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KOMMENTAR: Launch-Plattform für High-End-Serien

Während sich der Wettbewerb der Berlinale großer Filmkunst widmet und sich im Vorgriff auf das vermutete Wirken des nächsten Festivalleiters allzu publikumswirksamen Werken versagt, nutzen Fernsehen und Streamingdienste die große Aufmerksamkeit der filmaffinen Medien, um ein wahres Trommelfeuer an Serien-Ankündigungen zu entfachen. Die Kinos sind derweil damit beschäftigt, gegen einen kleinen "Netflix-Film" zu protestieren.

15.02.2019 08:37 • von Jochen Müller

Während sich der Wettbewerb der Berlinale großer Filmkunst widmet und sich im Vorgriff auf das vermutete Wirken des nächsten Festivalleiters allzu publikumswirksamen Werken versagt, nutzen Fernsehen und Streamingdienste die große Aufmerksamkeit der filmaffinen Medien, um ein wahres Trommelfeuer an Serien-Ankündigungen zu entfachen. Die Kinos sind derweil damit beschäftigt, gegen einen kleinen "Netflix-Film" zu protestieren. Die Berlinale selbst dient nur als kleine Plattform: Im Programm der Berlinale Series werden einige herausragende Beispiele (inter-)nationalen Serienschaffens gezeigt, etwa 8 Tage" unter der Regie von Stefan Ruzowitzky. Bei den Drama Series Days gab es weitere Beispiele kommender Serien zu sehen, alle unter Beteiligung hervorragender Kino-Talente von Lars Kraume bis Jürgen Vogel Hören und Sehen vergeht einem, wenn man die eindrucksvollen Ankündigungen der Degeto studiert, die acht weitere Serien in Auftrag gegeben hat, von "Siegfried & Roy" unter der Regie von Philipp Stölzl bis zum "Club der singenden Metzger", realisiert von Uli Edel.

Auch Streaminganbieter Netflix, das rote Tuch für Kinobetreiber, kündigt pünktlich zur Berlinale erste deutsche Filme und weitere deutsche Serien an. Zu den fünf, die schon im Herbst Schlagzeilen machten, kommen zwei weitere hinzu, die ausgewiesene Kinokönner wie Christian Ditter und Claussen+Putz binden. Zeitlich passend aus dem fernen Kalifornien nutzt auch Amazon Prime die Gelegenheit, um 20 neue Serienprojekte zu launchen, darunter "Die Kinder vom Bahnhof Zoo" in Deutschland. Alle Projekte entstehen in unterschiedlichsten Konstellationen, die Partner wie UFA und Constantin Film, wie Arte und Netflix, wie Sky und ARD, die sich zu anderen Zeiten womöglich spinnefeind waren, im Interesse der Zuschauer friedlich zusammenführen. Die Musik (und ihre Kapellmeister!), die sonst in den Kinos spielt, zieht weiter, zum nächsten Lagerfeuer, an dem sich das große Publikum für fiktionale Programme trifft.

Und während die Kinobetreiber ihren Ehrgeiz daran setzen, einen Film, der nie einen deutschen Verleih gefunden hätte, aus dem Wettbewerb zu drängen, um Netflix das "große Schaufenster" eines wenig beachteten Wettbewerbs streitig zu machen, macht sich keiner darüber Gedanken, dass das kreative deutsche Toptalent, das sich sonst große Kinofilme ausdenkt und darin spielt, in Scharen TV- oder Streamingserien austüftelt, produziert und darin auftritt und dadurch über Monate an andere Medien gebunden ist. Genauso wie sich niemand so recht Gedanken darüber machen mag, dass sich die Produktion selbst von erfolgreichen Kinofilmen für ihre Macher weniger lohnt als die Arbeit für ARD, ZDF, Sky, Netflix und Co. An den Wettbewerbsfilmen der Berlinale wird die deutsche Kinobranche jedenfalls nicht genesen.

Ulrich Höcherl, Chefredakteur