Kino

Abschied nach neun Jahren Präsidentschaft

Iris Berben hat sich nach drei Amtszeiten an der Spitze der Deutschen Filmakademie entschieden, bei den Wahlen im Rahmen der Mitgliederversammlung am 10. Februar nicht erneut für das Amt der Präsidentin zu kandidieren. Nach neun aufregenden Jahren blickt sie zurück und ist gespannt, wem sie den Staffelstab übergeben darf.

01.02.2019 12:15 • von Jochen Müller
Iris Berben (Bild: Kurt Krieger)

Lampenfieber. Ein Gefühl, eine Erschütterung, die mich bei jedem meiner öffentlichen Auftritte heimsucht, auch wenn man mir es - wie ich immer wieder höre und nicht recht glauben mag - nicht anmerkt. Lampenfieber in Potenz. Das hatte ich an jenem Februartag des Jahres 2010, als ich realisierte, dass ich im Begriff war, mich auf ein echtes Abenteuer einzulassen. Man und besonders ein Mann - nämlich der unwiderstehliche Günter Rohrbach - hatte mich davon überzeugt, dass es eine gute Idee sei, mich im Gespann mit dem ganz ganz großen Kollegen Bruno Ganz an die Spitze der Deutschen Filmakademie, die damals gerade ins schulpflichtige Alter gekommen war, zu wählen.

Die Akademie war aber selbst auch noch ein Abenteuer.

Ich hatte also Herzklopfen. Und das ist geblieben. Damals schlug das Herz vor Aufregung und Nervosität. Heute schlägt es immer noch. Immer noch so laut. Und immer noch so heftig. Es schlägt für die Deutsche Filmakademie. Und damit auch für so etwas Undefinierbares, so etwas Unberechenbares, so etwas Beklopptes und manchmal auch Hinreißendes wie den deutschen Film.

Den habe ich - wie die meisten Mitglieder - nämlich erst durch die Akademie wirklich kennengelernt. Ich gehörte zum deutschen Film, weil ich in deutschen Filmen mitgespielt habe, und zwar in sehr unterschiedlichen. Aber durch die Arbeit mit der Deutschen Filmakademie gehört der deutsche Film nun auch zu mir.

Neun Jahre sind es geworden. Drei komplette Amtsperioden. Zwei Wiederwahlen, was auch keine Selbstverständlichkeit ist. Und eine schmerzliche, aber faire Trennung. Bruno Ganz, den an der Seite zu haben mir Selbstvertrauen und Kraft gab, konnte aus der Bürde, die mit einem solchen Amt natürlich auch verbunden ist, keine Energie schlagen. Deshalb zog er klar und deutlich die Konsequenz. Dafür habe ich ihn noch mehr bewundert.

Und ich hatte den Salat. Aber der schmeckte mir von Tag zu Tag besser, und ich bekam in der Zusammenarbeit mit einer Geschäftsführung, die wirklich doppelt spitze war und einem diskussionsfreudigen Vorstand, dessen Vorsitzender sein Ehrenamt geradezu vorbildlich ernst nahm (mit viel Spaß übrigens) Lust auf mehr.

Die Deutsche Filmakademie hat sich in diesen Jahren zu einer Institution gemausert, die heute aus der deutschen Kultur und Gesellschaft nicht mehr wegzudenken ist. Der private und eingetragene Verein, der seit seiner Gründung im Herbst 2003 für viele nur der Laden war, der zur Vergabe von staatlichen Fördermitteln in Form einer Metall-Skulptur namens LOLA alljährlich umstrittene Entscheidungen trifft, ist etwas ganz anderes.

Und sie ist auf dem Laufenden. Denn wenn die Branche die Chance hat, die Branche wirklich wahrzunehmen, weil sie ihre Leistungen belohnen darf, muss sie diese dafür auch zur Kenntnis nehmen.

Die Deutsche Filmakademie ist zu einem Ort geworden, der einem guten Kinofilm ähnelt. Spannend und emotional. Überraschend und dramatisch. Es wird geredet und nachgedacht. Manchmal sogar in der richtigen Reihenfolge. Es gibt Liebeserklärungen und Kampfansagen. Es gibt Helden, Superhelden und Antihelden. Vor allem passiert sehr viel.

Ich durfte zum Beispiel die erste Einladung für das Erfolgsformat MEIN FILM aussprechen. Peer Steinbrück präsentierte kenntnisreich den Vietnam-Kriegs-Klassiker "The Deer Hunter" von Michael Cimino, woraufhin sich die Bundeskanzlerin nicht lumpen ließ und anlässlich ihrer Präsentation der Legende von Paul und Paula" bekannte, dass sie bei Studentenpartys immer die Bar geschmissen hat. Spannende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und der Kultur sprechen über die Bedeutung, die Kinofilme für sie persönlich haben. Diese Veranstaltungsreihe, die von Anfang an von der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" und ihren Feuilleton-Chef Claudius Seidl unterstützt wird, ist zu einem meiner Lieblingsprojekte geworden. Kein Wunder bei Gästen wie Igor Levit, Paul Breitner, Judith Holofernes, Jean Paul Gaultier, Navid Kermani oder Carolin Emcke.

%Hark Bohms% Werkstattgespräche mit Filmgrößen aller Generationen wie Michael Ballhaus, Volker Schlöndorff, Reinhard Hauff, Stefan Arndt, Günter Rohrbach, Daniel Brühl, Ron Howard, Til Schweiger, Christian Petzold, Anika Decker, Doris Dörrie oder Gernot Roll bieten Raum für Erfahrungsaustausch und Erkenntnisgewinn.

Es gibt aufregende und notwendige Projekte, die in die Zukunft unserer Branche und unserer Gesellschaft gerichtet sind - wie die Ausrichtung des bedeutenden Nachwuchspreises FIRST STEPS, was durch die Einführung von Juniormitgliedschaften ganz nebenbei auch zur Verjüngung der Filmakademie beigetragen hat. Dazu gehört auch das Projekt KLASSIKER SEHEN - FILME VERSTEHEN, ein Programm zur schulischen Vermittlung von Filmgeschichte, das die Akademie in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung bundesweit betreibt.

Ich schwärme allerdings gerade regelrecht für das junge und quicklebendige Programm MIX IT!, in dem Jugendliche mit und ohne Fluchtgeschichte nicht nur miteinander kommunizieren, sondern auch Filme drehen. Es leistet mittlerweile einen enormen Beitrag zur Integration und Verständigung. Mit den Mitteln des Films.

Die Filmakademie ist längst im politischen Leben unseres Landes angekommen. Das ist eine Entwicklung, an der ich natürlich ausgesprochen gerne teilhabe, weil ich in meinem Leben noch nie Kunst und Politik, Schauspielerei und gesellschaftliches Engagement getrennt habe.

Ich saß auch - das ist jetzt schon ein bisschen länger her - als erste Schauspielerin überhaupt in der Vergabekommission der Filmförderungsanstalt. Deshalb war es selbstverständlich, dass ich gemeinsam mit der Filmakademie in die Bresche sprang, als vor mehr als fünf Jahren die Verfassungsmäßigkeit der Filmförderung des Bundes zur Disposition gestellt und höchstrichterlich in Karlsruhe verhandelt werden sollte. Ich erinnere mich an das Lampenfieber, das ich hatte, als ich in einer Rede im Rahmen der Filmkunstmesse Leipzig eben jene Verfassungsmäßigkeit beschwören durfte. Und wie erleichtert ich war, als ich ein knappes halbes Jahr später zusammen mit anderen Vertretern der deutschen Filmbranche im Sitzungssaal des Verfassungsgerichts den Richterspruch hörte und ein Begründung, die meine oben genannten Beschwörungen noch übertraf.

Auf der Berlinale "nach dem Urteil" hat die Deutsche Filmakademie eine Diskussionsrunde gleichen Titels veranstaltet. Ich hielt damals die einführende Keynote und erlebe bei der aktuellen Lektüre derselben ein Deja vu. Wir haben damals über die Zukunft der Filmförderung und damit natürlich vor allem über die Zukunft unserer Branche gesprochen. Diese Zukunft ist mittlerweile Vergangenheit und Gegenwart. Und sie scheint doch wieder genauso vor uns zu liegen. Wir müssen das, was wir wollen und was wir können, offenbar noch deutlicher machen. Dafür zitiere ich mich einfach selber und verändere nur zwei Jahreszahlen: "Nun aber schauen wir nach vorne. Wir könnten es uns dabei leichter machen, als wir es selber erwartet haben - und alles lassen wie es ist. Doch diese Leichtigkeit wäre ebenso unerträglich wie unverantwortlich. Sehen wir das Urteil lieber als Chance. Wir haben freie Bahn. Wir müssen uns, wenn wir über Möglichkeiten der Reformen nachdenken, nicht ständig vergewissern, ob wir dabei auf dem Boden des Grundgesetzes stehen. Wir können einfach davon ausgehen.

Wenn im Sommer 2020 die nächste und vielleicht wichtigste Novelle des FFG den Bundestag passieren soll, um im Januar 2021 in Kraft zu treten, bleibt uns ein Jahr, unsere Köpfe zusammenzustecken und im Verbund, Gespräch und Streit mit der Politik die Herausforderungen der Zukunft für die Rahmenbedingungen unserer Arbeit zu erkennen, zu benennen und zu meistern.

Wir, das sind alle, die für den Kinofilm, mit dem Kinofilm und durch den Kinofilm leben und arbeiten. Die Kreativen und diejenigen, die durch die Arbeit der Kreativen in die Lage versetzt und in die Pflicht genommen werden, Abgaben zu leisten, damit es weiter gehen kann. Wir alle sind - bei aller Unterschiedlichkeit - vom höchsten Gericht zu einer homogenen Gruppe erklärt worden. Nicht, weil wir immer einer Meinung sind oder sein sollen, aber weil wir zweifelsfrei ein gemeinsames Ziel haben - den deutschen Film als kulturellen und wirtschaftlichen Wert."

Spätestens seit dem vergangenen Jahr wissen wir, dass wir diese Homogenität annehmen, pflegen und nutzen müssen. Wir müssen miteinander reden, wir müssen uns gegenseitig gut zuhören. Und wir müssen als Chance begreifen, was sich als Gefahr ausgibt! Ich mache auch nach meiner Amtszeit gerne mit.

Übrigens ziehe ich mich gerne auch mal schick an und lobe Kolleginnen und Kollegen. Dabei lasse ich es mir mitunter auch nicht nehmen, mich von jungen und begabten Vertretern auf offener Bühne zum Tanz bitten zu lassen.

Aber das ist eine andere Geschichte.