Produktion

Einfach mal draufhauen!

Es war ein bemerkenswerter Berlinale-Auftakt, der sich in der Akademie der Künste abspielte. Denn beim Produzententag verblüffte Kulturstaatsministerin Monika Grütters mit einer Rede, die ein einziges großes Fragezeichen hinterließ.

08.02.2019 07:40 • von Marc Mensch

Nein, die ganz kalte Dusche war es nicht, die die Kulturstaatsministerin anlässlich des 11. Produzententages über der Branche ausgoss. Und nachdem die Richtung ihrer Rede ohnehin schon durch den einen oder anderen Zeitungsbericht vorgezeichnet war, kam sie auch nicht völlig überraschend. Dennoch muss man sich fragen, ob wirklich durchdacht war, was Monika Grütters als ihre Position formulierte.

Nicht, dass sie mit einigen Punkten nicht recht hätte - und tatsächlich hätte man für das Kinojahr 2018 durchaus noch härtere Worte finden können als jene, es sei "nicht berauschend gewesen". Ob man aber nun unbedingt den deutschen Film, der sich sogar minimal besser hielt als der Gesamtmarkt, als den Verantwortlichen für die Rückgänge ins Visier nehmen muss? Schon darüber könnte man womöglich streiten. Schließlich gab es klar nachvollziehbare Einflüsse, die keinen Unterschied nach dem Herkunftsland eines Films machten. Am Ende kann dies aber dahinstehen. Denn schon ganz unabhängig vom vergangenen Jahr spricht absolut nichts gegen die Argumentation, der deutsche Film müsse besser dastehen. Im Gegenteil.

Bemerkenswert sind jedoch die Schlüsse, die Grütters aus den Zahlen zieht. Ihre eindeutige Haltung: "An den Fördertöpfen kann es nicht liegen, denn die sind so gut gefüllt wie nie zuvor!" Womit sie begann, über die Erwartungen zu sprechen, die mit den jüngsten Fördererhöhungen verbunden gewesen seien. Sie sehe diesbezüglich nun ein "Missverhältnis zwischen Investition und Ertrag", zwischen "hart erkämpften Mitteln" und der Ausstrahlungswirkung des deutschen Films.

Hier liegt der Hase im Pfeffer: Denn der absolute Löwenanteil der von ihr bezifferten Erhöhungen ist schon zwangsweise noch überhaupt nicht auf der Leinwand angekommen. Nehmen wir als Beispiel nur den DFFF II, auf den der mit Abstand größte Teil der zusätzlichen Mittel entfiel. Aus diesem Topf wurde bislang genau eine einzige (!) Förderung ausbezahlt (wir berichteten) - wie man übrigens erst auf explizite Nachfrage erfuhr; die offizielle PM zur DFFF-Bilanz verschweigt diese Tatsache. Ja, "Verschwörung" war ein Flop - aber man könnte doch behaupten, dass man Anreizförderung womöglich nach anderen Maßstäben zu beurteilen hat als selektive Produktionsförderung. Dies aber ebenfalls nur am Rande.

Denn noch erstaunlicher wird Grütters' Enttäuschung über ausgebliebene Besucherzahlen, wenn man auf die tatsächlich vervielfachte kulturelle Filmförderung des Bundes blickt. Ein Instrument, das gänzlich nach ihren Vorstellungen gestaltet ist (und dessen Aufstellung in der Branche durchaus nicht auf einhellige Begeisterung stößt). Vor allem aber ein Instrument, dessen Erhöhung Grütters erneut mit folgenden, unmittelbar nach dem Produzententag per Pressemitteilung verschickten Worten begründete: "Wir haben damit die kreativen Freiräume der Filmemacher erweitert, so dass sie unabhängig von Standorteffekten oder Erwartungen an den ökonomischen Erfolg, künstlerisch anspruchsvolle und innovative Projekte realisieren können." Das muss man angesichts obiger Zitate erst einmal sacken lassen.

Förderung, die noch gar nicht angekommen ist. Und solche, die explizit ohne Erwartungen an ökonomischen Erfolg ausgereicht wird. Das also soll jetzt so arg enttäuscht haben, weil der deutsche Film seinen Marktanteil in einem Jahr behaupten konnte, das Grütters zu allem Überfluss im selben Atemzug auch noch als "Ausreißer" bezeichnete? Man könnte an dieser Stelle auch noch anmerken, dass so mancher hohe Marktanteil in der Vergangenheit nicht zuletzt Hollywood-Blockbustern wie "The First Avenger: Civil War" oder "Die Tribute von Panem" zu verdanken war, die die FFA (anders als ComScore) als minoritäre Koproduktionen zu den deutschen Filmen zählte...

Um das Bild noch richtig rund zu machen: Es gibt noch eine Förderung, die die BKM bei der von ihr genannten Summe mit einschloss - und die sie tatsächlich ebenfalls um 50 Prozent erhöhte. Eine Förderung, die nicht nur massive Standorteffekte auslöst und vom ersten Jahr an überzeichnet war. Sondern die Werke unterstützt hat, die man als absolute Blockbuster bezeichnen würde, wären es denn Kinofilme. Und die auch im Ausland für Furore sorgten: High-End-Serien. Dass der GMPF allerdings nur wegen seiner (zumindest haushalterischen) Deckungsfähigkeit mit dem DFFF II Erwähnung fand, liegt auf der Hand: Dieses Instrument stammt ursprünglich aus dem damals SPD-geführten Bundeswirtschaftsministerium. Wo, erlauben Sie mir diese rein persönliche Ansicht, Anreizförderung doch eigentlich auch hingehört.

Dass Monika Grütters beim Produzententag ankündigte, einen Runden Tisch mit Produzenten, Produktionsdienstleistern, Filmverleihern und Kinobetreibern einzuberufen, um "gemeinsam mit der Branche die Verfahren und Strukturen der wirtschaftlichen Filmförderung" zu diskutieren und das "Missverhältnis zwischen Investition und Ertrag in Einklang" zu bringen, ist im Prinzip nur vernünftig. Den ausbleibenden Erfolg noch gar nicht abgerufener oder explizit nicht erfolgsorientierter Förderung aber zum Anlass für diese Einladung zu nehmen, wirft von Beginn an ein schlechtes Licht auf die Gespräche. Wie es auch die naheliegende Vermutung tut, dass Grütters' Rede eine direkte Reaktion auf einen FAZ-Artikel war, der es mit den Fakten nicht allzu genau nahm - offenbar, um sein eigentlich doch ohnehin klares Narrativ zu stärken. (Nur als Hinweis: Automatische DFFF-Förderungen sind viel, aber ganz eindeutig keine "groteske Fehlkalkulation" eines Fördergremiums...)

Was übrigens doppelt schwer wiegt, da man durchaus den Eindruck haben könnte, dass es auch Zeitungsartikel waren, die Grütters 2017 zur überraschend offenen Attacke gegen die FFA-Leitlinien bewegten. Die man, das nur am Rande, für grundsätzlich falsch, völlig wirkungslos oder ähnliches halten mag. Aber das ist nicht der Punkt. Sondern das, was Grütters im Juli 2017 sagte: "Die angestrebte zukünftig sehr viel stärkere Ausrichtung der FFA an rein wirtschaftlichen Kriterien bei der Entscheidung über die Förderung eines Filmprojekts halte ich für falsch." Dem kann man durchaus zustimmen. Aber schon den Versuch zu torpedieren, um anschließend die zu geringe Wirtschaftlichkeit anzuprangern, spricht nicht unbedingt für eine klare Linie.

Aber genau diese wäre doch gefragt. Insbesondere bei dem, was den Großteil der "wirtschaftlichen Förderung" - und der Erhöhungen - ausmacht: der Anreizförderung, die ihre Attraktivität (schon jenseits immanenter Nachteile gegenüber einem Tax Relief) nicht zuletzt durch das zumindest zeitweise Wegfallen jeglicher Verlässlichkeit verloren hat und die sich in Gestalt des DFFF II erst durch die (begrüßenswerte!) Richtlinienänderung überhaupt einer Praxistauglichkeit annäherte. Denn auch das ist eine Frage: Worum soll es denn an diesem Runden Tisch konkret gehen? Zumal dann, wenn er auch dadurch motiviert sein sollte, dass DFFF-geförderte Filme zwar die erwünschten Investitionen ins Land holten, aber (wie im Fall von "Renegades - Mission of Honor" ja bitteschön eindeutig vorhersehbar) kaum Kinobesucher in Deutschland einfuhren? Dies in irgendeiner Form steuern zu wollen, würde bedeuten, den Automatismus zu kippen - was selbstverständlich der Todesstoß für diese Förderung wäre. Ob man dem Finanzministerium schmackhaft machen könnte, 125 Mio. statt in ein Instrument mit einem Return on Invest von mehreren hundert Prozent in eine selektive Förderung zu geben? Wohl kaum. Müsste man also nicht viel eher über die kulturelle Filmförderung der BKM sprechen, die - wie im Feuilleton gerne unterschlagen wird - das Budget für Projektfilmförderung der vielgescholtenen FFA mittlerweile übersteigt?

Wie dem auch sei - klar ist: Selbstverständlich gibt es jede Menge Gesprächsbedarf - und man kann nicht behaupten, dass der Produzententag diesbezüglich arm an Anregungen war. Um dies knapp in die Worte von Martin Moszkowicz zu fassen: "Das nächste FFG macht nur mit einer kompletten Neuausrichtung Sinn!" Was übrigens auch Medienboard-Geschäftsführerin Kirsten Niehuus oder Stefan Arndt so sehen, die gemeinsam mit Janine Jackowski, Thomas Kufus und Heike Hempel auf einem von Blickpunkt:Film-Chefredakteur Ulrich Höcherl moderierten Panel saßen.

Durchaus ironisch ist dabei, dass sich Kulturstaatsministerin Grütters im Anschluss an den Produzententag des ausdrücklichen Danks der Kinos gewiss sein durfte. Denn nach der Förderschelte brach sie dort noch, wie es der HDF ausdrückt, "eine Lanze für klare Regeln zum Schutz des Kulturorts Kino". Mit anderen Worten: Sie sprach sich klar und unmissverständlich für ein Kinofenster aus (wobei man aber im Hinterkopf behalten könnte, dass sie sich nicht zur Länge eines solchen äußerte) - und sie lehnte auch noch einmal explizit die Aufnahme von Filmen ohne Kinoauswertung in den Berlinale-Wettbewerb ab. Dass, wie es Grütters formulierte, "die Kinoleinwand nicht zur bloßen Werbeplattform für VoD degradiert werden darf", kann man vielleicht auch dann gut und gerne unterschreiben, wenn man den "Roma"-Einsatz prinzipiell befürwortete... Weshalb also ironisch? Nun gerade ersterer Punkt ist einer, den die Produzenten ohne jeden Zweifel auf diesen "Runden Tisch" legen werden - und eine Abschaffung der Sperrfristen ist sogar eine zentrale Position jenes "Think Tanks", der sich im Umfeld der sogenannten "Frankfurter Positionen" gebildet hat. Eine Initiative, die Jackowski übrigens ausdrücklich begrüßt.

Begrüßt würde mit Sicherheit auch eine Reform, die es Produzenten erlauben würde, stärker am Erfolg ihrer Werke zu partizipieren. Wie desolat die Situation diesbezüglich in Deutschland ist, hatten Janine Jackowski und Uli Aselmann ja bereits in einem ausführlichen Exklusivinterview mit Blickpunkt: Film geschildert. Womöglich läge schon darin eine ganz gute erste Antwort auf die Frage nach höherer Fördereffizienz: In einer deutlich besseren Kapitalisierung der Kinofilmproduzenten. Die nach Stefan Arndt ohnehin schon Gebot der Stunde wäre, wolle man nicht bereits kurzfristig einen "dramatischen Einbruch in der Kinoproduktion" erleben, weil die Overheads schlicht nicht mehr zu erwirtschaften seien.

Sie sehen schon: Der Produzententag (dessen Debatten hier ohnehin nur auszugsweise dargestellt wurden) lieferte wirklich jede Menge Gesprächsstoff für den Roten Teppich. Und nicht vergessen sollte man an dieser Stelle die einleitenden mahnenden Worte des Produzentenallianz-Geschäftsführers Christoph Palmer, der mit wenigen Worten einen aktuellen Zwiespalt skizzieren konnte: Die Produktionswirtschaft wächst (zumindest im TV-Bereich), jetzt fehlt es indes an Fachkräften. Und in die Debatte über die nächste Gebührenperiode darf man durchaus den Hinweis mitnehmen, dass kein Lebensbereich damit auskommt, nicht wenigstens einen Inflationsausgleich zu erfahren. Anders war das in den letzten Jahren bei den Öffentlich-Rechtlichen...

Lassen Sie mich zum Abschluss noch Molly von Fürstenberg und Dieter Kosslick zur frisch verliehenen Ehrenmitgliedschaft in der Allianz gratulieren - und die eingangs mittelbar aufgeworfenen Frage beantworten, weshalb Grütters' Rede nicht die ganz kalte Dusche war: Sie versicherte, nur die Verteilung der Mittel justieren zu wollen - nicht aber deren Höhe. Immerhin.