Festival

BERLINALE Tag 5: Schwestern

In zwei Wettbewerbsfilmen im Bärenrennen wollen die Menschen nur weg aus ihrer ländlichen Heimat.

12.02.2019 11:50 • von Heike Angermaier
"Kis Karde?ler" überzeugt im Wettbewerb (Bild: Liman Film/Komplizen Film/Circe Film/Horsefly Film)

In zwei Wettbewerbsfilmen im Bärenrennen wollen die Menschen nur weg aus ihrer ländlichen Heimat. Denis Cotes Drama "Repertoire des villes disparue" nutzt Elemente des Horrorfilms, um von einem Ort zu erzählen, deren Bewohner durch den Selbstmord eines jungen Mannes aus der Bahn geworfen werden. Es ist eine Art Les Revenants", aber eben im Stil des frankokanadischen Filmemachers und gern gesehenen Berlinale-Gastes, der den Alltag normaler Menschen beobachtet - mit einer Tendenz zum Skurrilen. Er zeigt den 215-Seelen-Ort Les Irenees les Neiges in der körnigen Optik trüber Wintertage, vereinzelte Häuser auf Stoppelfeldern. Der englische Titel "Ghost Town Anthology" ist wörtlich zu nehmen. Sein Provinzdrama handelt von der Landflucht. Niemand will dort bleiben, wo es keine Jobs gibt, und erzählt von viel existenzielleren Problemen, vor allem von der Trauer, von Angst, von Einsamkeit.

Auch in Emin Alpers Drama "Kis Kardesler" wollen die Menschen weg. Im türkischen Bergdorf werden die Mädchen zu fremden Familien in die Stadt geschickt, um der Perspektivlosigkeit zu entkommen, um etwas zu lernen, auch wenn die Mädchen dort nur als Nanny und Haushaltshilfe eine billige Arbeitskraft sind. Was aber immer noch besser ist, als die Zukunft im Dorf, wie der Vater seinen drei Töchtern sagt, die alle wieder zurückgeschickt wurden, die älteste, weil sie ein Kind bekam. Die drei sind eifersüchtig aufeinander, sie streiten sich, dennoch bedeutet ihr Zusammensein auch Geborgenheit, Wärme. Alpers Geschichte über drei Schwestern ist auch ein Film über das Geschichtenerzählen, das Familienzusammenhalt schafft. Der Vater liebt es, seinen Mädchen Geschichten zu erzählen, über sich, über sie selbst. So ertragen sie auch die schlimmsten Katastrophen. Beide mit minimalen Mitteln erzählte Filme sind todtraurig, haben aber auch humorvolle Momente, wirken nachhaltig.

Der dritte Film lief außer Konkurrenz und protzt geradezu mit seinen Mitteln. Adam McKay zeigt in Vice - Der zweite Mann" eindrucksvoll, dass der aktuellen Politzirkus mit Donald Trump nicht aus dem Nichts kommt, sondern dass der mächtigen Vize Dick Cheney mit der Unterstützung von Rumsfeld und anderen in Jahrzehnten die Grundlagen dafür legte. Er zettelte einen Krieg im Irak an, drückte Waterboarding, Steuererleichterung für Reiche und Datenspeicherung durch. Eine Politsatire, die mit grellen, wenig subtilen, nicht desto weniger auch originellen Mitteln, wie einem großartigen Macbeth-Eheleute-Dialog vielleicht nichts Neues erzählt, aber es vor Augen führt. Und was für eine tolle Spielwiese er dabei seinen tollen Schauspielern bietet, allen voran Christian Bale, den man kaum wiedererkannt unter dem Fett. Aber auch Amy Adams als seine Frau ist unglaublich gut und Steve Carell als Cheneys Mentor Rumsfeld. Wow! McKay bedankte sich beim scheidenden Dieter Kosslick für die Einladung. Für ihn war es ein Coup, diesen US-Film, zu präsentieren, einen lupenreinen Publikumsliebling und ein Politfilm zu präsentieren - und mit Christian Bale einen Star nach Berlin zu holen. Brausender Applaus.

Zur Halbzeit ist beim Screen-Kritikerspiegel übrigens noch kein einzelner Favorit auszumachen: "Petrunya" und Öndög" liegen mit den besten Bewertungen vorn.