Kino

"Der physische Markt ist noch lange kein Auslaufmodell"

Michael Ivert, Geschäftsführer Concorde Home Entertainment, ist überzeugt, dass 2019 ein besseres Jahr für alle Marktteilnehmer werden wird. Im Interview mit Blickpunkt:Film spricht er über das vergangene Videojahr, kommende Highlights und künftige Herausforderungen.

19.02.2019 14:09 • von Jochen Müller

Michael Ivert, Geschäftsführer Concorde Home Entertainment, ist überzeugt, dass 2019 ein besseres Jahr für alle Marktteilnehmer werden wird. Im Interview mit Blickpunkt:Film spricht er über das vergangene Videojahr, kommende Highlights und künftige Herausforderungen.

Wie ist das Videojahr gelaufen? Gab es gravierende Veränderungen, oder war es Business as usual?

Michael Ivert: Das Jahr war ohne Frage durchwachsen, bedingt durch den zu langen Sommer und auch die aus unserer Sicht unsägliche Fußball-WM. Hinzu kam, dass das frühe Ausscheiden der deutschen Mannschaft offenbar kein Grund war, um dann wieder ins Kino zu gehen oder Filme zu kaufen. Diese Zurückhaltung hat sich übrigens gleichfalls auf das physische und das transaktionale digitale Videogeschäft ausgewirkt. Im Kino lief das angebotene Programm unter den gesetzten Erwartungen und enttäuschte in den meisten Fällen. Dennoch bleibt das Kino als erste Verwertungsstufe für alle relevant. Als erste Verwertungsstufe ist das Kino für alle folgenden wichtig, so wie die erste Raketenstufe zünden muss, um einen Satelliten in den Orbit zu befördern.

Ist also der Videomarkt im letzten Jahr genauso rückläufig gewesen wie das Kino?

MI: Im Kino wird von einem Besucherrückgang von mehr als 15 Prozent gesprochen. Die 100 Millionen Besucherschwelle wurden gerade noch überschritten. Im Videobereich werden wir das vergangene Jahr wohl mit einem ähnlichen Rückgang abschließen. Wir vermuten sogar, dass es im physischen Bereich ein Minus von über 20 Prozent geben wird. Interessant ist, dass auch das digitale transaktionale Geschäft darunter gelitten hat. Hier konnte keine Verlust-Kompensation zum physischen Bereich erzielt werden. Statistisch gesehen verlaufen beide Umsatzkurven nahezu parallel.

Der physische Videomarkt wird von manchen schon als Auslaufmodell angesehen, obwohl er auf hohem Niveau performt. Ist er durch SVoD weiter unter Druck geraten?

MI: Eine Frage, die man weder klar verneinen noch bejahen kann. SVoD ist ein anderes Nutzungsmodell mit einer ganz eigenen, gelernten Convenience. Im physischen Bestandskundenmarkt gibt es eine Verschiebung der Käuferschichten. Vor einigen Jahren ging man noch davon aus, dass die über 40-Jährigen keine digitalen Nutzer werden. Diese Ansicht ist inzwischen obsolet; die technische Entwicklung und die Vernetzung in allen Bereichen ist mittlerweile so fortgeschritten, dass dieser Service selbst für Leute, die sich mit Technik bislang nicht auseinander setzen wollten, einfach und bequem zu handeln ist. Ältere Filmfans konvertieren sukzessive. Dennoch ist der physische Markt noch lange kein "Auslaufmodell" - Treue zum und Bedarf an physischen Medien ist trotz sinkender Absatz- und Umsatzzahlen im deutschen Videomarkt auch weiterhin auf einem gewichtigen Niveau.

Wie reagiert die Branche darauf?

MI: Wünsche und Ansprüche der kaufenden Zielgruppen werden stärker in den Mittelpunkt gestellt. Handelsseitig gibt es das klare Bestreben und Commitment, stärker in Richtung Tailor-made und Custom-made Products zu gehen, also Packaged Media in neuer aufwändiger Verpackung - entweder exklusiv auf einen Handelspartner zugeschnitten oder generell für das allgemeine Programmangebot konzipiert. Das steigert die Attraktivität des Produkts und lässt sich dazu zu höheren Preisen vermarkten. Die Akzeptanz beim Käufer ist hoch, dafür tiefer in die Taschen zu greifen. Kunden, die aus traditioneller Sichtweise oder schlicht Überzeugung zum physischen Produkt greifen, sind bereit, für den Mehrwert eines schön gestalteten Mediabooks mit ausführlichen Informationen mehr auszugeben. Wir stellen uns darauf ein und reaktivieren so ganz gezielt Highlights unseres Katalogs.

Welche Stückzahlen lassen sich mit solchen Editionen erzielen?

MI: In der Regel sind diese aufwändiger produzierten Videoeditionen, zumal wenn sie exklusiv für Handelspartner entwickelt wurden, ohne Einräumung von Retourenrecht vereinbart. Die Mengen variieren dann entsprechend der Nachfrage und der Zielgruppe, abhängig vom Genre. Das können bis zu 10.000 Units sein. Der Durchschnitt liegt darunter. Durch den höheren Verkaufspreis und den daraus resultierenden Mehrerlös ist dieses Angebot jedoch sowohl für den Handel als auch für den Anbieter attraktiv, und es bindet darüber hinaus bestehende Kundenschichten an deren Sammelleidenschaft.

Hat denn die Concorde marktkonform abgeschnitten oder konnte sie ihn outperformen?

MI: Wir hatten einen guten Start mit Criminal Squad", "Twelve Strong", den "Scht'is in Paris", und auch Das Leuchten der Erinnerung" und I Feel Pretty" haben sich gut geschlagen. Bis zum Sommer hatten wir ein Portfolio, mit dem man sehr gut arbeiten konnte. Ab dem Sommer wurde es dann kniffliger. Dafür konnten wir das dritte Quartal für eine Bereinigung unseres Portfolios mit Aktionsgeschäften und Abpreisungen nutzen. Das Weihnachtsgeschäft zog dann zwar zum Bedauern erst die letzten vierzehn Tage und nicht wie sonst vier bis sechs Wochen vorher an, hat aber zum Jahresende dann doch noch die Kurve gekriegt und für Hoffnungsstimmung durch steigende Kaufbereitschaft gesorgt.

Macht sich denn auch die Flächenreduzierung im Handel sehr stark bemerkbar?

MI: Der Umsatzrückgang der physischen Videowirtschaft entspricht in etwa den 20 Prozent an weniger bzw. wegfallender Handelsfläche, die vornehmlich zu Lasten des Katalogs und des Sortimentsbereichs gehen. Der Handel konzentriert sich zunehmend auf New Releases und Aktionsgeschäft. Ein großer deutscher Rackjobber hat es aber fertig gebracht, sein Video-Warensortiment im LEH in führende Discounterketten zu platzieren. Das sind Outlets, in die wir vor Jahren nicht in dieser Regelmäßigkeit gelangt sind. Nach wie vor ergeben sich also auch Verschiebungen des Sortimentsangebots und Erweiterungen der Angebotsflächen.

In anderen Ländern zieht das transaktionale Digitalgeschäft an. Trägt es auch hier verstärkt zur Kompensation bei?

MI: Das Minus im physischen Handelsgeschäft wird noch immer nicht durch das transaktionale Digitalgeschäft kompensiert, zumindest in Deutschland nicht. Wenn man jedoch berücksichtigt, dass hier keine Herstellungs- und Distributionskosten entstehen und in der Regel auch so gut wie keine Marketingkosten aufgerufen werden, dann ist das transaktionale digitale Geschäft unterm Strich ein Zuwachs an realen Erlösen. Tatsächlich verlieren wir regelmäßig Käufer - pro Jahr rund 1,5 Millionen - die nicht oder kaum in die digitale Nutzung migrieren. Diese sind entweder schlicht verloren oder über Mehrfachnutzung bei Abrufmodellen nicht mehr identifizierbar. Derzeit gibt es noch 12-13 Millionen Käufer von physischem Produkt in Deutschland.

SVoD tangiert am stärksten die Katalogvermarktung, obwohl auf diesen Diensten ganz wenig Katalog zu finden ist. Hat sich dieser Prozess fortgesetzt?

MI: Bei den SVoD-Services ist das Angebot eher begrenzt. Das klassische Kataloggeschäft haben die stationären Outlets schon vor längerer Zeit an den Onlinehandel abgegeben. Ob unsere Titel nun im Regal angeboten werden, online bei einem Handelspartner bestellbar oder bei einer Onlineplattform abrufbar sind, macht für uns kaum einen Unterschied. Hauptsache ist, unsere Filmprodukte sind verfügbar und werden gekauft. Wo und in welcher Form - das entscheidet letztendlich der Endkunde individuell.

Und wie stärken Sie die Zusammenarbeit mit dem Handel?

MI: Wir erzielen hier, wie bereits gesagt, schöne Erfolge durch Special Trading und eine neue Produktvermarktung. In bestimmten Bereichen sind wieder stärker cineastische Titel gefragt. Ein gutes Beispiel sind für uns die Filme der Murnau-Stiftung, aus deren Riesenfundus wir eine Reihe von Titeln auswerten. Wir werden jeweils 3-5 dieser Perlen pro Jahr veröffentlichen und damit ein kleines Label zusammen mit der Murnau-Stiftung betreiben. Es ist eine kleine, aber feine Auswahl an großartigen Filmen aus der Vergangenheit, die allesamt mit viel Liebe und Hingabe restauriert sind, und die es gilt, allen Filmliebhabern und Sammlern in guter Qualität wieder zugänglich zu machen. Diese wertvollen Filmperlen werden sowohl online als auch von ausgesuchten Outlets des Spezialhandels angeboten.

Sie setzen also weiter auf Katalogvermarktung und bringen Titel mit besonderer Ausstattung wieder in den Markt?

MI: Wir haben letztes Jahr unser Label Classic Selection einem Relaunch unterzogen und es "Juwelen der Filmgeschichte" getauft. Dafür haben wir Titel wie Herr der Fliegen", Mondsüchtig", Schnappt Shorty" oder Meerjungfrauen küssen besser" eingekauft; eigentlich Katalogtitel, die aber lange inaktiv waren. Classic Selection und Murnau-Stiftung sind zwei wunderbare Unterlabels, die meinem Team viel Freude bei der Bearbeitung und Herausbringung bereiten.

Lange Zeit waren Serien ein gutes Geschäft und ließen sich hochpreisig in den physischen Markt zu bringen. Lassen sie sich heute noch vermarkten?

MI: Es gibt immer wieder gute bis herausragende serielle Formate. Durch das Überangebot an Serien funktionieren jedoch nur solche, die wirklich erfolgreich sind. Heute bringt man Serienstaffeln seltener auf physischen Trägermedien heraus, da der Kostenfaktor und der Produktionsaufwand immens sind und das Retourenrisiko weniger kalkulierbar geworden ist.

Wie verändern sich die Erlösströme auf einen Einzeltitel bezogen?

MI: Generell haben sich die Auswertungszeiten verkürzt, insbesondere das Fenster zum First-Pay-Angebot. Neuheiten müssen innerhalb von zwei Monaten planmäßig funktionieren, dann beginnt meist schon die erste Abpreisung. Mit der Verknappung der Hochpreisphase entsteht in Relation zu den folgenden Auswertungsebenen die Herausforderung an uns und den Handel, diese Zeit bestmöglich zu nutzen. Dadurch wird natürlich die Diskussion angeheizt, ob man die starren Auswertungsfenster zukünftig aufweichen sollte oder ob man sie allein vom Erfolg im Kino abhängig machen muss. Das wird auf die nächsten Jahre gesehen eine spannende Diskussion werden. Ich persönlich glaube, dass es eine flexiblere Handhabung dieser Regeln absehbar geben wird.

Hat sich die veränderte Marktsituation auch schon zu den Filmverkäufern durchgesprochen?

MI: Die Filmmärkte reagieren generell mit ein bis zwei Jahren Verzögerung auf die Marktentwicklungen in den jeweiligen Ländern. Es ist so: Wenn das Kinoergebnis und das Home Video-Geschäft schwächer werden, erst dann kann man auf den Märkten spürbar günstiger und zu marktgerechten Einkaufspreisen wieder Inhalte bestellen. Erst wenn die nachgefragten Preise für Filme auf den Märkten nicht mehr erzielt werden können, ziehen Produzenten und Lizenzgeber nach. In dieser Beruhigungsphase befinden wir uns gerade.

Was sind die Highlights der Concorde für das kommende Jahr?

MI: Jetzt gerade freuen wir uns über den guten Start der Neuverfilmung von "Immenhof", der mit ebenso viel Liebe entstanden ist. Wir hoffen hier auf ca. 500.000 Besucher und damit auf einen großen Familienfilm für die Vermarktung Im Home Video. Unser Action-Highlight ist "John Wick 3". Was wir an Material bereits sehen durften, lässt darauf schließen, dass hier versucht wird, noch einmal alles zu toppen. Wir werden hier alle "John Wick"-Fans einsammeln und sicher nicht enttäuschen. Zum Jahresende gibt es noch einen Mega-Hit, hinter dem ein starkes Franchise steht, nämlich Playmobil - Der Film". Das Produzententeam steht für die Erfolge von "Rapunzel - Neu Verföhnt" und "Die Eiskönigin". Erwähnen möchte ich Destroyer" mit Nicole Kidman, ein besonderer Film mit einem "hardboiled"-Thema. Und ganz besonders am Herzen liegt mir "Der Name der Rose". Diese international produzierte Serie nach dem erfolgreichen Buch von Umberto Eco wollen wir möglichst noch vor den Sommerferien herausbringen.

Das ist doch wieder eine vielversprechende Serie...

MI: ...und nicht nur das. Auch für uns im Packaged Media Bereich ist es ein besonders schönes Produkt. International erweist sich die Serie bereits als überaus erfolgreich, sie konnte bereits in viele Länder verkauft werden. Das Interesse ist riesig. Jetzt wollen wir sie auch in Deutschland zum Fliegen bringen.

Wie schätzen Sie den Markt im Allgemeinen und für Concorde im Besonderen für die nahe Zukunft ein?

MI: 2019 wird ein besseres Jahr für alle Marktteilnehmer werden. Der Videomarkt wird sich aber auch weiter konsolidieren. Wir haben den Vertrag mit unserem langjährigen Vertriebspartner Eurovideo erneut verlängert. Filme und Serien brauchen auch in Zukunft ein Trägermedium und ein Abspielmedium. Wir bieten dies über neue Produktlinien und gezielte Zielgruppenansprache an. Seien es die Kunden, die man reaktivieren möchte oder neue, die man für Home Entertainment begeistern möchte. So werden wir im physischen Markt und im transaktionalen digitalen Markt noch viele Jahre Erfolg haben. Daran arbeiten wir mit viel Freude und Einsatzbereitschaft.

Das Gespräch führte Ulrich Höcherl