Festival

Kosslick mahnt "gemeinsame Position" zu Netflix-Filmen an

Dass die Berlinale den umstrittenen Netflix-Beitrag "Elisa y Marcela" nicht aus dem Wettbewerb nehmen würde, stand zu erwarten. Doch die Frage bleibt: Was ist aus Sicht des Festivals eine Kinoauswertung?

12.02.2019 16:09 • von Marc Mensch

Eines muss man dem Deutschlandfunk lassen: Euphemismus kann er. In einer Schlagzeile wurden die fast 200 namentlichen Unterzeichner, die sich gegen die Aufnahme eines Netflix-Films in den Berlinale-Wettbewerb aussprechen, zu "mehreren Kinos" degradiert. Unglücklich ausgedrückt oder bewusst provoziert? Egal. Dahinstehen kann zunächst auch einmal, wie man persönlich zu der Forderung steht, "Elisa y Marcela" aus dem Wettbewerb zu nehmen und außer Konkurrenz zu zeigen. Denn eigentlich macht sich die Berlinale diesbezüglich selbst Vorschriften.

Dass der von den Mitgliedern der AG Kino-Gilde geforderte Schritt tatsächlich erfolgen würde, stand bei Veröffentlichung der Verbandserklärung nur zwei Tage vor der Berlinale-Premiere des Films natürlich kaum zu erwarten; trotz der Rückendeckung, die die Kinos von Kulturstaatsministerin Monika Grütters erfuhren. Diese hatte sich vor Beginn des Festivals noch einmal explizit gegen die Aufnahme von Filmen ohne Kinoauswertung in den Wettbewerb ausgesprochen - allerdings ohne Konsequenzen im Einzelfall zu fordern.

Zumal es mit dem Ruf nach Konsequenzen in diesem Fall so eine Sache ist. Denn die Berlinale steht klar auf dem Standpunkt, nicht gegen ihre Regularien verstoßen zu haben. Schließlich habe Netflix eine Kinoauswertung in Spanien zugesagt. Daran habe sich nichts geändert. Und ganz egal, ob wir bei dieser Kinoauswertung nun von einem mehrwöchigen Volleinsatz, einem Alternative-Content-Modell oder (wie bei Netflix nicht unüblich) der "Anmietung" einzelner Säle sprechen: Rein formell wird vermutlich alles dem Begriff "Auswertung" gerecht, wenn man denn nur will. Dass es sich in der Tat auch in Spanien um eine "limitierte Auswertung" handeln werde, hat das Festival Deadline gegenüber offenbar bestätigt.

Unterdessen hat sich Festivaldirektor Dieter Kosslick, der die Frage beim Produzententag schlicht mit der Bemerkung weggelächelt hatte, man möge die Debatte nicht auf dem Rücken eines einzelnen Films austragen, noch einmal zur Thematik geäußert. Gegenüber "Deadline" erklärte er, dass die internationalen Festivals eine "gemeinsame Position im künftigen Umgang mit Filmen von Streamingplattformen" finden sollten. Was im ersten Moment eher nach der Haltung klingt, man solle künftig weniger strikt zwischen Kinofilmen und Streamingproduktionen differenzieren, als danach, die Festivals sollten sich in ihren Wettbewerben wieder auf Kinoexklusivität besinnen.

Wie dem auch sei: Der Film bleibt im Wettbewerb - und die Debatte wird schon deshalb noch kein Ende gefunden haben, weil Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek wohl eher auf die Streamingdienste (die übrigens durchaus unterschiedliche Praktiken verfolgen) zugehen werden, als sich von ihnen abzuwenden.