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BERLINALE Tag 4: Eine Kämpferin namens Petrunya

"God Exists, Her Name Is Petrunya" passt perfekt zur 69. Berlinale mit seiner Heldin, die gegen patriarchale Strukturen aufbegehrt.

11.02.2019 07:46 • von Heike Angermaier
"God Exists, Her Name Is Petrunya" (Bild: SistersandBrotherMistevski)

Dieser Film passt einfach perfekt zu dieser , in der die Jurypräsidentin, der Festivaldirektor und die Journalisten die Diskussion immer wieder auf das Bestreben um Gleichstellung der Geschlechter lenken. Dieter Kosslick unterschrieb am Samstag eine Erklärung, die u.a. beinhaltet, die Leitungen und Auswahlgremien der Berlinale und des EFM bis 2020 paritätisch besetzen zu wollen.

Heldin in Gospod postoi, imeto i' e Petrunija" ist eine junge Frau, die in einer von verkrusteteren patriarchalischen Strukturen dominierten mazedonischen Provinz aufbegehrt, indem sie bei einem religiösen Ritual das von einem Priester in den Fluss geworfene Kreuz als erste aus dem Wasser holt - und als erste Frau. Denn das Ritual ist Männern vorbehalten. Damit löst sie einen Sturm der Entrüstung aus bei den düpierten Männern, die sich mit ihr bei winterlichen Temperaturen ins Wasser stürzten. Doch sie gibt das Kreuz, das Glück für ein ganzes Jahr verheißt - und wer könnte es nicht gebrauchen dort, wo die Jobs rar, und gut bezahlte nicht vorhanden sind - , nicht heraus. Sie flüchtet damit nach Hause. Die Polizei bringt sie zur Station. Sie schüchtern sie ein, drohen ihr, der Priester appelliert an ihren Glauben. Doch Petrunya rückt es nicht heraus. Haben Frauen nicht auch das Recht, glücklich zu sein?

Teona Strugar Mitevska hat eine wunderbare Heldin, sie ist kein Model, sondern kräftig, trägt grobe Stiefel, ist kratzbürstig - und lädt gerade deswegen auch zur Identifikation ein. Zorica Nusheva spielt sie mit Schalk in den Augen und um den Mund. Labina Mitevska, die Schwester der Regisseurin und Drehbuchautorin spielt eine taffe Journalistin, die in Petrunyas Geschichte die Möglichkeit sieht, ihrem Land einen Spiegel vorzuhalten, ihre mittelalterlichen Einstellung. Mitevska, die schon mehrfach in Berlin zu Gast war, u.a. 2012 mit The Woman Who Brushed off her Tears", aber 2019 erstmals im Wettbewerb ist, gelingt ein angenehmer, zurückgenommener, realistischer, leicht verspielter Tonfall. Ihr Film, der von Tatsachen inspiriert ist, ist weder die totale Farce und grelle Satire, noch ein düsteres Sozialdrama, auch wenn er sich durchaus in beide Extreme hätte entwickeln können. Und am allerschönsten, in diesem Film ist der Heldin, eine Historikerin, ein Happy End vergönnt, ein wunderbar dezentes. "God Exists, Her Name Is Petrunya" ist ein äußerst sympathischer Bärenfavorit mit bissigem Humor, der in seiner Verortung in der Provinz und Kritik an Kirche und Gesellschaft ein bisschen auch mit dem letztjährigen polnischen Silbernen Bären-Gewinner "Die Maske" vergleichbar ist.

Außer Konkurrenz lief das in deutscher Koproduktion und auch in Deutschland entstandene Agentendrama The Operative" des israelischen Filmemachers Yuval Adler- auch mit einer weiblichen Titelrolle. Diane Kruger, zuletzt prämiert in Aus dem Nichts" spielt sie, eine starke Frau, die für den Mossad in Teheran spioniert und bei ihrem Einsatz auch zum äußersten bereit ist, bis sie ernsthaft Gefühle für ihre Zielperson entwickelt. Adler erzählt geradlinig, leicht unterkühlt. Ähnlich wie bei Bethlehem" ist auch hier das Verhältnis zwischen Agent und Führungsagent, hier wird er von Martin Freeman gespielt, wesentlich. Adler gelingt ein zeitgemäßer, ernsthafter, auch spannender Agentenfilm jenseits von Hollywoodhochglanz, der aber erst zum Ende so richtig packt.

Agnieszka Holland, die 2017 mit Die Spur" einen Silbernen Bären holte, meldet sich nur zwei Jahre später im Wettbewerb zurück. "Mr. Jones" ist harter Toback, ein Geschichtsdrama bzw. die Geschichte eines aufrechten Journalisten, der in den 1930er Jahren das Ausmaß der Hungerkatastrophe in der Ukraine aufdeckt - und von dessen Erkenntnissen George Orwell zu seinem "Farm der Tiere" inspiriert wurde. Sein Schreiben dient als Rahmenhandlung. Der Film konzentriert sich auf die kurze Zeit, die der walisische Journalist Caleb Jones (passend vom in TV-Serien bewährten James Norton gespielt) in Moskau und der Ukraine verbringt. Eine hedonistisch, ausufernde Party in Moskau bildet den Gegenpol zu den absolut niederschmetternden, fast Schwarz-Weiß wirkenden Hungerszenen. Holland schont den Zuschauer nicht. Sie nutzt in ihrem Plädoyer für der Wahrheit verpflichtete Schreiber geschickt teils auch Stilmittel des damaligen russischen Kinos.