Kino

KOMMENTAR: Den Kreis eckig bekommen

Auf meine Frage nach den entscheidenden Herausforderungen in einem Medien- und Contentmarkt, der sich einem radikalen Wandel ausgesetzt sieht, antwortet Koch-Media-Geschäftsführer Stefan Kapelari im dieswöchigen Interview in der Printausgabe von Blickpunkt:Film: "Der Umbruch ist die Herausforderung."

07.02.2019 08:20 • von Jochen Müller

Auf meine Frage nach den entscheidenden Herausforderungen in einem Medien- und Contentmarkt, der sich einem radikalen Wandel ausgesetzt sieht, antwortet Koch-Media-Geschäftsführer Stefan Kapelari im dieswöchigen Interview in der Printausgabe von Blickpunkt:Film: "Der Umbruch ist die Herausforderung." Weil der Umbruch nicht bevorsteht, sondern weil er längst stattgefunden hat und wir jetzt erleben, welche Auswirkungen er auf die Branche hat. Deshalb kann es 2019 nicht mehr ausreichen, auf Erreichtes zu verweisen und darauf zu hoffen, dass die Disruption ausgerechnet vor dem eigenen Geschäftsfeld Halt machen wird.

Vielleicht kann man die Zeit auf der Berlinale auch sinnvoll nutzen, den Wandel und seine Folgen aus einer gewissen Distanz zu betrachten, ganz vorurteils- und angstfrei und nicht gleich von der unmittelbaren eigenen Warte, die einem auch den Blick verstellen kann. Wandel ist weder gut noch schlecht. Gut oder schlecht ist nur, was man daraus macht. Treten wir also einen Schritt zurück. Und blicken auf die neue Generation von Konsumenten, für die es eine Welt ohne YouTube nie gegeben hat. Die es als gegeben sieht, jederzeit und tatsächlich zu jeder Tageszeit, Content konsumieren zu können.

Wie Johanna Koljonen bereits in ihrem letztjährigen Nostradamus Report, den sie seit nunmehr sechs Jahren als jährliche Langzeitstudie für das Goteborg Film Festival erstellt, festgestellt hat, ist es genau diese Generation, um die sich das Kino Sorgen machen muss. Die es aber noch nicht verloren hat: Die gute Nachricht ist, dass die Jugend den Aufenthalt im Kinosaal als durchweg positiv bewertet, als Luxus, die einzige Zeit, in der man sich nicht der Tyrannei des Smartphones unterwirft. Das ist ein Ansatzpunkt, auf dem sich aufb auen lässt. Zumal Koljonen in ihrer diesjährigen Studie konstatiert, dass 2019 vor allem die Streamingwelt einschneidende Veränderungen erfahren wird, wenn sich auf einmal nicht mehr das Gros des Programms, quer über alle Studios und Verleiher, auf Netflix und Prime finden wird: Wenn Disney/Fox und Warner Bros mit ihren Diensten starten (und Universal dürfte wenig später folgen), wird der Konsument sich entscheiden müssen, wessen Originalprogramm ihm so wichtig erscheint, dass er eine monatliche Abogebühr dafür abdrückt.

Für Produzenten ist die Entwicklung eine schöne Sache: Noch mehr Content wird gebraucht werden. Aber auch Kinos können profi tieren: Sie bieten weiterhin alle neuen Filme an, in der besten Qualität. Sie müssen dem Publikum ein entsprechendes Angebot machen. Denn auch das merkt der Nostradamus Report an: Während die Jugend gerne im Kinosaal sitzt und einen Film sieht, findet sie den Kinobesuch mit schlechtem Service und unpersönlicher Abfertigung suboptimal.

Wie man den Kreis eckig bekommt und das Publikum zurück ins Kino holt, darüber lohnt es sich nachzudenken.

Thomas Schultze, Chefredakteur