Kino

105 Millionen Besucher: Die FFA-Kinobilanz 2018

Die FFA hat ihre offiziellen Zahlen für das vergangene Jahr vorgelegt. Wie erwartet, hellt sich die schlechte Bilanz damit noch minimal auf. Damit enden die guten Nachrichten aber auch schon - beinahe.

06.02.2019 12:00 • von Marc Mensch

Man könnte es womöglich als Minimalziel bezeichnen, das 2018 von den deutschen Kinos erreicht wurde: Wie von uns bereits bei Vorstellung der ComScore-Bilanz vorhergesagt, hat die offizielle FFA-Zählung dem Markt noch über die Hürde von 100 Mio. Besuchern geholfen - und das am Ende sogar relativ deutlich. 105,4 Mio. Tickets wurden demnach verkauft, was einem Minus von 13,9 Prozent entspricht. Das ist immerhin etwas weniger schmerzhaft als die von ComScore berechnete Entwicklung - und auch nicht ganz so dramatisch, wie es zum Halbjahr noch zu befürchten stand. An der Tatsache, dass es ein ausgesprochen schlechtes Kinojahr war, ändert diese Ergebniskorrektur allerdings denkbar wenig. Tatsächlich wurde diesmal sogar das Jahr 1992 mit seinen 105,9 Mio. Kinogästen noch (leicht) unterboten, um niedrigere Zahlen zu finden, muss man bis ins Jahr der Wiedervereinigung zurückgehen. Besonders schmerzhaft ist der Durchschnittswert, der bei gerade noch 1,27 Kinobesuchen pro Einwohner lag - und damit noch unter dem von Italien.

Zudem wurde ein anderes (wenn auch etwas ambitionierteres) Ziel klar verfehlt. Mit 899,3 Mio. Euro Boxoffice verzeichneten die Kinos erstmals seit 2014 (damals fehlten allerdings nur gut 20 Mio. Euro) keinen Milliardenumsatz mit Ticketverkäufen. Was man im Verlauf des Jahres schon ahnen durfte, wurde bereits mit den ComScore-Zahlen zur Gewissheit und wird nun von der FFA nur umso nachdrücklicher bestätigt: Die Ticketumsätze sanken überproportional stark um 14,8 Prozent, denn die durchschnittlichen Eintrittspreise gaben um neun Cent auf zuletzt 8,54 Euro nach - was allerdings immer noch den zweithöchsten Wert seit Beginn der Aufzeichnungen darstellt. Gestoppt wurde damit übrigens ein 14 Jahre andauernder Aufwärtstrend....

Indes waren es beileibe nicht nur (teils zeitlich limitierte) Preisaktionen an zahlreichen Standorten, die zum Rückgang der Durchschnittspreise beitrugen. Die FFA-Analyse zeichnet ein doch sehr bezeichnendes Bild eines 3D-Marktes, der sich seit seinem Höhepunkt im Jahr 2016 (31,3 Mio. 3D-Besucher, 25,6 Prozent MA) in einen jetzt sogar steilen Sinkflug begeben hat. Was übrigens schon alleine dadurch bedingt ist, dass weniger 3D-Filme auf die Reise geschickt wurden. 32 (Vorjahr: 40) waren es noch, davon 27 aus US-Produktion. Ob sich die Rückgänge allerdings alleine mit dem um 20 Prozent geschrumpften Angebot begründen lassen, darf bezweifelt werden. Denn mit einem Rückgang von 25,5 auf gerade noch 17,1 Mio. 3D-Besucher gaben stereoskopische Filme 33 Prozent ihrer Besucher ab, büßten also (weit) mehr als doppelt so stark ein wie der Gesamtmarkt. Ein 3D-Marktanteil von 16,3 Prozent markiert einen Verlust von 5,2 Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr. Wenn man angesichts einer solchen Entwicklung von Deutschland als einem außergewöhnlich starken 3D-Markt spricht, liegt dies natürlich nicht nur am Vergleich beispielsweise zu den USA, wo der 3D-Anteil (nach Umsätzen) schon 2017 auf nur noch 11,7 Prozent geschrumpft war und der 3D-Markt seinen ebenso frühen wie kurzlebigen Zenit bereits 2010 erlebt hatte. Nein, es liegt auch daran, dass sich in Deutschland immer noch hohe 3D-Anteile jenseits der 70 Prozent erzielen lassen. Möglicherweise (deutlich) auf Kosten der Besucherzahlen, könnte man spekulieren... Wobei der Spitzenwert von 72,7 Prozent für Aquaman" mit Vorsicht zu genießen ist. Denn ausgewertet wurden nur die Zahlen für 2018; und bekanntermaßen schrumpft der 3D-Anteil in späteren Auswertungswochen in der Regel deutlich - alleine schon deswegen, weil 3D-Einsätze in der Startwoche schon qua der Verleihbedingungen das Bild beherrschen. Insofern scheint es eher angebracht, Jurassic World: Das gefallene Königreich" mit 71,7 Prozent als 3D-Primus zu betrachten. Ebenfalls starke 3D-Anteile weisen Black Panther mit 67,2; Star Wars: Die letzten Jedi" mit 66,4 Prozent (dieser tatsächlich mit seinem späteren Auswertungszeitraum) und Avengers: Infinity War" mit knapp 61 Prozent auf. Am anderen Ende der Skala findet sich unter den Topfilmen "Hotel Transsilvanien 3", für den gerade einmal 27 Prozent der Tickets für 3D-Vorstellungen verkauft wurden. Und auch für den besucherstärksten Film 2018 ("Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen") wurde weniger als die Hälfte der Tickets in 3D verkauft (obwohl es tatsächlich "phantastisch" war). Könnte man mal drüber nachdenken...

Eine Tatsache, die zu wiederholen langsam müßig wird, weil sie von diversen Medien seit Jahren schlicht ignoriert wird, ist jene, dass der deutsche Saalbestand seit 2014 wächst. Verglichen mit 2013 gab es Ende vergangenen Jahres 239 Säle mehr. Eine Zunahme um 5,2 Prozent mag jetzt kein ausgemachter Boom sein - aber sie gibt definitiv keinen Anlass, um von einem aktuell stattfindenden Kinosterben zu schreiben! Richtig ist, dass 2018 in ganzen 90 Sälen das Licht ausging, was natürlich in jedem einzelnen Fall bedauerlich ist. Auf der anderen Seite wurden aber 136 Säle neu oder wieder eröffnet, was einen positiven Saldo von 46 Leinwänden ergibt. Nahezu exakt so viele Säle (47) kamen übrigens nach dem historischen Rekordjahr 2015 hinzu... Erstmals seit 2012 gab es Ende des vergangenen Jahres zudem wieder mehr als 900 Kinostandorte, genauer gesagt 905. Um sechs auf 1171 gesunken ist indes die Zahl der Kinounternehmen. Und nur um das rein vorsorglich festzustellen: Die Tatsache, dass in einem Krisenjahr wie 2018 die Zahl der Säle stieg, ist natürlich Ausdruck langfristiger Planung. Es ist an dieser Stelle sicherlich ein Blick in die Glaskugel, aber momentan stünde eher zu erwarten, dass das Wachstum spätestens 2020 erst einmal ein Ende haben wird - zumal zu hören ist, dass vereinzelte Häuser schon mehr als einen satten Aufschwung benötigen würde, um nach den Verlusten des Vorjahres die jetzigen zwölf Monate zu überstehen. Selbstverständlich hat das Wachstum des Saalbestandes bei gleichzeitigem Besucherrückgang auch eine Kehrseite: Die Auslastung sank auf den miserablen Wert von 132 Besuchern pro Sitzplatz oder 21.727 Besucher pro Leinwand.

Gegen den schlechten Trend im Gesamtmarkt konnte sich auch der deutsche Film nicht stemmen - was zumindest dann glasklar auf der Hand liegt, wenn man Wetter und Terminierung als Hauptgründe für die schlechte Entwicklung sehen will. Deutsche Koproduktionen (zu denen diesmal allerdings kein US-Blockbuster wie The First Avenger: Civil War" gezählt werden konnte...) verloren rund 3,7 Mio. Besucher oder 13,1 Prozent, ihr Marktanteil sank von 23,9 auf rund 23,5 Prozent - wobei diese Zahlen natürlich auf gewisse Rundungs-bedingte Ungenauigkeiten hinweisen (schließlich könnte der Anteil bei einem Rückgang, der unterhalb jenes des Gesamtmarktes liegt, schlicht nicht sinken). Insofern ist es vermutlich zulässig, zu behaupten, dass der deutsche Film seinen Marktanteil behauptet hat.

Die FFA-Statistik erlaubt übrigens noch ein klein wenig mehr Ursachenforschung: So ist auffällig, wie sehr einzelne große Blockbuster im Rekordjahr 2015 das Bild prägten. Ganze 38,4 Prozent aller Besucher entfielen auf die Top-Ten-Filme. Kein Wunder, zeigt sich im Fünf-Jahres-Vergleich doch, dass nur 2015 Filme mit über sechs Mio. Besuchern anliefen - davon dann aber auch gleich vier. 2018 hingegen wurde nur jedes vierte Ticket für einen der Toptitel gelöst, wobei der Wert 2014 mit 23,6 Prozent sogar noch ein wenig niedriger lag. Multiplexe verloren erwartungsgemäß etwas stärker als der Gesamtmarkt: Ihr Anteil an den Besuchern sank von 44,5 auf 43,8 Prozent, der Umsatzanteil sogar noch etwas stärker - von 47,9 auf 47 Prozent.