyer: "Es hapert an Indianern"

Martin Blankemeyer erhält von der Stadt München für seine Tätigkeit mit der Münchner Filmwerkstatt die Medaille "München leuchtet". Wie dringend die Branche Fachkräfte braucht, erklärt er hier.

20.02.2019 08:20 • von Barbara Schuster

Martin Blankemeyer erhält heute von der Stadt München für seine Tätigkeit mit der Münchner Filmwerkstatt die Medaille "München leuchtet". Wie dringend die Branche Fachkräfte braucht, erklärt er hier.

Seit über zehn Jahren leisten Sie mit der Münchner Filmwerkstatt wichtige Maßnahmen in Sachen Weiterbildung für Film- und Medienschaffende. Wächst der Bedarf stetig? Bzw. warum ist der Bedarf so hoch?

Martin Blankemeyer: Unsere Branche unterliegt einem ständigen Wandel, von der technischen Entwicklung über ästhetische Fragen bis hin zu den Geschäftsmodellen durch die Verwertungsformen - das verlangt von allen Beteiligten laufende Aktualisierung ihres Wissens. Andererseits funktioniert bei uns die klassische Aufgabenteilung nicht, daß akademische Erstausbildung vom Staat und Weiterbildung von der Wirtschaft geleistet würde, weil hier überwiegend kleine und kleinste Unternehmen am Markt sind und Einzelpersonen, die sich nur "auf Produktionsdauer" zu größeren Einheiten zusammenschließen. So kann man weder inhouse Weiterbildung organisieren noch den betrieblichen Anteil dualer Ausbildung aufstellen...

Die Kreativen können sich vor Aufträgen kaum noch retten, nicht zuletzt, weil neue Player wie Streamingdienste hier aktiv geworden sind. Wie gravierend ist der Fachkräftemangel in Film/TV-Teams?

Martin Blankemeyer: Wir hören von Dreharbeiten, die nicht, nicht zum geplanten Zeitpunkt oder nicht am geplanten Ort stattfinden können, weil qualifizierte Filmschaffende fehlen, und von Produzenten, die geplante Regionaleffekte nicht erbringen können, weil sie keine passenden Leute finden. Das liegt zum einen daran, daß sich viele gerade erfahrene Filmschaffende umorientiert haben, weil sie fehlende Work-Life-Balance und die oft anstrengenden Arbeitsbedingungen nicht länger zu ertragen bereit waren, zumal sie durch die Saisonarbeit in drehfreien Zeiträumen vielfach keinen Anspruch auf ALG 1 hatten, sondern von Grundsicherung bedroht waren, mit allen damit verbundenen Schikanen. Zum anderen bilden die erstklassigen staatlichen Filmhochschulen zwar zur Genüge Häuptlinge aus, aber es hapert an Indianern - für die meisten Setberufe gibt es überhaupt keine geregelten Ausbildungsgänge. Früher kamen scharenweise Quereinsteiger ans Set, die sich mit Praktika beginnend hochgearbeitet haben, das hat die Mindestlohngesetzgebung aber weitgehend ausgetrocknet. Auch im FFG wurde die Nachwuchsförderung sträflich vernachlässigt: die 2012 erfolgte ersatzlose Streichung der Weiterbildungsförderung und des Kopplungsgebots sowie die durch den eigenen Verband betriebene Umgestaltung der Produktionsförderung für den Nachwuchs, nämlich der Kurzfilmförderung, von der Breiten- zur Spitzenförderung waren katastrophale Dummheiten, die sich jetzt rächen.

Wie schätzen Sie Bayern als Medienstandort ein? Auch z.B. im Vergleich mit anderen Bundesländern?

Martin Blankemeyer: Ich mag vor allem die familiäre Atmosphäre der Branche in München und drumherum - da herrscht in meinen Augen weniger Neid und Mißgunst als anderswo. Kreative, Ideen und auch Geld sind reichlich vorhanden, und die vergleichsweise hohen Lebenshaltungskosten erzwingen eine gewisse Ernsthaftigkeit - eigentlich beste Voraussetzungen. Wenn es um Fachkräftemangel geht, muß man aber auch erwähnen, daß mit der Münchner IHK leider kein Blumentopf zu gewinnen ist. Die läßt unsere Branche einfach im Regen stehen und blockiert die in Köln und Berlin erfolgreichen Fortbildungsprüfungen in Medienberufen. Daß wir die Absolventen unserer Vorbereitungskurse regelmäßig zur Prüfung nach Köln verweisen ist ein Armutszeugnis für den Standort München.

Die Wurzeln der Filmwerkstatt liegen im Nachwuchs- und Hochschulbereich. Hat sich der Nachwuchs im Vergleich zu vor zehn Jahren verändert?

Martin Blankemeyer: Der innere Druck, schnell reüssieren zu müssen, erscheint mir heute größer - mit der bedauerlichen Konsequenz, daß schon in der Ausbildung mehr langweiliger Mainstream entsteht und weniger Raum ist für individuelles Genie. Auch die HFF hat in ihrem ehrenwerten Bemühen, die Bolognisierung ihrer Abschlüsse zu verhindern, diese Stromlinienförmigkeit leider gefördert.

Haben sich die Thematiken in Ihren Workshops verschoben? Was ist heute am Dringendsten?

Martin Blankemeyer: Wir haben 2008 mit einem Wochenendworkshop "Filme machen ohne Geld" angefangen, den haben wir bis heute im Programm. Natürlich braucht es niederschwellige, qualitativ hochwertige Fortbildung auf allen Gebieten, von der Stoffentwicklung über Finanzierung, Produktionsorganisation und rechtliche Aspekte, die Arbeit als bzw. mit Schauspielern bis hin zu den ganzen technischen und handwerklichen Gewerken am Set und in der Postproduktion. Was mir aber wichtig erscheint und was wir bei der Filmwerkstatt tun können, ist den Wildwuchs zu fördern. Diejenigen nicht alleine zu lassen, die jenseits der Hochschulen unterwegs sind. Von ihrer Kreativität und ihren Ideen profitiert die ganze Branche.

Barbara Schuster