Produktion

Weydemann Bros. machen "Arthousekino im besten Sinne"

Weydemann Bros. feiert mit Nora Fingscheidts "Systemsprenger" am 8. Februar Premiere im Wettbewerb der Berlinale. Die 2012 gegründete Firma ist in diesem Kinojahr auch mit "Der Geburtstag", "Prélude" und "Zu weit weg" präsent.

05.02.2019 16:15 • von Heike Angermaier
Weydemann Bros sind (v.l.) Jakob D. Weydemann, Jonas Weydemann, Milena Klemke und Yvonne Wellie (Bild: Peter Hartwig)

Weydemann Brosfeiert mit Nora Fingscheidts Systemsprenger" am 8. Februar Premiere im Wettbewerb der Berlinale. Die 2012 gegründete Firma ist in diesem Kinojahr auch mit Der Geburtstag", Prélude" und Zu weit weg" präsent.

"Wir wollen gesellschaftlich relevante Themen erzählen, die wir in mitreißende Filme verpacken, um damit viele Zuschauer zu erreichen. Unser Anspruch ist es, Arthouse- bzw. Independentkino im besten Sinne zu machen" sagt Jakob Weydemann zur Ausrichtung von Weydemann Bros.. "Systemsprenger" ist ihr erster Beitrag im Wettbewerb der Berlinale und ein Höhepunkt in der Geschichte der 2012 von Jakob und Jonas Weydemann mit Unterstützung eines Stipendiums des Mediengründerzentrums NRW in Köln gegründeten Firma. Angefangen zusammen Filme zu machen haben die beiden bereits vor zehn Jahren während ihres Studiums. 2015 stieß Yvonne Wellie als weitere Produzentin zu den Weydemann-Brüdern und seit 2017 vervollständigt Milena Klemke das Produzenten-Team. Weydemann Bros., die vornehmlich erste, zweite, inzwischen auch dritte Filme herstellen, waren mit Damian John Harpers in Mexiko gedrehtem Debütdrama Los Ángeles" 2014 bereits im Forum der Berlinale vertreten. "Los Ángeles" wurde mit zahlreichen Preisen bedacht, unter anderem mit dem First Steps Award. "Ein weiterer roter Faden für unser Schaffen ist, dass wir gemeinsam mit jungen Kreativen Projekte entwickeln und gemeinsam mit ihnen wachsen wollen. Das betrifft nicht nur die Regisseurinnen und Regisseure, mit denen wir arbeiten, sondern auch viele weitere Teammitglieder wie z.B. Autorinnen, Kameramänner, Editorinnen oder Tongestalter" führt Jonas Weydemann weiter aus.

Schon Nora Fingscheidts Drehbuch zu "Systemsprenger" um eine Neunjährige, die das System des Jugendamts sprengt, weil sie zu ihrer leiblichen Mutter will, wurde mehrfach ausgezeichnet. Es erhielt den Emder Drehbuchpreis, den Thomas Strittmatter Preis und den neuen Berlinale Kompagnon Förderpreis. Außerdem wurde das Langspielfilmdebüt im vergangenen Dezember beim Work-in-Progress des Filmfestivals in Les Arcs ausgezeichnet, wo es auf großes Interesse von Weltvertrieben stieß. Auch von Beta Cinema, die das Drama nun beim EFM anbietet. Jakob Weydemann kennt Fingscheidt bereits aus der filmArche, der selbstorganisierten Filmschule in Berlin, in der sie vor ihrem Studium an der Filmakademie Ludwigsburg sehr aktiv war. Später zeigte sie ihre Kurzfilme beim von Jonas Weydemann organisierten Wendland Shorts Kurzfilmfestival. "Systemsprenger" entwickelte sie zuerst mit Peter Hartwig und seiner Kineo Filmproduktion. Er hatte mit ihr bereits bei ihrem Abschlussfilm und First Steps Award Gewinner, dem Dokumentarfilm Ohne diese Welt", zusammengearbeitet. Hartwig war aber bei Andreas Dresens Gundermann" zum gleichen Produktionszeitraum eingebunden und so kam Weydemann Bros. als Produktionspartner an Bord, die den mit 67 Tagen ungewöhnlich langen und auf Ende 2017 und Anfang 2018 gesplitteten Dreh auch durchführten - in Zusammenarbeit mit Frauke Kolbmüller und ihrer in Hamburg angesiedelten Oma Inge Film. Gedreht wurde in Hamburg und in Niedersachsen, u.a. in der Lüneburger Heide, und in Berlin. Die lange Drehzeit war zum einen der Arbeitszeitbegrenzung für die junge Hauptdarstellerin Helena Zengel geschuldet, zum anderen dem Konzept, "mit kleinem Team zu drehen und sich die Zeit zu nehmen, sich auf die Schauspielarbeit zu konzentrieren" so Jonas Weydemann.

Neben der jungen Helena Zengel, die tatsächlich bereits seit 2013 vor der Kamera steht, agierte Gabriela Maria Schmeide als Jugendamt-Mitarbeiterin und Albrecht Schuch als Anti-Gewalt-Trainer sowie Lisa Hagmeister als leibliche Mutter von Systemsprengerin Benni in weiteren Hauptrollen. Maryam Zaree, Victoria Trauttmansdorff, Tedros Teclebrhan und Melanie Straub gehören ebenfalls zum Ensemble. Yunus Roy Imer, der bereits mit Fingscheidt zusammenarbeitete, führte die Kamera, häufig aus der Hand. Auf aufwändige Beleuchtung wurde verzichtet. Mit der langen Drehzeit gab es sehr viel Material, das bis kurz vor der Premiere geschnitten und bearbeitet wurde. BKM, FFHSH, Medienboard, Nordmedia, Kuratorium junger deutscher Film und DFFF unterstützten "Systemsprenger" in der Produktion, der insgesamt mit knapp 1,5 Mio. Euro am oberen Ende der Skala für ein Debüt budgetiert ist und von Port au Prince Pictures bundesweit in die deutschen Kinos gebracht werden wird. Der Indieverleih stieg bereits auf Drehbuchbasis ein.

"Nicht viele Verleiher gehen das Risiko ein, bei einem Debütfilm so früh bzw. überhaupt einzusteigen", sagt Milena Klemke. Weydemann Bros. macht aber immer wieder gute Erfahrungen mit mutigen Verleihern. So wurde vor wenigen Wochen der zweite Film des aus Uruguay stammenden Regisseurs Carlos A, "Der Geburtstag", im Wettbewerb des Max-Ophüls-Preis präsentiert, den W-Film Ende des Jahres in die Kinos bringen wird. Das Familiendrama in Schwarz-Weiß mit Mark Waschke als Mann, der das Vatersein lernen muss, wurde in Halle an der Saale gedreht. Und mehrere Weydemann-Projekte wurden bereits mit Farbfilm Verleih realisiert, der etwa als Partner für Damian John Harpers Filme fungierte, so auch für dessen zweiten Film In the Middle of the River", einem harten Drama über einen traumatisierten US-Kriegsveteran, das im vergangenen Juli in München mit dem Förderpreis Neues Deutsches Kino prämiert wurde. Sowie bei Jakob Preuss' in Shanghai ausgezeichnetem Dokumentarfilm Als Paul über das Meer kam" über die Odyssee eines Flüchtlings von Kamerun bis nach Deutschland, der aktuell für den Grimme-Preis nominiert ist.

Und auch beim in Fertigstellung befindlichen Debüt "Zu weit weg" der KHM-Köln-Absolventin Sarah Winkenstette ist Farbfilm bereits von Beginn an Bord. Der Kinderfilm aus der Feder von Susanne Finken erzählt von dem elf jährigen Flüchtlingsjungen Tariq aus Syrien, gespielt von Flüchtlingskind Sobhi Awad, und Ben, besetzt mit Yoran Leicher, einem deutschen Jungen, der sein Dorf wegen eines Braunkohletagebaus verlassen muss. An ihrer neuen Schule und im Fußballverein werden aus den beiden Außenseitern Freunde. Der Film wurde im Spätsommer in NRW gedreht - direkt neben dem Hambacher Forst während dort zeitgleich Demonstrationen stattfanden. "Dass wir mit einem Spielfilm, der seit 2015 in der Entwicklung ist, so nah an einem die Menschen aktuell bewegenden Thema sind, hat uns beim Dreh zusätzlich angespornt" erzählt Yvonne Wellie. Koproduktionspartner sind Orange Roughy Filmproduktion, Rotor Film und NDR, den Weltvertrieb hat Studio Hamburg Enterprises übernommen. Geplant ist "Zu weit weg" zuerst auf einem der kommenden Kinderfilmfestivals zu zeigen, um an die Kurzfilmpräsentationen der Regisseurin anzuknüpfen. Sarah Winkenstette gewann etwa mit ihrem Kinderkurzfilm Gekidnapped" beim renommierten Kinderfilmfestival Giffoni.

Für einen Festivalstart in diesem Jahr geplant ist das psychologische Drama mit Thriller-Elementen "Prélude", mit dem KHM-Köln-Absolventin Sabrina Sarabi ihr Langfilmdebüt gibt. Louis Hofmann spielt darin einen jungen, ehrgeizigen Klavierstudenten, der mit dem großen Druck nicht fertig wird. Zur hochkarätigen, jungen Besetzung gehören auch Liv Lisa Fries als die große Liebe der Hauptfigur, Johannes Nussbaum und Saskia Rosendahl. WDR und SWR sind Senderpartner. Noch in diesem Jahr gedreht werden soll das Debüt von Sarah Blaßkiewitz, "Schoko", über zwei afrodeutsche Halbschwestern, die sich nach dem Tod des Vaters näher kommen. ZDF - Das kleine Fernsehspiel ist dafür bereits an Bord.

Mit dem aus den USA stammenden, in Deutschland lebenden Damian John Harper plant Weydemann Bros. den dritten gemeinsamen Film. Es wird sein erster Film, der in Deutschland und in deutscher Sprache gedreht wird. Harper bearbeitet den prämierten Roman "Frisch" des schottischen Autors Mark McNay. Es soll das bis dato größte Projekt der Firma werden. Auch mit der Regisseurin Ana-Felicia Scutelnicu wird die dritte Zusammenarbeit vorbereitet. Das Projekt "Transit Times" wird gemeinsam mitCristian Mungius Mobra Film aus Rumänien realisiert. Mit dem Stoff über die wilden, unsicheren Neunzigerjahre in Moldawien, ist Scutelnicu in diesem Jahr bei der Script Station der Berlinale Talents vertreten, an der Fingscheidt bereits mit "Systemsprenger" 2017 teilnahm. Mit Ana-Felicia Scutelnicus Abschluss an der DFFB, einem mit nicht professionellen Schauspielern und ohne festes Drehbuch in Moldawien realisierten Coming-of-Age-Drama über erste Liebe, "Anisoara", feierte Weydemann Bros. 2016 in München und San Sebastian Premiere. Mit Sabrina Sarabi entwickelt die Produktionsfirma die zweite Zusammenarbeit nach dem mit dem Friedrich-Hölderlin-Preis ausgezeichneten Debütroman "Niemand ist bei den Kälbern" von Alina Herbing über ein junge Frau, die aus der mecklenburgischen Provinz in die Stadt will.

Auch eine erste Serie befindet sich in der Entwicklung und nach dem NDR-Nordlichter-Projekt aus dem Jahr 2015 Vorstadtrocker" sind zwei weitere TV-Movies in der Pipeline. Ein größeres Kinopublikum wird mit der Verfilmung von Tilman Rammstedts schräger Komödie "Morgen mehr" anvisiert, für das Weydemann Bros. die Rechte optionierte. Rammstedt schreibt auch das Drehbuch. "Als Produzent will und muss ich Projekte selbst initiieren, in Buchrechte und Entwicklung investieren. Dafür gilt es über laufende Produktionen, Festivalauszeichnungen und Auslandsverkäufe ein Polster zu schaffen", so Jakob Weydemann, der die in Köln, Berlin und Hamburg angesiedelte Firma mit inzwischen vier Produzenten und Produzentinnen gut aufgestellt sieht. Alle vier sind bei allen Projekten gemeinsam involviert, in der inhaltlichen Entwicklung wie bei der Finanzierung und Umsetzung: "Wir machen eigentlich alle alles, nur eben zu unterschiedlichen Phasen der Projekte. So können wir uns gegenseitig Feedback geben", so Yvonne Wellie zur Arbeitsverteilung. "Ich finde es sehr schön, weil man die Projekte bis zum Schluss begleitet, auch wenn man mal mehr und mal weniger tief involviert ist", so Milena Klemke.